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So sieht´s aus

pegida_031016Die Zahl der Pegida-Demonstranten am 3. Oktober betrug weniger als ein Prozent der Dresdner.

Alles Gute zum 60., liebe Julia!

Alles Gute zum 60., liebe Julia! Gern hätten ich (und andere) heute mit Dir gefeiert. Warum bist Du nur gegangen? Ich hatte Pläne. Sooo viele Pläne. Und Ideen. Und, und, und. Du hast uns verlassen, aber nicht unsere Herzen. Darin lebst Du weiter fort. Und natürlich in Deiner Tochter. Sie hätte Dich heute gern umarmt.

Hier nochmal mein Post für Julia von 2009:

Es lief im Radio. Letzte Woche. Selten, dass sie mal Renft spielen. Aber letzte Woche lief es, das Lied. Und plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Glasklar. Als wenn es gestern gewesen wäre.

Sie hieß Julia. Kurze, rote Struwwelhaare, grüne Augen. Zerrissene Jeans, kunterbuntes, selbst bemaltes T-Shirt, Parka. Sie war 32, fast zehn Jahre älter als ich damals. Im Turm, dem Studentenklub von Halle, hatten wir uns kennengelernt. Wir waren die letzten Gäste, nach einem Konzert. Ich hatte gerade meine letzte Mark für ein Bier ausgegeben. Sie ihre letzten Pfennige für ein Schmalzbrot. Wir haben beides geteilt. Und sind danach durchs dunkle Halle zu ihr gelaufen.  In einer eisigen Winternacht.

Altbau Hinterhaus, zweiter Stock. Dunkle Kälte. Strom hab ich schon lange nicht mehr, sagte sie, zündete Kerzen an. Und den Gasherd. Bei offener Klappe kam so etwas Wärme in die Küche. Kohlen kommen erst nächste Woche. Wenn ich sie bezahlen kann. Julia ging nicht arbeiten. War bei der Stadt als “kriminell gefährdet” eingestuft.  Aber die lassen mich in Ruhe, sagte sie. Weil ich plem plem bin. Plem plem? War in der Irrenanstalt. In Altscherbitz. Wollen wir nicht über was anderes reden? Klar, sagte ich.

Wir redeten bis zum Morgen. Und tranken Wein. Selbstgemachten Kirschwein. Aus einem großen Ballon, der neben dem Küchentisch stand. Und Julia erzählte doch noch ihre Geschichte. Von Schlägen daheim, vom Kinderheim, von Lügen. Lügen ihrer Mutter. Die nicht wahr haben wollte, was der Vater jahrelang mit der Tochter gemacht hatte. Niemand hatte ihr geglaubt. Deshalb wurde sie eingewiesen.  Dort, sagte sie, hat man wenigstens so getan, als ob man mir glauben würde. Glaubst Du mir? Fragte Julia beim Abschied und bevor ich antworten konnte – sag jetzt lieber nichts. Und vergiss mich, so eine wie mich, so eine hat man nicht als Freundin.

Ich konnte sie natürlich nicht vergessen. Hab sie hin und wieder besucht. Mit ihr die Kohlen in den Keller getragen. Kirschen gepflückt, für den neuen Wein. Nächtelang in der Küche gesessen. Dann fragte sie mich, ob ich denn die Gitarre mal mitbringen könne. Sie hätte mich da letztens spielen sehen, in der Band, beim Straßenfest. Als ich mit der Gitarre kam, hatte Julia gekocht. Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen habe. Kannst Du “Als ich wie ein Vogel war” singen? Klar konnte ich. Renft, das gehörte zum Standartrepertoire. Damals.

Julia sang mit. Den Refrain: Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Das ist jetzt unser Lied, sagte sie. Wenn ich es in Zukunft höre, denk ich an dich. Und wenn Du es hörst, könntest du ja auch an mich denken. Ach Julia, ich denk doch sowieso oft an dich, sagte ich. Und wollte ihr sagen wie sehr ich oft an sie denken muss. Sie hatte wohl so etwas geahnt, bat mich, jetzt nichts zu sagen und dafür weiter zu spielen. Wir sangen und saßen wieder mal bis zum Morgen.

