Wär er doch in Düsseldorf geblieben oder 30 Jahre ohne Mauer sind genug

In München müssen Biergärten schließen, in London werden ganze Kneipen geschlossen und abgerissen. In Berlin muss ein Klub nach dreißig jahren dicht machen. Nur weil sich ein Nachbar gestört fühlt. An den Gesprächen der Gäste, an den Geräuschen der Autos, an der Lautstärke der Musik. Jeder, der schon einmal wegen solchen Lärms nicht schlafen konnte, wird dies verstehen.

Was man jedoch nicht verstehen kann, ist, warum solche Leute dann in die Nähe von Kneipen oder Klubs ziehen? Warum sind sie nicht draußen geblieben? In ihren Einfamiliendoppelhaushälftenhäusern auf ihren Käffern in Schwaben oder Brandenburg? Dort, wo sich Fuchs und Einöde Gute Nacht sagen. Wo die Bürgersteige, falls vorhanden, pünktlich um 19 Uhr hochgeklappt werden. Da, wo es schön ruhig ist. Wo man den Nachbar hinterm Drei-Meter-hoch- und- einen-Meter-tief-Sicherheitszaun husten hört.

Oder vielleicht kommt der Nachbar des SO36 auch aus Düsseldorf. Aus so ner Nobelgegend am Stadtrand. Hat nen Manager-Job in Berlin bekommen. Und ne Wohnung in Kreuzberg. Weil´s in ist. Weil man hier die Stadt spürt. Den heißen Atem Berlins. Aber dazu gehört auch die Szene. Inklusive Punkschuppen, Konzerthallen, Musikklubs. Aber sowas gibt es wohl nicht im noblen DDorf. 

Das SO36, worum es hier geht, wird jetzt 30 Jahre alt. Seit 30 Jahren gibt es hier, mitten in Kreuzberg, Punk, Metal & Rock. Eins gab es sogar Politkrawalle. Immer noch ist das SO36 ein Klub mit Haltung. Links, antirassistisch, antisexistisch, antihomophob. Zu lesen gleich am Eingang. Hier gab es sagenumwobende Konzerte von Bands wie Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten und Festivals wie „Berlin Atonal“. 1983 gab es ein Zwischenspiel als türkisches Hochzeitshaus, dann die Besetzung durch das Kulturzentrum „KuKuck“, 1987 dessen Räumung und seit 1990 die Wiedereröffnung durch den Verein SO36. Ein Klub also, wie es ihn  kaum ein zweites Mal gibt.

Und der muss jetzt wegen der Beschwerden eines Hinzugezogenen schließen. Weil er durchs Küchenfenster störenden Lärm hört. Durchs Küchenfenster! Der Klub hat ein Schallschutzfenster angeboten. Oder ne andere Wohnung. Abgelehnt. Nun müssen die Klubber 80.000 Euro für ne Schallschutzmauer aufbringen. Die sie nicht haben. Denn solch ein gemeinnütziger Verein darf ja keine Rücklagen bilden. Ohne Mauer gibt´s Konzerte nur noch in Zimmerlautstärke. Dann kann der nette Nachbar sein Küchenfenster offen lassen und mithören. Allerdings bezweifle ich, dass jene(r) NachbarIn auch nur eine Band kennt, die im SO36 spielt oder jemals gespielt hat.

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2 Antworten zu “Wär er doch in Düsseldorf geblieben oder 30 Jahre ohne Mauer sind genug

  1. Da fällt mir ein Song von Bernies Autobahn band ein: HR3 wünscht Guten Morgen. Darin heißt es u.a. „Raus die Hippies, raus die Roten, Straßenm usik wird verboten, was lasst Ihr Magistrate denn noch übrig. Lauter Streber, alle gleich, Magenkrank und ziemlich bleich, vor Arbeitseifer immer etwas fiebrig.“ Wird wieder Zeit für Widerstand!

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  2. Sehr gut geschrieben! Wir sind glücklicherweise nicht gerade wenige, die es so sehen 😉 lg Chris – http://so36bleibt.blogsport.de/

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