Nach Mallorca durften wir nicht

Wie es sich denn so als Kommunist gelebt habe, damals, in der DDR, wollte neulich ein Kollege von mir wissen. Natürlich war das Thema Mauer und die Jahre, die seit ihr vergangen sind, der Auslöser. Nun, sagte ich zu ihm, das wisse ich nicht mehr so genau. Denn als Kommunist hätte ich nie so richtig gelebt, in der DDR. Oder würde er sich an seine Jugend als Kapitalist erinnern? Das wäre aber doch ganz was anderes, so könnte ich ihm nicht kommen, sprach er und wollte sich davonschleichen. Halt, sagte ich, ich war noch nicht fertig. Denn ich will erzählen, wie ich gelebt habe, damals in der DDR.

Ich war Musiker, ich war Schlosser, ich war jung, ich war verliebt. Ich hatte Freunde, und hab sie heute noch, ich hatte eine Jeans, eine Jeansjacke, eine Gitarre, lange Haare, Bart, fast jedes Wochenende mindestens ein Party. Ich hatte Glück, ich hatte Pech, ich hatte zwei Bands und viele Muggen (Mugge = MUsikalisches GelegenheitsGEschäft), ich war Trampen und Campen, wobei das damals immer Zelten hieß, ich hatte nen Walkman und ein Spulentonbandgerät. Manchmal war ich traurig, dann konnte ich gute Texte schreiben, dann war ich wieder glücklich, da konnte ich gut Musik machen. Ich ging zur Schule und in die Lehre, ich ging in die Kaufhalle und in die Kneipe. Ich trank gern Bier, Campa und Pfeffi, Klaren Juwel mit Quick-Cola gemischt, am liebsten mit Freunden und aus der Flasche. Ich war HFC-Fan und Fan von Deep Purple, ich hörte gern BAP, Herrn Kunze und Lift. Ich war auf Montage, in Schichten im Kraftwerk, ich stand an der Stanze, der Säge, am Fließband. Ich ging sehr gern schwimmen und rauchte viel Karo, manchmal auch Semper oder F6.Alles in allem, es war meine Jugend, eine Jugend, verdammt gut und schön. Auch wenn ihr im Westen das niemals verstehn wollt.

Da sprach mein Kollege: Nun gut, das hatte ich alles nicht. Aber wollte ich auch nicht. Denn ich durfte dafür nach Mallorca, nach Mallorca durftet ihr nicht. Und da musst ich ihm Recht geben.  Nach Mallorca, nach Mallorca durften wir nicht.

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  Es war nicht alles schlecht: Klarer Juwel und Karo

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Damals

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Damals war´s. Als die Haare noch lang waren. Wie die Party-Nächte an den Wochenenden. In der Partywohnung in Erfurt. Dort, schräg gegenüber vom Metal-Café. Wo es Sonntagnachmittag schon den ersten Whisky gab. Marke Ost natürlich. Also Falkner.
Manchmal ging es am nächsten Morgen von dort direkt zur Arbeit. Wenn man den Weg noch fand. Manch einer wollte gar schon Sonntagabend zur Arbeit fahren. Weil er dachte, es ist schon Montag. Und hat sich gewundert, warum alle anderen noch immer im Café sind.
Oder in Halle. Marthastraße. Gleich um die Ecke vom Sargdeckel. Eine Wohnung unterm Dach. Auch hier Party, Party, Party. Legendär die Bestellung in der Mitropa vom Bahnhof Halle: „Bringen se mal für hundert Mark Pfeffi“. Unglaublich – ein ganzer Tisch voller Gläser mit grünem Likör.
Und dann Neugattersleben. Unvergessen. Kirschwhisky an der Bushaltestelle. Hausgemachter Wein (süß aber sehr lecker) bis zum Erbrechen. Einzigartig.
Mal ganz abgesehen von den Himmelfahrts-Treffen an der Lütsche-Talsperre. Was da alles los war…
Mit dabei immer die drei großen J: Jeans, Jeansjacke, Jesuslatschen. Meist mit Fleischerhemd darunter. Und natürlich die Gitarre unterm Arm. Oder die Geige, die Mandoline, der Dudelsack. Live-Musik war schon immer Pflicht bei uns.
Die Treffen zu Himmelfahrt gibt´s immer noch. Zum Glück. Denn die sind immer noch genauso schön wie damals. Nicht mehr ganz so wild, nicht mehr ganz so lang. Aber es gibt sie noch. Und hier gibt es die Fotos von damals.

 

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