Archiv der Kategorie: Halle Neustadt

Kein Witz

Es war einer meiner Lieblingswitze. Damals. Vor 1989. Oft erzählt im Sargdeckel. Oder im Zentral. Im Turm oder im Starken Arm. Gelacht wurde viel. Manchem blieb das Lachen aber auch im Hals stecken. Weil es eigentlich kein Witz war. Sondern bittere Realität. Nun ist es Zeit, ihn mal wieder zu erzählen. Denn in Berlin und speziell auf der Flughafenbaustelle in Schönefeld ist dieser Witz ebenfalls kein Witz.

Eine Schlosserbrigade in einem volkseigenen Betrieb (VEB) der DDR hatte mal wieder kein Material zur Verfügung und außerdem auch noch ein wenig geschlampt. Der Plan wurde nur zu 60 Prozent erfüllt. Sagt der Meister: Jungs, das ist Scheiße. Ich muss wenigstens 80 Prozent nach oben melden mit dem Versprechen, die restlichen 20 Prozent schnell aufzuholen. Ja, ja. Mach mal.

Der Meister meldet seinem Abteilungsleiter 80prozentige Planerfüllung. Sagt der Abteilungsleiter: Spinnt Ihr? Ihr wisst ganz genau: Ich muss mindestens 100 Prozent beim Kombinatsdirektor melden. Sonst reißen die uns den Kopf ab. Und besser wäre natürlich eine Planübererfüllung. Also, Ihr wisst bescheid. Ja, ja. Mach mal.

Der Abteilungsleiter meldet in der Kombinatsleitung 100 Prozent Planerfüllung. Sagt der Kombinatsdirektor: Walter, Du weißt ganz genau: Ich muss in Berlin Plan-Übererfüllung melden. Der 1. Mai steht vor der Tür. Wie stehen wir denn da als Bezirk? Macht Euch Gedanken, wie Ihr das hinbekommt. Ja, ja. Mach mal.

Der Kombinatsdirektor in Berlin beim Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau: Wir haben den Plan mit 120 Prozent erfüllt. Sagt der Minister: Prima. Können wir 60 Prozent in den Westen exportieren.

Arme Opfer

Aus dem Statut des DDR-Opfer-Hilfe e.V.:

Der Verein berät ehemals politisch Verfolgte der SED-Diktatur und deren Angehörige kostenlos bei Fragen zur Aufarbeitung, Rehabilitierung, Entschädigung, SED-Opferrente und anderen Problemen und bahnt Kontakte zu Behörden, Organisationen und Parteien an.  Er bietet für SED-Opfer, Opfer des Stalinismus und Sympathisanten, die den Verein fördern möchten, eine Heimat. Der Verein fördert seine Ziele durch Publikationen und Zeitzeugenprojekte, auch an Bildungseinrichtungen. Er wirkt in den politischen Raum bei der Entstehung von Gesetzen zur Hilfe für ehemals politisch Verfolgte und setzt sich dafür ein, durch Bildungsarbeit an Schulen und anderen Einrichtungen die SED-Diktatur aufzuarbeiten.

Nachvollziehbar. Nun scheint es jedoch, der Verein habe alle seine Ziele erreicht. Oder aber es gibt keine Opfer mehr. Im Folgenden deshalb “vermeintlicher Opfer-Verein” genannt. Und weil der vemeintliche Opfer-Verein nix mehr zu tun hat, muss er sich natürlich mit anderen Dingen ins Gerede bringen. Denn hat ein Verein erst einmal nichts mehr zu tun, verschwindet er rasch in der Belanglosigkeit und in den endlosen Regalen vom Vereinsregister.

Meckern und Aufregen ist da schon immer eine gute Masche. Darum hat der vermeintliche Opfer-Verein jetzt ein neues Werbefoto zum 50-jährigen Bestehen des Fernsehballetts als „Geschmacklosigkeit erster Güte“ kritisiert. Auf dem Bild sind die sexy Tänzerinnen mit DDR-Fahnen und Bannern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zu sehen. Das Ballett, das früher zum Mitteldeutschen Rundfunk gehörte, und noch früher 28 Jahre lang das Staatsballett der Deutschen Demokratischen Republik (nicht der ehemaligen DDR) war, „verharmlose damit die SED-Diktatur auf schmerzliche Weise“, teilte der vermeintliche Opfer-Verein am Samstag mittels einer weit verbreiteten Agentur-Meldung mit. „Der Vorgang zeigt, dass Symbole der SED-Diktatur vom Gesetzgeber ebenso verboten werden müssten wie es die der Nazi-Diktatur bereits sind. Wir sind nicht Opfer zweiter Klasse“, sagte ein Sprecher des vermeintlichen Opfer-Vereins.

