Revolution in Karow

 

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Ansagen werden hier schon lange nicht mehr gemacht. Das Häuschen der Bahnsteigaufsicht am S-Bahnhof Berlin Karow steht leer. Sich selbst und den Fahrgästen überlassen, verkommt es immer mehr. Auch geht hin und wieder mal eine Scheibe zu Bruch. Nachts, wenn die angetrunkene Jugend aus der City ins beschauliche Noch-zu-DDR-Zeiten-gebautes-Einfamilienhaus-Karow zurückkehrt. Oder auch manchmal am Tag. Normal in Karow und auf allen anderen Aufsichtslosen Bahnhöfen.

Nicht jedoch am 2. Mai. Da ist eine zerbrochene Tür-Scheibe natürlich nicht normal. Denn in der Vornacht war ja schließlich Revolution in Berlin.  Die Schlacht am 1. Mai. In Kreuzberg und Friedrichshain. Und in Karow. Ganz sicher. Hier, zwölf Kilometer oder 40 Minuten S-Bahnfahrt entfernt vom Epizentrum der Krawallnacht.

Es ist Sonntagfrüh. Ein Ehepaar und eine Frau, alle um die 70, warten in Karow auf die S-Bahn Richtung Innenstadt. Da entdeckt das Ehepaar die Glasscherben neben dem Aufsichtshäuschen. Sagt sie: „Wilhelm, kiek ma, schon wieda hamse die Tür zertrümmert. Diese Vollidioten.“ Sagt Wilhelm: „Und die janzen Kippen hier. Man sollte dit allet verbieten. Kippe uffn Bahnsteig, fuffzich Euro Strafe. Scheibe einschlagen, tausend Euro.“

Da mischt sich die auf dem Bahnsteig alleinstehende Frau ein: „Dit waren bestimmt die Krawallos. Die Chaoten. Janz Kreuzberg hamse in Schutt und Asche jelegt. Und jetze kommen die och noch hierher. Eine Schande ist dit. Kriminelle bei uns hier, eine Schande.“

Wilhelm schüttelt mit dem Kopf. „Recht hamse. Wenn ick die schön höre. Revolutionäre nennen sich die. Dit sind Kriminelle, einjesperrt jehörn die alle. Kurzer Prozess, ohne Gnade. Und unter uns: Vor 89 hätte es das nicht jejeben.“ Antwortet seine Frau:  „Ja Wilhelm, vor 89 habt ihr ja och noch für Ruhe und Ordnung jesorgt.“ Sagt die andere Frau: „Damals gab es auch noch die Bahnsteigaufsicht. Und keen Krimineller hätte es jemals auch nur jewagt hier in Karow zu randalieren.“

Hinter den Dreien scheppert es. Ein Mann mit orangefarbener Jacke und Besen und Schaufel macht den Bahnsteig sauber. Er fegt auch die Scherben der zerbrochenen Scheibe weg und sagt in die Runde: „Da bin ick vorhin aus Versehen mit dem Besen dranjekommen und da ist die Scheibe zu Bruch jejangen.“ Die drei drehen sich weg. Und Wilhelm sagt: „Aba die Kippen hier, die sind bestimmt von die kriminellen Revultionäre.“

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