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Moderne zwischen DDR & Mittelalter

P1070381Es ist schon erstaunlich. Da fliegt man knappe sechs Stunden und schon ist man nicht nur in einem komplett anderem Klima, sondern auch noch in einer anderen Welt. Abu Dhabi. Es ist heiß hier. Am Tag möchte man eigentlich nur im Schatten sein. Am Abend kann man dafür aber lange draußen sitzen. Mit Blick auf die Skyline der Stadt. Die einem vorgaukelt, man wäre in einer modernen City. Stimmt auch. Was die Wolkenkartzer angeht. Die Supermärkte. Die Straßen. Die Shopping-Malls. Den Hafen. Den Strand. Die Promenade, die Corniche. Alles hypermodern. Alles schneller, höher, weiter.

Für Fußgänger wurde die Stadt nicht gebaut. Aber dafür kostet Taxi fahren ja (fast) nichts. 30 Cent pro Kilometer. Da kommt man sich einigermaßen blöd vor, wenn man von der einen auf die andere Seite der Stadt gefahren worden ist und der Taxikutscher will umgerechnet drei Euro. Und Busfahren. 40 Cent innnerhalb der Stadt. 80 Cent für die Außenbezirke. Etwa 15 Dirham, also keine drei Euro, kostet die Busfahrt ins 80 Kilometer entfernte Dubai. Machen wir morgen.

Klingt alles gut, sieht alles gut aus. Nur tiefer hineinblicken darf man nicht. Medien? Wie in der DDR. Berichte über die Königsfamilie, Reportagen über die Königsfamilie, Nachrichten aus der Königsfamilie. Und Berichte über die Erfolge des Landes. Wo stehen wir am besten da? Wo sind wir die schnellsten? Planerfüllung aller Orten. Natürlich, ein wenig Crime ist auch dabei. Und da landen wir dann im Mittelalter. Blutgeld. Steinigungen. Polygamie. Scharia. Ein Fall, der uns erzählt worden ist: Ein Mann verätzt das Gesicht seiner Frau mit Säure. Die Scharia entscheidet: Sie darf das nun auch bei ihm tun. Doch die Frau will das nicht. Daraufhin hat es ihre Mutter getan…

Sonst aber ist alles gut. Der Pool auf dem Dach mit 29 Grad warmen Wasser. Daneben die Poolbar, die entgegen aller Erwartungen neben Bier und Wein auch alkoholische Cocktails aus aller Welt anbietet. Und dahinter der Blick über die Stadt. Beeindruckend. Nach einem Rundgang gestern durch die City und die Mittagshitze (über 30 Grad) sollte es dann heute Ferrari-World werden. Die haben Montags geschlossen. Also gehts in die Marina Mall und zum Emirates Palace. Außerdem ist es leicht windig heute. Und Wind heißt hier, wenn er vom Land kommt, auch immer Sand. Also auf zum Shoppen. Denn auch da gibt es einen mächtigen Unterschied zu allen anderen Ländern, die wir bisher auf unseren Resien gesehen haben. Steuern? Was sind Steuern? Gibt´s hier nicht. Das Gehalt kommt Brutto aufs Konto. Und bei Zigaretten z.B. bezahlt man die Ware und nicht den Staat: Für ne Stange verlangen die hier neun Euro.

Kein Witz

Es war einer meiner Lieblingswitze. Damals. Vor 1989. Oft erzählt im Sargdeckel. Oder im Zentral. Im Turm oder im Starken Arm. Gelacht wurde viel. Manchem blieb das Lachen aber auch im Hals stecken. Weil es eigentlich kein Witz war. Sondern bittere Realität. Nun ist es Zeit, ihn mal wieder zu erzählen. Denn in Berlin und speziell auf der Flughafenbaustelle in Schönefeld ist dieser Witz ebenfalls kein Witz.

Eine Schlosserbrigade in einem volkseigenen Betrieb (VEB) der DDR hatte mal wieder kein Material zur Verfügung und außerdem auch noch ein wenig geschlampt. Der Plan wurde nur zu 60 Prozent erfüllt. Sagt der Meister: Jungs, das ist Scheiße. Ich muss wenigstens 80 Prozent nach oben melden mit dem Versprechen, die restlichen 20 Prozent schnell aufzuholen. Ja, ja. Mach mal.

Der Meister meldet seinem Abteilungsleiter 80prozentige Planerfüllung. Sagt der Abteilungsleiter: Spinnt Ihr? Ihr wisst ganz genau: Ich muss mindestens 100 Prozent beim Kombinatsdirektor melden. Sonst reißen die uns den Kopf ab. Und besser wäre natürlich eine Planübererfüllung. Also, Ihr wisst bescheid. Ja, ja. Mach mal.

Der Abteilungsleiter meldet in der Kombinatsleitung 100 Prozent Planerfüllung. Sagt der Kombinatsdirektor: Walter, Du weißt ganz genau: Ich muss in Berlin Plan-Übererfüllung melden. Der 1. Mai steht vor der Tür. Wie stehen wir denn da als Bezirk? Macht Euch Gedanken, wie Ihr das hinbekommt. Ja, ja. Mach mal.

Der Kombinatsdirektor in Berlin beim Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau: Wir haben den Plan mit 120 Prozent erfüllt. Sagt der Minister: Prima. Können wir 60 Prozent in den Westen exportieren.

Situationen & Lügen

Irgendwie kommt mir das alles bekannt vor. Hier eine Situation, damals eine Situation. Heute Lügen, damals Lügen. Alles wird besser, aber nichts wird gut.