Aber sehr wahrscheinlich doch ein Verein zweiter Klasse. Ein Verein erster Klasse würde sich um seine Ziele kümmern. Opfer betreuen. Dieser vermeintliche Opfer-Verein hier jedoch betreut lediglich sich selbst. Verkauft sich als “Vertreter der Interessen ehemals politisch Verfolgter und deren Angehöriger. Bietet ihnen sowie Sympathisanten eine Heimat”, heißt es auf der Vereins-Seite. Welche Heimat? Die von damals? Die von heute? Oder eine ganz andere? Das ist hier die Frage. Auf alle Fälle eine Heimat, in der sich sexy Tänzerinnen nicht in bunte Fahnen hüllen dürfen. Arme Opfer. War und ist doch für manchen alten Ossi, ob Opfer oder nicht, der Auftritt des Fernsehballetts die größte Freude im TV. Damals wie heute.

Was wäre wenn… Oder: Leben in BER-NEU

Was wäre, wenn alles anders gekommen wäre? Dann wäre heute angeordneter Nationalfeiertag. In allen HO- und Konsum-Gaststätten gäbe es angeordnete Geburtstagsfeiern. Jedes Kollektiv der sozialistischen Arbeit und auch alle anderen Brigaden müssten sich jedoch zunächst einmal am Morgen zu Demonstrationen versammeln. Die größte gäbe es natürlich in Berlin. Hier gäbe es einen Aufmarsch von 100.000 FDJlern, 250.000 Pionieren, 500.000 NVA-Soldaten sowie einer Millionen ausgezeichneter Arbeiter und Bauern, die im 100. Geburtsjahr des großen Erich Honeckers den sozialistischen Plan mit 200 Prozent erfüllt haben. Die machtvolle Demonstration würde von der Karl-Marx-Alle über die Karl-Liebknecht-Straße, Unter den Linden, Straße des 17. Juni, Bismarckstraße, Kaiserdamm bis hin zur Heerstraße führen und acht Stunden dauern. Am Straßenrand begleitet von fünf Millionen Winkelementen und den dazugehörigen Winkern. Auf dem gerade neu nach Erich Honecker benannten Platz vor dem Brandenburger Tor stünden die Haupttribünen mit der DDR-Regierung sowie den Gästen aus den Bruderstaaten. Daneben kleinere Nebentribünen mit den SED-Chefs und aus den mittlerweile 27 alten und neuen DDR-Bezirken.

Alle Häuser auf der Demonstrationstrecke wären mit roten Fahnen und Spruchbändern mit Parolen zum 100. verhüllt, um bröckelnde Fassaden und teilweise nicht mehr bewohnbaren Gebäude zu verstecken.  Glücklicherweise wären das nur noch wenige Häuser in Berlin. Denn dank des Wohnungsbauprogramms des Ministerrates der DDR vom 13. Mai 1995 wären nun endlich fast alle Altbauten platt gemacht und mit Plattenbauten ersetzt worden. Berlin würde bald schon den Abriss des letzten unsozialistischen Hauses (Altbau mit feudalistischen Stuckelementen) feiern. Geplant wäre die Fertigstellung der 5-Millionen-Neubaustadt BER-NEU schon für den 100. Geburtstag Erich Honeckers gewesen.  Aber ein harter Winter, das internationale Embargo des NSW sowie Lieferschwierigkeiten aus den volkseigenen Betrieben in den noch nicht komplett sozialistisch umerzogenen Bezirken Stuttgart, München, Nürnberg, Tübingen und Augsburg hätten den Plänen des Großen Sozialistischen Rates im wiedervereinten Sozialistischen Deutschland (GSRWSD) einen Strich durch die Rechnung gemacht

