Schlagwort-Archive: bpb-Serie Bilder aus der Fotokiste

Bilder aus der Fotokiste XIV

Throwback Thursday: Grad entdeckt in der Festplatten-Fotokiste. Ziemlich genau 45 Jahre ist das her. Einschulung in die Viktor-Koenen-Oberschule Merseburg Süd. Auf den Ranzen war ich ziemlich stolz damals. Um dann festzustellen, dass jeder einen hat.

Advertisements

Bilder aus der Fotokiste XIII

wil08-002

Brooklyn (NYC) 2009

Bilder aus der Fotokiste VIII

Es ist das letzte große DDRFDJ-Titelbild der Jungen Welt. Bevor alles anders kam. Es zeigt, wohl eher ungewollt, das nahe Ende. Denn es zeigt junge Menschen in FDJ-Hemden. So jung, dass sie im Moment der Aufnahme noch nicht allzu lange in dem Verein gewesen sein konnten. Die ältere FDJugend hatte im Oktober 89 längst kapituliert, den Verein ignoriert oder zumindest kapiert. Ihre Blauhemden trugen jene jedenfalls schon lange nicht mehr. Freiwillig sowieso nie und nun gar nicht mehr. Blau waren da nur noch die Streifen auf den Fleischerhemden und die Jeans.

Aufgenommen ist das Foto einen Monat vor dem Ende der DDR – unseres, meines Heimtlandes. Das das Land meiner Jugend war, meiner ersten Liebe, meiner ersten Band, meiner drängelnden Jugendzeit. Eben das Land, das mir so nah war, weil man es nicht abstreifen konnte. Das Land meiner Freunde, meines Erwachens. Das Land, das sich alltäglich neu über mich zog wie ein kratzender Pullover. Nie aber wie ein Lieblings-Shirt. Das Land, in dem Zeitungen wie die Junge Welt nur schreiben durften, was man von ihnen verlangte. Aber sie haben es eben auch getan.

Wie an jenem 7. Oktober 1989. Als jedem klar denkenden Menschen längst bewusst gewesen sein muss, dass da irgendetwas schief läuft. Da ging es nicht mehr nur um einen kratzenden Pulli. Da ging es um Entscheidungen. Sie oder Du, andere oder ich? Prag oder Ungarn? Demo oder Ducken? Abhauen oder Dableiben? Honecker oder Gorbi? Begreifen oder Akzeptieren? Etwas tun oder nicht? Hinterm Fenster stehen und zusehen was passiert? Oder dabei sein, wenn es endlich um mehr als die Planerfüllung geht. Das haben viele begriffen. Damals. Andere nicht. „Ich bin für den Staat, und ich gehe mit der FDJ auf die Straße, auch weil ich gegen die Art bin, mit der bei uns in Leipzig an den vergangenen Montagen Leute durch die Straßen gezogen sind“, schrieb Evelyn Rieger aus Leipzig in der JW. Sie war damals 20. Könnte man als Entschuldigung gelten lassen.

Der Zukunft zugewandt, hieß es auf Seite eins an diesem Tag über jenem Foto in Anspielung auf die Hymne des Landes. Es war der Tag, an dem der geschichtsträchtige Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ ausgesprochen worden ist. Und so wurden sie alle vom Leben bestraft. Und trauerten weiter der Vergangenheit hinterher. So wie heute noch. Daran hat sich nichts geändert. 

Mehr Bilder aus alten Fotokisten

Bilder aus der Fotokiste VII

Der vierte von links, das ist dein Urgroßvater. Damals, mit seiner Abschlussklasse am Gymnasium. Quatsch, das ist der Skatverein von Onkel Justav. Und euer Urgroßvater, das ist der vorne rechts. Aber nicht doch. Das Foto zeigt einen Großcousin eures Urgroßvaters während seiner Schulzeit. Das weiß ich jenau. Weil damals Tante Trudchen auf der Silbernen Hochzeit vom Neffen eures Urgroßvaters mütterlicherseits das Foto als Geschenk überreicht hatte. Aber da warst du doch noch gar nicht auf der Welt. Woher willst du das wissen? Weil mir Onkel Armin, das war der mit dem Holzbein, na der Bruder vom Cousin unseres Großneffen, auf dem 70. Jeburtstach von Otto erzählt hat, dass das Foto zur Silbernen von Trudchen und Herbert überreicht worden ist.

