Stottert bei Erregung

Welche Spuren meine „Beschäftigungen“ als Musiker und Jugenklub-Mitglied zu sehen waren, zeigt ein neuer Auszug aus meiner Stasi-Akte, die nun wieder 40 Blätter umfangreicher geworden ist… Dass ich über westliche Zahlungsmittel verfügt haben soll, ist mir damals entgangen.

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Bilder aus der Fotokiste X

carneval_club_01Kein Bild, aber immerhin aus ner alten Fotokiste. Ich weiß es noch wie heute: Wir hatten dazu einen Super-8-Film gedreht. Einen richtigen Western. Sind dazu in den Harz gefahren, nach Wettin und sonstwo hin. Nur, um diesen Karnevals-Western zu drehen. Und dann war alles im Arsch. Der Film war doppelt belichtet. Man sah unseren Haupthelden Festus, wie er von der Klippe sprang. Aber gleichzeitig sah man ein Fußballspiel. Der Film wurde dann aber trotzdem so gezeigt. Und an dieser Stelle waren es dann „die Träume“, die unseren Haupthelden durcheinander brachten. So wurde das damals gemacht. Keine Chance für eine Wiederholung. Weder zeitlich noch materiell. Aber Fußball und der Wilde Westen – auch damals schon zwei unzertrennliche Dinge. Was ich nicht mehr weiß: Warum es 6. ODER 7. März hieß… Konnte man es sich aussuchen? Oder waren wir uns nicht sicher, an welchem Tag wir im BALTIC Karneval feiern durften…???

 Mehr Bilder aus alten Kisten

Verdamp lang her

Eigentlich kaum zu glauben. Aber es ist wirklich 30 Jahre her. DREIßIG Jahre. Damals, als halb Halle-Neustadt und sicher auch halb Halle und überhaupt die DDR in aufrührerischer Vorfreude war. Auf DAS Konzert. SIE kommen wirklich. BAP. Keine Frage, da mussten wir alle hin. Und es gab auch Karten. Hatte der Jugendclub besorgt. Wenn ich mich recht erinnere. Vorher wurden T-Shirts bemalt, Texte gelernt und in nächtlichen Dauer-Aktionen versucht, zu übersetzen. Von Kölsch ins Deutsche. Das war nicht einfach. So ganz ohne Verbindungen „noh Kölle“. Aber irgendwie ging es. Einer war besonders gut darin, unser Freund Sven hörte sich die Songs immer und immer wieder an. Bis irgendwann auch der letzte Text übersetzt war. Aktuell war damals, glaube ich, Zwesche Salzjebäck un Bier. Vorher hatten wir natürlich schon all die anderen Platten gehört. Wolfgang Niedecken`s BAP rockt andre kölsche Leeder. Affjetaut. Für usszeschnigge. Von drinne noh drusse.

Irgendeiner hatte die Platten. Ich glaube, Sven hatte sie. Alle. Und damit hatten wir sie alle auf Kassette. Oder Tonband. Egal. BAP war BAP. Ob auf Platte (was natürlich schon die beste variante war) oder auf Kassette. T-Shirts wurden gemalt. Auch von Sven. Der konnte mit Textilfarben und Talent „echte“ BAP-T-Shirts malen. Ich hatte mir damals aus einer alten, zerissenen schwarzen lederhose die Buchstaben so ausgeschnitten, wie man BAP schrieb. Und immer noch schreibt. Und dann auf eine ebenfalls selbst (von Mutti) geschneiderte Jeansweste genäht. Das war was. BAP-Schriftzug auf ner Jeansweste. Wenn ich auch heute glaube, dass die Weste von vielen belächelt worden ist. Damals. Aber egal. Ich hatte eine BAP-Weste. Und dann kamen sie nicht. Deshalv spill mer he. Und alles war vorbei. Am Abend des Konzertes haben wir dann vor dem Konzertsaal gesessen und Kerzen angezündet. Bis die Vopos kamen.

Sechs Jahre später dann war ich auf einmal Journalist. Von heute auf morgen. Vom Schlosser zum Schreiber. Freischaffend vorerst. Und hatte auf einmal Kollegen, die fast alle aus Köln kamen. Mein Chef damals Rudi. Der war erstaunt, dass ich BAP so gut kannte. Und lud mich ein. Nach Köln. Und organisierte dort ein Treffen mit BAP. Im Chlodwig-Eck. In der Südstadt (kannte ich ja schon, aus der Ferne: Südstadt verzäll nix) Wirklich? Ich treffe BAP? Kann nicht sein. Doch, du machst das schon. Mach ein Interview. Dann sehen wir weiter. Ich war im Chlodwig-Eck. November 1990. BAP war nicht da. Nicht vollständig. Aber Wolfgang Niedecken war da. Und Major Heuser. Ein Interview ist es nie geworden. Zu aufgeregt war ich als Neu-Journalist. Als Ossi im Westen. Aber der Abend – unvergessen. Kölsch bis zum Abwinken. Und erzählt (verzällt) haben wir bis zum Abwinken. Besonders über das Konzert. Das nie stattgefunden hatte. Wir holen das nach. Hatte Wolfgang damals versprochen. So war es dann auch. Zwei Monate später. Am 14. Januar 1991 in der Erfurter Thüringenhalle. Und auch das ist schon wieder 23 Jahre (verdamp lang) her.