Am Rande der großen Demonstration würde es immer wieder zu kleinen Störungen kommen. Provoziert von den Mitarbeitern des Neuen Großen Ministeriums für Sicherheitsrelevante Operationen und Vorgänge (NGMSOV), einst Staatssicherheit genannt. Doch seit dem brüderlichen Zusammenschluss mit den den ehemaligen Gebieten in der ehemaligen BRD ist ein neues, größeres Ministerium notwendig gewesen. Mitarbeiter hätten sich schnell gefunden. Denn jeder zweite ehemalige Bürger aus der ehemaligen BRD hätte freiwillig und gern gegen die Ersattung der Spesen sowie der Beitragsbefreiung im FDGB mitgearbeitet. So gäbe es inzwischen 40 Millionen IMs, die es einfach hätten, weil sie doch jeder nur jeweils eine oder einen bespitzeln müssten. Immer wieder käme es jedoch zu gegenseitigen Bespitzelungen, weil natürlich nicht jeder IM wissen würde, wer außer ihm auch dabei wäre und wer nicht.

Und so würden wir heute abend alle mit Hoch, Hoch, Hoch-Rufen, vielen Kisten Weißenfelser und Dessauer Helles (bei den offiziellen Feiern gäbe es natürlich Wernesgrüner und Radeberger), Goldi, Pfeffi und Kiwi den Geburtstag des leider Anfang des Jahres verstorbenen großen Erich Honeckers feiern. Punkt 20 Uhr gäbe es eine TV-Ansprache auf DDR 1 mit dem neuen herrlichen und großen Vorsitzenden Egon Krenz aus dem Großen Saal des 2007 auf die zehnfache Fläche erweiterten Palastes der Groß-Republik. Für Mitternacht wäre eine riesiges und langes Feuerwerk geplant gewesen. Was aber wegen der vielen Geburtstags-Überwachungs-Dronen des NGMSOV über der Stadt abgesagt worden wäre. Als Ausgleich dafür hätte es eine Live-Übertragung auf DDR 2 von der Sprengung der letzten Kirche auf Berliner Gebiet gegeben, des Berliner Domes.

Nun, glücklicherweise ist es anders gelaufen. Hab kein Bock auf Demo. Geh lieber heute abend mit Freunden lecker essen und trinken. Und fliege in drei Wochen in den USA-Urlaub. Statt mit der Bahn an den Balaton.

Kabelwirtschaft

Auszug aus der Rucksack-Packliste für den Urlaub am Blauen See im Harz 1984:

Fleischerhemd, Jeans, Jesuslatschen, Tramper, Taschenlampe, Zigaretten, Bier, Taschenmesser, Schlafsack, Zelt, Luftmatratze, PA, Moneten…

Auszug aus der Koffer-Packliste für den Urlaub USA 2012:

US-Euro-Stecker, US-Euro-Verteiler-Stecker, Kamera eins, Ladekabel Kamera eins, Kamera zwei, Ladekabel Kamera zwei, Zusatz-Akku Kamera eins, Zusatz-Akku Kamera zwei, Netbook, Ladekabel Netbook, Smartphone, Ladekabel Smartphone, Kindle Touch, Ladekabel Kindl Touch, HTC Flyer, Ladekabel HTC Flyer, Ipod Shuffle, Ladekabel Ipod Shuffle, Pässe, Kreditkarten, Krankenkassenkarten, Führerschein…

Na immerhin

Platz 3.235.689. Das ist doch was. Bei weltweit 200 Millionen geschätzten Blogs. Das ist dann sozusagen zweite Liga, oder? Und Rang 227.970 in Deutschland, das liegt auch im ersten Fünftel… Und 5644,18 Euro sind ja auch nicht zu verachten. Kann zwar nicht mit solchen Profiblogs wie ppq mithalten, aber immerhin!

Jon Lord (1941 – 2012)

Ein halbes Leben, fast eine ganze Jugend. Kein Campingurlaub ohne Child In Time. Keine Disko ohne Smoke On The Water. Kein Wochenende ohne Deep Purple. Immer da, immer dabei. Damals auf dem Spulentonbandgerät. Die Musik aufgenommen übers Radio. Später dann die eine oder andere Vinyl. Aus Budapest. Oder vom Flohmarkt. Schwarz gekauft. Gekaupelt. Gegen anderes. Deep Purple. Smoke On The Water. Endlos auf der Gitarre geübt. Und natürlich Child In Time. Auf dem Klavier. Die ersten Takte. Immer wieder. Ein halbes Leben lang. Und fast eine ganze Jugend. R.I.P. Jon.

