Die kleine Bomberjacke und das rossmannschleckerblonde Mädchen

Ein Autor vom immer wieder lesenswerten und stets aufs Beste informierten Blog Politplatschquatsch hat sich dieser Tage statt mit dem politischen Deutsch- und Weltgeschehen mit einer Reise ins Gebiet der Oberhavel befasst und seine Beobachtungen für uns aufgeschrieben:

Nebenan macht gerade Plus zu. Und bei Netto stehen sie deshalb doppelt an. Gransee, die Perle des Oberhavelkreises, im Winter 2009. An der Kasse drei lebendige Skinheads, wie sie außerhalb der Brandenburger Pampa nur noch in der Fantasie von Mittweidaer Oberschülerinnen und Passauer Polizeipräsidenten ihr glatzköpfiges Unheil treiben. Die hier sind überfällig. Einer trägt schon Versicherungsvertretermantel. Die anderen sind jünger, aber bester Laune.
„Was wollt ihr“, fragt die Kassierein, ein rossmannschleckerblondes Mädchen, das in längst vergangener Zeit eine prächtige Brandenburger Bauersfrau abgegeben hätte. „Eene Handynummer und zwee Schachteln F6“, sagt die kleinste Bomberjacke fröhlich. „Nee, Handynummer hamwa nich“, höhnt das Kassenmädchen ohne eine Sekunde Nachdenken zurück. Routine im Netto Gransee, wo die Kunden immer noch ladenneue Einstrich-Keinstrich-Wattejacke aus NVA-Beständen auszuführen haben, wenn sie nicht lieber zur praktischen vietnamesischen Jogginghose greifen.
Draußen vor der Tür schauen vier langhaarige Jung-Granseer dem Untergang der Stadt zu. Wer hier nicht zum Baumverschneiden kommandiert ist oder im Bestattungsinstitut arbeitet, ist Tourist oder er läuft mit traurig gesenktem Kopf durch eine historische Innenstadt, der die Fördermittelmillionen aus jeder Pflasterritze quellen. Wenn das hier schon das Leben ist, was machen dann die Toten? Der Chef vom Fotoladen kennt sich aus: Ein USB-Kabel will die Dame aus Bayern? „Das kaufen Sie mal besser zu Hause“, rät der Mann, „denn wenn es nicht das richtige ist, können Sie es ja nach dem Urlaub bei uns nicht mehr umtauschen!“
Höflich und freundlich sind sie hier. USB-Kabel aber hat er eigentlich sowieso gar nicht. „Vielleicht bei Retzer?“ Auf jeden Fall nicht bei Peter Schmidt, der einen Haushaltwaren- und Elektroladen mit Original-DDR-Leuchtreklame über der Tür betreibt. Die Leuchten funktionieren nicht mehr. Aber Schmidt weiß auch nicht, was das ist, ein USB-Kabel. „USB?“ Der Mann wird zum Fragezeichen. USA kennt er. USB? Kabel immerhin hat er verstanden, und dafür gibt es hier, inmitten von angegrauten Kühlschränken, verstaubten Zimmerpropellern und Kisten unbekannten Inhalts, auch ein Regal.
Mit allerlei Elektrokabeln, laut Beschriftung sämtlichst ohne USB. „Nicht mal USA ist dabei“, deutet Schmidt die Lücke im Angebot zum Triumph um. „Am besten, Sie gehen zu Retzer“, empfiehlt er ein bisschen traurig, nicht seinetwegen, sondern wegen der Kundin. „Wenn ichs gehabt hätte, wärs nämlich billiger gewesen.“ Allerdings, freut sich der kundige Ladeninhaber, „ist es ja genau deshalb wahrscheinlich schon weg.“
An der Ecke zum Markt, auf dem ein paar lustlose Pakistani seltsame Kopfbedeckungen anbieten, stehen ein paar ältere Männer beisammen. Kurz vor Retzer, bei dem eine rosmmannschleckerblonde Tresenkraft einem rüstigen Senioren gerade die Handykarte per SMS auflädt. Die Zukunft ist angekommen an der Oberhavel. USB-Kabel liegen hinten links. Draußen winken die älteren Männer dem Bofrost-Laster zu, der vorbeifährt und Kühlnahrung bringt. In Gransee sind null Grad.
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Eine Antwort zu “Die kleine Bomberjacke und das rossmannschleckerblonde Mädchen

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