Du warst selten so wie wir

Zum 30jährigen (selbst gewählten) Todestag einer Freundin

(Geschrieben hab ich´s allerdings schon vor einigen Jahren, 2014 dann vertont und 2015 zum ersten Mal öffentlich vorgetragen, also vor Freunden)

für julia (1955-1988)

 

fast jeden tag saß ich ganz dicht

bei dir im dunklen kerzenlicht

in deinen augen schlief ein stern

ganz tief in dir, und doch so fern

 

tausend blicke, kaum ein wort

sprachst du aus, träumtest dich fort

mein stern wird tausend sterne sein

klagtest du, sie ist doch mein

 

warum hab ich nichts

warum hab ich nichts

warum hab ich nichts gesagt?

 

irgendwann will jeder mal

ganz anders sein als nur egal

du warst selten so wie wir

auch nicht wie ich und doch bei mir

 

gemeinsam träumten wir vom meer

vom abhauen ohne wiederkehr

gegangen bist du ohne mich

in die dunkelheit, dahin wo kein licht

 

warum hab ich mich

warum hab ich mich

warum hab ich mich nicht gewagt?

 

noch heut denk ich manchmal daran

träum dabei die sterne an

seh da oben dein gesicht

warte, dass du mit mir sprichst

 

dein abschied will ich nicht verstehn

´n eignen weg wolltest du gehn

dieser weg – er war auch mein

wolltest doch dagegen sein

 

warum hab ich nicht

warum hab ich´s nicht

warum hab ich´s dir nicht gesagt?

 

fast jeden tag saß ich ganz dicht

bei dir im dunklen kerzenlicht

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Freunde

feuer_himmelfahrt_01Nun ist es also (fast) soweit. Ein halbes Jahrhundert auf der Welt. Geteilt fast genau in der Mitte durch Ost und West. Knappe 25 Jahre in der DDR. Die folgenden dann in dem, was daraus wurde. Viel Gutes wurde daraus. Persönlich sowieso.  Auch davor gab es Gutes. Die Musikschule in Merseburg zum Beispiel. Gerade heute denke ich an die ersten Geigen-Stunden, die nur noch blass im Gedächtnis haften. 45 Jahre ist das her. Als ich 1972 in die (Polytechnische) Viktor-Koenen-Oberschule in Merseburg Süd eingeschult wurde, hatte ich schon fast zwei Jahre Geigenunterricht hinter mir.

Unsere Nachbarn damals tun mir heute noch leid. Kaum ein anderes Instrument erzeugt in den ersten Lehrjahren dermaßen schiefe und nervende Töne wie dieses Instrument. Aber es hat sich gelohnt. Ich kann es noch heute. Dazu gekommen sind dann später noch die Gitarre. Das Akkordeon. Die Mandoline. Viel Musik wurde auch daraus. Zuerst bei „Fliegenpilz“ in Haneu. Später dann mit „Schreihals“ in Erfurt. Heute noch mit Freunden. Immer dann, wenn man sich sieht. Und die sind übrigens das Wichtigste von damals.

Freunde. Freunde, die es geblieben sind. Freundschaften, die gewachsen sind. An ihr selbst und an den Reibungen, die dabei entstehen.  Gewachsen in vielen gemeinsamen Stunden. Gewachsen in der Nähe. Größer geworden in der Ferne. Größer geworden aus Sorge um den Freund, um die Freundin.  Tiefer geworden aus Achtung und Dankbarkeit. Und aus Trauer und Schmerz. Gemeinsam wurde so einiges erträglicher. Wenn auch oft ohne die richtigen Worte. Aber auch Schweigen kann etwas ausdrücken. Schweigen wiegt oft schwerer als ein Wort.

Es sind Freundschaften, die ein Leben begleiten. Die ältesten bringen es auf weit über 30 Jahre. Die jüngsten, nicht minder tiefen, auf gerade mal drei Jahre. Das prägt. Das macht stolz. Und glücklich. Denke ich an Euch, verspüre ich große Achtung. Auch Dankbarkeit. Ohne auch nur ein bisschen zu übertreiben. Ihr habt mich geprägt. Unbezahlbar.  Mit Euch kann man alles meistern. Auch den 50. Und alles, was noch folgen wird. Danke dafür!

 

 

Gitarre im Ofen, Mandoline im Feuer

Ein Freund, der meines Erachtens sehr gut Gitarre spielen kann, sagte einst nach Anhörung dieses Songs: „Das bringt doch eh nichts, das hat doch alles keinen Zweck. Ich schmeiß meine Gitarre weg. Ich steck sie gleich nachher in den Ofen.“ Da ist sie zum Glück nie gelandet.

Einzig eine Mandoline landete einst, wenn auch nicht im Ofen, so doch im Lagerfeuer. Ein Freund und gleich auch Besitzer der selbigen hatte sich einst, während einer Party in Oberüttfeld auf jene gesetzt. Nach dem Genuss einiger alkoholischer Getränke. Es gab einen kurzen Knack, dann sprangen die Saiten vom Brett und hinüber war es, das gute Instrument. Da es nun eh nur noch Brennholz war, warf er die Überreste ins Lagerfeuer. Samt dem Instrument und der Mechanik zum spannen der Saiten.