Mein Traum von einem Sofa

Ein Tag im Frühjahr 1989. Es ist 5 Uhr morgens. Im Stahl- und Walzwerk Maxhütte arbeitet noch die Nachtschicht. Die Zwangsarbeiter der Tagschicht sind aber bereits unterwegs. Im Gleichschritt geht es von den Knastbaracken der Justizvollzugsanstalt Unterwellenborn hinunter zu den verrußten Werkhallen. Die Schritte hallen durch den Morgen. Sonst herrscht Schweigen. Die Gesichter der Männer unter den Schirmmützen sind kaum zu erkennen. Dafür leuchten die gelben Streifen auf ihren Jacken und Hosen weit ins Thüringer Land.

Es sind Stoffstreifen, die nicht auf-, sondern eingenäht sind. Damit man bei einer möglichen Flucht von Hunden und Verfolgern immer noch gesehen wird. Sollte man die Streifen vorher entfernen, blitzt in gleicher Größe Haut oder Unterwäsche hindurch.  Ja, es war nicht alles schlecht. Damals. Vor 1945. Der Trick mit den eingenähten gelben Streifen stammt ausnahmsweise mal nicht nicht von der Stasi. Und auch nicht vom DDR-Strafvollzug. Eingenähte gelbe Streifen hatten sich vorher schon ganz andere zu Nutzen gemacht.

Der Marsch-Zug mit den Männern ist angekommen. Kurz vor 6 Uhr, Schichtwechsel. Es geht in die Werkhalle, gleich neben der großen Walze. Die Wände sind hoch, schwarz von Ruß und Dreck. Wages Dämmerlicht schleicht sich durch die etlichen Ritzen im Dach, kämpft gegen das kalte Werkhallenlicht der vergilbten und nur noch teilweise funktionierenden Leuchtstoffröhren an der Decke weit oben. Eine große Tafel zeigt das Ergebnis der Nachtschicht.

Soundsoviele Tonnen. Das müssen wir überbieten. Heißt es. Wie jeden Tag. Denn egal, ob drüben im zivilen oder hier im abgesperrten Bereich der Verurteilten: Der sozialistische Wettbewerb gilt schließlich überall. Also ran an die Walze. Und vor allem an die Luftdruckhämmer. Im Minutentakt kommen die zehn Meter langen Walzstücke heraus. Die Männer befördern die sogenannten Halbzeuge mit Kanteisen und Muskelkraft in die Kühlgrube. Bis drüben der Hochofen neu gefüllt wird.

Dann geht es an die Luftdruckhämmer. Jeder der Männer holt aus einem Versteck einen Stahlmeißel. Die sind auch hier rar und werden deshalb nicht nur gepflegt (gut, wer PA-Erfahrungen hat), sondern vor allem bei Schichtende versteckt. Die Meißel passen genau in die Rohrstücken der Hämmer. Der Vorarbeiter hat inzwischen die Stellen auf den Halbzeugen eingekreidet, die schadhaft sind. Mit einem Schlag wird es laut in der Halle. Nun ist kein Wort mehr zu verstehen. Stahlmeißel hämmern mit hohem Luftdruck auf Stahl. Fressen sich hinein, meißeln nach und nach Risse und Luftblasen aus den dicken Walzstücken.

18 Uhr. Schichtwechsel. Das Ergebnis der Nachtschicht um eine halbe Tonne überboten. Das gibt Nachschlag beim Essen. Und Punkte beim Schließer. Es geht zurück im Gleichschritt. Zurück zu den Baracken. Dann wird geraucht. Und noch eine Runde Karten gespielt. Es gibt noch einen Schluck aus der Schüssel mit dem vergorenen Sauerkirschkompott. Das dreht. Ein klein wenig zumindest. Besser kommt das durch Brot gefilterte Rasierwasser. Gemischt mit Schwarztee. Und viel Zucker. Der Verweigerer wird zwar deshalb heute Nacht eine Nierenkolik erleiden. Und niemand wird helfen. Oder gar einen Arzt holen. Aber es dreht. In diesem Moment.

Und dann ist auch schon Einschluss. Der kleine und der große Dieb, der harmlose und der gefährliche Schläger, der Betrüger und der Verweigerer, der Aufrechte und der Unfallverursacher, der Friedensdenker und der Republikflüchtige legen sich hin. Licht aus. Kopfkino an. Die meisten träumen von der Freundin daheim. Von der Freiheit. Ich träume vom Paradies, von dem ich gehört habe. Ein Paradies, in dem man nicht in die heiße Hochofenhölle muss. Sondern in kühlen Tischlerwerkstätten Sofas für eine Firma aus dem kapitalistischen Ausland bauen darf. Was für ein schöner Traum.