Erklärung von Klaus Wowereit, Matthias Platzeck und Rainer Bomba zur Zukunft der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg GmbH (FBB)

Am heutigen Montag haben die Vertreter von Berlin, Brandenburg und dem Bund als Anteilseigner der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg FBB die Situation erörtert, die durch die Mitteilung des technischen Geschäftsführers der FBB vom Ende vergangener Woche zum bisher geplanten Eröffnungstermin entstanden ist. An dem Treffen nahmen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Ministerpräsident Matthias Platzeck und Verkehrs-Staatssekretär Rainer Bomba teil.

Im Gespräch mit der Geschäftsführung ist insbesondere über die Terminsituation gesprochen worden. Der technische Geschäftsführer Amann hat die Gründe dafür dargelegt, dass aus seiner Sicht eine Eröffnung des Flughafens am 27. Oktober 2013 nicht mehr machbar ist.

Verabredet wurde, dass die bisher für den 25. Januar 2013 geplante Aufsichtsratssitzung auf Mittwoch, den 16. Januar vorgezogen wird. Auf der Tagesordnung wird unter anderem die Neuordnung der Geschäftsführung stehen. Der Aufsichtsratsvorsitz soll künftig von Brandenburger Seite wahrgenommen werden.

Die Gesellschafter erwarten, dass die Geschäftsführung in der Aufsichtsratssitzung detailliert die weiteren Schritte zur Fertigstellung des Flughafens BER und dazu die nötigen Maßnahmen darstellt.

50 Jahre zuvor:

Erklärung der Regierung der DDR

Berlin (ADN). Der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik nahm in seiner Sitzung am 17. April 1952 zur gegenwärtigen für das deutsche Volk äußerst ernsten Situation Stellung und beschloß folgende Erklärung:

Das Ersuchen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik an die Besatzungsmächte vom 13. Februar dieses Jahres, die Einheit Deutschlands wiederherzustellen und Deutschland endlich einen Friedensvertrag zu geben, entsprach dem einmütigen Wunsche und dem Friedenssehnen unseres Volkes. Die Regierung der UdSSR hat mit ihrer Note und ihrem Vorschlag vom 10. März 1952 diese berechtigten Forderungen des deutschen Volkes anerkannt und den Regierungen der USA, Englands und Frankreichs konkrete Maßnahmen zu ihrer Verwirklichung vorgeschlagen. Die Regierungen dieser Länder aber haben in ihrer Antwortnote an die Sowjetregierung Ausflüchte gesucht und die Taktik der Verschleppung angewandt, indem sie sich weder mit der Erörterung des sowjetischen Entwurfes der Grundlagen eines Friedensvertrages mit Deutschland einverstanden erklärten noch eigene Vorschläge machte.

 

USA 2012: Honecker gratuliert

Liebe Genossinnen und Genossen! Lieber Freund Barack Obama! Im Namen des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands sowie aller friedliebenden Brudervölker gratuliere ich Ihnen heute zur erneuten Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Genossinnen und Genossen aller Bruderparteien sind froh, dass die Demokratie auch in Ihrem Land die Macht des Volkes ist und so der nächste Vierjahrplan in friedlichen und starken Händen liegt.

In letzter Zeit war viel von der Entwicklung des Verhältnisses zwischen der DDR und der USA die Rede. Für uns versteht sich von selbst, dass unsere Politik mit den USA ein Teil der abgestimmten Politik unseres Bündnisses mit den Staaten des Warschauer Paktes zur Friedenssicherung ist. Dies nochmals deutlich zu machen, entspricht den Erfordernissen unserer Zeit. Die Deutsche Demokratische Republik strebt nach freundschaftlichen Beziehungen zur USA, und ebenso wie gegenüber anderen westlichen Staaten ist ihre Politik auch hier die Politik der friedlichen Koexistenz.

Natürlich kann man nicht übersehen, daß zwischen der DDR und der USA weiterhin viele Probleme bestehen und wir von einer umfassenden Normalisierung noch ein beträchtliches Stück entfernt sind. Die Hauptursache dafür sind fortgesetzte Versuche der USA, in den Beziehungen zur DDR, unter Verletzung des Grundlagenvertrages, entscheidende Prinzipien der Souveränität unseres Staates zu missachten. In diesen Beziehungen kann sich aber nur dann etwas vorwärtsbewegen, wenn ohne jeden Vorbehalt von der Existenz aller souveräner, voneinander unabhängiger Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung ausgegangen wird. Jegliches Streben nach einer Revision der Nachkriegsordnung muss die Normalisierung des Verhältnisses zwischen allen kriegsbeteiligten Staaten belasten, ja in Frage stellen.

Ganz wesentlich ist, dass das Prinzip der Nichteinmischung sowohl im bilateralen Verhältnis als auch in den Beziehungen zu dritten Staaten von beiden Seiten uneingeschränkt akzeptiert und eingehalten wird. Die Missachtung gerade des Prinzips der Nichteinmischung, das ja auch von den USA in Helsinki unterschrieben wurde, ist mit einer Normalisierung der Beziehungen auf keinen Fall zu vereinbaren. Weitgehende Regelungen verschiedener Art, die den Bürgern der USA und der DDR nützlich wären, werden von Seiten der USA und deren Verbündeten noch immer schwerwiegende Hindernisse entgegen gestellt. Wir haben oft auf die Beseitigung gedrungen, aber kein Entgegenkommen gefunden.

Von großer Bedeutung ist ebenso immer noch die Lage an der Staatsgrenze DDR-BRD, die zugleich die Trennlinie zwischen den Staaten des Warschauer Vertrages und der NATO darstellt, also auch Trennlinie zwischen den USA und der Deutschen Demokratischen Republik. Den Interessen des Friedens würde es dienen, möglichst bald eine Regelung des Grenzverlaufs auf dem Rhein entsprechend dem internationalen Recht herbeizuführen. Geachtet aller Schwierigkeiten und Probleme halten wir neue, positive Ergebnisse auf dem Wege zur Normalisierung der Beziehungen zwischen der DDR und der USA für möglich, wenn die Prinzipien uneingeschränkt respektiert werden, die für die Beziehungen zwischen souveränen Staaten üblich sind.