Es war der letzte Morgen mit Julia. Ein Unfall. Hieß es damals. Heute weiß ich, dass es keiner war. Freunde haben mir später erzählt, dass sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Stand darauf.

Migrationshintergrundmissverständnis

Sehr geehrter Herr Pilz,

normalerweise beschäftigt sich mein kleines bpb-blog nicht mit der großen Politik. Doch ab und an gibt es dann doch einen Anlass, sich einmal mehr mit den Geschehnissen in der Welt oder in unserem Land zu befassen. Dieses Mal sind Sie der Anlass. Sie schreiben, alle Menschen, die in der DDR geboren sind, seien Migranten. Nun, auch ich bin in der DDR geboren, also in Ihrem Sinne ein Migrant. Dies ist falsch. An dieser Stelle sollte ich einfügen, dass ich die Vorfälle in Freital keineswegs akzeptiere. Ganz im Gegenteil, diese dummen Vollpfosten sind mir zuwider. Darum geht es aber gar nicht. Es geht um Folgendes:

Ich habe zu keiner Zeit, nie, mein Geburtsland aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verlassen um woanders um Aufnahme zu bitten. Auch habe ich nicht meinen Wohnsitz in meinem Geburtsland aufgegeben, um diesen in ein anderes Land zu verlegen. Das unterscheidet mich und andere 17 Millionen Deutsche von Menschen mit wirklichem Migrationshintergrund. Nicht wir gingen fort. Sondern „sie“ kamen zu uns. Sie, sehr geehrter Herr Pilz, (be)schreiben das selbst in einem Absatz sehr genau: „Der Westen kam dann 1990 auch nach Freital.“ Wobei es gar nicht darum geht, wer woher kommt/wohin geht. Alle Menschen kommen irgendwoher und haben ein Recht auf ein anständiges Leben. Jedoch sollte man doch von einem Welt-Redakteur erwarten dürfen, dass er die Definition von Migrant kennt…

Weil wir gerade bei Unwissenheit sind: Diejenigen Menschen, die in den DDR-Bezirken Halle und Magdeburg geboren worden sind (das Gebiet von Sachsen-Anhalt) sind heutzutage Anhalter. Die Anhaltiner, wie Sie die Sachsen-Anhalter bezeichnen, sind ein Adelsgeschlecht bzw. Personen, die etwas mit dem Fürstenhaus Anhalt zu tun haben. Das sollten gerade Sie als Redakteur des Feuilletons der Welt wissen. Aber Sie wissen ja so manches andere auch nicht.

Dor jute alte Buna Belzer

Wer sich so alles auf mein Blog verirrt, ist manchmal schon irre. Schön, dass man die Suchbegriffe sehen kann, die hierher führten. Das Ergebnis von heute:

suchbegriffe_erster_mai

…mitten in den Arsch

Den mochte mein Vater auch, deshalb sei er hier mal wieder gepostet. Ich war damals zehn und hab ihn wohl noch nicht verstanden. Inzwischen kann ich aber immer wieder herzlich lachen…

Zum 60. ein Lied

Und hier ist ein wunderschöner Text dazu.

Zitat des Tages

„Die Ausspähung meiner Privatsphäre und die meiner Familie zwischen 1983 und 1989 durch insgesamt fünf Mitarbeiter der Stasi hat mir einen, wenn auch nur leichten, psychischen Schaden zugefügt, dessen Heilungsprozess mehrere Jahre in Anspruch genommen hat, ganz abgesehen von anderen Maßnahmen gegen mich wie das Berlin-Verbot, das Ausreiseverbot in die ČSSR oder nach Polen, der Ersatzpersonalausweis PM 12, das wöchentliche Angebot der Stasi, für die Stasi zu arbeiten („Und Sie könnten heute noch nach Hause fahren!“), während meines unfreiwilligen Aufenthaltes in der JVA Unterwellenborn oder die unfassbaren Maßregelungen meiner Eltern durch DDR-Behörden. Ich glaube deshalb nicht, dass die Ausspähung meiner Privatsphäre, genauer die nutzungsabhängige Werbeeinblendung von Facebook, da auch nur im Geringsten herankommt. Also mir persönlich geht die ganze Diskussion um neue Nutzungsbedingungen bei Facebook am Arsch vorbei.“

berlinpankowblogger, 30. Januar 2015

Charakter

zehn_euro_neu_2014_azehn_mark_ddr_mdn_aIch will nicht über den Wert dieser Scheine streiten. Aber Charakter hat nur einer von beiden. Der eine sieht aus wie aus dem Kinderkaufmannsladen, der andere sieht aus wie Geld – ist nur leider nicht mehr aktuell.