Imperialistische Essenshetzkampagne

Es hat nicht alles schlecht geschmeckt. Damals. In der DDR. Und schon gar nicht in Gaststätten. Dies aber behauptet Katharina Schickling in ihrer Fernsedokumentation Mahlzeit Deutschland, die derzeit wieder einmal am Wochenende zum Nachtisch gereicht wird. Schickling redet von Fastfood in West. Und von Weißkohl in Ost. Von Bioläden in Essen. Von Mangelware in Cottbus. Und dann sagt sie: “Besonders in den Gaststätten der DDR war das Essen immer schlecht.” Da weiß man sofort: Frau Schickling war nie in der DDR. Und schon gar nicht in einer Gaststätte. Und recherchiert hat sie auch nicht. Oder sie hat. Und will nicht wahr haben, was nicht wahr sein kann.

Zugegeben. Nicht in jeder Kneipe hat´s geschmeckt. Aber das ist ja auch heute noch so. Ich meine sogar, heute ist es noch schlimmer. Damals gab es schlechtes Essen besonders und vor allem in Selbstbedienungsrestaurants. Und in Bahnhöfen. Aber das wusste jeder. Da konnte man sich drauf einstellen. Auf warmes Bier und kaltes Schnitzel. Dünnen Kaffee und trocknen Kuchen. Heute aber weiß man oft nicht, ob in der Küche vom Italiener, der bis letzte Woche noch ein Grieche war, ein Türke, ein Vietnamese oder ein Araber am Herd steht und mit welchen Zutaten sie was zusammenkochen.

Schlimm war es damals im Zentral in Halle zum Beispiel. Oder in der Saaleaue auf der Peißnitz. Da aßen wir nur in der Not. Oder in der Bahnhofs-Mitropa. Die waren für Bier gut. Und manchmal für eine Bockwurst mit Brot. Auf nem Pappteller. Wo schon am frühen Morgen ein Kleckchen Senf drauf getan wurde. Damit es Mittags schneller geht. Dafür war der Senf dann schön eingetrocknet. Wenn sich dann die Brotscheibe wegen der trockenen Luft zusammenkrümmte, war das Essen perfekt. Und ungenießbar. Aber in der Not. Und des Nachts. Wenn alle anderen Lokale geschlossen hatten. Dann ging auch so ne Wurst vom Pappteller.

In den meisten anderen HO-Gaststätten und Konsum-Gaststätten und privaten Lokalen war das Essen jedoch Spitze. Ich denke da nur allein an eine unserer Stammkneipen in Halle – der Sargdeckel. Rolf “Rolli” Valerius am Tresen, Ehefrau Bringfriede in der Küche. Manchmal, ich glaube Donnerstag und Freitagabend, gab es noch eine Küchenhilfe. Geschmeckt hat es immer. Es gab Sülze, Bockwurst, Knacker oder Rührei. Mit Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat. Ich hab alles gern gegessen. Besonders aber die Sülze mit Bratkartoffeln. Mhm, da läuft mir heute noch das Wasser im Munde zusammen.

Oder in unserem Stammtisch-Lokal Pirouette in der Eissporthalle. Wo wir Sonntag für Sonntag einkehrten. Zum Trinken hauptsächlich, ja. Aber auch zum Essen. Da gab es das leckere Steak Champignon oder das Steak au four, die Schinkenplatte oder das Würzfleisch, die Champignoncremesuppe oder die Soljanka. Manches Mal auch ein Rumpsteak. Toast Hawaii. Alles immer gut. Und bezahlbar. Ganz zu schweigen vom guten Essen in den anderen DDR-Lokalitäten. Wie z.B. die Nordsee-Vorgänger des Ostens “Gastmahl des Meeres”. Oder die Goldbroiler-Gaststätten in jeder Bezirksstadt. Wer´s kennt, weiß, wie es geschmeckt hat. Aber eben nur, wer es kennt, Frau Schickling!