Ich denke, es war die Silberne Hochzeit vom Neffen? Und der hieß doch Alfred. Nein. Alfred ist doch der Cousin dritten Grades Eurer Großmutter, mit dem damals doch keiner wollte, wegen der Partei und so. Partei? Na der war doch bei den Nationalsozialisten und euer Opa war ja in der KPD. Also ging man sich aus dem Weg. Nur bei großen Familienfeiern gab es dann mal ein Zusammentreffen. Aber da war Politik verboten. Aber das auf dem Foto, das ist definitiv euer Urgroßvater. Aber nicht mit Schülern sondern mit Kameraden aus seiner Studentenverbindung.

So oder ähnlich verliefen in den letzten 30 Jahren die Gespräche, wenn man mal wieder in der Familien-Fotokiste gewühlt hatte und dabei dieses Foto fand. Jetzt hat sicher herausgestellt: Es ist gar kein Familienfoto. Es ist bei irgendeinem Umzug zufällig in die Fotokiste geraten, weil es in einer Wohnung vom Vormieter vergessen worden war. Und ich war immer so stolz auf meinen Urgroßvater und das Foto von ihm.

Mehr Bilder aus der Fotokiste  

Bilder aus der Fotokiste IV

Der Sommer kommt. Sagen die Wetterfrösche. Nicht schnell, aber langsam und garantiert. Noch ist April und die warmen Nachmittage kämpfen immer noch mit den kalten Nächten. Nicht mehr lang, und die Grillsaison geht wieder los. Bei den Freunden in Thüringen begann sie schon im März. Bei unserer Rennsteigwanderung von der Ebertswiese aus. Lecker Rostbratwürste aus Floh bei nem halben Meter Schnee.

Schnee lag damals nicht, im November 2004. Warum ich ausgerechnet heute das Foto aus der Kiste fand, weiß ich auch nicht. Vielleicht lag es am Hunger (war wieder mal Joggen statt Abendbrot zu essen). Es war ein Abend in meiner alten Wohnung in der Glockengasse in Erfurt. In meiner kleinen 54-qm-Wohnung in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert. Kleine Küche, Wohn- und Schlafzimmer, ein Bad mit Wanne. Und – eine Terrasse. Im Hinterhof, grün und ruhig. Die Wände aus Naturstein einen halben Meter dick.

An jenem Abend saßen wir drinnen. Elf Freunde waren gekommen. Mit Wein und Bier und Schnaps im Gepäck. Und Hunger. Denn es war der Abend der Martinsgans. Dazu, wie immer eben, Thüringer Klöße und Rotkohl. Selbst geschnibbelt am Tag vorher, angedünstet mit Speck und Zwiebeln. Abgelöscht mit Rotwein und Apfelsaft. Salz, Zimt und Nelken. Eine Nacht stehenlassen. Dann am Vormittag schon einmal kurz zum köcheln bringen, abkühlen lassen.

Dann die Gans füllen. Backpflaumen, Äpfel hinein. Einsalzen und ab in die Röhre. Vier Stunden bei 150 Grad (die zusätzlichen Keulen, damit es für alle reicht, eine Stunde später dazu). Immer wieder mit dem Bratensaft begießen. Am Nachmittag dann die Kartoffeln schälen, die eine Hälfte reiben. Die andere kochen. Das andere Drittel Kloßteig. Mischbrot in Würfel schneiden, in Butter braten. Immer eine handvoll Kloßmasse, die Brotwürfel hinein und formen. Nach der Gans schauen. Rotkohl langsam heiß werden lassen. Mit Gänsefett verfeinern.

Wichtig war und ist besonders bei der Martinsgans das Zeitmanagement. Damit alles zur gleichen Zeit fertig ist. Genau dann, wenn alle Gäste da sind und essen wollen. Es hatte wieder einmal geklappt. Die Gans kurz vor dem Mahl mit Thüringer Schwarzbier übergießen, das gibt ne schöne Kruste. Die Sauce aus Orangen, Portwein und Sahne war dann auch genau richtig auf ein Drittel reduziert. Schnell noch abschmecken und auf den Tisch.

