Monatsarchiv: November 2009

Hoch lebe der Vorgang

Finanzamt Pankow Weißensee. Klärung einer mutmaßlich unberechtigten Forderung. Die Pförtnerin schickt mich ins Zimmer 12a. Da ist aber niemand. Vermute ich zumindest. Denn die Bürotüren scheinen so dick zu sein, dass man entweder drin das Klopfen nicht hört, oder man versteht draußen das “Herein” nicht. Ich klopfe etwas lauter. Eine Nachbartür geht auf, eine 150-Kilo-Beamtin schaut entsetzt in meine Richtung. Sie müssen hier aber nicht gleich randalieren. Worum gehts denn? Ach dit? Tja, da müsse ich wohl in den vierten Stock, ins Zimmer 4064, immer rechts halten.

Im Aufzug weitere zwei Beamtinnen, gleiches Gewicht wie die Dame eben. In den Armen halten beide zenterweise Aktenordner. “Vorgang XIII/23/2006″ kann ich auf einem erkennen. Meine Hoffnungen auf schnelle Klärung meiner Angelegenheit schwinden. Denn da wartet wohl jemand seit 2006 auf eine Klärung. Vierter Stock, Zimmer 4064. Im Büro ein Beamter, der wohl noch etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt als seine Kolleginnen. Ist ja auch kein Wunder, wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt. Die armen Menschen.

Doch auch dort bin ich falsch. Nachdem, mit gutem Zureden, der Rechner endlich angegangen ist (wieso war der eigentlich aus?), und der Herr meine Daten beim dritten Mal richtig eingetippt hat, sagt er mir, dass ich damit zu seiner Kollegin müsste. Aber er wisse nicht, ob sie denn noch da wäre. Zimmer 3086, dritter Stock. Okay, denke ich, das wird heute nichts mehr. Ist ja auch Freitag. Was habe ich mir dabei nur gedacht?

Auf dem Weg begegnen mir zwei schlanke Beamte. Was machen die denn hier? Ach so, sie verteilen Aktenornder mit Vorgängen im ganzen Haus. Die laufende Hauspost sozusagen. Manchmal auch über die Treppe. Da bleibt wenig Zeit zum Dickwerden. Im dritten Stock erfahre ich, nachdem wieder zuerst der Rechner hochgefahren werden musste, dass ich ins Zimmer 12a muss, Erdgeschoss. Aber da komme ich doch her! Ach so, der hat sie geschickt? Zu mir? Nein, nicht zu Ihnen. Zuerst in den vierten Stock. Ach so, nee, dit is falsch.

Nach drei weiteren Büros, in drei verschiedenen Etagen, ist aber endlich klar – die Forderung ist unberechtigt. Ich könne nun schriftlich dagegen vorgehen. Schriftlich? Wozu bin ich denn hergekommen? Naja, wissen se, dit ist n Vorgang. Und der Vorgang kann nich einfach so jelöscht werden. Der muss abjearbeitet werden. Vastehnse? Ja, ja, ich verstehe. Erst jüngst erzählte mir meine Steuerberaterin den ersten und wichtigsten Grundsatz bei den Ämtern: Hoch lebe der Vorgang.

Montags oder “Wenn das dor Orweidsschudsobmann sieht”

Montags war es immer besonders schlimm. Kurz nach fünf schon klingelte der Wecker. 5.26 Uhr fuhr die letzte Bahn, um pünktlich auf Arbeit zu sein. Linie 9, von der Dölauer Heide bis nach Büschdorf. Meine Station war Gimritzer Damm. Der Übergang von Halle zu Neustadt. Kurz vor der Kurve, wo die Tatra-Bahnen laut quietschend in Richtung Halle abbogen. Rechts die Pferderennbahn, links die Peißnitz. Das Centrum Warenhaus. Mit der Kantine, wo es die leckeren Gehacktesbrötchen gab. Und zwischen Oktober und März das dunkle Bockbier. Einen halben Liter für eine Mark zwölf.

Weiter durch die Mansfelder Straße. Hinein ins Grau der Stadt. Wo im Winter der Braunkohle-Rauch bis in die Bahn vordrang. Am Markt vorbei, Große Steinstraße, Ernst-Thälmann-Platz, Delitzscher Straße. Haltestelle Grenzstraße, die letzte vor der Endhaltestelle. Wenn ich Glück hatte, wurde ich wach. Manches mal bin schlafend durchgefahren. Bis Büschdorf und wieder zurück bis in die Stadt.  Dann kam ich zu spät. An die alte Sägemaschine. Wo mit der Uhr in der Hand schon mein Meister stand. “So wird aus dir nie ein gutes Glied in unserem Kollektiv.” Wollte ich sowieso nie.

