Am Ende des Schalters

Berlin hat eine neue Touristenattraktion – das Postbankfilialerlebniscenter. Dank der Übernahme fast aller ehemaligen Post-Stemplerkirchen verfügt das  Geldaufbewahrungstouristikunternehmen nach eigenen Angaben nun über mehr als 80 Filialen in der Hauptstadt. Die letzten gebliebenen vier „echten“ Postämter werden noch in diesem Jahr in „Geschäfte des Einzelhandels mit Dienstleistungen der Post“ umgewandelt. Erste Tests von Tourismus-Experten haben nun ergeben: Es ist ein Vergnügen, ein Postbankfilialerlebniscenter live erleben zu dürfen. Besonders vor und nach Feiertagen empfiehlt sich ein Besuch eines der modernen Finanzspielwelten.

Und weil manchmal weniger mehr ist, sind die Center natürlich rar und über die ganze Stadt verteilt. 80 Postbankfilialerlebniscenter, das ist immerhin eine Filiale für je 40.000 Einwohner. Und so drängelte sich in der Charlottenburger City am ersten Werktagt 2011 der halbe Bezirk ins Center in der Joachimsthaler Straße. Besonders die Mittagspause wollten am 3. Januar viele, so auch ich, nutzen, um Briefe abzugeben, Pakete abzuholen, die neueste Briefmarkensammlung zu erhaschen oder um ihre Postbankgeschäfte zu erledigen. Auch die wenigen Angestellten des Centerns nutzen die Mittagspause. Für die Mittagspause. So ging der Spaß denn auch gleich hinter der Eingangstüre los. Genau dort, wo die eine Schlange begann, die sich, außerhalb des Blickfeldes, bis zu dem einem geöffneten Schalter schlängelte. Nein, falsch. Es gab noch zwei weitere geöffnete Schalter. Aber dazu später.

Zurück zum Spaß hinter der Eingangstüre. Steh ick richtich für die Pakete? Fragt ein kleiner Mann mit Glatze, Brille, Bauch und Paket unterm Arm. Oda machen die hier nur Sparbuch? Unwissendes Schulterzucken umher und vom autorisierten Centerpersonal keine Antwort. Denn das ist ja in der Pause. Na ick steh hier wejen dit Sparbuch für meinen Enkel, antwortet dann doch noch ein Dame mit Pelz, Hut und Louis-Vuitton-Täschchen. Da hatte sie was gesagt. Nee, da wo Sie stehn jibts nur Briefmarken, mischt sich ein großer, hagerer Mann ein und tippt dabei wissend auf sein großes Briefmarkenalbum, das er nun halb geöffnet über seinem Kopf in die Runde hält. Mal in die eine, mal in die andere Richtung, so wie der „vierte Offizielle“ beim Auswechseln am Rande eines Fußballfeldes. Dit ist halt der neue Service in die neuen Postcenta. Für allet nur eene Schlange, weiß ein Mann mit Bart, Sporttasche und Sankt-Pauli-Mütze.

Falsch. Denn wenige Meter und eine gute halbe Stunde weiter teilt sich die Schlange in drei Wartegruppen. Links in Richtung Philatelistenschalter. Ein Schild warnt: „Keine Pakete, nur Marken und Briefe“. Die meisten Wartenden entscheiden sich aber für die Mitte, hoffend auf alle Dienstleistungen. Irrtum. Dort gibt es vier Schalter, von dem einer geöffnet ist. Und wieder ein Warnschild: Alle Dienstleistungen Post und DHL, keine Bankgeschäfte. Rechts schließlich der Postbankschalter, mit ohne Postdienstleistungen, nur Bankgeschäfte. Jetzt sind Entscheidungen gefragt. Zuerst das Paket abgeben und dann Geld vom Sparbuch abheben? Oder erst Briefmarken kaufen und dann zum Paketschalter? Doch das ist egal. Das wunderbare Service-Konzept der Postbankfilialerlebnsicenter sorgt dafür, dass man, egal welchen Weg man geht, am Ende des Schalters immer wieder in der Gemeischaftswarteschlange am Eingang landet. So darf man das großartige Erlebnis mehrfach hintereinander genießen. Und nicht nur die Mittagspause ist dann vorbei. Nein, man kann gleich nach Hause fahren. Denn die Kollegen haben längst Feierabend gemacht.

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Ein Kommentar zu “Am Ende des Schalters

  1. Das ist schon alles eine Frechheit, zum Glück bin ich kein Postbank Kunde ansonsten hätte ich mir jetzt aus Protest eine andere „Bank“ suchen müssen. Sollten vielleicht alle Postbankkunden mache 😉

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