Aktuelles von BAP gibt´s hier.

Dschungelcamp: Psychologische Kriegsführung

P1050577Was hätte wohl die Abteilung Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Halle der SED zum Dschungelcamp gesagt? Ich habe es gefunden, in einem Agitationsblättchen von 1967. Eigentlich geht es um guten Fernsehempfang und ob Mopeds diesen stören können oder nicht. Aber natürlich durfte damals eine entsprechende Einleitung nicht fehlen:

  • Werte Genossen! Die Abteilung Agitation und Propaganda der Bezirksleitung Halle der SED gab Euch in zwei Argumentationen: „Westfernsehen und Westfunk – Gift oder Unterhaltung“ und „Gift aus dem Äther“ Hintergrundinformationen über die Rolle dieser westlichen Massenmedien im System der psychologischen Kriegsführung des westdeutschen Imperialismus und Militarismus. Wir wiesen damit den ideologischen Schaden nach, der durch ideologische Diversion unserer Arbeiter- und Bauern-Macht und der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung zugefügt werden soll. Unsere heutige Argumentation  soll Euch, ausgehend von den beiden Grundsatzargumentationen, unterstützen, um allen Bürgern unseres Bezirkes bei der Sicherung eines guten Empfanges der Sendungen des Deutschen Fersehfunks (DFF – Berlin Aldershof) zu helfen.

Im Propaganda-Heftchen wird dann genau erklärt, in welche Richtung man seine Antenne auszurichten hatte. Und wie man einen Antennenwald auf dem Dach verhindern kann – nämlich mit Gemeinschaftsantennen. So heißt es dort:

  • In Halle-West entsteht eine neue Chemiearbeiterstadt. Wie würde das Bild dieser Stadt mit ihren Hochhäusern aussehen, wenn jeder Bewohner seine eigene Antenne aufs Dach bzw. an die Wand des Gebäudes pflanzt?  Jeder wird verstehen, daß unsere moderne Baukultur mit ihren vielgeschossigen Gebäuden diese Handlung nicht zuläßt.

Und natürlich gab es auch noch den entsprechenden Hinweis zum Umgang mit den „ungeschützten“ Zündspulen der Mopeds:

  • Je weiter die Antenne von der Verkehrsstraße entfernt angebracht wird, um so weniger haben Kraftfahrzeuge die Möglichkeit, den Fernsehampfang zu stören.

 

 

 

Raritäten aus der Mottenkiste I

Ostrock-Schmachtsong aus der Jugendzeit. Oh ja, ich kenn es noch. Gehörte zu den „Langsam-Tanz-Nummern“ in den Diskotheken. Und brachte Pluspunkte in Sachen 60:40 beim Einstufungskomitee des Bezirkskabinettes für Kulturarbeit. 30 Jahre sind seitdem vergangen. Irre.

Deutsches Demokratisches Wortgut V

„Guggse dich an, de Schichtbrote, wiese zum Belzerzuch hetzen.“ Ein Satz, den ich wohl nicht mehr vergessen werde. Obwohl es an die 30 Jahre her ist, als er ausgesprochen worden ist. Nach einer durchzechten Nacht im Jugendklub. Wir waren bei einem der Mitfeiernden gelandet, der eine Einraumwohnung hatte. In der zehnten oder elften Etage. Mit Bier im Kühlschrank. Mit Blick auf die Magistrale. Die Straße, die Halle Neustadt einmal von Ost nach West durchquerte. Und die Blockstadt so in ihre Wohnbezirke teilte. Und mit Blick auf den Halle Neustädter Bahnhof. Zurück zum Schichtbrot. Damals nicht die Bezeichnung für ein Brot mit mehreren Schichten Käse und Wurst und Brot. Ein deutsches Sandwich sozusagen. Heute schon. Das Fressnet ist voll mit Rezepten für ein Schichtbrot. Damals waren die Zutaten einfacher. Ein Mensch, der in Schichten arbeitet. Das war´s. Zum Beispiel in zwei Schichten. Früh und spät.

