Es geht immer noch um die (Jagd)Wurst

Ja, es ging schon immer und geht noch immer um die Wurst. Das größte Missverständnis zwischen Ost und West kommt auch im Jahr 2011 immer noch aus der Küche. Dabei ist es nur eine Scheibe Wurst. Andererseits ist es eine Scheibe Fleisch. Das Jägerschnitzel. Drüben (West) ein Schweineschnitzel nebst Pilzen in Rahmsoße, wahlweise Pommes oder Kroketten dazu. Beliebt und angeboten in allen gaststätten mit „gut bürgerlicher Küche“ und auch so mancher Wirt mit Migrationshintergrund nahm des Deutschen Lieblingsschnitzel auf seine internationale Speisenkarte.

Hüben (Ost) verbirgt sich ein gänzlich anderes Gericht hinter dem Jägerschnitzel. Es war und ist eine schnöde Scheibe Jagdwurst, immerhin auch paniert, dazu gibt es Spirelli (oder Makkaroni) sowie Tomatensoße. Serviert wurde das Gericht damals meistens in den Schul- und Betriebskantinen. Aber auch daheim war das Ost-Jägerschnitzel mit „Augenwurst“ (wegen der Fettaugen in der Jagdwurst) bei alt und besonders bei jung beliebt. Seltener fand man das Gericht in den reichlichen Wohngebiets- oder Konsumgaststätten.

Das Jägerschnitzel, kein anderes sorgte besonders in den ersten Jahren nach der Wende immer wieder für Irritationen, ja teils sogar für Proteste. Gut erinnere ich mich noch an den Anfang der 90er. Als die Pilzrahmsoßenverwöhnten Kollegen aus Köln und Umgebeung zum ersten Mal in der Betriebskantine in Halle (Saale) das Jägerschnitzel bestellten. Und ein vermeintliches Schnitzel mit Nudeln und Tomatensoße bekamen. Da wurden die ersten Proteste laut. Ein Schnitzel mit Nudeln? Kann man das essen? Doch die richtige Überraschung kam dann erst beim Anschneiden der Wurst. Als sich das Schnitzel plötzlich in Jagdwurst wandelte.

Schnitzel oder Wurst, Pilzrahm- oder Tomatensoße. Eine Entscheidung fürs Leben. Für die Wurst hat sich das Team der Berliner Domklause (Foto) entschieden. Hier, direkt neben dem DDR-Museum, wird wieder alles gekocht und serviert, was damals schon schmeckte. Oder auch nicht. Steak Letscho und Soljanka, Grilletta und Ketwurst, Jägerschnitzel und Krusta Salami, Vita Cola und Fassbrause, Rosenthaler Kadarka und Wilthener Goldkrone.  Der graue und einfache Charme erinnert an ein SB-Schuppen der HO, das Wandbild könnte in Haneu geklaut worden sein. Aber das gehörte auch zum Plan. Und der will ja schließlich immer noch erfüllt sein. Denn es geht um die Wurst.

Foto: Charles Yunck

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3 Kommentare zu “Es geht immer noch um die (Jagd)Wurst

  1. Bei der Fahne, nicht zu vergessen. Samstags oder montags gab es die doch auch immer und war die Standart. Die Kunst des Aufstehens und Gehens. Und sie war Standard auf der Speisekarte.

    Im übrigen geht der Streit im Osten weiter. Welche ist die beste Yachtwurscht? Soweit meine Geschmacksknospen das beurteilen können, ist es momentan die „Rostocker“, die beim schwarzen Netto feilgeboten wird. Ich vertilge nämlich gerade ein via Pfanne bzw. Stulle.

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