Rein in die Waschkaue. In die Arbeitsklamotten. Blaue Latzhose, blaue Jacke, gelber Arbeitsschutzhelm. Uhren und Schmuck ablegen. Aufträge abholen. 200 Winkeleisen sägen. 30er, 280 lang. Versteifungen für Strommasten der Reichsbahn. Winkelprofil einspannen, 280 Millimeter einstellen, sägen. Winkelprofil weiterschieben, bei 280 Millimeter absägen. Winkelprofil einspanne, bei 280 Millimeter, Mist, ist nur noch 240 lang, ab in die Schrottkiste. Nächstes Winkelprofil einspannen…

10 Uhr. Pause. Schnell in die Kantine. Nur die ersten kriegen belegte Brötchen. Der Rest muss Butterbrot kauen. Ich esse wie immer. Eierbrötchen, Bockwurst, Kaffee, Zigarette. Denn mein Frühstück ist Mittag. Es gibt nur diese eine Pause. In der Frühschicht im Drei-Schichtsystem. 6 bis 14, 14 bis 22, 22 bis 6 Uhr, Früh-, Spät- und Nachtschicht. Im wöchentlichen Wechsel. 10.20 Uhr, Pause vorbei. Zurück an die alte Sägemaschine. Die Palette mit den Winkeln steht nicht mehr dort, wo sie vor der Pause noch stand. Dafür steht dort der Abteilungsleiter.

“Mensch Junge, die Baledde gannste doch nich im Weje rumstehn lassen. Wenn das dor Orweidsschudsobmann sieht, kriste richtich Ärjer, Mensch Junge. Nu gugge nich so bleede. De Baledde findsde hingene, nimm dor n Gran un holse dir ran. Owwer nich hier hin, Mensch Junge. Hier muss frei bleim. Hier is Fluchdwech, Mensch Junge.”  Kran? Ich und Kran? Bin doch Lehrling, darf das Teil doch gar nicht allein bedienen! “Mensch Junge, siehsde hier irjendwo n Orweidsschudsobmann? Nich? Also, mach dasde voranne gommst und hol die Baledde vor. Mach hinne, Mensch Junge. Du weesd ja, dor Blan.”

14 Uhr, Feierabend. Es gab Geld. Lehrlingsentgelt. 108 Mark. Ab in den “Starken Arm”. Die Kneipe gleich neben dem VEB Metalleichtbaukombinat Werk Halle, Betreibsteil III, Tor zwei. Die Kneipe, aus der die Lehrlinge in der Spätschicht das Bier holen müssen. Für den Brigadier, für den Polier und den Meister. Flaschenbier. Ein Glas im “Starken Arm” kostet 40 Pfennige, ein Viertelliter. Aus zwei werden acht. Und der Montag ist rum. Wir auch. Hoffentlich ist bald Freitag.

 

Pankow unter Wasser

Es gibt gute und schlechte, große und kleine, sensationelle und weniger interessante, durchschlagende und in Vergessenheit geratene, nützliche und unnütze Erfindungen. Und es gibt jene, die man selbst für die größten aller Zeiten hält. Nicht ganz so groß, aber dennoch sehr interesant, nützlich und ein klein wenig sensationell ist für mich zumindest die Erfindung des wasserdichten Ipod Shuffles. Also des “Koffers”, der den MP3-Player wasserdicht umschließt. Zusammen natürlich mit den wasserdichten Ohrhörern. Wer, wie ich, gern schwimmt, und dies auch oft tut, der wird mich verstehen. Und auch, warum ich mir dieses Teil gekauft habe.

Denn das Einzige, was neben quer schwimmenden und im Weg stehenden Senioren in der Schwimmhalle noch stört, sind die Hallenbad-Geräusche. Die sich durch den Hall in der Halle verstärken und von überall her auf einen einstürzen. Dies ist nun Geschichte für mich. Ich höre jetzt meine Lieblings-Mucke. Über und unter Wasser. Ein kurzer Griff und der Player ist samt Hülle an der Schwimmbrille befestigt. Die wasserdichten Hörer eingestöpselt und los geht. Schwimmen und Tauchen mit Mucke.

