10.316 Tage. Oder 10.315?

10.316 Tage stand die Mauer, genauso lange ist sie nun weg. Für mich ist die Zeit ohne Mauer nun auch länger als mit: 24 Jahre mit, 28 Jahre ohne. Hier ein paar, zufällig ausgewählte, Bilder aus der Mauerzeit und ein paar aus der Zeit danach: Edit: es gibt verschiedene Darstellungen die Zahl der Tage betreffend. Wenn ich Zeit habe, werde ich es nachrechnen. Es sind also seit dem 13. August 1961 20.630 Tage vergangen. Die Hälfte wären also 10.315. Jedoch funktioniert die Rechnung nur, wenn man den 9.11.89 als letzten Tag mit und als ersten Tag ohne Mauer rechnet.

Bilder aus der Fotokiste XIV

Throwback Thursday: Grad entdeckt in der Festplatten-Fotokiste. Ziemlich genau 45 Jahre ist das her. Einschulung in die Viktor-Koenen-Oberschule Merseburg Süd. Auf den Ranzen war ich ziemlich stolz damals. Um dann festzustellen, dass jeder einen hat.

Bilder aus der Fotokiste VIII

Es ist das letzte große DDRFDJ-Titelbild der Jungen Welt. Bevor alles anders kam. Es zeigt, wohl eher ungewollt, das nahe Ende. Denn es zeigt junge Menschen in FDJ-Hemden. So jung, dass sie im Moment der Aufnahme noch nicht allzu lange in dem Verein gewesen sein konnten. Die ältere FDJugend hatte im Oktober 89 längst kapituliert, den Verein ignoriert oder zumindest kapiert. Ihre Blauhemden trugen jene jedenfalls schon lange nicht mehr. Freiwillig sowieso nie und nun gar nicht mehr. Blau waren da nur noch die Streifen auf den Fleischerhemden und die Jeans.

Aufgenommen ist das Foto einen Monat vor dem Ende der DDR – unseres, meines Heimtlandes. Das das Land meiner Jugend war, meiner ersten Liebe, meiner ersten Band, meiner drängelnden Jugendzeit. Eben das Land, das mir so nah war, weil man es nicht abstreifen konnte. Das Land meiner Freunde, meines Erwachens. Das Land, das sich alltäglich neu über mich zog wie ein kratzender Pullover. Nie aber wie ein Lieblings-Shirt. Das Land, in dem Zeitungen wie die Junge Welt nur schreiben durften, was man von ihnen verlangte. Aber sie haben es eben auch getan.

Wie an jenem 7. Oktober 1989. Als jedem klar denkenden Menschen längst bewusst gewesen sein muss, dass da irgendetwas schief läuft. Da ging es nicht mehr nur um einen kratzenden Pulli. Da ging es um Entscheidungen. Sie oder Du, andere oder ich? Prag oder Ungarn? Demo oder Ducken? Abhauen oder Dableiben? Honecker oder Gorbi? Begreifen oder Akzeptieren? Etwas tun oder nicht? Hinterm Fenster stehen und zusehen was passiert? Oder dabei sein, wenn es endlich um mehr als die Planerfüllung geht. Das haben viele begriffen. Damals. Andere nicht. „Ich bin für den Staat, und ich gehe mit der FDJ auf die Straße, auch weil ich gegen die Art bin, mit der bei uns in Leipzig an den vergangenen Montagen Leute durch die Straßen gezogen sind“, schrieb Evelyn Rieger aus Leipzig in der JW. Sie war damals 20. Könnte man als Entschuldigung gelten lassen.

Der Zukunft zugewandt, hieß es auf Seite eins an diesem Tag über jenem Foto in Anspielung auf die Hymne des Landes. Es war der Tag, an dem der geschichtsträchtige Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ ausgesprochen worden ist. Und so wurden sie alle vom Leben bestraft. Und trauerten weiter der Vergangenheit hinterher. So wie heute noch. Daran hat sich nichts geändert. 

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Bilder aus der Fotokiste VII

Der vierte von links, das ist dein Urgroßvater. Damals, mit seiner Abschlussklasse am Gymnasium. Quatsch, das ist der Skatverein von Onkel Justav. Und euer Urgroßvater, das ist der vorne rechts. Aber nicht doch. Das Foto zeigt einen Großcousin eures Urgroßvaters während seiner Schulzeit. Das weiß ich jenau. Weil damals Tante Trudchen auf der Silbernen Hochzeit vom Neffen eures Urgroßvaters mütterlicherseits das Foto als Geschenk überreicht hatte. Aber da warst du doch noch gar nicht auf der Welt. Woher willst du das wissen? Weil mir Onkel Armin, das war der mit dem Holzbein, na der Bruder vom Cousin unseres Großneffen, auf dem 70. Jeburtstach von Otto erzählt hat, dass das Foto zur Silbernen von Trudchen und Herbert überreicht worden ist.

Ich denke, es war die Silberne Hochzeit vom Neffen? Und der hieß doch Alfred. Nein. Alfred ist doch der Cousin dritten Grades Eurer Großmutter, mit dem damals doch keiner wollte, wegen der Partei und so. Partei? Na der war doch bei den Nationalsozialisten und euer Opa war ja in der KPD. Also ging man sich aus dem Weg. Nur bei großen Familienfeiern gab es dann mal ein Zusammentreffen. Aber da war Politik verboten. Aber das auf dem Foto, das ist definitiv euer Urgroßvater. Aber nicht mit Schülern sondern mit Kameraden aus seiner Studentenverbindung.

So oder ähnlich verliefen in den letzten 30 Jahren die Gespräche, wenn man mal wieder in der Familien-Fotokiste gewühlt hatte und dabei dieses Foto fand. Jetzt hat sicher herausgestellt: Es ist gar kein Familienfoto. Es ist bei irgendeinem Umzug zufällig in die Fotokiste geraten, weil es in einer Wohnung vom Vormieter vergessen worden war. Und ich war immer so stolz auf meinen Urgroßvater und das Foto von ihm.

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