Versteckte Kamera oder Sie wollen mich verar… ähm, wohl auf den Arm nehmen?

Sonntagmittag in Berlin Charlottenburg. Touristen strömen in Massen über den Kudamm, vor dem Beate-Uhse-Museum stehen etwa 30 Japaner nach Karten an. Ein paar Franzosen stehen an der Bude nebenan, jeder vor sich ein Berliner Gedeck: Currywurst, Pommes und ein kleines Schultheiss Pils. Der Supermarkt dahinter ist wie jeden Sonntag rappelvoll.

Die längste Schlange gibt es wieder einmal vor den Leergutautomaten. Hier stehen jeden Sonntag die gleichen Leute an: Die Flaschensammler mit ihren Leergut vollen Ikea-Einkaufstaschen, der Rentner mit ein paar Büchsen und Flaschen aus den umliegenden Papierkörben, die Bettel-Punks mit leeren Sternburg-Pils-Pullen. Ein Sonntag wie jeder andere.

Nur eins ist anders. In der Joachimsthaler Straße, direkt vor dem Postamt, steht im Halteverbot ein Volvo. Soll ja mal vorkommen. Bei näherer Betrachtung des Kennzeichens zeigt sich, dass es sich hierbei um einen Finnen handelt. Oder um eine Finnin. Jedenfalls ein Volvo, der in Finnland zugelassen ist. Aha, denke ich, in Finnland sehen wohl die Halteverbotsschilder anders aus. Oder man hat es einfach ignoriert. Oder nicht gesehen.

Nun gut, kann ja mal vorkommen. Ich will gerade weiter schlendern, als mich ein Herr, etwa 60 Jahre alt, anspricht. Er trägt eine weiße Leinenhose, ein teuer aussehendes Hemd und an den Füßen billig wirkende Badelatschen. „Can you help me?“, fragt er mich. Mein Englisch ist nun nicht das beste, aber helpen tu ich natürlich gern und so antworte ich : „Yes, what´s your problem?“ Er fragt: „What is the price for parking here?“

„Here is prohibited to park“, sage ich mit der Hoffnung, er würde mein schlechtes Englisch verstehen. Daraufhin schaut er mich verwundert an. Er zeigt auf seine Handfläche. In der liegen ein paar Euromünzen. Dann zeigt er auf den Briefmarken-Automaten der Post, der direkt neben seinem Auto auf dem Bürgersteig steht. „How much?“ fragt er. Nun fehlen mir nicht nur die englischen Worte.  „Sie wollen mich verar… ähm auf den Arm nehmen“, sage ich dann etwas später. Und: „Versteckte Kamera oder so was ähnliches?“

Denn das kann er doch nicht ernst gemeint haben. Immerhin ist der Briefmarkenautomat GELB, an beiden Seiten prankt groß das Post-Zeichen. Doch er schaut mich nur noch mehr verwundert an. Ich sage dann, inder Hoffnung, dass es nicht die Versteckte Kamera ist und dass er mich versteht:  „They can buy stamps here, no parking tickets.“

„Ah, okay“, sagt er daraufhin. Dann steckt er mehrere Münzen in den Automaten, drückt zwei Tasten und holt aus der Klappe ein paar Briefmarken heraus. Sagt „Thank you, my friend“, geht zum Volvo, steigt ein und fährt davon. Ich stehe noch eine ganze Weile da. Jetzt kommt gleich der Frank Elstner, denke ich. Doch er kommt nicht. Auch Kameras kann ich keine entdecken. Aber wenigstens erfahre ich später, dass Briefkästen in Finnland orange sind.

Briefkastenspione oder Der Trick mit den Flyern

Wie machen die das? Woher wissen die, dass ich sie gerade weggeworfen habe? Ich rede hier von den kleinen Flyern, die den Boden unserer Briefkästen in einer unglaublichen Hartnäckigkeit bedecken. Die Flyer der Handwerker. Der Videorecorder-Reparatur-Werkstätten.

Seriös, schnell und preiswert. Kostenlose Leihgeräte. Reparaturen aller Fabrikate. Notdienst ohne Feiertags-Zuschläge. 60 Monate Voll-Garantie. Anerkannt und kompetent. Fernsehdienst und Waschmaschinen.

Über Wochen hinweg sammeln sie sich an. Über Wochen werden sie ignoriert. Eine Zeit lang werden sie immer mehr, dann hört es auf. Die Zahl der kleinen bunten Zettel bleibt über Wochen etwa gleich. Und dann kommt mein Tag.

Ich nehme alle und werfe sie in den Werbe-Abfall-Kasten, der unter den Briefkästen steht.  Vorher verschaffe ich mir noch einen Überblick. Könnte ja doch mal einer für mich dabei sein. Meistens nicht. Eigentlich nie. Auf jeden Fall sind sie genau am nächsten Tag wieder drin. Als ob ich sie nie weggeworfen hätte.

Ich versteht das nicht. Werde ich vielleicht dabei beobachtet? Über eine versteckte Kamera? Und der Hausmeister ruft dann seinen Freund an.  Der, der die Firma hat, die die Flyer verteilt. Oder kontrollieren die Flyer-Verteiler vielleicht mit einem, Spiegel die Briefkästen und werfen dann die nach, die noch nicht drin sind?

Vor allem, woher wollen die wissen, dass ich die Flyer nicht mitgenommen habe? Und nutzen will? Ich werde es wohl nie erfahren. Egal, es ist wie es ist. Und die Flyer habe ich jetzt doch mit nach oben genommen. Denn es gibt Rabatte. Mal zehn, mal 20 oder 30 Euro. Für die Reparatur des Fernsehers oder der Waschmaschine oder des Geschirrspülers. Auch am Wochenende. Anfahrt nur zwei Euro.

Jetzt werden sie auf dem Schrank im Flur liegen. Und werden nun hier ignoriert. Bis einer sie wegwirft. Wenn die neuen gekommen sind.

briefkasten