Wunder Po Baby

Ist es noch ein Wunder? Nein. Ist es nicht. Das Wunder Deutschland. Das Wunder in Deutschland. Es lebt in uns, mit uns. Ohne Wunder, das wäre wie ohne Bockwurst. Ohne Bier. Keine Frage. Wir sind das Land des Wunders. Auch wenn es immer mal wieder eins außerhalb gibt. In Chile. Oder damals in Bern. Aber auch das war ja ein deutsches. Oder gerade eben wieder. Ein Wunder, dass in Schmalkaden niemand zu Schaden kam. Als sich die Erde auftat. Wie durch ein Wunder.

Es begann mit Zarah Leander. Die es immer schon gewusst hat. Dann kam das Wirtschaftswunder. Gefolgt vom Jobwunder. Wir sind die Wunderkinder. Sang dann irgendwann einmal sogar Oberschlaulehrer Heinz Rudolf Kunze. Wir im Osten hatten das das Blaue Wunder von Dresden. Drüben gab es das Wunder D-Mark. Hüben das Wunder Westpaket. Dort das Wunder Aufschwung. Hier das Wunder 115 Prozent sozialistische Planerfüllung. Später dann das Wunder Wende. Für manchen war dann sogar die Einheit ein Wunder. Wie wunderlich. Mal abgesehen vom Wunder der Schöpfung (oder ist es eher das Wunder der Evolution?) Zumindest gibt es eins, dass all diese Wunder verbindet: Wir haben uns mit ihnen abgefunden. Ohne uns zu wundern. Aber es gibt eben immer mal wieder was Neues. Wie das Wunder Po Baby, zum Beispiel.

Bergbau wird neu überdacht

Die Welt freut sich, die Welt umarmt Chile, alle sind froh. Ich natürlich auch. Alle Bergleute gerettet. Nur die TV-Sender wissen nicht mehr, über was oder wen sie noch berichten sollen. Eigentlich könnten sie ihre Ü-Wagen abziehen, die Reporter nach Hause schicken. Es ist nun mal nichts Schlimmes passiert. Ist ja auch schlimm. Für so ein Reporterteam. Only bad news are good news. Gut, dass es in der Heimat ausgebildete und schlaue Köpfe gibt, die aus dem Studio schlaue Fragen an die gebildeten Reporter vor Ort stellen.

ZDF-Moderatorin: „Wie wird es jetzt weitergehen in Chile?“ Reporter vor Ort: „Der chilenische Bergbau soll jetzt neu überdacht werden.“

ntv-Moderator: „Wie geht es jetzt für die Bergleute weiter?“ ntv-Reporter vor Ort: „Manche werden vielleicht Bergarbeiter bleiben, andere vielleicht nicht.“

n24-Moderator: „Wie muss man sich das vorstellen, in so einer engen Kapsel nach oben zu fahren?“ Psychologe: „Das ist wie in einem engen Ein-Personenfahrstuhl. Im Vergleich zu einem Großraumflugzeug ist es da ganz schön eng.“

Pro7-Moderator: „Wie erleichtert sind die Familien der Bergarbeiter jetzt?“ Reporter vor Ort: „Mein Eindruck ist, dass die Familien der befreiten Bergleute sehr erleichtert sind.“

 

 

 

Jürgen und der chilenische Bio-Apfel

Es ist Samstag, ein Bioladen in Prenzlauer Berg. Gut besucht. Kunden aller Berliner Schichten. Die Öko-Mutti, der Manager-Schnösel, Kalle von umme Ecke, Wilmersdorfer Witwen. Und er. Oder ihm. Oder seine Majestät. Latzhose, John-Lennon-Nickelbrille, Jesuslatschen, Strickpullover, Brustbeutel. Die selbstgedrehte, schon einmal angezündete und wieder ausgemachte, Zigarrette hinterm Ohr. Mann, der hat verdammt viele Jahre verpennt. Und den Wecker nicht gehört. Noch nie. Nennen wir ihn Jürgen.

Jürgen jedenfalls steht vor den Äpfeln. Bio-Äpfel aus der Mark Brandenburg, aus dem Alten Land. Und angebliche Bio-Äpfel aus Chile. „Ist hier zufällig jemand zuständig?“, ruft Jürgen und zieht konsterniert den Schnodder in seiner Hakennase laut hörbar hoch. „Ick würde nämlich jern mal wissen, wieviele Tonnen Kerosin so´n Apfel aus Chile auf dem Jewissen hat!“ Einige Kunden starren Jürgen an, Jürgen starrt zurück. Nur ein „Zuständiger“ lässt sich nicht blicken.

„Übalejen se mal. Der Apfel fällt in Chile vom Baum. Chile, det ist eenmal um die janze Welt“, sagt Jürgen. „Und denne wird der Apfel mit dem Elkawee zum Hafen jefahrn. Bestimmt sind det alleene schon hunderte Kilometer. Und denne steht der Apfel da im Hafen in Kisten rum und wartet uff det nächste Schiff.“ Jürgen greift in die Kiste mit den chilenischen Früchten, nimmt einen gelben Apfel in die Hand. „Gucken se ma hier. Dit sieht ma den Apfel schon an. Total blass isser. Det kommt von die Reifung uff dem Schiff. Der chilenische Apfel an sich darf nämlich nicht am Baum reifen, sondern muss ditte uff der Übafahrt nach hier.“

„Schlimm. Schlimm is dit mit die janze Bio-Beschiss“, pflichtet ihm eine Kundin bei (Mitte 30, die Haare zu Schulmädchen-Zöpfen geflochten, langer brauner Strick-Rock, T-Shirt mit Fuck-of-Aufschrift und ausgewaschener Jeansjacke darüber). Sie hat ein Kleinkind auf dem Arm und schiebt einen Einkaufswagen vor sich her mit zwei Sellerie-Wurzeln, Roter Beete und Zwiebeln von einem regionalen Öko-Bauernhof sowie drei Flaschen australischem Bio-Wein (selbstverständlich kontrolliert ökologischer Anbau!). „Dit sach ich ihnen“, sagt Jürgen und sieht sich nach einem „Zuständigen“ um.

Doch ein solcher lässt sich weiterhin nicht blicken. Grund genug für Jürgen, nochmal die Geschichte des chilenischen Bio-Apfels auf seiner Reise nach Deutschland aufzugreifen. „Und denn fährt dit Schiff ewich lang über die Weltmeere. In der Schiffs-Schraube sterben Delphine, seltene Schildkröten und die janzen andren Meeresbewohner. Ja kommt hier nun ma jemand Verantwortlicher für dit Janze?“, fragt Jürgen noch einmal etwas lauter in Richtung der Kassen. Doch die haben andere Sorgen, der Laden wird gerade richtig voll.

Jürgen resigniert. Er geht zu den Kisten mit den Bio-Äpfeln aus der Mark Brandenburg. „Wat solln die kosten? Sechs Euro? Nee, dit zahl ick nich für Äppel.“ Jürgen stöbert in den Kisten mit den Früchten aus dem Alten Land. „Die sind ja noch teurer. Nee, dit kommt mir nich inne Tüte!“ Jürgen schlendert zurück. Er brabbelt etwas Unverständliches vor sich hin. Dann sieht er sich mehrmals um, greift sich schließlich eine Bio-aus-Altpapier-Tüte und packt vier Äpfel hinein. Vier Äpfel aus Chile. „Zwee fuffzich. Dit ist doch mal Preis. Wie die dit nur machen, bei dem weiten Wech…“