BBI & Schönefeld

Neuer BBI-Tower, neue Rollbahn, noch ohne Verkehr. Im Hintergrund startet vom noch betriebenen Flughafen Schönefeld ein Airbus Richtung Cagliari (20.10.2010; JP 3722, Adria Airways)

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Wir sind das Volk. Das Pro-Volk.

Die einen wollen aus dem Großflughafen BBI ein Messegelände machen. Andere Bürgerinitiativen würden das Gelände gern mit einer großen Menschenmenge besetzen und so den Weiterbau verhindern. Viele Initiative, viele Meinungen, noch mehr Ziele. Eins haben alle gemeinsam: Keine Flugrouten über ihren Dächern. Setzen sich alle Bürgerinitiativen durch, werden auf BBI nur Senkrechtstarter zugelassen.

Protest ist wieder in. Dagegen sein ist Mode, seit Stuttgart gar gesellschaftsfähig. Man trifft sich Freitagabend oder Montags zur Demo mit Trillerpfeifen und Holzrasseln, weil eventuell einmal irgendwann Flugzeuge in 3000 Meter Höhe über die Stadt fliegen werden. Dann nämlich, wenn der Flughafen in der Stadt schließt. Und der auf dem Land öffnet. Es wird geklatscht und Juhu gerufen, wenn ein altgedienter Überzeugungs-Wessi, selbst ernannter Robin Hood der Flughafengegner sowie Ex-Gewerkschaftssekretär, Ex-Bundestagsabgeordneter, Ex-Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse im Bezirk Ruhr, „Wir sind das Volk“ in den Saal schleudert.  

Das ist toll. Denn der ist auch dagegen. Und deshalb einer von uns. Andere dagegen sind dafür. Wie jene, die einst dagegen waren. Aber nun, ins Alter und in den Luxus von zweimal jährlich Urlaub in Übersee gekommen, nicht mehr dagegen sein können. Nicht offiziell jedenfalls. Und doch sind einige von ihnen zumindest für die Zeit des Protestes dann doch dagegen. Der Porsche wird zwei Kilometer vor der Demo geparkt, das Sakko mit dem Parka getauscht. Mütze auf, Palästinensertuch um den Hals und schon kann´s losgehen. Das Dagegensein. Ist ja gerade in.

Dabei sind wir Deutschen grundsätzlich und eigentlich alle dafür. Weil wir alles hinnehmen. Ein Hinnehmer-Volk. Wir sind das Volk. Das Pro-Volk. Und wenn es aus Protest ist. Wirklicher Protest existiert jedoch nicht. Nicht gegen Unzumutbarkeiten des Alltags. Nicht gegen Verblödungs-TV. Nicht gegen die 27. Wiederholung von Moonraker. Okay. Ein bisschen gegen Atomkraft. Ein bisschen Frieden. Aber niemand ist gegen den Alltagswahnsinn. Niemand protestiert. Ein Hinnehmer-Morgen in Berlin.

7.32 Uhr, Berliner Straße, Pankow. Es fährt keine Straßenbahn. Keine U-Bahn. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben ihre für Oktober geplante Fertigstellung der Bauarbeiten an beiden Strecken auf Dezember verschoben. Der Schienenersatzverkehrbus kommt nicht, wie auf dem Plan steht, alle „paar Minuten“. Sonder erst nach 18 Minuten Wartezeit. Dann steht der Bus im Stau. Braucht 20 Minuten für einen Kilometer. Wir wären schneller gelaufe. Aber wir nehmen es hin. Kein Protest.

8.02 Uhr, S-Bahnhof Schönhauser Allee. Der Zug der Ringbahnlinie 42 steht schon zehn Minuten mit geöffneten Türen auf dem Bahnhof. Keine Durchsage. Noch einmal zehn Minuten später doch eine Durchsage: „Wegen eines Defektes muss dieser Zug geräumt werden. Bitte steigen Sie alle aus.“ Alle steigen aus. Ohne murren, ohne Protest.

8.27 Uhr, S-Bahnhof Friedrichstraße. Die Rolltreppen sind defekt. Die Menschenmenge schiebt sich langsam über die einzige Treppe nach oben. Es ist viel zu eng, alle schubsen sich gegenseitig an. Ohne Protest.

