Ein Berliner Morgen zwischen Tram und U-Bahn

Ein ganz normaler Donnerstagmorgen in Berlin. Die Tram der Linie 50 kommt mal wieder zu spät. Nichts Neues. In der Bahn riecht es aber diesmal verdammt streng. Das kommt eher selten vor. An einem Donnerstagmorgen zumindest. Ich will gar nicht hinsehen, entdecke dann aber doch den Grund. Ein Haufen Erbrochenes zwischen den hinteren Sitzenreihen, halb getrocknet schon. Was den Aggretatzustand noch nicht geändert hat, wabert sich langsam Richtung Fahrerkabine. Schafft es aber nicht bis zur Osloer Straße. Welch glücklicher Morgen.

Im Eingang zur U-Bahn dann stürzt ein etwa 13-jähriges Mädchen die Treppe hinunter. Vorher rempelt sie mich aber noch an. Nur das Treppengeländer verhindert meinen eigenen Sturz. Die junge Dame hat viel zu hohe Stöckelschuhe an, telefoniert und bedient gleichzeitig mit der anderen Hand ihr iPod. Die Treppe ist Nebensache. Sie überlebt es, auch Handy und Player scheinen nichts abbekommen zu haben. Und zum Glück stürzte sie nicht in das Erbrochene am Ende der Treppe (getrocknet, also ohne Geruch).

Im Bahnhofsuntergeschoss neben dem asiatischen Schnellnudelladen stehen wie immer die Penner bei Bier und Getränken aus anderen Flaschen. Sie unterhalten sich, rauchen (Scheiß auf das Verbot), lachen laut. Es scheint, als ginge es ihnen gut. Nun, sie müssen wohl nicht zur Arbeit. Ihre zwei Hunde (jeweils mit roten Halstüchern geschmückt) laufen aufgeregt durch den U-Bahnhof und beschnüffeln jeden und alles. Und pinkeln, neben den Papierkörben, auch einen Bettler an. Der bekommt es jedoch nicht mit. Weil er schläft. Oder besoffen ist. Oder beides.

Beim Bäcker direkt daneben stehen die Leute trotzdem an (obwohl es gar nicht gur riecht, an diesem Morgen hier). Die Schrippen sind preiswert und gut und besonders die Schnitten gehen weg wie warme Semmeln. Im Gegensatz zu Hunderten anderen Bäckern in Berlin werden hier, statt Baguettes und Schrippen, hauptsächlich Schnitten geschmiert. Hamburger Schnitte mit Käse und Ei oder Salami oder besonders beliebt auch die Schnitte mit Zwiebelmett. Und wenn man etwas flacher atmet und sich von Hunden, Papierkörben und schlafenden Pennern fernhält, schmeckt sogar der Kaffee hier.

Unten auf dem Bahnsteig der Linie 9 sind wie immer alle Sitzbänke belegt. Mit Liegenden. Denen es oben zu kalt ist, die schlafen hier unten. Ihren Rausch aus. Oder einfach nur so. Weil es sich im Liegen besser Bier trinklen lässt. Einer blickt kurz hoch, spuckt auf den Boden, dreht sich rum und schläft weiter. Daneben ein paar Jugendliche mit Migrationshintergrund. Sehen nicht so aus, als ob sie zur Schule wollten. Rauchen, reden lauthals outlandisch und treten sich gegenseitig. Zwischen die Beine und anderswo hin. Bei jedem Treffer sagen sie „wwwusch“.

Dann kommt auch schon die U9. Endlich kann ich mich in den Waggon flüchten. Und was muss ich sehen? Alle Sitze sauber, kein Erbrochenes, keine leeren Bierpullen, die durch den Wagen kullern. Irgenddwas stimmt hier nicht. An diesem Donnerstagmorgen in Berlin.

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