Lieber Barack Obama, liebe Genossinnen und Genossen! Lassen Sie mich diese Rede zum Anlass nehmen, Sie, lieber Barack Obama, sowie Ihre liebenswerte Frau, die immer an Ihrer Seite kämpft und stets der Demokratie offen gegenüber steht, herzlich zu den Feierlichkeiten anlässlich des 65. Jahrestages unserer Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 2014 einzuladen. Vor nunmehr 63 Jahren wurde der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden, die Deutsche Demokratische Republik, gegründet. Jeder, der das Glück hatte, an diesem historisch bedeutsamen Ereignis beteiligt zu sein, denkt nicht ohne Bewegung an die Tage zurück, in denen die Arbeiter und Bauern im Bunde mit der Intelligenz und allen Werktätigen im wahrsten Sinne des Wortes ihre Macht errichteten.

Allen sei gedankt, die durch ihre Tatkraft, ihr Engagement, ihre Leistungen unseren sozialistischen deutschen Friedensstaat zu dem werden ließen, was er 63 Jahre nach seiner Gründung ist – ein Grundpfeiler der Stabilität und Sicherheit Europas. Unsere Republik gehört heute zu den leistungsfähigsten Industrienationen der Welt, zu den knapp zwei dutzend Ländern mit dem höchsten Lebensstandard. Bis dahin ist es bei Ihnen, lieber Barack Obama, noch ein weiter Weg. Den wir aber gern und mit ganzer Kraft unterstützen wollen und werden. Vielen Dank!

Endstation Bahnfahrt

Es gibt viele Wege, nicht nur nach Rom, sondern auch aufs Land. Oder in die Stadt. Mit dem Flugezug in die größeren, mit dem Auto oder dem Bus in die kleineren Städte und auch Dörfer. Einige Wege führen auch mit der Bahn dorthin. Doch das sind, wie es derzeit aussieht, die denkbar schlechtesten Wege. Wer mit der Bahn innerhalb Deutschlands irgendwo hinfährt, muss mit einer Reise in die Vergangenheit rechnen.

Berlin – Genthin. Etwa 90 Minuten Fahrtzeit. Eine Reise durchs Brandenburger Land. erinnerungen an ein Lied werden wach. Doch bis Golm ist alles schön. Naja, der Zug ist rammelvoll. Weil viele nach Golm wollen. Studenten, Professoren und sonstige Angstellte, die auf dem Golmer Campus der Uni Potsdam arbeiten. Auch der Bahnsteig Golm, ein Bahnhof ist es wohl eher nicht, macht einen recht ordentlichen Eindruck. Der Zug ist gerade noch pünktlich. Doch dann gehts bergab. Mit der Pünktlichkeit. Und mit den Stationen. Die Fahrt nach 1989 beginnt. Oder 1945?

Man kann es nicht so genau ausmachen. Kurz vor der Stadt Brandenburg jedenfalls stehen am Gleises-Rand Ruinen, die einst, oder immer noch, scheinbar der Bahn zugehörig sind. Teils von Feuer und Rauch geschwärzt, wohl Schäden druch Bombenangriffe 1944. Direkt daneben stehen einstige Schrankenwärterhäuschen, die den Krieg, aber nicht die Zeit bis 1989 überlebt haben. Die Dächer fehlen, die Fenster und Türen auch. Sind wohl in der benachbarten Gartenanlage gelandet und dort vor langer Zeit in der einen oder anderen Laube verbaut worden.

Der Bahnhof Brandenburg selbst besteht aus zwei halb-überdachten Bahnsteigen, auf denen neue Schilder davor warnen, zu dicht an die Gleise zu treten. Neu ist wohl auch die Glastür zum Bahnhof einmal gewesen, als das Glas noch drin war. Alles andere aber wirkt wie Großkorbetha. Vor der Wende. Der einzige Fahrkartenautomat ist außer Betrieb, der Kiosk mit der Coca-Cola- und Bockwurst-Reklame längst geschlossen und das Rauchen-Verboten-Schild wirkt wie ein Badeverbotsschild an einem weißen Karibik-Strand. Jeder, der dort (warum auch immer) rumsteht, hat ne Kippe in der Hand. Dann geht die Fahrt weiter.

Vorbei an Kirchmöser. Und Wusterwitz. Jweils ein kurzer Halt. Niemand steigt aus. Warum auch? Was soll hier jemand wollen? Oder wohnt da noch jemand? Geht man nach den Bahnhöfen, muss das Vergangenheit sein. Hier kann keiner mehr leben. Jedenfalls nicht freiwillig. Vielleicht ja ein paar Umsiedler, ein paar Ausgestoßene. Oder vielleicht auch die Restbelegschaft oder deren Nachkommen vom einstigen Panzerwerk.

Und dann ist es auch in der Bahn mit der Zivilisation zu Ende. Die fehlenden Balken auf dem Handy signalisieren: Kein Netz. Keine Verbindung mehr zur normalen Welt. Aus. Jetzt gehts richtig in die Bahn-Provinz. Nur eine junge Dame, die einzige, die neben mir noch in diesem Waggon ausharrt, scheint Verbindung zu haben. Doch auch ihre Worte sind nicht gerade ermunternd. Du, Mutti, mein Verfahren ist gegen Auflagen eingestellt worden. Ich muss halt verschiedene doofe Sachen machen. Oder aber die Strafe zahlen. Kannst du mir bitte… Wenn jetzt der Schaffner (oder Zugbegeleiter, wie es wohl heute heißt) kommen würde, die Fahrkarten kjontrollieren, dann würde ich ihm mal so richtig die Meinung sagen. Übder Bahn. Und Pünktlichkeit. Und Bahnhöfe. Doch der kommt natürlich nicht. Wozu auch. Wer fährt schon diese Strecke?