Margot & Mauritius

Ich halte es ja für überflüssig wie Winterreifen auf Mauritius. Aber das Erste musste es dann doch heute Abend bringen: Ein Interview mit Margot Honecker. In HD. In Honeckers DDR. Es zeigte nicht viel, aber wenigstens eins – nämlich das, was ich schon immer wusste: Diese Frau hat nichts gelernt, nichts begriffen und nichts, aber auch gar nichts verstanden. Margot Honecker im ersten Interview seit gefühlten 100 Jahren. Meine Liebste sagte grad den einzig wahren Satz dazu: “Man vefällt ja ab und an mal wieder in Ostalgie. Gut, dass es diesen Film gibt. Denn da vergeht einem alles.” Also hat er doch was Gutes.

(alter Film, neues Interview wird nachgereicht)

Endlich: On the road

Eine Frage, die mich seit etwa 20 Jahren, nein, seit 30 Jahren, beschäftigt, ist nun immer noch nicht geklärt. Warum, zum Teufel nochmal, hat bisher noch niemand den Stoff aus Jack Kerouacs On the road verfilmt? Es gibt immer noch keine Antwort auf diese Frage. Aber einen neuen status quo: On the road ist verfilmt.  Der Trailer ist online und immerhin schon im September kommt der Film auch in die deutschen Kinos. Selten so gespannt auf eine Verfilmung gewesen. Denn das Buch, das Lesen des Buches, dieses: immer wieder von vorn beginnen und noch einmal diese Seite lesen, dieses blieb für immer.

Ich weiß nicht, ob es je noch ein Buch gegeben hat, das so oft im Freundes- und Bekanntenkreis weitergegeben, verliehen worden ist. Welches Buch mehr Aufmerksamkeit und Rotweinflecken bekommen hat, jenes von Jack Kerouac. Damals. Im Osten. Ja, auch Urfin und seine Holzsoldaten ging von Hand zu Hand. Und für mich war Flucht in die Wolken ein ähnlich lesenswertes Buch wie On the road. Aber das war dann schon später. OTR hab ich wenigstens fünf Mal gelesen. Nein. Eher zehn Mal. Auf Montage. Im Urlaub. Auf endlosen Bahnfahrten mit der Reichsbahn zur Arbeit oder nach Hause. Vor und nach Partys.  Im Bus. In der Straßenbahn. An den Tischtennisplatten auf der Peißnitz.

Und damals hat es sich in mir fest gefressen. Das Gefühl On the road. Das Gefühl Amerika. Damals so weit. So unerreichbar. Lebenslang. Lebenslang nicht on the road. Sondern on the Reichsbahn zwischen Halle und Erfurt. Nun, es ist immer noch da. Das Gefühl, dort sein zu wollen. Und, glücklicherweise, inzwischen kann ich es auch tun. Und hab es auch schon mehrfach getan. Nicht auf Güterzügen. Oder in geklauten Autos. Aber on the road waren wir nun schon desöfteren. Und werden es immer wieder tun. Denn dieses Gefühl, dieser Drang, stirbt wohl nie. Bin gespannt, was der Film bringen wird. Allerdings werde ich zur Deutschland-Premiere im September nicht dabei sein können. Da bin ich on the road. On the way with Dean Moriarty. And my best friends. Between New York & Boston.

Grenzer sucht Grenzer oder: Da will ich mal gratulieren

Nein. Nicht zum Tag der NVA. Den hab ich früher nicht gefeiert. Und jetzt erst recht nicht. Auch den Tag der Bundeswehr möchte ich nicht feiern. Keinen Feiertag von irgendeiner Armee auf dieser Welt. Mit Ausnahme dieser Army. Nein, gratulieren möchte ich heute den Kollegen von politplatschquatsch. Die mit ihrem Beitrag über die unfassbar-dumme Seite eins der Jungen Welt zum Jahrestag des Mauerbaus einen Preis errungen haben. Genauer gesagt, zwei Preise. Im September 2011 war es der Beitrag des Monats auf Freiheit.org der Friedrich Naumann Stiftung und nun ist ppq Autor der Freiheit 2011. Herzlichen Glückwunsch! Und ein Danke natürlich an die Junge Welt, die mit ihrer saudämlichen Verblödungs-Danksagung letztendlich der Auslöser für jenen Beitrag gewesen ist.