8.42 Uhr, Virgin-Store, Berlin Hauptbahnhof. Ein Schild an der Musik-Theke weist daraufhin, „dass derzeit aus technischen gründen kein Abspielen von CDs möglich ist“. Kein Protest.

9.05 Uhr, in der S-Bahn Richtung Potsdam. Zwei Typen, die weder der deutschen Sprache mächtig sind, noch ihre Instrumente beherrschen, nerven alle Fahrgäste mit der Aneinanderreihung von unpassenden Tönen auf Akkordeon und Geige. Jeder Musikschulanfänger spielt besser. Dazu schicken sie einen Minderjährigen  zum Betteln durch die Bahn. Kein Protest.

9.15 Uhr, Bahnhof Zoo. Im Aufgang zur S-Bahn stinkt es, wie fast immer, unbeschreiblich nach Pisse. Die Pendeltüren lassen sich nicht öffnen, weil Penner und Bettler sie auf der anderen Seite versperren. Die meisten nehmen deshalb einen Umweg in Kauf. Ohne Protest.

9.32 Uhr, Mövenpick Marché, Kudamm. Ein Brötchen, je zwei Scheiben Wurst und Käse, etwas Meerrettich sowie ein kleines Stück Butter zum Mitnehmen kosten 6,50 Euro. Der Herr vor mir bezahlt das. Ohne Protest.

9.47 Uhr, Kranzler Eck, Kudamm. Das Café im Erdgeschoss hat dicht gemacht. Ebenso der Italiener daneben. Der Sushi-Laden hat „vorübergehend wegen eines Wasserschadens“ geschlossen. Die Post ist umgezogen. Niemand protestiert.

Ich bin übrigens dagegen, dafür zu sein. Ich protestiere. Jetzt schon mal. Auf Vorrat. Denn mich hat bei der Planung von BBI, bei der Planung der Flugrouten, niemand gefragt. Ob es mir passt. Dass dann Tegel dicht  macht. Und keine Flugzeuge mehr über unseren Wohnhäusern starten. Oder landen. Es wird verdammt ruhig werden. In Pankow, in der Einflugschneise von Tegel. Auch das werden wir, wieder ohne Protest, einfach so hinnehmen.

Wie viele Fußballfelder sind 30.000 Tonnen Stahl?

Blöder gehts nicht. Immer wieder dieser Vergleich mit Fußballfeldern. Wie auch beim neuen Flughafen BBI. „Bis zu 3000 Bauarbeiter arbeiten auf der 2000 Fußballfelder großen Baustelle“, heißt es in einer aktuellen Agenturmeldung. Ich bin eher selten im Fußballstadion. Fußballfelder sind jedoch laut Vorschrift zwischen 90 und 120 Meter lang und zwischen 45 und 90 Meter breit.

Die Fläche schwankt also zwischen 4050 und 10.800 Quadratmetern. In der Mitte wäre da noch die FIFA-Norm von 105 mal 68 Meter, 7140 im Quadrat. Also könnte die Flughafenbaustelle 8,1 Millionen, 14 Millionen oder 21,6 Millionen Quadratmeter groß sein. Also 8, 14 oder 21,6 Quadratkilometer. Das kann ich mir vorstellen. Wobei zwischen 8 und 21,6 Quadratkilometern sicher ganz viele Fußballfelder passen.

Leider gibt es keine Fußballfeldervergleiche für Masse und Volumen. „Auf dem Flughafen wurden bsiher 156.000 Kubikmeter Beton sowie 30.000 Tonnen Stahl verbaut.“  Und nun? Wieviele Fußballfelder sind das? Oder besser vielleicht in Toren? Da scheitern sie alle. Schade eigentlich. Manchmal aber mag ich den Vergleich. So sagte einst das  Supatopcheckerbunny: Das Weltall ist unendlich groß. Das entspricht der Größe von unendlich vielen Fußballfeldern.

