Deutsches Demokratisches Wortgut V

„Guggse dich an, de Schichtbrote, wiese zum Belzerzuch hetzen.“ Ein Satz, den ich wohl nicht mehr vergessen werde. Obwohl es an die 30 Jahre her ist, als er ausgesprochen worden ist. Nach einer durchzechten Nacht im Jugendklub. Wir waren bei einem der Mitfeiernden gelandet, der eine Einraumwohnung hatte. In der zehnten oder elften Etage. Mit Bier im Kühlschrank. Mit Blick auf die Magistrale. Die Straße, die Halle Neustadt einmal von Ost nach West durchquerte. Und die Blockstadt so in ihre Wohnbezirke teilte. Und mit Blick auf den Halle Neustädter Bahnhof. Zurück zum Schichtbrot. Damals nicht die Bezeichnung für ein Brot mit mehreren Schichten Käse und Wurst und Brot. Ein deutsches Sandwich sozusagen. Heute schon. Das Fressnet ist voll mit Rezepten für ein Schichtbrot. Damals waren die Zutaten einfacher. Ein Mensch, der in Schichten arbeitet. Das war´s. Zum Beispiel in zwei Schichten. Früh und spät.

Oder in drei Schichten. Wie wir damals. Beim Volkseigenen Betrieb Metalleichtbaukombinat Werk Halle. Eine Woche Früschicht, von 6 bis 14 Uhr. Die Folgewoche Nachtschicht. Von 22 bis 6 Uhr. Danach dann Spätschicht, 14 bis 22.  Früh, Nacht, Spät. Diese Reihenfolge. So gewählt, weil man (bei der Reihenfolge Früh, Spät, Nacht) zwischen  der Nachtschichtwoche (endete Samstagfrüh 6 Uhr) und der darauf folgenden Früschichtwoche (begann Montag 6 Uhr) zu wenig Freizeit gehabt hätte. Am schönsten waren deshalb die Wochenenden zwischen Früh- und Nachtschicht. Die dauerten von Freitag 14 bis Montag abend 22 Uhr. Es war eben nicht alles. Und schon gar nicht schlecht.

Schichtbrote waren wir aber nicht wirklich. Schichtbrote, das waren die armen Schweine, die in den Chemischen Werken Buna oder Leuna in einem komplizierten Vier-Schichtsystem knuffen (arbeiten) mussten (auch Buna- oder Leuna-Belzer bzw. -Pelzer genannt. Wobei aber nicht alle Belzer auch in Schichten arbeiteten). Wenn ich mich recht entsinne, waren das 12-Stunden-Schichten. Jeweils von sechs bis achtzehn, bzw. achtzehn bis sechs Uhr. Begann man als Schichtbrot am Wochenanfang, hatte man am Montag Tagschicht und ging dann Dienstagabend bis Mittwochfrüh in die Nachtschicht. Donnerstag wieder Tagschicht, in der Nacht von Freitag auf Sonnabend wieder Nachtschicht. Dann waren der Sonnabend, der Sonntag sowie der Montag frei. Dienstag begann das Schichtspiel von Neuem. Warum sich das wer auch immer ausgedacht hatte, es funktionierte für rund 50.000 Chemiearbeiter im Chemiedreieck Halle, Merseburg, Bitterfeld. 50.000 Schichtbrote. Und die meisten wohnten in Halle Neustadt. Von wo aus sie dann im Belzerzuch vom unterirdischen Bahnhof zur Kleche (Arbeit) fuhren. Was wir nach durchzechten Nächten von jener Wohnung aus beobachten konnten. Also wir sahen die Schichtbrote, wie sie zu Tausenden in den Bahnhof strömten. Und heraus. Schichtbrote, Teil fünf in der bpb-Serie Deutsches Demokratisches Wortgut. Wer wissen will, was ein Belzerzuch war, kann dies hier nachlesen.

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2 Antworten zu “Deutsches Demokratisches Wortgut V

  1. Pingback: Pelzerzug auf Abstellgleis « block330

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