Das Gefühl der gelassenen Geborgenheit

sf002San Francisco. Das heißt für die meisten Alcatraz, Golden Gate Bridge und Cable Car. Drei Sehenswürdigkeiten, an denen man nur schwer vorbeikommt. Dabei lohnt es sich so sehr, andere Seiten dieser lässigen Stadt an der Pazifikküste zu entdecken. Man muss in die Wohnviertel gehen. Dorthin, wo nicht alles glänzt, aber alles lebt.

Ein Vormittag wie fast jeder in San Francisco. Dichter Nebel zieht vom Pazifik über die Stadt, legt sich wie ein hauchdünner Film auf Haut und Kleidung. Im Café an der Ecke Sanchez/17. Straße versammelt sich früh schon die Nachbarschaft. Sie trinken Kaffee aus Pappbechern, sitzen vor dem Café. Einige kommen von der Nachtschicht im Supermarkt, der hier nie schließt. Andere sind auf dem Weg ins Silicon Valley vor den Toren der Stadt, wo sie bei einem der Computer-Giganten arbeiten. Oder die Hausfrau von gegenüber, der Schuster aus der Nachbarstraße.

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Alle haben eins gemeinsam: den Tag in Ruhe zu beginnen. So langsam sich die Sonne durch den Nebel kämpft, so langsam erwacht hier oben auch die Stadt.

Mittendrin sitze ich, in die Runde aufgenommen vom ersten Tag. Alle wissen mittlerweile, dass ich nicht der neue Nachbar, sondern nur ein Besucher aus Deutschland bin.

Bereits am zweiten Morgen steht mein Kaffee – mit etwas geschäumter Milch und ein wenig Zucker – ohne Bestellung für mich auf dem Tresen bereit. Einen Dollar fünfzig kostet der hier, etwas mehr als einen Euro.

Das Wohnen hier im Dolores-Viertel unterhalb der Twin Peaks (zwei Hügel im gleichnamigen Naturpark) ist dagegen sehr teuer. Ein Haus, im viktorianischen Stil erbaut wie viele hier, kann schon mal eine Million Dollar kosten. Deshalb wohnen auch viele der „Dotcoms“ hier. So werden jene genannt, die durch das Internet reich geworden sind.

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Die Straßen sind typisch amerikanisch angelegt, wie ein Schachbrett. Straßen von Ost nach West und von Nord nach Süd. Manche haben sehr steile Anstiege. Das wiederum ist typisch für San Francisco. Interessant sind die Kreuzungen. Jede Straßen-Ecke beherbergt einen Laden, ein Café oder eine Werkstatt. So sind es auch die Kreuzungen, wo man sich trifft, wo das Leben in den Wohnvierteln stattfindet. Und in den unzähligen Parks, die es in der Stadt gibt. Neben dem größten, dem Golden Gate Park, liegt ein ganz anderes Viertel. Es ist nur ein paar Straßen von „Dolores“ entfernt. „Ein paar Blocks weiter“, wie man hier sagt.

Es ist das Gebiet rund um die Straßenecke Haight und Ashbury. Es ist der alte Hippie-Kiez. Weltweit bekannt geworden in den 60er-Jahren. 1967, im „Summer of Love“, kamen tausende junger Leute nach Haight Ashbury. Die Bandmitglieder von „Grateful Dead“ lebten hier, die Musiker von „Jefferson Airplane“ und Janis Joplin.

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Und spätestens seit Scott McKenzies „If you’re going to San Francisco“ (be sure to wear some flowers in your hair) hat die Stadt, nicht nur bei den Hippies, Kult-Status.

Ein paar Blocks weiter liegt dieser Buchladen. Im „City Lights“ trafen sich die Beatnik-Autoren, Schriftsteller wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg setzten hier neue Maßstäbe in Sachen Literatur und Lebensstil. Noch heute lebt in dem Laden diese Zeit. Wie in ganz Haight Ashbury. Das Gefühl Freiheit. In seiner lässigsten Form.

Ich spürte es in den Plattenläden, in denen ich Stunden verbrachte. Ich spürte es in den Straßen, die ich tagelang durchschlenderte. Den Blick auf den Auslagen Dutzender verrückter Klamotten-Läden. An jeder Straßenecke ein anderer Musikant, an jeder Ecke ein anderer Geruch. Mal duftet es nach frisch gemahlenem Kaffee, mal nach gegrilltem Fleisch, mal ganz unbekannt, exotisch.

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Über allem aber ein anderer, ein ganz großer Duft. Der des Meeres. Nebenan, hinter dem Golden Gate Park, liegt der Pazifik. Ein breiter Strand, kilometerlang. Möwen und Pelikane, ein paar Surfer reiten auf den Wellen.

Das alles ist immer noch San Francisco. Immer noch die Stadt, die mir schon vor Jahren aus der Ferne so nah war. Als ich die „Stadtgeschichten“ von Armistead Maupin las. Seine Romanfiguren konnten kaum unterschiedlicher sein: Die Vermieterin Anna Madrigal, der schwule Michael Tolliver, Mona Ramsey mit dem Hang zur Esoterik, der Kellner Brian Hawkins.

Zwei Dinge verbanden all diese Figuren: Die Suche nach dem großen Glück und das Gefühl San Francisco, das Gefühl der gelassenen Geborgenheit. Nun kenne ich es auch.