Party in der Schrottimmobilie

Mitte des 15. Jahrhundert war´s.  Da baute Vanek von Valesov auf einem Felsen nahe der Ortschaft Bosen im heutigen Böhmischen Paradies eine Burg. Mitten ins Landschaftsschutzgebiet.  Sei es drum, Vanek suchte einen Ort zum Feiern und hatte ihn gefunden. Er zahlte ein nicht geringes Entgelt der Naturschutzbehörde und durfte dann machen, was er wollte. Trotz des Protestes von Robin Hood und seinen grünen Gesellen errichtete Vanek seine Luxusvilla auf dem uralten Gestein. Nun hatte er endlich die Partylocation gefunden und auch sein Eventmanager war begeistert. Außerdem diente das etwas zu groß geratene Ferienhaus gut als Schutz gegen Einwanderer und andere Banditen.

Doch Hauptgrund war natürlich das Geld. Und Vanek sollte Recht behalten. Bald schon konnte er das Filetgrundstück samt Aufbauten an Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein verkaufen. Der hatte genügend Schotter, um auch den Immobilienmakler entschädigen zu können. Waldstein wiederum versilberte die Burg mit dem einmaligen Blick über das nordwestliche Böhmische Paradies, und verscherbelte es an das damals mächtige Immobilien-Imperium Wadstein. Die hatten schon lange ein Auge auf das Grundstück geworfen, waren doch jegliche Bestechungsgelder längst gezahlt worden. Ein Schnäppchen also.

Doch der weite Anfahrtsweg für das so dringend benötigte Pilsner für Konzerte und Hochzeits- und andere Events war denen der Wadsteins zu weit. So verließen auch jene die, unterdessen zur Schrottimmobilie verkommene, Burg und widmeten sich ihren anderen Besitztümern, die den Brauereien näher lagen. Die Burg Valecov war nun sich selbst und der zuständigen Stadtbehörde überlassen. Doch weder die Burg selbst, noch die Behörde taten etwas zur Erhaltung des Bauwerkes. Die Burg gammelte vor sich hin, Banditen und autonome, durchstreifende Banden, entkernten die Burg bis auf die Außenmauern. Und selbst die wurden teilweise von den Nachbarn Stein für Stein abgetragen, um sie für Datschen und Bungalows am See in Branzez zu verwenden.

Heute nun steht noch ein kläglicher Rest. Eine Schrottimmobilie ohne Aktienkurs, aber immerhin mit ein paar Besuchern pro Tag. Für knapp einen Euro pro darf man durch die Ruine schreiten, Treppen erklimmen und im Keller den einstigen Hungerturm ansehen. Auf Wunsch ertönt die schaurige Geschichte über bestechliche Naturschutzbehörden, bezahlte Senatoren und Heuschrecken ähnliche Finanzinvestoren auf verschiedenen Sprachen. Nur eins ist noch ehrlich und genau wie damals. Es wird immer noch gefeiert, es wird immer noch gesoffen. Mangels Dach nicht mehr in der Burg zwar, doch in einem Verschlag aus Stein und Holz im Hof sitzen sie heute noch. Rauchend bei Bier und Slibovitz, die nächsten Gäste erwartend, sitzen sie und werfen ab und an ein Scheit in den russischen Kanonenofen.

Es sind ihrer sechs, inklusive des deutsch sprechenden Wirtes. Der stellt auch uns ein Pils auf den Tisch und den Kindern eine Limonade hin. Auf zwei Stühlen schlafen die Hauskatzen, im TV läuft eine (welch Überraschung) tschechische Kochsendung, in den Gesichtern der Burgtrinker liegt eine seelige Zufriedenheit. Der Euro ist weit und Spekulanten auch (noch) und die Welt ist, heute und hier zumindest, noch in Ordnung.

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