Bahn sechs, kurz nach Sieben

Dienstag früh im Stadtbad Tiergarten. Sechs 50-Meter-Bahnen, 28 Grad Wasser-Temperatur. Draußen ist es schon hell, kurz nach sieben Uhr. Jetzt gelten die preiswerteren Tickets. Die kosten 45 Prozent weniger, man muss aber bis acht Uhr draußen sein. Schwimm-Zeit für Senioren. Oder besser noch Bagger- und Laber-Zeit für Senioren. Manche sind nur deswegen hier. Wie Trudchen. Oder Herbert. Oder Irmgard.

„Na, Herbert hat wohl verpennt?“, fragt Trudchen die Irmgard. Beide (um die 75) haben sich bei Bahn sechs in der Ecke versammelt. Die Ellenbogen locker auf dem Beckenrand, die Brillen (Lesebrillen! Keine Schwimmbrillen!) auf der Nase und natürlich die mit diversen Blümchen-Mustern versehenen Badekappen. „Dit wär dit erste Mal Diesjahr“, antwortet die Irmgard während sie einen Träger ihres Badeanzuges von der Schulter Richtung Hals schiebt.

„Nee, nee. Weeste noch, im Januar? Da kam olle Herbertchen och mal zu spät“, ist Trudchen überzeugt. „Na vielleicht isses ja wejen dem Streik. Die Busse fahrn doch nich“, vermutet Irmgard. „Na dit mit dem Streik, dit jeht mir vielleicht uff de Nerven. Die ham ja woll nich mehr alle!“ Trudchen ist sichtlich sauer. „Stell dir vor, die verdien alle so um de dreitausend Euro. Wat wolln die denne? Dit is soviel wie ick krieje. Und ick hab fuffzich Jahre jeschuftet.“

„Na, na Trudchen. Nu bleib ma uff n Teppich. Jeschuftet is ja woll n bissken übatrieben. Du hast fuffzich Jahre n Haushalt jeschmissen und dein Alta hat jeschuftet“, klärt Irmgard auf. Trudchen schaut erbost: „Na und? Haushalt is och jeschuftet. War nich so einfach, als Frau Stadtrat. Dit kannste glooben. Die janzen Feste und imma dann war dit Haushaltsmädchen krank. So war dit nämlich.“

„Ja, ja, sagt Irmgard. Und jetze biste arm dran. Musste eben mal uff dit Kaffeekränzchen inne Wiener Haus vazichten. Nich immer nur Sahne und Likörchen. Och ma n bissken sparn.“ „Sparn? fragt Trudchen. Für was solln wir noch sparn?“ Beide lachen laut und lange. Dann sagt Irmgard: „Haste och wieder recht. Ick freu mich och schon uff nach dem Baden. So`n schönes Stückchen von der Himbeer-Sahne. Und wenn Herbert doch noch kommt, dann…

„Ach kiek ma, wer da kommt“, unterbricht Trudchen. „Der Herbert.“ Die beiden wollen grad winken, da schläft ihnen das Gesicht ein, Trudchen rutscht die Brille von der Nase, bei Irmgard rutscht der Träger. Denn Herbert ist nicht allein. Herbert hilft gerade einer Dame um die 70 höflich beim Hinabsteigen ins Schwimmbecken. „Ja, was, wie, dit…“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich habe ja noch zehn Bahnen vor mir. Und die Zeit ist knapp. Schließlich muss auch ich um acht draußen sein.

6 Kommentare zu “Bahn sechs, kurz nach Sieben

  1. Dit ding is eifach nur jut jeschrieben. Hab mir glatt vor Lachen uff de Näse jejauen.
    Jute Nach und Gruss aus Berlin

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  5. puh seniorenschwimmstunde
    wenigstens stehen die bei euch am rand… bei uns schwimmen die in geschlossenen reihen die bahnen so langsam rauf und runter das ein vorbeikommen unmöglich ist

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