Schwere süße Blonde

Ob er sich denn wirklich sicher sei, fragte ich meinen Besuch aus Hamburg, sich mit mir auf dem Kurfürstendamm auf einen Kaffee zu treffen. Warum nicht, fragte er. Ein lauschiges Plätzchen unter Sonnenschirmen, lecker Kaffe und die ganzen Leute, die da vorbeischelndern.

Wir trafen uns in einem Café am Kudamm. Kurz nach dem Mittag. Hallo, wie gehts, alles schön? Die ersten Minuten waren dann auch tatsächlich lauschig, schattig und auch ruhig. Bis auf den normalen Verkehr eben. Doch dann ging es los. Zuerst stürmte eine Gruppe russischer Touristen, oder auch russischer Berliner, die Caféterrasse. Da sie zu zeht waren, schoben sie erst einmal mit lautenm Gepolter drei Tische zusammen. Ohne natürlich vorher die bedienung zu fragen. Das Gesicht der Kellnerin dazu sprach Bände. Die Bestellung war denn auch genauso lautstark, dafür um so kürzer: Deutsches Bier, dawai, dawai.

Gerade als sich die Lage an der deutsch-russischen Front etwas beruhigt hatte, raste ein flaches rotes Auto auf dem Kudamm vorbei. Mit einer Lautstärke, die es mit jedem Jet hääte aufnehmen können, mit einer Geschwindigkeit, die garantiert die Fleppen gekostet hätte. Zum Glück isser schnell vorbei, dachten wir gerade, da fuhr er auf der Gegenfahrbahn wieder vorbei. Rrrrreng, rrrreng, klang es vor der nächsten roten Ampel. Mister Ferrari fuhr noch zehn Mal vorbei. Aus jeder Richtung.

Wir hatten etwa zehn Sekunden Ruhe. Dann stellte sich auf den einzig freien Parkplatz vor dem Café ein Mercedes. Goldfarben, Breitreifen, tiefer gelegt. Drin ein Typ mit Goldkettchen, Schnauzbart, Sonnenbrille, Rolex-Imitat. Er lächelte kurz in unsere Richtung, öffnete elektrisch die Fenster und drehte gleichzeitig am Lautstärkeknopf seiner vermutlich 500-Watt-Anlage. Ich weiß nicht, was da zu hören war, denn mit solchem Krach beschäftige ich mich nicht. Es war aber wohl so etwas wie Bushido. Wumm, Wumm, Wumm, bla bla bla, wumm wumm, bla bla, wumm, bla, bla, bla. „Isch bin isch bin isch, was wüllscht du, isch.“ So ähnlich. Nur schlimmer noch.

Unseren Russen war das wohl zu laut, sie schmissen ein paar Zehn-Euro-Scheine auf den Tisch und verließen das Lokal ohne vorher die Rechnung bestellt zu haben. Die Kellnerin schwankte zwischen Wut, Freude und Tränen. Dann fuhr auch noch der Goldkettchen-Wumm-Bla-Benz weg. Und endlich hatten wir wieder Ruhe. Aber auch nur für wenige Minuten.  Denn die Ex-Russen-Tische waren binnen weniger Minuten wieder besetzt. Mit Frauen eines Kaffekränzchens. Jede etwa 100 Kilo schwer. Ebenso lautstark wie unsere russischen Freunde debattierten sie über den Kaloriengehalt der angebotenen Kuchen und Torten. Und dass man sich heute wohl mal zurückhalten wolle, mit den fetten Torten. Das haben sie dann auch getan. Schoko-Kirsch-Torte ohne Sahne, Sacherschnitte ohne Sahne. Aber den Kaffee bitte mit. Mit Sahne und Zucker. Schließlich seien sie doch keine Schwarzen, kicherte die Schwerste unter ihnen. Sondern süße Blonde.

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3 Kommentare zu “Schwere süße Blonde

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