Und weil heute der 1. März ist, möchte ich trotzdem gebührend auf eine interessante Seite im Netz aufmerksam machen, die zu diesem Tag passt. Es ist die grenzwertige DDR-Version von Bauer sucht Frau oder besser Bauer sucht Mann. Auf www.grenzer-sucht-grenzer.de können sich vereinsamte, geschiedene und verwitwete Ex-Beschützer des antifaschistisches Schutzwalls verabreden. In einem Forum können sich DDR-Grenzer näher kommen, über die besten oder meisten Abschüsse plaudern oder gleich zur Sache kommen. Natürlich können eingeloggte (und vorher auf DDR-Grenzer-Herz und -nieren geprüfte) Mitglieder auch über Selbstschussanlagen, Minen und verhinderte Republikfluchten chatten. Eine besondere Ehre sind dann Dates mit den Ehrenmitgliedern GrenzerPaul, Blondi, harsberg oder Larissa1991.

(Das Foto oben ist keine Satire mit Ausbilder Schmidt, sondern ernsthaft ernst gemeint.)

Meinung

Für alle, die es noch nicht beim Fratzenbuch oder sonsdewoou sehen durften…

Raritäten aus der Mottenkiste I

Ostrock-Schmachtsong aus der Jugendzeit. Oh ja, ich kenn es noch. Gehörte zu den “Langsam-Tanz-Nummern” in den Diskotheken. Und brachte Pluspunkte in Sachen 60:40 beim Einstufungskomitee des Bezirkskabinettes für Kulturarbeit. 30 Jahre sind seitdem vergangen. Irre.

Hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt

Es kommt ja immer mal wieder vor, dass man nicht nur von den guten alten, sondern auch von den weniger guten alten Zeit spricht. So war ich dieser Tage mit einem Freund aus Erfurt bei einem Metalkonzert in einem Berliner Club, währenddessen wir eben auch auf jene Zeit zu sprechen kamen. Und nun, zwei Wochen später, fiel mir auch noch beim aufräumen ein Teil meier Akte in die Hände. Schön, dass man heute darüber lachen kann. Für alle die mitlachen wollen, hier ein paar der schönsten Sätze eines Autors, dessen Authentizität ich bis heute nicht klären konnte. Ich habe Vermutungen, aber die wurden nie so richtig bestätigt. Inzwischen ist es aber auch egal (in Klammern kommentiere ich falsche Behauptungen). Und ab und an kann einem das Lachen auch heute noch vergehen:

Ermittlungsbericht. Halle, den 25. Januar 1988

Politische Haltung, gesellschaftliche Aktivitäten

Der K. erhielt durch seien Eltern eine positive Erziehung im Sinne der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Als Schüler in der Oberschule gehörte er der FDJ an. An der Bezirksmusikschule Halle, dem Konservatorium “Georg-Friedrich-Händel”, erhielt er eine abgeschlossene Ausbildung auf dem Instrument Violine (FALSCH. Violine lernte ich in Merseburg, in Halle lernte ich Gitarre). Während dieser Ausbildung wurde er zu vielen gesellschaftlichen Höhepunkten in der DDR delegiert, um als Musikschaffender teilnehmen zu können (hihihi)…

…Seit ca. 1986 änderte er sich zunehmend ins einem Charakter und in seiner politischen Haltung. Während seiner Lehrzeit war er mit zwei weiteren Lehrlingen mehrere Tage in der VR Ungarn. Im Jugendclub erzählte der K. dann, daß er von dem Konsumgüterangebot in Ungarn erfreut war und er wäre der Meinung daß alles dort viel besser wäre als in der DDR, zumal die vieles aus der Produktion westlicher Länder haben.

In weiteren Gesprächen mit dem K. kam dann zum Ausdruck, daß er sich durch negative Meinungen beeinflussen lässt, ohne dabei die Hintergründe zu erkennen. Zu Veranstaltungen von Volkloregruppen (Folklore mit V geschrieben lässt vermuten, dass es ein Volkspolizist geschrieben hat) reiste der K. oft nach Erfurt (FALSCH. Nach Erfurt fuhr ich meistens zu Feten in der Partywohnung). Selbst erzählte er, daß in seiner Musikgruppe 72 Musiker aus der ganzen DDR mitwirken (da hat einer das Folkfestival mit der Band verwechselt). Viele Teilnehmer sind konfessionell gebunden.

