NYC alternativ: Bedford Stuyvesant

Kein Timesquare, kein Empire State Building, kein Central Park: Unser Urlaub in New York sollte dieses Mal ein anderer werden. Und er ist es geworden. Dank unserer vorangegangenen Reisen in die Stadt der Städte hatten wir genug von all den „normalen“ Zielen aus den Reiseführern. Es wäre Zeitverschwendung, das alles noch einmal zu machen. Also mussten Alternativen her. Die erste hieß Bedford Stuyvesant – der Kürze wegen in NYC einfach Bed Stuy genannt.

bed_04Viel ist geschrieben worden über diesen Stadtteil Brooklyns, der sich wie ein Keil unter Williamsburg und Bushwick schiebt. Es sei einer der letzten noch nicht gentrifizierten Teile New Yorks. Heißt es. Hier sei doch die Seele der alten Bewohner anzutreffen, weit weg von Luxuswohnen und Restaurants und Bars. Wir waren wohl etwas zu spät. Denn genau das haben wir gefunden: Teures Wohnen und schicke Restaurants. Klar, es gibt sie noch – die alten Bewohner. Man sieht sie in den Fastfoodketten sitzen, vor unsanierten Häusern stehen, auf den Hauptstraßen spazieren und besonders in der Nähe der heruntergekommenen Shoppingmeilen im Zentrum des Stadtteiles überwiegen noch die eigentlichen Einwohner Bedford Stuyvesants.bed_08Wo man sie nicht sieht, ist in den schicken Seitenstraßen mit den endlosen Reihen von Brownstones, den typischen Häusern hier in Brooklyn. Die meisten sind saniert und in den Parkbuchten davor parken deutsche Luxuslimousinen neben großen amerikanischen SUV. Wo man die alten Bewohner ebenfalls nicht sieht, ist in den schicken Restaurants und Bars, die das Viertel erobern. Der Wandel hat hier schon längst begonnen und von den alten und armen Bewohnern wird sich das hier bald keiner mehr leisten können.bed_09Die Geschichte ist am Ende in vielen Teilen der Stadt (und in jedem andren Land) die gleiche: Vor der Gentrifizierung kaufen sich die, die es sich leisten können, für relativ wenig Geld (aus deren Sicht) ein Haus, im Falle Brooklyn ist das meist ein Brownstone. In Bed Stuy soll man so ein Haus vor zehn Jahren für 50.000 Dollar bekommen haben. Häuser, die nun siebenstellige Werte haben. Genauso läuft das in Red Hook oder in Bushwick, zwei weiteren Stadtteilen Brooklyns, in denen sich der Wandel vollzieht oder schon vollzogen hat. Trotz allem oder gerade deswegen war der halbe Tag in Bed Stuy ein besonderer und gehört ab sofort in jeden Reiseführer New Yorks. bed_06bed_01 bed_07bed_03bed_05

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Nette Nachbarn

Nun ist Schluss in Prenzlauer Berg. Überfüllt, ausgelastet, fertig. Nichts geht mehr im neuen alten In-Viertel der Zugereisten. Man ist reich, hat Kinder und n Luxus saniertes Penthouse. Oder aber auch ne Wohnung ein Stockwerk tiefer, wenn man damit leben kann. Hauptsache die Nähe zum Kollwitzplatz. Das war bisher die Devise.

Doch damit ist Schluss. Denn die Gentrifizierung ist abgeschlossen, überholt und außerdem übervoll und dehnt sich deshalb aus. Ausgerechnet gen Norden. Hinter die Grenzlinie, hinter die Wisbyer. Ja, so ist es. Neuerdings wohnt man da. Oder hier. Gegenüber zum Beispiel. Die junge Familie mit der B-Klasse. Berliner Kennzeichen, klar. Aber immer noch mit der Randbemerkung „Autohaus Schwabing“. Ja, das muss man zeigen. Und das Baby auch. Es wird aus dem Fenster gehalten, wenn es schreit. Hallo Pankow, noch wach?

Harmlos. Im Nachbarhaus geht es ganz anders zu. Da wohnen jetzt welche mit Musik im Blut. Versuchen ihren Kindern die Nationalhymne beizubringen. Auf der Geige. Zwanzigmal hintereinander. Von mal zu mal schlimmer. Natürlich bei weit geöffneter Balkontür. Die ganze WM lang. Die nun vorbei ist und damit auch das Hymnengekratze mit dem Fiedelbogen. Nichts gegen Kinder, die Geige spielen. Schließlich hab ich vor 40 Jahren auch so angefangen. Aber eben nicht mit deutschen Hymnen. Und nicht abends um halb zehn.

Und dann die neuen Nachbarn nebenan. Kenzeichen Hamburg. Halten nichts von Fahrrädern im Flur. Und vom Grillen rein gar nichts. Lassen sich allabendlich Sushi vom Cateringservice bringen. Haben ihre hanseatische Meinung gleich ans Brett im Hausflur geschlagen: Bitte keine Räder im Flur. Wem gehört der Kinderwagen im Hof? Außerdem möchten sie gern darauf hinweisen, dass sie das Grillen im Hof stört. Der Rauch wäre eine Zumutung.

Jetzt wird die Wohnung über uns saniert. Die bisherige Mieterin ist ausgezogen. Die hatte noch nen alten DDR-Mietvertrag und eine dementsprechende unsanierte Wohnung. Bin nun gespannt, wer da einziehen wird. Vielleicht ja ein hanseatisch-schwäbisches neureiches Makler-Designer-Paar mit Holzkohle- und Kinderwagenphobie. Oder einfach nur nette Nachbarn. Die Hoffnung stirbt zuletzt.