 

Arme Opfer

Aus dem Statut des DDR-Opfer-Hilfe e.V.:

Der Verein berät ehemals politisch Verfolgte der SED-Diktatur und deren Angehörige kostenlos bei Fragen zur Aufarbeitung, Rehabilitierung, Entschädigung, SED-Opferrente und anderen Problemen und bahnt Kontakte zu Behörden, Organisationen und Parteien an.  Er bietet für SED-Opfer, Opfer des Stalinismus und Sympathisanten, die den Verein fördern möchten, eine Heimat. Der Verein fördert seine Ziele durch Publikationen und Zeitzeugenprojekte, auch an Bildungseinrichtungen. Er wirkt in den politischen Raum bei der Entstehung von Gesetzen zur Hilfe für ehemals politisch Verfolgte und setzt sich dafür ein, durch Bildungsarbeit an Schulen und anderen Einrichtungen die SED-Diktatur aufzuarbeiten.

Nachvollziehbar. Nun scheint es jedoch, der Verein habe alle seine Ziele erreicht. Oder aber es gibt keine Opfer mehr. Im Folgenden deshalb “vermeintlicher Opfer-Verein” genannt. Und weil der vemeintliche Opfer-Verein nix mehr zu tun hat, muss er sich natürlich mit anderen Dingen ins Gerede bringen. Denn hat ein Verein erst einmal nichts mehr zu tun, verschwindet er rasch in der Belanglosigkeit und in den endlosen Regalen vom Vereinsregister.

Meckern und Aufregen ist da schon immer eine gute Masche. Darum hat der vermeintliche Opfer-Verein jetzt ein neues Werbefoto zum 50-jährigen Bestehen des Fernsehballetts als „Geschmacklosigkeit erster Güte“ kritisiert. Auf dem Bild sind die sexy Tänzerinnen mit DDR-Fahnen und Bannern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zu sehen. Das Ballett, das früher zum Mitteldeutschen Rundfunk gehörte, und noch früher 28 Jahre lang das Staatsballett der Deutschen Demokratischen Republik (nicht der ehemaligen DDR) war, „verharmlose damit die SED-Diktatur auf schmerzliche Weise“, teilte der vermeintliche Opfer-Verein am Samstag mittels einer weit verbreiteten Agentur-Meldung mit. „Der Vorgang zeigt, dass Symbole der SED-Diktatur vom Gesetzgeber ebenso verboten werden müssten wie es die der Nazi-Diktatur bereits sind. Wir sind nicht Opfer zweiter Klasse“, sagte ein Sprecher des vermeintlichen Opfer-Vereins.

Aber sehr wahrscheinlich doch ein Verein zweiter Klasse. Ein Verein erster Klasse würde sich um seine Ziele kümmern. Opfer betreuen. Dieser vermeintliche Opfer-Verein hier jedoch betreut lediglich sich selbst. Verkauft sich als “Vertreter der Interessen ehemals politisch Verfolgter und deren Angehöriger. Bietet ihnen sowie Sympathisanten eine Heimat”, heißt es auf der Vereins-Seite. Welche Heimat? Die von damals? Die von heute? Oder eine ganz andere? Das ist hier die Frage. Auf alle Fälle eine Heimat, in der sich sexy Tänzerinnen nicht in bunte Fahnen hüllen dürfen. Arme Opfer. War und ist doch für manchen alten Ossi, ob Opfer oder nicht, der Auftritt des Fernsehballetts die größte Freude im TV. Damals wie heute.

Was wäre wenn… Oder: Leben in BER-NEU

Was wäre, wenn alles anders gekommen wäre? Dann wäre heute angeordneter Nationalfeiertag. In allen HO- und Konsum-Gaststätten gäbe es angeordnete Geburtstagsfeiern. Jedes Kollektiv der sozialistischen Arbeit und auch alle anderen Brigaden müssten sich jedoch zunächst einmal am Morgen zu Demonstrationen versammeln. Die größte gäbe es natürlich in Berlin. Hier gäbe es einen Aufmarsch von 100.000 FDJlern, 250.000 Pionieren, 500.000 NVA-Soldaten sowie einer Millionen ausgezeichneter Arbeiter und Bauern, die im 100. Geburtsjahr des großen Erich Honeckers den sozialistischen Plan mit 200 Prozent erfüllt haben. Die machtvolle Demonstration würde von der Karl-Marx-Alle über die Karl-Liebknecht-Straße, Unter den Linden, Straße des 17. Juni, Bismarckstraße, Kaiserdamm bis hin zur Heerstraße führen und acht Stunden dauern. Am Straßenrand begleitet von fünf Millionen Winkelementen und den dazugehörigen Winkern. Auf dem gerade neu nach Erich Honecker benannten Platz vor dem Brandenburger Tor stünden die Haupttribünen mit der DDR-Regierung sowie den Gästen aus den Bruderstaaten. Daneben kleinere Nebentribünen mit den SED-Chefs und aus den mittlerweile 27 alten und neuen DDR-Bezirken.

