StraßengesCHichtE I

Die Straße war lang, schien endlos zu sein. Laternen links und rechts tauchten die Gehwege spärlich in weißes, kaltes Licht. Nur ab und an gab es eine mit dem warmen orange-farbenen Licht. Etwa jede neunte, wie ich beim Zählen feststellen konnte. Warum ausgerechnet jede neunte? Keiner wusste eine Antwort darauf. Aber es hatte auch niemand danach gefragt.

Auch die Hausnummern präsentierten sich je nach Verfassung des Gebäudes grell, bunt, hell oder dunkel. In den Hauseingängen der sanierten Gründerzeit- und Jugendstilbauten schienen sie fast heller als die Straßenlaternen. Fast wie mit Stolz schienen sie sagen zu wollen: Hier ist die Hausnummer 65. Und hier die 58. Andere wiederum hatten es schwer, ihre Nummer überhaupt erkenntlich zu zeigen. Ganz schwach nur leuchteten 20-Watt-Birnen hinter lange nicht mehr geputzten Scheiben. Einige Häuser gar wollten ihre wahre Nummer wohl nur bei Tageslicht zeigen.

An der großen Kreuzung war ein Lokal. „Grill-Restaurant“ stand in großen Lettern daran. Vor der Tür zwei verlassene Tische. Mit verlassenen Stühlen, halbleeren Tellern und ausgetrunkenen Gläsern. Ein voller Aschenbecher und eine zerfledderte Tageszeitung leisteten ihnen stumm Gesellschaft. In einem Fenster des Lokals blinkte ein rotes „Open“-Schild vor sich hin. Dahinter weiß-gelbe Gardinen, in denen sich wohl unerwünschte Blicke verfangen sollten.

Die Tür war geöffnet. Dort stand ein Mann in Jeans und Hertha-die-Aufholjäger-T-Shirt. Rauchend.  Und telefonierend. Zumindest hatte er ein Handy in der Hand, drückte es an sein linkes Ohr und schien zu lauschen. Was die oder der am anderen Ende erzählte. Schließlich schnippte er die Kippe auf die Straße, drehte sich um und ging ins Lokal. Eine Katze, die schon eine ganze Weile unter einem der Außentische gelauert hatte, nutzte die Situation und erwischte gerade noch den Spalt zwischen Rahmen und der sich schließenden Tür, um ins Innere zu gelangen.

An der Bushaltestelle standen drei junge Typen. Tuschelnd. Kapuzenjacken, weite Jogginghosen, Turnschuhe. Blicke zu mir. Alle Raubüberfälle und Auf-Busfahrer-Attacken dieser Gegend der letzten Monate gingen mir durch den Kopf. Wieder diese Blicke. Dann sprach mich einer an: Feuer? Ja, klar, kein Problem. Als das Zippo aufflammte, sah ich in ein Jungengesicht. Fast noch ein Kind. Nicht viel länger als 12, 13 Jahre auf dieser Welt. Die Hand mit der Filterzigarette zitterte leicht. Danke. Und einen schönen Abend noch, sagte das Milchgesicht.

Später stiegen die Jungs zusammen mit mir in den Bus. Jeder zahlte sein Fahrgeld. Passend. Ich hielt meine Monatskarte hoch, setzte mich ganz nach hinten. Als der Bus losfuhr, schaute ich zurück. In die lange, endlos scheinende Straße. Einige der Straßenlaternen waren inzwischen ganz aus, einige andere flackerten. Als wollten sie sich verabschieden und sagen: Bis bald mal wieder. Warum nicht? Na klar! Bis bald mal wieder, Wildenbruchstraße. In Berlin Neukölln.

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2 Antworten zu “StraßengesCHichtE I

  1. schöne momentaufnahme! fast wie ein foto

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  2. Toll geschrieben, sehr atmosphärisch, danke!

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