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Café-Sitzer

Ich gebe es gern zu: Auch ich arbeite hin und immer wieder im Cafés oder Kneipen. In solcherart Umgebungen bin ich oft kreativer als in meinem Arbeitszimmer daheim. Woran das liegt? Keine Ahnung. Ich vermute, dass so manche Szene, die ich beschreibe, besser gelingt, wenn ich sie sehen oder miterleben oder, besser noch, fühlen kann. Jedoch halte ich mich immer an gewisse Regeln, da ich selbst lang genug in der Gastronomie tätig war. Regel Nummer eins: Umsatz machen. Ich würde mir doof vorkommen, wenn ich einen Platz besetzen würde, ohne etwas zu konsumieren. Und so trinke ich Kaffee, Säfte, Wasser oder auch mal Bier oder Wein, wenn es passt. Aber scheinbar bin ich damit komplett aus der Mode. In dem Café, in dem ich es mir gerade gemütlich gemacht habe, passiert genau das Gegenteil. Also nicht bei mir – ich habe Cappuccino und Rhabarbersaftschorle vor mir stehen.

Die drei Mädels am Nachbartisch arbeiten an einem gemeinsamen Projekt für die Fachschule, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Sie waren schon da, als ich kam, sind also mindestens zwei Stunden hier. Auf dem Tisch stehen drei Laptops, die allesamt mit Strom des Cafés versorgt werden. Ebenfalls auf dem Tisch steht eine leere Tasse Kaffee mit schon angetrockneten Kaffee-Resten. Zu trinken haben die drei genug – allerdings nichts vom Café, sondern von daheim Mitgebrachtes. Die eine nippt an einer Plastikpulle Wasser, die sie immer wieder in ihrer Tasche versteckt, die anderen beiden holen sich regelmäßig Leitungswasser von Toilettenwaschbecken. Es sieht so aus, als ob sie noch eine Weile bleiben würden. Fazit: Ein besetzter Tisch für drei Stunden, Umsatz: 2,30 Euro.

Am Tisch daneben ein ähnliches Bild. Dort sitzen eine junge Frau und ein Typ, die beide wild auf die Tasten ihrer Macs einhämmern. Sie tun super wichtig, trinken oder essen aber – nichts! Die haben nicht einmal etwas bestellt oder gekauft. Kamen rein, stöpselten ihre Geräte in eine der reichlich vorhandenen Verteilerdosen, wählten sich (vermutlich) ins kostenlose Internet des Cafés und sitzen nun schon eine knappe Stunde dort. Fazit: Ein besetzter Tisch für wenigstens eine Stunde, Umsatz: Null.

Die spanischen Touristen am Tisch dahinter sind die Ausnahme: Sie trinken Saft und Kaffee und essen Sandwiches und Kuchen. Fazit: Ein besetzter Tisch für eine halbe Stunde, Umsatz: 25 Euro.

An den anderen fünf Tischen sitzt jeweils eine Person mit eingestöpselten Laptop und maximal einem Getränk. Gesamtfazit für die 90 Minuten meiner Anwesenheit: Den Umsatz von 50 Euro haben fünf von 15 Gästen gemacht. Unglaublich. Wie können sich die Betreiber das leisten? In dieser Gegend? Möchte nicht wissen, wie hoch hier die Miete ist. Und wie ein Geldwäschelokal sieht der Laden nicht unbedingt aus (man weiß es natürlich nicht). Ich trinke dann mal besser aus und gehe, bevor ich mich hier noch unbeliebt mache (bei den Gästen). Ich stelle mir vor, was ich denen sagen würde, wäre ich hier der Inhaber. Das lass ich hier aber mal weg, sonst ernte ich bloß wieder unqualifizierte Hasskommentare oder Shitstorm. Ich werde  trotzdem wieder hingehen. Denn bei all den Umsatzkillern hat der Laden, im Gegensatz zu vielen anderen in Berlin, einen entscheidenden Vorteil: Das Personal spricht Deutsch.