Dann saßen alle, dann aßen alle. Schweigend. Nur ab und an ein „mhmm“, ein „mhmm“ oder ein „mhmm“. Kurze Zeit später war die Gans alle, Klöße und Rotkohl auch. Hinterher gab´s Aromatique. Und Wein und Bier. Und Geschichten aus tausend und einer Martinsgansnacht.

Bilder aus der Fotokiste II

Ja, da Erinnerungen werden wach. Nicht nur bei den Bildern aus der eigenen Fotokiste. Kaum war der erste Teil der bpb-Serie „Bilder aus der Fotokiste“ online, segelte mir ein weiteres altes Foto ins Postfach. Vielen Dank dafür nach Halle. Es zeigt die alte IL 14 der Interflug, die jahrelang auf dem „Rummelplatz“ vor der Eissporthalle stand. An der Schnittstelle von Halle und Halle Neustadt. Dort, wo sich die meiste Zeit unsere Jugend zugetragen hat. Dort, wo die Woche für uns am Sonntag begann.

Sonntags, kurz nach 17 Uhr. Zu dieser Zeit öffnete an jenem Wochentag die HO-Gaststätte (oder war es ne Konsum-Gaststätte?) „Pirouette“. Dort begann vor knapp 30 Jahren unser „Sonntags-Stammtisch“. Freunde aus der Schule, aus dem Jugendklub, aus der Nachbarschaft. Der eine oder andere war schon 18 oder älter, die meisten knapp 16 Jahre jung.Und eigentlich passten wir dort gar nicht so recht hinein. Mit unseren Fleischerhemden, Jeanswesten, Jesuslatschen und Trampern. Doch wir waren eben jeden Sonntag dort. Das war letztendlich unser Eintritt und unsere Garantie für einen reservierten Tisch in der mit weißen Tischdecken eingedeckten Gaststätte. Schräg gegenüber von Halles Stasi-Hauptquartier.

Unvergessen unser Kellner „Herr Ries“. Er war immer für uns da. Manches Mal geleitete er uns, vorbei an wartenden Erwachsenen in Abendgarderobe, zu unserem Tisch. Er bediente uns wie alte Stammgäste. Was wir ja irgendwann dann auch waren. Es gab Pils vom Fass (0,25 l für 56 Pfennige), Schinkenplatte,  gemischte Platte (Salami, Käse, Schinken), Würzfleisch, Steak Letscho mit Pommes, Steak Champignons. Manches Mal auch einen Kiwi, Pfeffi oder Goldi. Je nach Kohle in der Tasche.  Manch einer trank auch nur ein Bierchen, weil es fürs Essen nicht reichte. Aber das war egal. Hauptsache, wir saßen alle zusammen.

Manchmal hatte auch Herr Ries seinen freien Tag am Sonntag. Dann war „der Alte“ da. Unfreundlich, langsam und gar nicht erfreut über uns junge Schnösel. So saß eines Sonntagabends eine Fliege auf dem Rand des Bierglases. Einer von uns wollte sie mit einer schnellen Handbewegung fangen. Das ging schief, das Bierglas fiel um, der Inhalt ergoss sich über die Tischdecke. „Lassen Sie gefääligst unsere Haustiere in Ruhe“, schrie daraufhin der „Alte“ und ließ uns absichtlich mit der nassen Biertischdecke sitzen.

Aber auch solche Ereignisse hielten uns nicht von unseren Sonntagstreffen ab. Später waren dann die einen zur Asche, andere beim Studium oder auf Montage im Lubminer Atomkraftwerk. Wo aber auch immer die Woche verbracht wurde, der Sonntagabend gehörte uns und der „Pirouette“. Einige  fuhren dann gleich von dort aus mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof und von dort weiter nach Weimar oder an die See zum Studiern oder Klechen off Mongdasche.

Die „Pirouette“ gibt es nicht mehr. Auch die IL 14 steht inzwischen in Dessau. Den Stammtisch aber gibt´s immer noch, in einer anderen Kneipe in Halle. Ein, zwei, drei Stammtischgründer haben sich inzwischen über 1500 Mal am Sonntag  versammelt. Und heben ab und an einen oder zwei auf Herrn Ries.