Ein ambitionierter Plan, Gummistiefel und Blauhelme

Journalisten auf dem BBI mit Gummistiefeln, Westen und Blauhelmen

Wenn BBI ruft, dann kommen sie alle. Gestern hatten die Berliner Flughäfen mal wieder auf den neuen Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) eingeladen. Und die Journalisten und Politiker strömten in Scharen hin. Sie fuhren freiwillig mit einem Shuttlebus zur Großbaustelle, sie zogen sich (bei gefühlten 40 Grad) freiwillig gelbe Gummistiefel, Warnwesten und Blauhelme an. Nur um den ersten Bauabschnitt des Flughafens bewundern zu dürfen.

Nämlich 185 Meter (von 405) zukünftiger unterirdischer Bahnhof. Direkt darüber beginnt nun der Bau des Terminals. Damit (mit dem Rohbau des Bahnhofes) sei man nun pünktlich fertig geworden, ließ der BBI verlauten. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (ebenfalls mit Weste und Blauhelm, die Gummistiefel durfte er weglassen) war sichtlich zufrieden. Man liege komplett im Zeitplan, „auch wenn es ein ambitionierter Zeitplan ist“, so Wowereit. Ambitioniert, aha.

Ambitioniert heißt auch motiviert, ehrgeizig, rücksichtslos, karrieregeil, strebsam, zielstrebig, emotioniert, hochstehend, engagiert, bewundernswert, karriereorientiert. Mhm. Also ein karrieregeiler Zeitplan? Oder zielstrebig? Oder doch eher bewundernswert, wie es Politiker und Großbaustellen-Chefs immer wieder schaffen, das Volk zu foppen. Denn egal ob der Bahnhof nun im Zeitplan liegt oder nicht. Einen echten Bahnanschluss wird BBI 2011 nicht haben. Aber der Beifall nach Wowereits Rede war trotzdem groß. Sehr ambitioniert eben.

Klaus Wowereit bei seiner ambitionierten Rede neben dem BBI-Maskottchen

Schlagzeilen

Das hier sind die Schlagzeilen zum Thema Flughafen Tempelhof. Von nur einem Tag! Und nur aus Berlin… Hat noch jemand Fragen? Oder Antworten? Haben wir eine Wahl?

Da steht nicht Volksratschlag, sondern Volksentscheid! + Anruf aus Moskau – Berlin rätselt um Gysis Kurswechsel + 4:1 gegen die Sturheit + Ich stimme nicht für Pflüger und nicht gegen Wowereit, sondern für den Flughafen Tempelhof + Ohne Tempelhof hätten wir gar nicht überlebt + Linkenchef: Volksentscheid sollte akzeptiert werden + Letzter Streit vor dem Volksentscheid + Alle fliegen auf Tempelhof + Tempelhofer Forum – Medienzentrum im Wiesenmeer mit Randbebauung + Die Welt fliegt auf den City-Airport + Tempelhof: Linke-Chef Bisky rückt von Wowereit ab + Wer Tempelhof schließt, würde auch das Stadtschloss noch einmal sprengen + Bisky und der Volksentscheid + Trauer im Tower + Was will die Kanzlerin? + Regeln wie bei einer Wahl + Themenpark Tempelhof + Parlament wird Vergnügungspark – Das is uns schnitte + Eine Stadt hebt ab + Volksentscheid ohne Wirkung? Berliner streiten über Flughafen Tempelhof + Volksbegehren gegen die Flughafen-Schließung richtet sich auch gegen den rot-roten Senat + Streit um Tempelhof spaltet Berlin + Die Mutter aller Flughäfen + Tempelhof-Rätsel um Gysi + Wie denkt Gysi wirklich? + Merkel attackiert Wowereit: Ablehnung des Volksentscheids wäre nicht sehr klug + Gysis Tempelhof-Irrflug + 1201 Wahllokale sind am Sonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet + Das Hin und Her von Gysi offenbart die Orientierungslosigkeit der Tempelhof-Gegner + Auch Nazis für Tempelhof + Mythos Tempelhof + Volksentscheid: Großes Interesse an der Briefwahl + Sofortige Schließung ist Unsinn + Schönefeld nicht gefährden + Der faule Kompromiss