Hoch lebe der Vorgang

Finanzamt Pankow Weißensee. Klärung einer mutmaßlich unberechtigten Forderung. Die Pförtnerin schickt mich ins Zimmer 12a. Da ist aber niemand. Vermute ich zumindest. Denn die Bürotüren scheinen so dick zu sein, dass man entweder drin das Klopfen nicht hört, oder man versteht draußen das „Herein“ nicht. Ich klopfe etwas lauter. Eine Nachbartür geht auf, eine 150-Kilo-Beamtin schaut entsetzt in meine Richtung. Sie müssen hier aber nicht gleich randalieren. Worum gehts denn? Ach dit? Tja, da müsse ich wohl in den vierten Stock, ins Zimmer 4064, immer rechts halten.

Im Aufzug weitere zwei Beamtinnen, gleiches Gewicht wie die Dame eben. In den Armen halten beide zenterweise Aktenordner. „Vorgang XIII/23/2006“ kann ich auf einem erkennen. Meine Hoffnungen auf schnelle Klärung meiner Angelegenheit schwinden. Denn da wartet wohl jemand seit 2006 auf eine Klärung. Vierter Stock, Zimmer 4064. Im Büro ein Beamter, der wohl noch etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt als seine Kolleginnen. Ist ja auch kein Wunder, wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt. Die armen Menschen.

Doch auch dort bin ich falsch. Nachdem, mit gutem Zureden, der Rechner endlich angegangen ist (wieso war der eigentlich aus?), und der Herr meine Daten beim dritten Mal richtig eingetippt hat, sagt er mir, dass ich damit zu seiner Kollegin müsste. Aber er wisse nicht, ob sie denn noch da wäre. Zimmer 3086, dritter Stock. Okay, denke ich, das wird heute nichts mehr. Ist ja auch Freitag. Was habe ich mir dabei nur gedacht?

Auf dem Weg begegnen mir zwei schlanke Beamte. Was machen die denn hier? Ach so, sie verteilen Aktenornder mit Vorgängen im ganzen Haus. Die laufende Hauspost sozusagen. Manchmal auch über die Treppe. Da bleibt wenig Zeit zum Dickwerden. Im dritten Stock erfahre ich, nachdem wieder zuerst der Rechner hochgefahren werden musste, dass ich ins Zimmer 12a muss, Erdgeschoss. Aber da komme ich doch her! Ach so, der hat sie geschickt? Zu mir? Nein, nicht zu Ihnen. Zuerst in den vierten Stock. Ach so, nee, dit is falsch.

Nach drei weiteren Büros, in drei verschiedenen Etagen, ist aber endlich klar – die Forderung ist unberechtigt. Ich könne nun schriftlich dagegen vorgehen. Schriftlich? Wozu bin ich denn hergekommen? Naja, wissen se, dit ist n Vorgang. Und der Vorgang kann nich einfach so jelöscht werden. Der muss abjearbeitet werden. Vastehnse? Ja, ja, ich verstehe. Erst jüngst erzählte mir meine Steuerberaterin den ersten und wichtigsten Grundsatz bei den Ämtern: Hoch lebe der Vorgang.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Hoch lebe der Vorgang

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s