Alle Häuser auf der Demonstrationstrecke wären mit roten Fahnen und Spruchbändern mit Parolen zum 100. verhüllt, um bröckelnde Fassaden und teilweise nicht mehr bewohnbaren Gebäude zu verstecken.  Glücklicherweise wären das nur noch wenige Häuser in Berlin. Denn dank des Wohnungsbauprogramms des Ministerrates der DDR vom 13. Mai 1995 wären nun endlich fast alle Altbauten platt gemacht und mit Plattenbauten ersetzt worden. Berlin würde bald schon den Abriss des letzten unsozialistischen Hauses (Altbau mit feudalistischen Stuckelementen) feiern. Geplant wäre die Fertigstellung der 5-Millionen-Neubaustadt BER-NEU schon für den 100. Geburtstag Erich Honeckers gewesen.  Aber ein harter Winter, das internationale Embargo des NSW sowie Lieferschwierigkeiten aus den volkseigenen Betrieben in den noch nicht komplett sozialistisch umerzogenen Bezirken Stuttgart, München, Nürnberg, Tübingen und Augsburg hätten den Plänen des Großen Sozialistischen Rates im wiedervereinten Sozialistischen Deutschland (GSRWSD) einen Strich durch die Rechnung gemacht

Am Rande der großen Demonstration würde es immer wieder zu kleinen Störungen kommen. Provoziert von den Mitarbeitern des Neuen Großen Ministeriums für Sicherheitsrelevante Operationen und Vorgänge (NGMSOV), einst Staatssicherheit genannt. Doch seit dem brüderlichen Zusammenschluss mit den den ehemaligen Gebieten in der ehemaligen BRD ist ein neues, größeres Ministerium notwendig gewesen. Mitarbeiter hätten sich schnell gefunden. Denn jeder zweite ehemalige Bürger aus der ehemaligen BRD hätte freiwillig und gern gegen die Ersattung der Spesen sowie der Beitragsbefreiung im FDGB mitgearbeitet. So gäbe es inzwischen 40 Millionen IMs, die es einfach hätten, weil sie doch jeder nur jeweils eine oder einen bespitzeln müssten. Immer wieder käme es jedoch zu gegenseitigen Bespitzelungen, weil natürlich nicht jeder IM wissen würde, wer außer ihm auch dabei wäre und wer nicht.

Und so würden wir heute abend alle mit Hoch, Hoch, Hoch-Rufen, vielen Kisten Weißenfelser und Dessauer Helles (bei den offiziellen Feiern gäbe es natürlich Wernesgrüner und Radeberger), Goldi, Pfeffi und Kiwi den Geburtstag des leider Anfang des Jahres verstorbenen großen Erich Honeckers feiern. Punkt 20 Uhr gäbe es eine TV-Ansprache auf DDR 1 mit dem neuen herrlichen und großen Vorsitzenden Egon Krenz aus dem Großen Saal des 2007 auf die zehnfache Fläche erweiterten Palastes der Groß-Republik. Für Mitternacht wäre eine riesiges und langes Feuerwerk geplant gewesen. Was aber wegen der vielen Geburtstags-Überwachungs-Dronen des NGMSOV über der Stadt abgesagt worden wäre. Als Ausgleich dafür hätte es eine Live-Übertragung auf DDR 2 von der Sprengung der letzten Kirche auf Berliner Gebiet gegeben, des Berliner Domes.

Nun, glücklicherweise ist es anders gelaufen. Hab kein Bock auf Demo. Geh lieber heute abend mit Freunden lecker essen und trinken. Und fliege in drei Wochen in den USA-Urlaub. Statt mit der Bahn an den Balaton.

Kabelwirtschaft

Auszug aus der Rucksack-Packliste für den Urlaub am Blauen See im Harz 1984:

Fleischerhemd, Jeans, Jesuslatschen, Tramper, Taschenlampe, Zigaretten, Bier, Taschenmesser, Schlafsack, Zelt, Luftmatratze, PA, Moneten…

Auszug aus der Koffer-Packliste für den Urlaub USA 2012:

US-Euro-Stecker, US-Euro-Verteiler-Stecker, Kamera eins, Ladekabel Kamera eins, Kamera zwei, Ladekabel Kamera zwei, Zusatz-Akku Kamera eins, Zusatz-Akku Kamera zwei, Netbook, Ladekabel Netbook, Smartphone, Ladekabel Smartphone, Kindle Touch, Ladekabel Kindl Touch, HTC Flyer, Ladekabel HTC Flyer, Ipod Shuffle, Ladekabel Ipod Shuffle, Pässe, Kreditkarten, Krankenkassenkarten, Führerschein…

Mein Traum von einem Sofa

Ein Tag im Frühjahr 1989. Es ist 5 Uhr morgens. Im Stahl- und Walzwerk Maxhütte arbeitet noch die Nachtschicht. Die Zwangsarbeiter der Tagschicht sind aber bereits unterwegs. Im Gleichschritt geht es von den Knastbaracken der Justizvollzugsanstalt Unterwellenborn hinunter zu den verrußten Werkhallen. Die Schritte hallen durch den Morgen. Sonst herrscht Schweigen. Die Gesichter der Männer unter den Schirmmützen sind kaum zu erkennen. Dafür leuchten die gelben Streifen auf ihren Jacken und Hosen weit ins Thüringer Land.

Es sind Stoffstreifen, die nicht auf-, sondern eingenäht sind. Damit man bei einer möglichen Flucht von Hunden und Verfolgern immer noch gesehen wird. Sollte man die Streifen vorher entfernen, blitzt in gleicher Größe Haut oder Unterwäsche hindurch.  Ja, es war nicht alles schlecht. Damals. Vor 1945. Der Trick mit den eingenähten gelben Streifen stammt ausnahmsweise mal nicht nicht von der Stasi. Und auch nicht vom DDR-Strafvollzug. Eingenähte gelbe Streifen hatten sich vorher schon ganz andere zu Nutzen gemacht.