Das Teil bleibt immerhin bis 3 Meter Tiefe dicht. Und spielt Musik. Was für ein Gefühl, wenn man zum ersten Mal unter Wasser “Stille” von “Pankow” hört. Oder Justin Sullivans “Ocean Rising”. Oder wenn das Klavier von Diana Kralls “Narrow Daylight” erklingt.

Da kann man schon einmal vergessen, dass man eigentlich zum Schwimmen hier ist. Beim ersten Test war es denn auch so. Irgendwann stellte ich verwundert fest, dass ich meine geplante Strecke von 1250 Metern weit überschritten hatte. Denn statt der geplanten 40 war ich bereits 60 Minuten im Wasser. Bahn für Bahn, Titel für Titel. Oder wohl eher umgedreht. Musik hören und nebenbei Schwimmen. Dit is schau. Und erinnert mich außerdem an unseren schönen Urlaub dieses Jahr. Denn erworben habe ich das Teil, nach vergeblichen Mühen in Deutschland, in Miami Beach.

Shuffle einstöpseln, Case schließen, an der Schwimmbrille festmachen, loslegen

Goodbye Florida Keys

pelikan02Wir werden sie vermissen, die Pelikane, die Kraniche. Und die Keys sowieso.

New York +++ Miami +++ Berlin

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Blick vom Empire State Building kurz nach Sonnenuntergang

Es ist etwas kühler heute auf Key Largo, unser Urlaub geht morgen zu Ende. Gerade musste ich an eine Begebenheit denken, an damals. Als ich mit Freunden in Rumänien war. Wir trafen dort zwei Paare aus Westfalen. Beim gemeinsamen Abendbrot auf dem Zeltplatz erzählten sie uns von ihren Reisen. Nach New York, nach Miami, nach Key West. Ein Traum damals für uns, unerreichbar. Jetzt, 20 Jahre nach dem 9. November 1989, haben wir es nun auch geschafft. Sogar auf einer Reise. New York, Miami, Key West, Miami Beach, Okeechobee, Indialantic. Im Kennedy Space Center haben wir einen Simultanstart mit einer Rakete gemacht. Genial. In Okeechobee trafen wir Einheimische, unser bester Abend. Wir waren tauchen, schnorcheln, sind mit dem Airboot gefahren, haben Alligatoren in den Everglades gesehen. Und saßen jeden Abend auf unserer Terrasse mit Blick auf die Florida Bay. Phantastisch. Morgen geht´s nach Berlin. Auch schön, wieder in der Heimat bei der Familie und den Freunden zu sein.

miamibeach002Sonnenbaden am Strand von Miami Beach

 

Ein Becher Ultra in Okeechobee (für 75 Cent)

Es war ein Pub zuerst gar nicht nach unserem Geschmack. Amerikanisches Bier, sprich ein Wasser ähnliches Getränkt aus Plastebechern. Immerhin, lediglich 75 Cent, also nach Tageskurs etwa ein halber Euro, wollte die junge Dame hinterm Tresen dafür haben. Gar nicht so schlecht also der Preis. Im Gegensatz zum Biergeschmack. Aber unsere Frauen freuten sich. Ein Becher Wodka Cola für einen Dollar. Ein Pub in Okeechobee. Seit dieser Nacht unserer Kult-Ort in Florida. Typen wie aus dem Film, Rednecks und Cowboys, alte Indianer und junge Dunkelhäutige. Hinterm Keyboard Eliot, am Mikrofon später dann auch wir. Hotel California und Sweet Home Alabama. Ein Abend wie Amerika. Nach dem dritten Wasser, äh Bier schwenkten wir dann doch auf Flaschen um. Aber auch da gibt es immer wieder geschmacksneutrale Überraschungen.  Michelob Ultra zum Beispiel. Geht gar nicht. Davor will ich an dieser Stelle warnen. Ganz abgesehen von solch tollen Sorten wie Bud Light, Coors Light, Miller Light…

Und auf die Verschlüsse sollte man achten. Manche Kronkorken lassen sich mit einer leichten Drehung öffnen, für andere braucht man einen Öffner. Paul, einer der Gäste in Okeechobees preiswertester Bar erzählte mir “Rule One”: Only bad Beers are good to open, good  beers are hard to open. Also Finger weg von den Schraubverschlüssen. Zu den guten Bieren, die wir entdeckt haben, gehören Sorten wie Michelob Amber Bock, Samual Adams Lager, Steel Reserve (mit 8,1 Alkohol-Prozent für die Hardcore-Trinker), Modelo Negro,  Key West, Yuengling (1829 gegründet vom Deutschen David G. Jüngling) oder auch Hurricane High Gravity (wenn Steel Reserve mal alle ist).