Alles Gute zum 77., Manne!

Dschungelcamp: Psychologische Kriegsführung

P1050577Was hätte wohl die Abteilung Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Halle der SED zum Dschungelcamp gesagt? Ich habe es gefunden, in einem Agitationsblättchen von 1967. Eigentlich geht es um guten Fernsehempfang und ob Mopeds diesen stören können oder nicht. Aber natürlich durfte damals eine entsprechende Einleitung nicht fehlen:

  • Werte Genossen! Die Abteilung Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Halle der SED gab Euch in zwei Argumentationen: „Westfernsehen und Westfunk – Gift oder Unterhaltung“ und „Gift aus dem Äther“ Hintergrundinformationen über die Rolle dieser westlichen Massenmedien im System der psychologischen Kriegsführung des westdeutschen Imperialismus und Militarismus. Wir wiesen damit den ideologischen Schaden nach, der durch ideologische Diversion unserer Arbeiter- und Bauern-Macht und der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung zugefügt werden soll. Unsere heutige Argumentation  soll Euch, ausgehend von den beiden Grundsatzargumentationen, unterstützen, um allen Bürgern unseres Bezirkes bei der Sicherung eines guten Empfanges der Sendungen des Deutschen Fersehfunks (DFF – Berlin Aldershof) zu helfen.

Im Propaganda-Heftchen wird dann genau erklärt, in welche Richtung man seine Antenne auszurichten hatte. Und wie man einen Antennenwald auf dem Dach verhindern kann – nämlich mit Gemeinschaftsantennen. So heißt es dort:

  • In Halle-West entsteht eine neue Chemiearbeiterstadt. Wie würde das Bild dieser Stadt mit ihren Hochhäusern aussehen, wenn jeder Bewohner seine eigene Antenne aufs Dach bzw. an die Wand des Gebäudes pflanzt?  Jeder wird verstehen, daß unsere moderne Baukultur mit ihren vielgeschossigen Gebäuden diese Handlung nicht zuläßt.

Und natürlich gab es auch noch den entsprechenden Hinweis zum Umgang mit den „ungeschützten“ Zündspulen der Mopeds:

  • Je weiter die Antenne von der Verkehrsstraße entfernt angebracht wird, um so weniger haben Kraftfahrzeuge die Möglichkeit, den Fernsehampfang zu stören.

 

 

 

Keine Wahl

Freitagabend in Marzahn-Hellersdorf. Die „Frohe Aussicht“ ist gut besucht. Hinter der Theke natürlich, wie jeden Freitag (und Samstag) die Karin. Hat sich heute ein Dirndl angezogen. Mit einem tiefen Ausschnitt. Der sorgt für Umsatz. Denkt Karin. Und hat Recht.  Zumindest Paule und Mucki leisten sich heute mal wieder Molle und Korn. Sitzen am Tresen und haben vor lauter Dekolleté-Anstarren ganz vergessen, sich die neusten Storys aus dem Jobcenter zu erzählen. Am Tisch neben der Tür, wo sonst der blinde Rentner mit Mischlingshündin Cindy sitzt, gucken zwei, scheinbar verirrte, asiatische Touristen in die Speisekarte, die ihnen Karin gebracht hat. Handgeschrieben. „Vastehta deutsch? Denn kann icke Euch och sagen, wat heute vonne Küche kommen tut. Schnipo, Bowu, Curry oda Bulette mit Kartoffelsalat. Nich hausjemacht. Dit kann icke mir nich mehr leisten.“

