Die (fast) letzte Bilderbriefkiste dieser Welt

KK100Sie steht immer noch da, wo ich sie beim Einzug vor knapp zehn Jahren hingestellt habe: Die kleine Kiste mit den Dingen von damals: mit ein paar Liebesbriefen aus der Jugendzeit, Fotografien in schwarzweiß, ein paar bunte Dias sowie wenige Aufzeichnungen. Gedichte, die ich damals schrieb, Gedanken übers Leben und den Sinn und überhaupt. Hätten wir einen Boden, stünde sie bestimmt schon dort. Denn geöffnet habe ich sie nur selten, eigentlich fast gar nicht. Aber sie ist da und wäre auch noch da, wenn ich nicht mehr da bin. So ist das eben mit alten Erinnerungskisten. Sie gibt es schon ewig und fast jeder hatte eine solche auf dem Dach, wo sie dann von der nächsten oder übernächsten Generation gefunden wurde.

Eine spannende Sache war das, ich erinnere mich, als ich eine solche Kiste im Dachverschlag meiner Großeltern fand. Mit Briefen und Rezepten, teils in deutscher Sütterlinschrift geschrieben, teils in noch älterer Kurrentschrift. Darunter lagen vergilbte Fotos, auf denen Soldaten und Schüler in Uniform, WM204neuganze Familien in Wohnzimmern und Landschaften zu sehen waren. Wer ist das auf den Fotos? Fragte ich damals die Eltern. Doch auch sie wussten nicht auf jede Frage eine Antwort, die Herkunft so manchen Fotos ist bis heute ungeklärt. Und so bin ich immer noch auf der Suche. Auf der Suche nach den Unbekannten, die sich damals haben fotografieren lassen und dann auf welchen Wegen auch immer in die Fotokiste meiner Großeltern fanden (siehe Foto oben).

Bisher ist es ungewiss, ob ich je erfahren werde, wer die elf jungen Herren sind. Gewiss ist: Es war eine der letzten alten Bilderbriefkisten dieser Welt. Denn JPEGs und E-Mails und Whatsapp-Nachrichten kann man (leider) nicht in Kisten packen und auf den Boden stellen.

Mi arbol genealogico de familia

Juan Luis Mielgo Castellanos. So heißt er, unser neuer Spanisch-Lehrer am Instituto Cervantes am Hackeschen Markt (Foto). Victoria ist ein paar Wochen weg und so haben wir seit voriger Woche Unterricht bei Juan Luis. Macht auch Spaß und teils sogar noch mehr. Weil Juan Luis ein paar mehr Worte Deutsch kann als Victoria. So begreifen wir manche Sachen besser, weil wir auch mal eine Antwort in unserer Muttersprache bekommen. Und doch geht es gefühlt immer schneller voran. Nicht, was das Erlernte betrifft. Eher bezogen auf die Geschwindigkeit neuer Vokabeln und vor allem neuer Anwendungen der Grammatik.

Großes Thema am Dienstag: La Familia. Wer mit wem und von wem und wessen und woher. Dazu sind Vokabeln wie Abuela & abuelo (Oma & Opa), marido & mujer (Ehemann und Frau), hijo y hija (Sohn und Tochter), hermano y hermana (Bruder und Schwester), prima y primo (Cousine und Cousin), cunada & cunado (Schwägerin & Schwager), tia y tio (Tante und Onkel) sowie Muter und Vater (madre y padre), die Eltern (padres) und mütterlich (materno) und väterlich (paterno) natürlich sehr wichtig. Nun sollte jeder seinen Stammbaum aufmalen und die Personen benennen.

Angefangen bei den Großeltern über die Eltern, deren Geschwister, also Onkel und Tanten und wer noch Zeit hätte, könne auch noch seine Cousins und Cousinen aufschreiben. Nun, nachdem ich die Großeltern sowie die zehn Geschwister meiner Mutter zu Blatt gebracht hatte, waren alle anderen fertig. Juan Luis fragte „Ole, vale?“ (gesprochen Bale und heißt „in Ordnung“, das, was Juan Luis immer fragt, wenn wir am Ende einer Lektion sind). Ich antwortete „No. Me arbol de familia un poco mucho trabajo“ (…ist ein bisschen viel Arbeit).

Juan Luis schaute daraufhin kurz auf meine Zeichnung, lachte und schaute etwas ungläubig drein. Ich konnte ihn aber von meiner Großfamilie überzeugen und so kam ich drumherum, den kompletten Stammbaum auf Spanisch erklären zu müssen. Denn mein Vortrag hätte die Unterrichtszeit weit überschritten. So blieb es bei der Vorstellung meiner Eltern. Den kompletten Stammbaum mussten nur die anderen vortragen. So hatte ich noch Zeit für eine Frage (una pregunta), die mich seit Beginn des Kurses beschäftigt: Warum die Spanier grundsätzlich zwei Nachnamen (dos apellidos) haben . Weil sie immer den Namen von Vater und Mutter annehmen. Das wäre also auch endlich geklärt. Nun heißt es wieder lernen und üben. Denn Juan Luis hat mich vorgewarnt: Nächste Woche komme ich nicht wieder drumherum. Dann muss ich meinen Staumbaum aufsagen können, auf Spanisch. Nun, das tu ich gern. Vorausgesetzt, es gelingt mir überhaupt erst einmal auf Deutsch. Hasta luego!