 

Schwere süße Blonde

Ob er sich denn wirklich sicher sei, fragte ich meinen Besuch aus Hamburg, sich mit mir auf dem Kurfürstendamm auf einen Kaffee zu treffen. Warum nicht, fragte er. Ein lauschiges Plätzchen unter Sonnenschirmen, lecker Kaffe und die ganzen Leute, die da vorbeischelndern.

Wir trafen uns in einem Café am Kudamm. Kurz nach dem Mittag. Hallo, wie gehts, alles schön? Die ersten Minuten waren dann auch tatsächlich lauschig, schattig und auch ruhig. Bis auf den normalen Verkehr eben. Doch dann ging es los. Zuerst stürmte eine Gruppe russischer Touristen, oder auch russischer Berliner, die Caféterrasse. Da sie zu zeht waren, schoben sie erst einmal mit lautenm Gepolter drei Tische zusammen. Ohne natürlich vorher die bedienung zu fragen. Das Gesicht der Kellnerin dazu sprach Bände. Die Bestellung war denn auch genauso lautstark, dafür um so kürzer: Deutsches Bier, dawai, dawai.

Gerade als sich die Lage an der deutsch-russischen Front etwas beruhigt hatte, raste ein flaches rotes Auto auf dem Kudamm vorbei. Mit einer Lautstärke, die es mit jedem Jet hääte aufnehmen können, mit einer Geschwindigkeit, die garantiert die Fleppen gekostet hätte. Zum Glück isser schnell vorbei, dachten wir gerade, da fuhr er auf der Gegenfahrbahn wieder vorbei. Rrrrreng, rrrreng, klang es vor der nächsten roten Ampel. Mister Ferrari fuhr noch zehn Mal vorbei. Aus jeder Richtung.

Wir hatten etwa zehn Sekunden Ruhe. Dann stellte sich auf den einzig freien Parkplatz vor dem Café ein Mercedes. Goldfarben, Breitreifen, tiefer gelegt. Drin ein Typ mit Goldkettchen, Schnauzbart, Sonnenbrille, Rolex-Imitat. Er lächelte kurz in unsere Richtung, öffnete elektrisch die Fenster und drehte gleichzeitig am Lautstärkeknopf seiner vermutlich 500-Watt-Anlage. Ich weiß nicht, was da zu hören war, denn mit solchem Krach beschäftige ich mich nicht. Es war aber wohl so etwas wie Bushido. Wumm, Wumm, Wumm, bla bla bla, wumm wumm, bla bla, wumm, bla, bla, bla. „Isch bin isch bin isch, was wüllscht du, isch.“ So ähnlich. Nur schlimmer noch.

Unseren Russen war das wohl zu laut, sie schmissen ein paar Zehn-Euro-Scheine auf den Tisch und verließen das Lokal ohne vorher die Rechnung bestellt zu haben. Die Kellnerin schwankte zwischen Wut, Freude und Tränen. Dann fuhr auch noch der Goldkettchen-Wumm-Bla-Benz weg. Und endlich hatten wir wieder Ruhe. Aber auch nur für wenige Minuten.  Denn die Ex-Russen-Tische waren binnen weniger Minuten wieder besetzt. Mit Frauen eines Kaffekränzchens. Jede etwa 100 Kilo schwer. Ebenso lautstark wie unsere russischen Freunde debattierten sie über den Kaloriengehalt der angebotenen Kuchen und Torten. Und dass man sich heute wohl mal zurückhalten wolle, mit den fetten Torten. Das haben sie dann auch getan. Schoko-Kirsch-Torte ohne Sahne, Sacherschnitte ohne Sahne. Aber den Kaffee bitte mit. Mit Sahne und Zucker. Schließlich seien sie doch keine Schwarzen, kicherte die Schwerste unter ihnen. Sondern süße Blonde.