Die beiden Asiaten schütteln den Kopf und zeigen auf die Currywurst, die Manne grad am Nachbartisch mampft und auf das Hefeweizenglas auf dem Fensterbrett, in dem (schon immer, eigentlich. Oder nicht?) drei rote Stoffnelken stecken. „Also zwee ma Curry und zwee Hefe. Bring ick Euch.“
Karin saust hinter die Theke, ruft in Richtung Küche „Harry, zweema Curry mit Pommes“ und verschwindet dann hinter dem schweren vergilbten Stoffvorhang, hinter dem sich das Hinterzimmer befindet. Dort sitzen, auch wie jeden Freitag (und das schon seit Mitte der 80er),  die Herren vom Stammtisch Operativer Einsatz: Günter P. (75), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, NVA- Oberstleutnant a.D. Eberhard W. (78),  Herbert K. (71), der alte Führungs-Stratege,  Plattenbau-IM Walter Z. (74) und natürlich Illjuschin (Alter unbekannt, geschätzt Anfang 70), der Kopf der alten Kämpfer.

„Na, wolln die Herren noch ein Ründchen?“ fragt Karin und sammelt die leeren Biertulpen ein. „Ja, mach mal, Schätzchen“, sagt der Herbert, „die Runde jeht uff mich.“ Die anderen Strategen schauen ihren Kampf- und Weggefährten etwas verwundert an. „Haste im Lotto jewonn? Oda jehts in Urlaub?“, fragt Walter, währenstasi_emblem_ddrd er sich Notizen in seinem kleinen Schreibblock macht. Das hat er sich noch nicht abgewöhnen können. Seitdem er in seiner Platte nicht mehr offiziell als IM arbeiten darf und kann, schreibt Z. alles privat auf. Über seine Nachbarn, über die Russen im Haus gegenüber, wann wer mit welchem Auto ankommt und abfährt, wer mit wem sich unterhält. Hier, beim Stammtisch, ist er deshalb zum Schriftführer ernannt worden. Und kann deshalb für fast alle Stammtisch-Treffen sagen, wer wieviel getrunken, gegessen, wer bezahlt hat. Seine Stammtischprotokolle sind  inzwischen mehrere Aktenordner lang. Denn Walter Z. schreibt dann zuhause alles noch einmal mit seiner Erika-Schreibmaschine ab und heftet es ordentlich ab, geordnet nach Namen und Alphabet. Von Computern hält Z. nichts. „Errungenschaften des Imperialismus kommen nicht in mein Heim“, pflegt er zu sagen. Obwohl natürlich auch er Ausnahmen macht. Wie könnte er sonst Opel Astra fahren?

„Nein“, sagt der Herbert. „Ick wollte nur mal ne Runde jeben, um mit Euch nochmal auf unseren erfolgreichen Wahlkampf anzustoßen. Der Osten wählt rot – das haben wir den Parteijenossen doch wieder einmal jut untajejubelt, oda?“ Die Stammtisch-Genossen nicken beifällig. „Aba noch is ja nich jewählt“,  mein Eberhard und verteilt die Biertulpen und Körnchen vom Tablett, das Karin („macht mal selba“) auf den Tisch gestellt hatte.  „Und doch bin icke übazeugt, dass wir die 47,7 Prozentchen von 2009 übabieten werden hier im Bezirk. Und nun erst ma Prösterchen.“ Die Genossen halten die Gläser nach alter Tradition mit angewinkeltem Arm ein paar Sekunden fest, schauen sich alle gegenseitig in die Augen (außer Günter, der sieht fast nichts mehr) und kippen dann die Körnchen ex hinunter.

