Die (fast) letzte Bilderbriefkiste dieser Welt

KK100Sie steht immer noch da, wo ich sie beim Einzug vor knapp zehn Jahren hingestellt habe: Die kleine Kiste mit den Dingen von damals: mit ein paar Liebesbriefen aus der Jugendzeit, Fotografien in schwarzweiß, ein paar bunte Dias sowie wenige Aufzeichnungen. Gedichte, die ich damals schrieb, Gedanken übers Leben und den Sinn und überhaupt. Hätten wir einen Boden, stünde sie bestimmt schon dort. Denn geöffnet habe ich sie nur selten, eigentlich fast gar nicht. Aber sie ist da und wäre auch noch da, wenn ich nicht mehr da bin. So ist das eben mit alten Erinnerungskisten. Sie gibt es schon ewig und fast jeder hatte eine solche auf dem Dach, wo sie dann von der nächsten oder übernächsten Generation gefunden wurde.

Eine spannende Sache war das, ich erinnere mich, als ich eine solche Kiste im Dachverschlag meiner Großeltern fand. Mit Briefen und Rezepten, teils in deutscher Sütterlinschrift geschrieben, teils in noch älterer Kurrentschrift. Darunter lagen vergilbte Fotos, auf denen Soldaten und Schüler in Uniform, WM204neuganze Familien in Wohnzimmern und Landschaften zu sehen waren. Wer ist das auf den Fotos? Fragte ich damals die Eltern. Doch auch sie wussten nicht auf jede Frage eine Antwort, die Herkunft so manchen Fotos ist bis heute ungeklärt. Und so bin ich immer noch auf der Suche. Auf der Suche nach den Unbekannten, die sich damals haben fotografieren lassen und dann auf welchen Wegen auch immer in die Fotokiste meiner Großeltern fanden (siehe Foto oben).

Bisher ist es ungewiss, ob ich je erfahren werde, wer die elf jungen Herren sind. Gewiss ist: Es war eine der letzten alten Bilderbriefkisten dieser Welt. Denn JPEGs und E-Mails und Whatsapp-Nachrichten kann man (leider) nicht in Kisten packen und auf den Boden stellen.

Passend

Nach einem Vorfall letzte Woche in  Zusammenhang mit meinem Blog hier (später mehr) habe ich lange nach einem passenden Text gesucht. Nun, jetzt habe ich das passende Foto gefunden. Bei Facebook.

Bilder aus der Fotokiste

So manches Bild findet sich in alten Fotokisten. Die meisten verbunden mit Erinnerungen. Wie dieses. Eine Wohnungstür in Erfurt. Nicht irgendeine Tür. Sonder DIE Tür zu DER Partywohnung. Schiller/Ecke Arnstädter Straße. Über dem Gemüseladen. Eine Minute Fußweg vom Café S, zehn bis zum Bahnhof, zwanzig bis zur Engelsburg. Einen Steinwurf und nur oder einen Blick bis zur konspirativen Wohnung. Gegenüber. Wo die Kamera im Fenster stand.

Und dann kam sie, die Stasi. Meinereiner war grad auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Zigaretten kaufen. Die waren ausgegangen. Karo, Cabi, F6, Club. Während der „Snob-Party“, früh um „fümfe“. Sekt, Whisky, Rolette und fein gekleidete Damen und Herren. Ein Kostümfest für Snobs. Wie der Name schon sagte. Gäste aus Halle, Hohenmölsen, Gräfenhainichen, Jena, Zeitz, Görlitz. Und all die Jeans-und-Fleischerhemden-und-Jesuslatschen-Träger im feinen Zwirn. Die Batik-T-Shirt-und-Kleider-Trägerinnen im festlichen Abendkleid.

Im Hinterzimmer wurde am Roulettetisch gezockt, in der Küche Cocktails aus Whisky, Sekt und anderen Getränken gemixt. Vom Band Soul und Jazz. Doch das ging nicht lange gut. Bald schon lagen wieder die guten Platten auf dem Teller: Gary Moore, ZZ Top, Deep Purple, Manowar, Friday Night in San Francisco. Party eben, wie immer. Bis zum Morgengrauen. Auch wie immer.

Nur dieses Mal kamen eben die Herren des Staatssicherheitsdienstes. Und nahmen alle mit. Außer mich. Denn ich war ja am Bahnhof. Wegen Karo, Cabi, F6 und Club. Ich sah sie noch wegfahren. Alle in den Vopo-Wannen namens Barkas gepfercht. Einer winkte mir noch. Die Partywohnung offen. Und verlassen. Zum Glück nicht lange. Nach zwei, drei Zigaretten kamen die ersten zurück. Bis zum Mittag waren alle wieder da.

Auf dem Revier hatten sie so einiges erlebt. Ein Protokoll, das es so noch nicht gegeben hatte, ein „Verdächtiger“, der das Protokoll redigiert hatte, ein Fernseher mit ZDF-Programm und anderes mehr. Doch das ist eine andere Geschichte, ein anderes Bild aus der Fotokiste.