Gustav und die gepixelten Stasi-Pflanzen

„Ich hab es ja gewusst. Die machen was in Schweinkram. Oder Stasi. Oder Bonzen vonne Essedee.“ Gustav (68) aus Marzahn-Hellersdorf hat es schon immer geahnt. Immer geahnt, dass seine Nachbarn bei der Stasi waren, in der SED. Oder, schlimmer noch, Puffbetreiber sind. Denn alle seine Nachbarn haben ihre Häsuer auf Google Street View pixeln lassen. Was hier eigentlich nicht weiter auffällt. Wo doch sogar Bäume und Sträucher gepixelt sind.

Seit 20 Jahren nun schon versucht der Mann herauszubekommen, was hinter den Gardinen seiner Nachbarn abgeht. Doch das Leben der anderen hier blieb Gustav bisher verborgen. Denn als Versicherungsvertreter aus Düsseldorf-Mörsenbroich hat man es nicht leicht, in Marzahn-Hellersdorf. Nicht mehr jedenfalls. 1990 kam der gelernte Rohrleitungsmonteur nach Marzahn. Damals hatte Gustav geahnt, dass seine goldene Zukunft im Osten liegt und sich von Mutti Mercedes und 20.000 D-Mark geliehen. Im Gepäck 500 Blanko-Anträge auf Allianz-Lebensversicherungen. Das bringt mehr, als Rohre zu verlegen, dachte Gustav damals.

Und behielt recht. Innerhalb weniger Wochen hatte Gustav alle Autos, jedes Haus und jedes Leben in seiner Umgebung mehrfach versichert. So manchen Nachbarn hatte er sogar noch Bausparverträge, überteuerte Stereo-Anlagen und Gebrauchtautos verkaufen können. Auch Muttis Benz wechselte für eine fette Summe den Besitzer. Für das Geld bekam Mutti in Düsseldorf-Mörsenbroich einen neuen. Das Geschäft lief blendend. Bald konnte sich Gustav ein Haus in der Marzahner Chaussee kaufen. Mit Leuchtschild: Ihr Experte für Versicherungen aller Art.

Sie kamen nun alle zun ihm, wenn es etwas zu versichern gab. Viele kamen aber auch, um ihre viel zu teure Versicherung zu kündigen. Es kam jedoch niemand, um Gustav einmal privat zu treffen. Ihn einzuladen. Zu Grillabend oder Geburtstagsfeier. Gustav blieb allein. Nun ahnt er, warum. „Die da drüben sind alle beim Stasi gewesen“, erzählte Gustav jüngst daheim bei Muttern in Düsseldorf-Mörsenbroich. Und zeigte ihr auf seinem Macbook, wie sogar Bäume und Sträucher in seiner Straße gepixelt wurden. Vermutlich Ex-Stasi-Abhör-Pflanzen. Sagt Gustav.

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Wär er doch in Düsseldorf geblieben oder 30 Jahre ohne Mauer sind genug

In München müssen Biergärten schließen, in London werden ganze Kneipen geschlossen und abgerissen. In Berlin muss ein Klub nach dreißig jahren dicht machen. Nur weil sich ein Nachbar gestört fühlt. An den Gesprächen der Gäste, an den Geräuschen der Autos, an der Lautstärke der Musik. Jeder, der schon einmal wegen solchen Lärms nicht schlafen konnte, wird dies verstehen.

Was man jedoch nicht verstehen kann, ist, warum solche Leute dann in die Nähe von Kneipen oder Klubs ziehen? Warum sind sie nicht draußen geblieben? In ihren Einfamiliendoppelhaushälftenhäusern auf ihren Käffern in Schwaben oder Brandenburg? Dort, wo sich Fuchs und Einöde Gute Nacht sagen. Wo die Bürgersteige, falls vorhanden, pünktlich um 19 Uhr hochgeklappt werden. Da, wo es schön ruhig ist. Wo man den Nachbar hinterm Drei-Meter-hoch- und- einen-Meter-tief-Sicherheitszaun husten hört.

Oder vielleicht kommt der Nachbar des SO36 auch aus Düsseldorf. Aus so ner Nobelgegend am Stadtrand. Hat nen Manager-Job in Berlin bekommen. Und ne Wohnung in Kreuzberg. Weil´s in ist. Weil man hier die Stadt spürt. Den heißen Atem Berlins. Aber dazu gehört auch die Szene. Inklusive Punkschuppen, Konzerthallen, Musikklubs. Aber sowas gibt es wohl nicht im noblen DDorf. 

Das SO36, worum es hier geht, wird jetzt 30 Jahre alt. Seit 30 Jahren gibt es hier, mitten in Kreuzberg, Punk, Metal & Rock. Eins gab es sogar Politkrawalle. Immer noch ist das SO36 ein Klub mit Haltung. Links, antirassistisch, antisexistisch, antihomophob. Zu lesen gleich am Eingang. Hier gab es sagenumwobende Konzerte von Bands wie Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten und Festivals wie „Berlin Atonal“. 1983 gab es ein Zwischenspiel als türkisches Hochzeitshaus, dann die Besetzung durch das Kulturzentrum „KuKuck“, 1987 dessen Räumung und seit 1990 die Wiedereröffnung durch den Verein SO36. Ein Klub also, wie es ihn  kaum ein zweites Mal gibt.

Und der muss jetzt wegen der Beschwerden eines Hinzugezogenen schließen. Weil er durchs Küchenfenster störenden Lärm hört. Durchs Küchenfenster! Der Klub hat ein Schallschutzfenster angeboten. Oder ne andere Wohnung. Abgelehnt. Nun müssen die Klubber 80.000 Euro für ne Schallschutzmauer aufbringen. Die sie nicht haben. Denn solch ein gemeinnütziger Verein darf ja keine Rücklagen bilden. Ohne Mauer gibt´s Konzerte nur noch in Zimmerlautstärke. Dann kann der nette Nachbar sein Küchenfenster offen lassen und mithören. Allerdings bezweifle ich, dass jene(r) NachbarIn auch nur eine Band kennt, die im SO36 spielt oder jemals gespielt hat.