„Nun mal aber ganz im Ernst. Warum seid Ihr so überzeugt, dass wir das Ergebnis von 2009 überbieten werden“, fragt nun Illjuschin, der sonst weniger und meistens gar nichts sagt. „Nun“, beginnt Walter, „wir haben dieses Jahr die Kampagne `Keine Wahl´ gestartet. Und die looft perfekt.“ Illjuschin schaut Walter fragend an. „Dit kann Dir Herbertchen bessa erklärn.“ Herbert nimmt noch ein Schlückchen Pils, schaut einmal ernst in die Runde und lächelt dann wissend: „Walter hat inzwischen Protokolle über alle, die in seinem Kiez wohnen. Und die meisten haben Dreck am Stecken. So sind wir in den letzten Wochen allesamt von Tür zu Tür und haben den Leuten erklärt: Entweder Ihr wählt Links, oder das eine oder andere sickert bei der Familie, beim Vermieter, beim Ehepartner oder gar bei der Zeitung durch. Ihr habt also keine Wahl. Und damit die uns nicht bescheißen, hatten wir natürlich gleich alle Briefwahl-Unterlagen dabei, die wir in deren Namen vorher schon bestellt hatten.“

„Mhm. Das schein mir mal wieder eine ordentliche Operation zu sein. Erinnert mich an die gute alte Zeit, damals, vor 89.  Glückwunsch Genossen“, sagt Illjuschin. Und: „Die nächste Runde geht auf mich. Ihr habt keine Wahl.“

Bilder aus der Fotokiste IX

P1030221Da habe ich meine halbe Jugend verbracht. Auf der Peißnitz in Halle. Tischtennis gespielt, Knack und Skat, Bier getrunken, geraucht. Das erste Mal geknutscht, verliebt gewesen, später mit Freunden den Sonntags-Stammtisch gegründet. Allerdings sah es bei uns dann schon etwas anders aus, als auf diesem Foto von 1958. Gefunden in Mutters alter Fotokiste. Fotografiert damals von Vater. Ich weiß noch, dass er mir einmal vom „Fallschirm-Sprung-Übungsturm“ auf der Peißnitz erzählt hat. Nur gesehen hab ich ihn  nie. Bis heute.

7285 Ostmark Miete

500ostmarkMan soll es ja nicht mehr machen. ich mahce es schon lange nicht mehr. Aber meine Frau hat mich gestern darauf gebracht. Und wenn man es ein bisschen übertreibt, dann wird es auch schon wieder so absurd, dasses witzig ist. Das Umrechnen des Euro. Ich habe mal ein paar Preise zuerst in D-Mark (amtlicher Kurs von 1,95583) sowie dann in Ost-Mark (1:5) umgerechnet. Dabei kommen wir auf folgende Kosten:

Ein BVG-Einzelfahrschein: 2,60 Euro – 5,08 DM – 25,42 Ostmark. Ein Liter Sprit kostet 15,94 Mark Ost, ein Bier in der Kneipe 37,16, eine Pizza 73,34. Die Miete für unsere Wohnung schlägt mit 7285,46 Ostmark zu Buche. Mein damaliger Facharbeiterlohn von 600 Ostmark würde also bei zwei U-Bahnfahrten, einer Einkaufsfahrt mit dem Auto, einem Tag Miete sowie ein paar Bierchen und eine Pizza in der Kneipe genau einen Tag reichen.

Moderne zwischen DDR & Mittelalter

P1070381Es ist schon erstaunlich. Da fliegt man knappe sechs Stunden und schon ist man nicht nur in einem komplett anderem Klima, sondern auch noch in einer anderen Welt. Abu Dhabi. Es ist heiß hier. Am Tag möchte man eigentlich nur im Schatten sein. Am Abend kann man dafür aber lange draußen sitzen. Mit Blick auf die Skyline der Stadt. Die einem vorgaukelt, man wäre in einer modernen City. Stimmt auch. Was die Wolkenkartzer angeht. Die Supermärkte. Die Straßen. Die Shopping-Malls. Den Hafen. Den Strand. Die Promenade, die Corniche. Alles hypermodern. Alles schneller, höher, weiter.

Für Fußgänger wurde die Stadt nicht gebaut. Aber dafür kostet Taxi fahren ja (fast) nichts. 30 Cent pro Kilometer. Da kommt man sich einigermaßen blöd vor, wenn man von der einen auf die andere Seite der Stadt gefahren worden ist und der Taxikutscher will umgerechnet drei Euro. Und Busfahren. 40 Cent innnerhalb der Stadt. 80 Cent für die Außenbezirke. Etwa 15 Dirham, also keine drei Euro, kostet die Busfahrt ins 80 Kilometer entfernte Dubai. Machen wir morgen.