Der Marsch-Zug mit den Männern ist angekommen. Kurz vor 6 Uhr, Schichtwechsel. Es geht in die Werkhalle, gleich neben der großen Walze. Die Wände sind hoch, schwarz von Ruß und Dreck. Wages Dämmerlicht schleicht sich durch die etlichen Ritzen im Dach, kämpft gegen das kalte Werkhallenlicht der vergilbten und nur noch teilweise funktionierenden Leuchtstoffröhren an der Decke weit oben. Eine große Tafel zeigt das Ergebnis der Nachtschicht.

Soundsoviele Tonnen. Das müssen wir überbieten. Heißt es. Wie jeden Tag. Denn egal, ob drüben im zivilen oder hier im abgesperrten Bereich der Verurteilten: Der sozialistische Wettbewerb gilt schließlich überall. Also ran an die Walze. Und vor allem an die Luftdruckhämmer. Im Minutentakt kommen die zehn Meter langen Walzstücke heraus. Die Männer befördern die sogenannten Halbzeuge mit Kanteisen und Muskelkraft in die Kühlgrube. Bis drüben der Hochofen neu gefüllt wird.

Dann geht es an die Luftdruckhämmer. Jeder der Männer holt aus einem Versteck einen Stahlmeißel. Die sind auch hier rar und werden deshalb nicht nur gepflegt (gut, wer PA-Erfahrungen hat), sondern vor allem bei Schichtende versteckt. Die Meißel passen genau in die Rohrstücken der Hämmer. Der Vorarbeiter hat inzwischen die Stellen auf den Halbzeugen eingekreidet, die schadhaft sind. Mit einem Schlag wird es laut in der Halle. Nun ist kein Wort mehr zu verstehen. Stahlmeißel hämmern mit hohem Luftdruck auf Stahl. Fressen sich hinein, meißeln nach und nach Risse und Luftblasen aus den dicken Walzstücken.

18 Uhr. Schichtwechsel. Das Ergebnis der Nachtschicht um eine halbe Tonne überboten. Das gibt Nachschlag beim Essen. Und Punkte beim Schließer. Es geht zurück im Gleichschritt. Zurück zu den Baracken. Dann wird geraucht. Und noch eine Runde Karten gespielt. Es gibt noch einen Schluck aus der Schüssel mit dem vergorenen Sauerkirschkompott. Das dreht. Ein klein wenig zumindest. Besser kommt das durch Brot gefilterte Rasierwasser. Gemischt mit Schwarztee. Und viel Zucker. Der Verweigerer wird zwar deshalb heute Nacht eine Nierenkolik erleiden. Und niemand wird helfen. Oder gar einen Arzt holen. Aber es dreht. In diesem Moment.

Und dann ist auch schon Einschluss. Der kleine und der große Dieb, der harmlose und der gefährliche Schläger, der Betrüger und der Verweigerer, der Aufrechte und der Unfallverursacher, der Friedensdenker und der Republikflüchtige legen sich hin. Licht aus. Kopfkino an. Die meisten träumen von der Freundin daheim. Von der Freiheit. Ich träume vom Paradies, von dem ich gehört habe. Ein Paradies, in dem man nicht in die heiße Hochofenhölle muss. Sondern in kühlen Tischlerwerkstätten Sofas für eine Firma aus dem kapitalistischen Ausland bauen darf. Was für ein schöner Traum.

Margot & Mauritius

Ich halte es ja für überflüssig wie Winterreifen auf Mauritius. Aber das Erste musste es dann doch heute Abend bringen: Ein Interview mit Margot Honecker. In HD. In Honeckers DDR. Es zeigte nicht viel, aber wenigstens eins – nämlich das, was ich schon immer wusste: Diese Frau hat nichts gelernt, nichts begriffen und nichts, aber auch gar nichts verstanden. Margot Honecker im ersten Interview seit gefühlten 100 Jahren. Meine Liebste sagte grad den einzig wahren Satz dazu: “Man vefällt ja ab und an mal wieder in Ostalgie. Gut, dass es diesen Film gibt. Denn da vergeht einem alles.” Also hat er doch was Gutes.

(alter Film, neues Interview wird nachgereicht)

Endlich: On the road

Eine Frage, die mich seit etwa 20 Jahren, nein, seit 30 Jahren, beschäftigt, ist nun immer noch nicht geklärt. Warum, zum Teufel nochmal, hat bisher noch niemand den Stoff aus Jack Kerouacs On the road verfilmt? Es gibt immer noch keine Antwort auf diese Frage. Aber einen neuen status quo: On the road ist verfilmt.  Der Trailer ist online und immerhin schon im September kommt der Film auch in die deutschen Kinos. Selten so gespannt auf eine Verfilmung gewesen. Denn das Buch, das Lesen des Buches, dieses: immer wieder von vorn beginnen und noch einmal diese Seite lesen, dieses blieb für immer.

Ich weiß nicht, ob es je noch ein Buch gegeben hat, das so oft im Freundes- und Bekanntenkreis weitergegeben, verliehen worden ist. Welches Buch mehr Aufmerksamkeit und Rotweinflecken bekommen hat, jenes von Jack Kerouac. Damals. Im Osten. Ja, auch Urfin und seine Holzsoldaten ging von Hand zu Hand. Und für mich war Flucht in die Wolken ein ähnlich lesenswertes Buch wie On the road. Aber das war dann schon später. OTR hab ich wenigstens fünf Mal gelesen. Nein. Eher zehn Mal. Auf Montage. Im Urlaub. Auf endlosen Bahnfahrten mit der Reichsbahn zur Arbeit oder nach Hause. Vor und nach Partys.  Im Bus. In der Straßenbahn. An den Tischtennisplatten auf der Peißnitz.