Der K. erzählte dann auch, daß er nur noch seinen Grundwehrdienst ableisten will. Er wäre davon überzeugt, daß man nur noch “Frieden schaffen kann ohne Waffen”. Er will seinen Grudnwehrdienst ohne Waffe ableisten. Auf Hinweise von Jugendlichen, die ihn auf seinen Fehler aufmerksam machten, ging er nicht ein. Es wird von einer Auskunftsperson vermutet, daß der K. von seinen Eltern zu streng erzogen wurde…

…Die Familie K. bewohnt eine 4-Raum-Wohnung in einem Neubau. Alle Zimmer sind modisch und wohnlich eingerichtet. Beim Kauf der Möbel wurden hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt. Die Familie ist im Besitz eines PKW Typ “Wartburg” und eines Gartens (FALSCH. Haben wir nie besessen). In den Sommermonaten an den Wochenenden über hält sich vorallem das Ehepaar im Garten auf. Nähere Angaben hierzu wurden nicht festgestellt. Der K. H. (mein Vater) ist oft außerhalb der Stadft Halle beschäftigt und kommt deshalb unregelmäßig und spät nach Hause. Schwatzhafte Situationen wurden bei den Eltern des K. nicht bekannt…

…Seit ca. Oktober 1987 wohnt der K. ständig in Erfurt. Er soll dort bei einem Mitglied der Volkloregruppe wohnen, der ihm auch eine berufliche Tätigkeit verschaffte (FALSCH). Der K. soll jetzt in einer LPG als Reparaturschlosser arbeiten (FALSCH)…

…Eine Auskunftsperson aus seinem näheren freundschaftlichen Umfeld in Erfurt erzählte, daß der K. bei mehreren Gelegenheiten immer wieder davon gesprochen hätte, daß er den Grundwehrdienst verweigern will. Der Auskunftsperson erzählte der K. außerdem, er hätte Kontakte nach dem NSW. Es würde sich um den L. T. und die V. D. aus Limburg handeln. Hierzu hat die Auskunftsperson weitere Ergebnisse erarbeitet und Ermittlungen durchgeführt…

n-su-tv

Es geht um Das letzte Gefecht der Bismarck, Mengeles Geheimnis, Hitlers Kinder, Die Gestapo – Hitlers stärkste Waffe oder die auf HD getrimmten Bewegtbilder zeigen den Angriff der Wolfsrudel – Auf Feindfahrt. Nur fünf von schier unendlich vielen Filmchen, die dem deutschen Volke täglich zeigen, wie es damals gewesen ist. Mit dem Führer und ohne ihn. Hauptsächlich aber mit Hitler. Denn kein Film vergeht, ohne dass dieser einmal mit gestrecktem Arm, Schäferhund oder mit Eva Braun ins Bild rückt.Und wenn nicht der Führer, dann sind seine Adjudanten zu sehen, oder aber der Goebbels oder der Göring. n-su-tv ist angesagt, denn n-su-tv bringt Einschaltquote.

Und während auf dem einen Nachrichtensender der Generalbundesanwalt seine neuesten Erkenntnisse über den Braunen Untergrund verlauten lässt, ruft im anderen Sender auf dem Nachbarkanal der Führer zum totalen Krieg. Dazwischen nur ein kleiner Klick auf der Fernbedienung. Und wer schnell genug zappt, kann innerhalb von wenigen Sekunden Beate Zschäpe, Adolf Hitler, Hermann Göring, die gesamte deutsche U-Boot-Flotte sowie den Untergang der Bismarck sehen. Das zappt, das quotet. Und den drei führenden Führer-Nachrichtensendern n-tv, n24 und phoenix ist nichts zu braun, um es im totalen Krieg um Zuschauerquoten ins Rennen zu schicken.

Die richtig guten Sendungen, wo es nicht nur ordentlich kracht, sondern wo auch der Führer und seinesgleichen ausreichend zu Wort kommen, werden gleich mehrfach ausgestrahlt. Gemessen, gezappt und gezählt an einem Tag im November 2011 kamen allein auf die drei führenden Führer-Nachrichtensendern 13 Führerstunden. Macht wöchentlich 91, monatlich etwa 365 Stunden braunes TV. Zusammen mit den anderen, meist Führer-losen, deutschen Volkssendern, sind das also pro Jahr wenigstens 5000 Volks-TV-Stunden. Und wem das zuwenig Reich ist, der kauft sich eine von Hunderten DVDs, die neben reichlich Zusatzmaterial wie Zeitzeugen-Interviews nützliche Tools wie Bauanleitungen für U-Boote oder Bomben enthalten.