Klingt alles gut, sieht alles gut aus. Nur tiefer hineinblicken darf man nicht. Medien? Wie in der DDR. Berichte über die Königsfamilie, Reportagen über die Königsfamilie, Nachrichten aus der Königsfamilie. Und Berichte über die Erfolge des Landes. Wo stehen wir am besten da? Wo sind wir die schnellsten? Planerfüllung aller Orten. Natürlich, ein wenig Crime ist auch dabei. Und da landen wir dann im Mittelalter. Blutgeld. Steinigungen. Polygamie. Scharia. Ein Fall, der uns erzählt worden ist: Ein Mann verätzt das Gesicht seiner Frau mit Säure. Die Scharia entscheidet: Sie darf das nun auch bei ihm tun. Doch die Frau will das nicht. Daraufhin hat es ihre Mutter getan…

Sonst aber ist alles gut. Der Pool auf dem Dach mit 29 Grad warmen Wasser. Daneben die Poolbar, die entgegen aller Erwartungen neben Bier und Wein auch alkoholische Cocktails aus aller Welt anbietet. Und dahinter der Blick über die Stadt. Beeindruckend. Nach einem Rundgang gestern durch die City und die Mittagshitze (über 30 Grad) sollte es dann heute Ferrari-World werden. Die haben Montags geschlossen. Also gehts in die Marina Mall und zum Emirates Palace. Außerdem ist es leicht windig heute. Und Wind heißt hier, wenn er vom Land kommt, auch immer Sand. Also auf zum Shoppen. Denn auch da gibt es einen mächtigen Unterschied zu allen anderen Ländern, die wir bisher auf unseren Resien gesehen haben. Steuern? Was sind Steuern? Gibt´s hier nicht. Das Gehalt kommt Brutto aufs Konto. Und bei Zigaretten z.B. bezahlt man die Ware und nicht den Staat: Für ne Stange verlangen die hier neun Euro.

Kein Witz

Es war einer meiner Lieblingswitze. Damals. Vor 1989. Oft erzählt im Sargdeckel. Oder im Zentral. Im Turm oder im Starken Arm. Gelacht wurde viel. Manchem blieb das Lachen aber auch im Hals stecken. Weil es eigentlich kein Witz war. Sondern bittere Realität. Nun ist es Zeit, ihn mal wieder zu erzählen. Denn in Berlin und speziell auf der Flughafenbaustelle in Schönefeld ist dieser Witz ebenfalls kein Witz.

Eine Schlosserbrigade in einem volkseigenen Betrieb (VEB) der DDR hatte mal wieder kein Material zur Verfügung und außerdem auch noch ein wenig geschlampt. Der Plan wurde nur zu 60 Prozent erfüllt. Sagt der Meister: Jungs, das ist Scheiße. Ich muss wenigstens 80 Prozent nach oben melden mit dem Versprechen, die restlichen 20 Prozent schnell aufzuholen. Ja, ja. Mach mal.

Der Meister meldet seinem Abteilungsleiter 80prozentige Planerfüllung. Sagt der Abteilungsleiter: Spinnt Ihr? Ihr wisst ganz genau: Ich muss mindestens 100 Prozent beim Kombinatsdirektor melden. Sonst reißen die uns den Kopf ab. Und besser wäre natürlich eine Planübererfüllung. Also, Ihr wisst bescheid. Ja, ja. Mach mal.

Der Abteilungsleiter meldet in der Kombinatsleitung 100 Prozent Planerfüllung. Sagt der Kombinatsdirektor: Walter, Du weißt ganz genau: Ich muss in Berlin Plan-Übererfüllung melden. Der 1. Mai steht vor der Tür. Wie stehen wir denn da als Bezirk? Macht Euch Gedanken, wie Ihr das hinbekommt. Ja, ja. Mach mal.

Der Kombinatsdirektor in Berlin beim Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau: Wir haben den Plan mit 120 Prozent erfüllt. Sagt der Minister: Prima. Können wir 60 Prozent in den Westen exportieren.