Und damals hat es sich in mir fest gefressen. Das Gefühl On the road. Das Gefühl Amerika. Damals so weit. So unerreichbar. Lebenslang. Lebenslang nicht on the road. Sondern on the Reichsbahn zwischen Halle und Erfurt. Nun, es ist immer noch da. Das Gefühl, dort sein zu wollen. Und, glücklicherweise, inzwischen kann ich es auch tun. Und hab es auch schon mehrfach getan. Nicht auf Güterzügen. Oder in geklauten Autos. Aber on the road waren wir nun schon desöfteren. Und werden es immer wieder tun. Denn dieses Gefühl, dieser Drang, stirbt wohl nie. Bin gespannt, was der Film bringen wird. Allerdings werde ich zur Deutschland-Premiere im September nicht dabei sein können. Da bin ich on the road. On the way with Dean Moriarty. And my best friends. Between New York & Boston.

Grenzer sucht Grenzer oder: Da will ich mal gratulieren

Nein. Nicht zum Tag der NVA. Den hab ich früher nicht gefeiert. Und jetzt erst recht nicht. Auch den Tag der Bundeswehr möchte ich nicht feiern. Keinen Feiertag von irgendeiner Armee auf dieser Welt. Mit Ausnahme dieser Army. Nein, gratulieren möchte ich heute den Kollegen von politplatschquatsch. Die mit ihrem Beitrag über die unfassbar-dumme Seite eins der Jungen Welt zum Jahrestag des Mauerbaus einen Preis errungen haben. Genauer gesagt, zwei Preise. Im September 2011 war es der Beitrag des Monats auf Freiheit.org der Friedrich Naumann Stiftung und nun ist ppq Autor der Freiheit 2011. Herzlichen Glückwunsch! Und ein Danke natürlich an die Junge Welt, die mit ihrer saudämlichen Verblödungs-Danksagung letztendlich der Auslöser für jenen Beitrag gewesen ist.

Und weil heute der 1. März ist, möchte ich trotzdem gebührend auf eine interessante Seite im Netz aufmerksam machen, die zu diesem Tag passt. Es ist die grenzwertige DDR-Version von Bauer sucht Frau oder besser Bauer sucht Mann. Auf www.grenzer-sucht-grenzer.de können sich vereinsamte, geschiedene und verwitwete Ex-Beschützer des antifaschistisches Schutzwalls verabreden. In einem Forum können sich DDR-Grenzer näher kommen, über die besten oder meisten Abschüsse plaudern oder gleich zur Sache kommen. Natürlich können eingeloggte (und vorher auf DDR-Grenzer-Herz und -nieren geprüfte) Mitglieder auch über Selbstschussanlagen, Minen und verhinderte Republikfluchten chatten. Eine besondere Ehre sind dann Dates mit den Ehrenmitgliedern GrenzerPaul, Blondi, harsberg oder Larissa1991.

(Das Foto oben ist keine Satire mit Ausbilder Schmidt, sondern ernsthaft ernst gemeint.)

Raritäten aus der Mottenkiste I

Ostrock-Schmachtsong aus der Jugendzeit. Oh ja, ich kenn es noch. Gehörte zu den “Langsam-Tanz-Nummern” in den Diskotheken. Und brachte Pluspunkte in Sachen 60:40 beim Einstufungskomitee des Bezirkskabinettes für Kulturarbeit. 30 Jahre sind seitdem vergangen. Irre.

Gewicht > IQ oder: Woher der Hass wirklich kommt

Das Schöne an freien Tagen mitten in der Woche sind die freien Tage mitten in der Woche. Alle anderen sind schuppern oder klechen und man selbst kann sich eine ruhigen Tag gönnen. Zum Beispiel mit einem heißen Bad nach dem Besuch der Schwimmhalle. Die, nebenbei bemerkt, zu Tageszeiten in der Woche auch etwas leerer ist als zu den verbilligten Früh- oder Spätzeiten, wenn die Nazi-Opas und ihre schwergewichtigen, frisch eingedieselten, Freundinnen auf den Schwimmbahnen im Wege stehen. Nur hier und da ein verirrter Senior in Rückenlage auf dem diagonalen Weg durchs Schwimmbecken.

Das Schlechte an freien Tagen mitten in der Woche ist das schlechte TV-Programm. Wobei das nicht unbedingt vom Tag abhängt. Weil es ja eher ein Dauerzustand ist. Aber besonders an Wochentagen kommen Sendungen im deutschen Fernsehen, die mir sehr suspekt und vor allem zuwider sind. Sendungen, die ich, bisher zumindest, nicht verstanden habe. Beziehungsweise hatte ich bisher den Sinn nicht wirklich verstehen können. Oder wollen. Vor allem bei den sogenannten Reality Soaps war mir lange Zeit unklar, warum jene produziert und ausgestrahlt werden. Und was dahinter steckt. Nun hab ich es aber kapiert.

In jener Reality Soap, die ich mir, an meinem freien Tag, angesehen habe, befinden sich Menschen, deren Intelligenzquotient weit unter ihrem Körpergewicht liegt, in fernen Ländern, die sie auf normalen Weg nie hätten erreichen können, und sollen sich dabei nach Regieanweisung so verhalten, als würden ihre unbeholfenen Bewegungen und ihre unterbelichteten Dialoge mit eben solchen (aber meist schlankeren) Ureinwohnern des jeweiligen Landes, echt sein.  Was natürlich komplett daneben geht. Weil sich unterbelichtete, übergewichtige Sozialempfänger und unterbezahlte arbeitslose Einheimische vor der Kamera natürlich nicht natürlich verhalten können. Sollten sie das doch einmal tun, fällt es nicht weiter auf. Denn man nimmt jeder und jedem ab, die und der da mitmacht, dass sie pder er oder sie alle sich im normalen Leben genauso idiotisch verhalten würden.

