Kauzige Milliarden-Ideen

Die Brille versteckt sein halbes Gesicht, die Haare wirbeln irgendwo herum, Anzug und Krawatte sitzen perfekt. E-Mails verschickt das Superhirn nicht so gern, schreiben auf der Tastatur lehnt Professor Eberhard Herter komplett ab. „Wozu sonst haben wir denn die Gabe bekommen, mit der Hand zu schreiben?“, fragt der kauzige Professor, wie er gern von seinen ehemaligen Studenten genannt wird. Genialer Professor oder Superhirn, sagen andere. Es wird wohl irgend etwas dazwischen sein.

Es war vor sechs Wochen.  Eberhard Herter war in Berlin und wollte unbedingt mit mir reden. Der Mann aus Esslingen am Neckar sagte, er habe da eine Milliarden-Erfindung in der Aktentasche. Milliarden? Genau, Milliarden. Gemessen an dem UMTS-Deal der Telekom sei seine Erfindung 56 Milliarden Euro Wert. Und ich könne was abhaben. Genau das Richtige für mich. Allerdings habe ich bis heute nicht verstanden, was er erfunden hat. Deshalb bat ich einen Experten, mir das zu erklären. Hier also:

1. Du hast einen Festnetzanschluss und einen Handyvertrag gekauft und bezahlt (incl. der versprochenen DSL- oder UMTS-Datenübermittlungsraten).

2. Herters Erfindung beinhaltet, dass jeder, der Punkt 1. erfüllt hat, seinen Anschluss per Funk jedem kostenlos zur Verfügung stellt, der gerade in der Nähe ist. (Da kann der illegale Download einer geilen Mugge im schlimmsten fall schon mal länger dauern).

3. Wenn alle (weltweit) freiwillig mitmachen, dann mag das gehen, aber ich bin Egoist. Ich bezahle DSL12.000 und bekomme nur maximal 3000. Warum soll ich das auch noch teilen?

4. Der Herr Professor hat hier die Frequenzen der langsam aussterbenden AM Radiosender im Auge – sicher eine Idee, aber wer teilt schon seine bezahlte Radiofrequenz?

5. Es ist eine psychologische Schwelle eingebaut. Zumindest europaweit alle oder keiner – (warum soll ich gerade als erster meine bezahlten 12.000 DSL und tatsächlich nur ankommenden 3000 DSL auch noch kostenlos mit Fremden teilen?)

Fazit: Die Idee vom Herrn Professor ist gut und technisch realisierbar, aber  der globalisierte Mensch nimmt das, was vor über 100 Jahren als die bessere Variante umgesetzt wurde als praktikabel an.

So denkt wohl auch die Bundesregierung, die „meine geniale Erfindung nicht einmal geschenkt haben will“, so Herter. Denn der gute Mann wollte den Milliarden-Deal eigentlich mit der deutschen Regierung machen. „Lediglich ein Prozent der Gewinne hätte ich für mich beansprucht“, behauptet der Professor. Nun, auch daraus ist nichts geworden. Aber vielleicht ist der neue Bundespräsident interessiert. Herter jedenfalls schreibt weiter Briefe an mich. „Ortung und Navigation“, heißt der neueste, den ich auch wieder nicht verstanden habe. Ich glaube aber weiter an ihn. Denn die Hoffnung auf ein paar Milliarden Euro stirbt bekanntlich zuletzt.

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