Mein Traum von einem Sofa

Ein Tag im Frühjahr 1989. Es ist 5 Uhr morgens. Im Stahl- und Walzwerk Maxhütte arbeitet noch die Nachtschicht. Die Zwangsarbeiter der Tagschicht sind aber bereits unterwegs. Im Gleichschritt geht es von den Knastbaracken der Justizvollzugsanstalt Unterwellenborn hinunter zu den verrußten Werkhallen. Die Schritte hallen durch den Morgen. Sonst herrscht Schweigen. Die Gesichter der Männer unter den Schirmmützen sind kaum zu erkennen. Dafür leuchten die gelben Streifen auf ihren Jacken und Hosen weit ins Thüringer Land.

Es sind Stoffstreifen, die nicht auf-, sondern eingenäht sind. Damit man bei einer möglichen Flucht von Hunden und Verfolgern immer noch gesehen wird. Sollte man die Streifen vorher entfernen, blitzt in gleicher Größe Haut oder Unterwäsche hindurch.  Ja, es war nicht alles schlecht. Damals. Vor 1945. Der Trick mit den eingenähten gelben Streifen stammt ausnahmsweise mal nicht nicht von der Stasi. Und auch nicht vom DDR-Strafvollzug. Eingenähte gelbe Streifen hatten sich vorher schon ganz andere zu Nutzen gemacht.

Der Marsch-Zug mit den Männern ist angekommen. Kurz vor 6 Uhr, Schichtwechsel. Es geht in die Werkhalle, gleich neben der großen Walze. Die Wände sind hoch, schwarz von Ruß und Dreck. Wages Dämmerlicht schleicht sich durch die etlichen Ritzen im Dach, kämpft gegen das kalte Werkhallenlicht der vergilbten und nur noch teilweise funktionierenden Leuchtstoffröhren an der Decke weit oben. Eine große Tafel zeigt das Ergebnis der Nachtschicht.

Soundsoviele Tonnen. Das müssen wir überbieten. Heißt es. Wie jeden Tag. Denn egal, ob drüben im zivilen oder hier im abgesperrten Bereich der Verurteilten: Der sozialistische Wettbewerb gilt schließlich überall. Also ran an die Walze. Und vor allem an die Luftdruckhämmer. Im Minutentakt kommen die zehn Meter langen Walzstücke heraus. Die Männer befördern die sogenannten Halbzeuge mit Kanteisen und Muskelkraft in die Kühlgrube. Bis drüben der Hochofen neu gefüllt wird.

Dann geht es an die Luftdruckhämmer. Jeder der Männer holt aus einem Versteck einen Stahlmeißel. Die sind auch hier rar und werden deshalb nicht nur gepflegt (gut, wer PA-Erfahrungen hat), sondern vor allem bei Schichtende versteckt. Die Meißel passen genau in die Rohrstücken der Hämmer. Der Vorarbeiter hat inzwischen die Stellen auf den Halbzeugen eingekreidet, die schadhaft sind. Mit einem Schlag wird es laut in der Halle. Nun ist kein Wort mehr zu verstehen. Stahlmeißel hämmern mit hohem Luftdruck auf Stahl. Fressen sich hinein, meißeln nach und nach Risse und Luftblasen aus den dicken Walzstücken.

18 Uhr. Schichtwechsel. Das Ergebnis der Nachtschicht um eine halbe Tonne überboten. Das gibt Nachschlag beim Essen. Und Punkte beim Schließer. Es geht zurück im Gleichschritt. Zurück zu den Baracken. Dann wird geraucht. Und noch eine Runde Karten gespielt. Es gibt noch einen Schluck aus der Schüssel mit dem vergorenen Sauerkirschkompott. Das dreht. Ein klein wenig zumindest. Besser kommt das durch Brot gefilterte Rasierwasser. Gemischt mit Schwarztee. Und viel Zucker. Der Verweigerer wird zwar deshalb heute Nacht eine Nierenkolik erleiden. Und niemand wird helfen. Oder gar einen Arzt holen. Aber es dreht. In diesem Moment.

Und dann ist auch schon Einschluss. Der kleine und der große Dieb, der harmlose und der gefährliche Schläger, der Betrüger und der Verweigerer, der Aufrechte und der Unfallverursacher, der Friedensdenker und der Republikflüchtige legen sich hin. Licht aus. Kopfkino an. Die meisten träumen von der Freundin daheim. Von der Freiheit. Ich träume vom Paradies, von dem ich gehört habe. Ein Paradies, in dem man nicht in die heiße Hochofenhölle muss. Sondern in kühlen Tischlerwerkstätten Sofas für eine Firma aus dem kapitalistischen Ausland bauen darf. Was für ein schöner Traum.

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2 Antworten zu “Mein Traum von einem Sofa

  1. Andreas Möller

    Unterwellenborn war in den 60er Jahren ein Alptraum. Ständig schwere, auch tödliche Arbeitsunfälle. Ich saß damals wegen Fluchthilfe im Lager Gera-Liebschwitz, wo auch einige der Opfer landeten.. Später war ich in der StVA Waldheim. Dort gab es eine Abteilung des Kamerawerks Ihagee. Saufroh war ich, als ich dort arbeiten durfte, den zivilen Meistern und Ingenieuren bin ich heute noch dankbar. Die haben ihr Frühstück mit uns geteilt, wenigstens bitte und danke bei der Arbeit gesagt. Man darf doch mal daran erinnern, wenn heute von „Ikea-Zwangsarbeit“ die Rede ist.

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  2. Da werden Erinnerungen wach. Ich habe dieser Tage im GROKO Vertrag von einer Ghettorente gelesen und wusste nicht ob ich lachen oder heulen sollte. Ich war Mitte der 70ger für 9 Monate in der Maxhütte und war vor und hinter den Richtmaschinen eingeteilt. „Der Traum vom Sofa“ beschreibt die Atmosphäre recht gut und die körperlichen Anforderungen waren enorm. Vor allem wer im „Loch“ arbeiten musste. Vielleicht sollte ich meine Erinnerungen an Schwarztee, Brotwein und selbstgebaute Tauchsieder kund tun. Jedenfalls werden wir wohl nie so behandelt werden wie andere Zwangsarbeiter.

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