Nächste Ausfahrt Wedding

Endlich wieder mit dem Fahrrad unterwegs. Endlich raus aus der stickigen U-Bahn, wo die Migrantenjugend in ihre Handys brüllt oder diese als Musikanlage benutzt. Raus der überfüllten S-Bahn, wo die Dealer und Vollidioten die Opa, Omas und Touristen anmachen. Wo die Penner jeden Tag mit der gleichen Leier (mhm ichbinderklaus und mhm ichbinzurzeitohnearbeit und mhm und ohnejobmhm und ichwürdemichfreuen mh übereinekleinespende mhm und mhm nehmauchwaszuessen mhm oderzutrinken) nach ein paar Cent betteln.  Raus aus der verspäteten und umgeleiteten Straßenbahn, wo oft am Morgen noch die Kotze der Nacht unter den Sitzen schwappt. Welch ein Gefühl, endlich wieder jeden Tag zur Arbeit und zurück radeln zu können. Endlich wieder mit dem Fahrrad durch Wedding.

Vorbei an dem kleinen Eckladen, in dem seit Jahren schon die gleichen bunten Handy-Klarsicht-Schutzhüllen neben gebrauchten und wahrscheinlich geklauten Handys liegen. Vorbei an dem Haus mit den stets geschlossenen Jalousien im Erdgeschoss mit dem aufgemalten roten Herz und der Aufschrift „Bei Moni“, wo es immer so penetrant riecht. Eine Mischung aus Pisse und süßlichem Parfum und ein bisschen altes Frittierfett von der Pommesbude nebenan. Vorbei an all den tiefer gelegten schwarzen Mercedes-Benz-Karren mit den Kennzeichen B-OS (um zu zeigen, wer der Bos hier in der Straße ist), die grundsätzlich auf dem Rad- und Fußwegen parken während ihre Fahrer wichtig in ihre Mobiltelefone reden,  von denen sie mindestens zwei haben. Wahrscheinlich aus dem Laden an der Ecke.

Vorbei an dem kleinen Wäldchen, wo auf der Bank vormittags die Mütter mit Kopftüchern und nachmittags Rasta-Typen mit Dope und mehr im Angebot sitzen. Vorbei an dem Frisier-Elektronik-Laden mit dem Namen „Locken und Internet“.   Vorbei an der kleinen Pizzeria, wo ein Stück so groß wie ein halbes Kuchenblech ein Euro kostet und wo man mit einem Codewort (Pizza Speziale) auch Marihuana erwerben kann. Erzählt man sich. Vorbei an dem Park, wo am Rand immer die drei gleichen alten Herrschaften mit ihren Krückstöcken und Bärten und Kappen und Rosenkränzen und schwarzen Anzügen und weißen Hemden sitzen und so tun, als wären sie die wahren Herren des Kiezes, was gar nicht so abwegig ist. Vorbei an der Tramhaltestelle, wo immer die gleichen Hunde in die Ecken pinkeln, die gleichen Penner betteln und wo immer wieder die Scheiben des Wartehäuschens eingeschlagen werden.

Vorbei an dem Supermarkt mit den vergitterten Fensterscheiben, wo die beiden muskelbepackten Super-Wachschützer mit den schwarzen Muskel-Shirts und schwarzen Hosen super wichtig tun und abwechselnd in ihre WalkieTalkies quatschen. Oder zumindest so tun. Und schließlich geht es noch vorbei an dem Blumenladen mit den beiden Vietnamesen, die ihren Umsatz hauptsächlich mit Schmuggelzigaretten machen und sich trotzdem freuen, wenn mal jemand Blumen statt kauft statt ner Stange Jin Ling. Vorbei an all den schönen Dingen Berlins, die man aus der U-Bahn niemals sehen würde.

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