Am nächsten Morgen war das Feuer erloschen, ein wenig Glut war noch unter der Asche. Es qualmte so vor sich hin. Von der Mandoline war nicht mehr viel übrig. Außer der Metallteile, die von der Hitze der Glut lediglich etwas verbogen waren. Dann kam auch der einstige Besitzer jenes Instruments hinzu. Er steckte sich eine Zigarette an, sah in die Asche und fragte verwundert: „Welcher Idiot hat denn die Mandolinen-Mechanik ins Feuer geschmissen?“

Die Mandoline war hin, die Gitarre lebt noch. Und „Mediterranean Sundance“ ist immer noch eines der größten Gitarren-Stücke aller Zeiten. Es hat uns Jahre lang bei jeder unserer Partys begleitet. Es war in der Party-Wohnung der Aufweck-Song. Und das ohne West-Besuch. Denn Friday Night In San Francisco gabs auch von Amiga. Und die Gänsehaut gibt´s immer noch gratis dazu…

Prag mal wieder (und 399 Meter)

Es wurde mal wieder Zeit. Zeit für einen Besuch in dieser Stadt. Die Stadt, in die ich einst nicht zurückkehren wollte. Dort, wo man mit der Gitarre auf Treppenstufen saß. Mit Freunden und einem Lied. Dann kam die zivile Staatsmacht. Die hatte auch Knüppel dabei.

Doch das ist lange her. Eigentlich längst vergessen. Aber manch Schläge vergisst man eben doch nie. Wieder stand ich auf den Stufen, diesmal ohne Gitarre, ohne Freunde. Nichts passierte. Naja, fast nichts. Ein Mitarbeiter der Metro fragte nach meinem Befinden, ob er mir helfen könne. Nein, danke. Alles okay.

Am schönsten ist es jetzt am frühen Morgen. Wenn man aus dem Hotelfenster blickt und sich die Nebelschwaden über der Moldau langsam verziehen. Wenn die meisten Touristen noch schlafen oder frühstücken oder mit dem Bus stadtrund fahren. Die Prager haben ihren Weg zur Arbeit schon gefunden und die Stadt erwacht. Über die Brücke auf die andere Seite ins Kaffeehaus. Ein doppelter Espresso ist dort so groß wie hier ein vierfacher. Wenigstens zehn Sorten Kuchen, Torten, Gebäck warten verlockend in der Vitrine.

Später dann, wenn Altstadtplatz, Karlsbrücke und Burg vor lauter Menschen nicht mehr zu erkennen sind, die Moldau-Dampfer vor den Schleusen warten und das U Fleku busweise mit Japanern gefüllt wird und drin ein Akkordeon-Spieler den Schneewalzer auf deutsch mit tschechischem Akzent singt, dann ist es Zeit für eine Fahrt mit der guten alten Tatra-Straßenbahn. Drei, vier Stationen die Narodni hinauf.

Dort ist Prag zu Ende. Für den Besucher. Doch wer sich trotzdem traut wird belohnt. Belohnt mit grünen Parks, mit alten Kirchen, neuen Kneipen, alten und neuen Häusern. Die Kneipen mit Preisen, die mir teilweise peinlich waren. Und dann das Essen dort. Halbe böhmische Ente mit drei Sorten Knödeln, rotes und weißes Kraut, Röst-Zwiebeln und lecker Soße (165 Kronen). Ich komme wieder.

Am Nachmittag zurück in die City. Diesmal zu Fuß. Da ein Geschäft, ein Lebensmittel-Geschäft. Ach, wie vermisse ich diese daheim. Alles, was man für zuhause braucht. Dazu in der Vitrine kleine Schnittchen. Mit Käse, mit Wurst, mit Salat. Ach ja, so eine kleine Zwischenmahlzeit, dazu natürlich ein Gambrinus. Kurz vor dem Rausgehen entdecke ich ES in der Kühltruhe. Eis nach Moskauer Art. Zwei Waffeln, zwischendrin das (zumindest bei uns damals) berühmte Moskauer Eis. Welch ein Genuss. Für 15 Kronen.

Am Abend dann ein kleiner Spaziergang an der Moldau entlang. Die Burg hoch oben hell erleuchtet, die Nachtgänger werden aktiv. Die Altstadt ist immer noch zum Bersten voll. Darum geh ich zurück auf die andere Seite der Moldau. Dort, neben dem Café Savoy, gibt´s ein Restaurant, in dem ich am Vortag schon war. Zwar werden auch hier die Touristen abgespeist, aber wenigstens auf „olympischem“ Niveau. Das Essen ist sehr lecker, das schwarze Bier vom Hahn unübertrefflich.

Nur einer von hunderten guten Gründen, warum ich mir die folgenden 399 Meter immer wieder ersparen werde…

praha05.jpg

Genau 399 Meter, gleich hinter der Karlsbrücke…