Bilder aus der Fotokiste V

Ein Abend in der Engelsburg. 1987 gehörte der Studentenclub in der Altstadt von Erfurt noch zur Med-Ak, zur Medizinischen Akademie. Glücklich, wer einen Studentenausweis hatte, ebenso wer im Besitz eines Med-Ak-Ausweises war. Denn nur die durften rein, jeweils in Begleitung eines Gastes. Besonders die Faschingsveranstaltungen mit der Aufführung von teils subversiven Kleinbildkamera-Filmen, mit Party durch die Nacht und jeder Menge Alkohol waren beliebt und meistens lange vor Beginn ausverkauft. Die Engelsburg, damals eine Institution. Nur wer rein kam, war dabei. Nur wer dabei war, konnte mitreden. Wem der Einlass verwehrt wurde, der war „raus“.

Oder aber man spielte selbst in einer der Bands, die regelmäßig dort auftreten durften. „Schreihals“, das waren wir. Folklore, dass es schaurig von den Bergen widerhallt. Räuber- und Soldatenlieder, Vagabuntentexte und Tänze, gespielt mit Gitarre, Mandoline, Geige, Akkordeon, Dudelsack und Flöte. Zum Warmwerden und gegen das Lampenfieber gab´s Aromatique. Aus der Flasche. Mit kleinen Schnapsgläsern gaben wir uns erst gar nicht ab. Und natürlich gab es auch eine Gage. 150 Ostmark, berechnet an der Höhe unserer „Sonderstufen-Einstufung“ als „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“. Aus heutiger Sicht betrachtet eine Frechheit. Uns Volkskunstkollektiv zu nennen. Aber so waren sie nunmal, die Castings zu DDR-Zeiten.

In der Jury saßen keine Schlagersänger, keine Topmodels und auch keine Plattenproduzenten. Die Jury hieß Kommission und kam vom BKA, vom Bezirkskabinett für Kulturarbeit. Alle Bands, alle Folkloregruppen, alle Volkskunstkollektive, mussten sich den Damen und Herren stellen. Bei den Rockbands achtete man streng auf das 60/40-Verhältnis. 60 Prozent aller Titel mussten aus dem Ostblock stammen, der Rest durfte aus dem Westen sein. Bei uns achtete man eher auf „verbotene“ Texte. Nicht jedes Soldatenlied aus dem 30-Jährigen Krieg war erwünscht. Nicht jedes Kirchenlied ein Brüller. Und so musste man vorsichtig abwägen, welche Lieder man sich zur Einstufung erlauben konnte. Dabei natürlich auch die Herren von der Stasi. Nicht offiziell, aber eben irgendwo im Publikum. Und doch cdeutlich zu erkennen an ihrem Kurzhaarschnitt, ihren Kunstlederjacken. Später einmal, als der Sozialismus schon wankte, als im Landtechnisches Instandsetzungswerk Erfurt die Erfüllung des Schrottplanes höhere Priorität als die Erfüllung des Produktionsplanes hatte, begrüßte einer unserer Mitstreiter zuerst das Publikum und dann „noch die Herren, die heute dienstlich hier dabei sein dürfen“. Wonach zwei Kurzhaarige „unauffällig“ den Saal verließen.

Schwer hatten es auch Metal- und Hardrockbands. Da hatten die Kommissionen der Bezirkskabinette keine entsprechenden Vorlagen auf ihren Formularen. Bei einer dieser Hardrockbands schrieben jene dann ins Einstufungsprotokoll: Soulmusik mit Free-Jazz-Elementen.

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