Als Orangensaftkonzentrat erweist sich dagegen das beste Hefeweizen der Staaten. Shock Top hat immerhin schon Medaillen gewonnen. In der Kategorie “Hefeweizen belgischer Art”. Nur mit Weizen hat´s wenig zu tun. Immerhin, die Zeiten, wo man hier Bud oder Miller trinken musste, sind vorbei. In Liquor Stores und Supermärkten wird man in den Kühlregalen fündig. Und in New York gibt es Radeberger vom Hahn.

radeberger01

Verbrannt im Abgang

baysidegrille01Nicht immer erlebt man auf den Florida Keys die perfekten Sonnenuntergänge. Unser heute war trotz Wolken schön. Wir saßen bei Burgern, Mahi-Mahi, Meeresfrüchteplatten, Thunfischsteak, Cola, Bier und Wein im Bayside Grille von Key Largo. Ein paar Wolken schoben sich dabei zwischen die Sonne und uns. Nicht wirklich schlimm, wie das Foto zeigt. Auch die Rechnung hielt sich in Grenzen. Denn heute war Ladies Night im Grille, also zehn Prozent Nachlass auf die Getränke. Anschließend ging es dann aber noch in den Liquor Store, Bier und Whiskey (Old Grand Dad) sowie einheimische Florida-Biere zu kaufen. Darunter auch ein Sixpack Turbodog Abita Beer. Etwas verbrannt im Abgang, sagt Fred.

New York Photo Art

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Auch misslungene Fotos können faszinierend sein. Wie eines aus Midtown Manhattan zeigt.

Mondaufgang über Miami Beach

Die Nachricht kam beim Frühstück auf unserer Terrasse in Key Largo. Schnee in Berlin. Kaum zu glauben. Hier ist es zum ersten Mal etwas wolkig. Stört uns aber nicht. Nach knapp zwei Wochen Sonne mit über 30 Grad genießen wir den Schatten. Nach unserem Sonnen- und Atlantikbad in Miami Beach gab es übrigens am Montag noch einem wunderschönen Mondaufgang über dem Meer. Gestern noch einmal in den Everglades gewesen. Eine Bootstour in die Coot Bay. Heute geht´s südlich in Richtung der Keys. Islamorada. Dort wollen wir nach einem Fishing Boat gucken. Denn morgen wollen wir den großen Fang machen.

miamibeach001Mondaufgang über Miami Beach

Riesenbrüste in Miami Beach

mbeach001Ein Tag in Miami Beach. Heiß. 34 Grad. Menschenleere Straßen. Eiskalte Geschäfte. Teures Eis. Banana Split Dassler. Lincoln Road. Art Deco. Gaaanz breiter Strand. Warmes, klares Wasser. Kreuzfahrtschiffe und Speedboote. Jet Skis. Ocean Rescue. Baden und sonnen. Wieder baden, wieder sonnen. Kiffende Poser. Abends Shoppen. Und essen. Beim Italiener. Lecker. Und Schaufensterpuppen. Mit Riesenbrüsten…

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See you later Alligator

CIMG5965Am Anfang war der Unglaube. Werden wir wirklich Alligatoren in den Everglades sehen? Wohl eher nicht. Alles nur Werbung für Florida. Aber wir wurden eines Besseren belehrt. Und mit phantastischen Fotos belohnt. Nach der Einführung durch Park Ranger Frank (gedient in Spandau) hatten wir das Glück, die Tiere in freier Natur zu beobachten. Hier eines der größeren Exemplare – etwa 3 Meter lang. Später gab´s dann noch mehr, auch ganz kleine Alligatoren. Wir mussten also nicht das Bild im Visitor Center abfotografieren. Ein schöner Tag. Zum Abschluss noch eine rasante Fahrt mit dem Airboat. Und wieder war es heiß, weit über 30 Grad den ganzen Tag. Da schmeckt das Bier am Abend auf unserer Terrasse besonders gut.