Und es funktioniert. Denn sie passen ins Konzept. Weil die Zuschauer, die nicht nach spätestens fünf Minuten genervt umschalten, jene sind, die zwar genauso fett und unterbelichtet sind wie die, die so tun, als ob sie nur so tun würden, aber eben nicht so tun dürfen. Ist ja nicht schlimm. Schlimm ist, dass jene, die das sehen, was die da unten am Mittelmeer tun, bzw. was die da im TV vorgeben, zu tun, denken, das wäre die reale Welt. Da unten, in Südeuropa. Und dann fragt sich die Politik, und der Verfassungsschutz, woher bei manchen Bevölkerungsgruppen eine gewisse Distanz zu Ausländern herkommt. Ja, woher kommt denn dieser Hass? Nicht nur aus der DDR. Das weiß ich nun. Denn ich habe die wirklich wahren Reality Soaps gesehen. Danke, RTL2!

Hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt

Es kommt ja immer mal wieder vor, dass man nicht nur von den guten alten, sondern auch von den weniger guten alten Zeit spricht. So war ich dieser Tage mit einem Freund aus Erfurt bei einem Metalkonzert in einem Berliner Club, währenddessen wir eben auch auf jene Zeit zu sprechen kamen. Und nun, zwei Wochen später, fiel mir auch noch beim aufräumen ein Teil meier Akte in die Hände. Schön, dass man heute darüber lachen kann. Für alle die mitlachen wollen, hier ein paar der schönsten Sätze eines Autors, dessen Authentizität ich bis heute nicht klären konnte. Ich habe Vermutungen, aber die wurden nie so richtig bestätigt. Inzwischen ist es aber auch egal (in Klammern kommentiere ich falsche Behauptungen). Und ab und an kann einem das Lachen auch heute noch vergehen:

Ermittlungsbericht. Halle, den 25. Januar 1988

Politische Haltung, gesellschaftliche Aktivitäten

Der K. erhielt durch seien Eltern eine positive Erziehung im Sinne der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Als Schüler in der Oberschule gehörte er der FDJ an. An der Bezirksmusikschule Halle, dem Konservatorium “Georg-Friedrich-Händel”, erhielt er eine abgeschlossene Ausbildung auf dem Instrument Violine (FALSCH. Violine lernte ich in Merseburg, in Halle lernte ich Gitarre). Während dieser Ausbildung wurde er zu vielen gesellschaftlichen Höhepunkten in der DDR delegiert, um als Musikschaffender teilnehmen zu können (hihihi)…

…Seit ca. 1986 änderte er sich zunehmend ins einem Charakter und in seiner politischen Haltung. Während seiner Lehrzeit war er mit zwei weiteren Lehrlingen mehrere Tage in der VR Ungarn. Im Jugendclub erzählte der K. dann, daß er von dem Konsumgüterangebot in Ungarn erfreut war und er wäre der Meinung daß alles dort viel besser wäre als in der DDR, zumal die vieles aus der Produktion westlicher Länder haben.

In weiteren Gesprächen mit dem K. kam dann zum Ausdruck, daß er sich durch negative Meinungen beeinflussen lässt, ohne dabei die Hintergründe zu erkennen. Zu Veranstaltungen von Volkloregruppen (Folklore mit V geschrieben lässt vermuten, dass es ein Volkspolizist geschrieben hat) reiste der K. oft nach Erfurt (FALSCH. Nach Erfurt fuhr ich meistens zu Feten in der Partywohnung). Selbst erzählte er, daß in seiner Musikgruppe 72 Musiker aus der ganzen DDR mitwirken (da hat einer das Folkfestival mit der Band verwechselt). Viele Teilnehmer sind konfessionell gebunden.

Der K. erzählte dann auch, daß er nur noch seinen Grundwehrdienst ableisten will. Er wäre davon überzeugt, daß man nur noch “Frieden schaffen kann ohne Waffen”. Er will seinen Grudnwehrdienst ohne Waffe ableisten. Auf Hinweise von Jugendlichen, die ihn auf seinen Fehler aufmerksam machten, ging er nicht ein. Es wird von einer Auskunftsperson vermutet, daß der K. von seinen Eltern zu streng erzogen wurde…

…Die Familie K. bewohnt eine 4-Raum-Wohnung in einem Neubau. Alle Zimmer sind modisch und wohnlich eingerichtet. Beim Kauf der Möbel wurden hohe Maßstäbe an den Wert gesetzt. Die Familie ist im Besitz eines PKW Typ “Wartburg” und eines Gartens (FALSCH. Haben wir nie besessen). In den Sommermonaten an den Wochenenden über hält sich vorallem das Ehepaar im Garten auf. Nähere Angaben hierzu wurden nicht festgestellt. Der K. H. (mein Vater) ist oft außerhalb der Stadft Halle beschäftigt und kommt deshalb unregelmäßig und spät nach Hause. Schwatzhafte Situationen wurden bei den Eltern des K. nicht bekannt…

…Seit ca. Oktober 1987 wohnt der K. ständig in Erfurt. Er soll dort bei einem Mitglied der Volkloregruppe wohnen, der ihm auch eine berufliche Tätigkeit verschaffte (FALSCH). Der K. soll jetzt in einer LPG als Reparaturschlosser arbeiten (FALSCH)…

…Eine Auskunftsperson aus seinem näheren freundschaftlichen Umfeld in Erfurt erzählte, daß der K. bei mehreren Gelegenheiten immer wieder davon gesprochen hätte, daß er den Grundwehrdienst verweigern will. Der Auskunftsperson erzählte der K. außerdem, er hätte Kontakte nach dem NSW. Es würde sich um den L. T. und die V. D. aus Limburg handeln. Hierzu hat die Auskunftsperson weitere Ergebnisse erarbeitet und Ermittlungen durchgeführt…