Oder in drei Schichten. Wie wir damals. Beim Volkseigenen Betrieb Metalleichtbaukombinat Werk Halle. Eine Woche Früschicht, von 6 bis 14 Uhr. Die Folgewoche Nachtschicht. Von 22 bis 6 Uhr. Danach dann Spätschicht, 14 bis 22.  Früh, Nacht, Spät. Diese Reihenfolge. So gewählt, weil man (bei der Reihenfolge Früh, Spät, Nacht) zwischen  der Nachtschichtwoche (endete Samstagfrüh 6 Uhr) und der darauf folgenden Früschichtwoche (begann Montag 6 Uhr) zu wenig Freizeit gehabt hätte. Am schönsten waren deshalb die Wochenenden zwischen Früh- und Nachtschicht. Die dauerten von Freitag 14 bis Montag abend 22 Uhr. Es war eben nicht alles. Und schon gar nicht schlecht.

Schichtbrote waren wir aber nicht wirklich. Schichtbrote, das waren die armen Schweine, die in den Chemischen Werken Buna oder Leuna in einem komplizierten Vier-Schichtsystem knuffen (arbeiten) mussten (auch Buna- oder Leuna-Belzer bzw. -Pelzer genannt. Wobei aber nicht alle Belzer auch in Schichten arbeiteten). Wenn ich mich recht entsinne, waren das 12-Stunden-Schichten. Jeweils von sechs bis achtzehn, bzw. achtzehn bis sechs Uhr. Begann man als Schichtbrot am Wochenanfang, hatte man am Montag Tagschicht und ging dann Dienstagabend bis Mittwochfrüh in die Nachtschicht. Donnerstag wieder Tagschicht, in der Nacht von Freitag auf Sonnabend wieder Nachtschicht. Dann waren der Sonnabend, der Sonntag sowie der Montag frei. Dienstag begann das Schichtspiel von Neuem. Warum sich das wer auch immer ausgedacht hatte, es funktionierte für rund 50.000 Chemiearbeiter im Chemiedreieck Halle, Merseburg, Bitterfeld. 50.000 Schichtbrote. Und die meisten wohnten in Halle Neustadt. Von wo aus sie dann im Belzerzuch vom unterirdischen Bahnhof zur Kleche (Arbeit) fuhren. Was wir nach durchzechten Nächten von jener Wohnung aus beobachten konnten. Also wir sahen die Schichtbrote, wie sie zu Tausenden in den Bahnhof strömten. Und heraus. Schichtbrote, Teil fünf in der bpb-Serie Deutsches Demokratisches Wortgut. Wer wissen will, was ein Belzerzuch war, kann dies hier nachlesen.

Kloppe oder „Kommste mal mit raus?“

Gestern gesehen in Solo Sunny. Der Saxophonist von Sunnys Band ist mal wieder bei ihr abgeblitzt. Deshalb macht er im Trunke eine Mädel am Tresen an: „Du, ich glaube, heute ist es soweit…“ Bevor er aussprechen kann, kommt der Freund der jungen Dame und sagt sofort: „Kommst Du mal mit raus?“ Beide verlassen das Lokal und kurze Zeit später fliegt der Musiker rückwärts wieder rein, er hat eine auf sein großes Maul bekommen. Später stellen seine Mitmusiker fest, dass er mit der dicken Lippe wohl sein Instrument nicht spielen kann. Darauf er:  „Der hätte jar nich kloppen dürfen. Der ist Leistungssportler.“

Es war eben doch nicht alles schlecht. Damals, vor 1989 im Osten. Schon gar nicht dieser grundehrliche, fauststarke Austausch von Meinungen. Und teilweise auch diese Art d er Klärung von Ansichten. Waren zwei nicht einer Meinung im Jugendclub Gimritzer Damm, hatten zwei zur gleichen Zeit ein Auge auf ein Mädchen geworfen, regelte man das vor der Tür. Nicht im Club, immer davor. Und damit war es eben aber auch geklärt. Oft genug standen beide Faustkämpfer kurze Zeit später gemeinsam am Tresen und tranken zusammen einen Goldi-Cola, oder auch zwei oder drei.  Der eine mit ner dicken Lippe, der andere oft mit angebrochener Hand. Nicht selten schwankten beide Streithähne gemeinsam nach Hause, während das Objekt der Begierde, der Anlass der Schlägerei, allein zurück blieb.

Oder sich dann auch mal einen Dritten angelte. Wie oft hab ich das wohl erlebt. Wenn „Kellu“ mal wieder sauer war, weil seine „Kirsche“ mit nem anderen Typen im Club getanzt hatte. Zwei, drei Bier später ging es vor die Tür. Das war so sicher wie die Aktuelle Kamera um 19.30 Uhr. Und „Kellu“ hatte nur wenig ebenbürtgige Gegner, damals (nur die beiden Brüder mit den Hunden, die direkt an der Saale wohnten, deren Namen ich vergessen habe).

Meist kam er kurze Zeit später wieder rein, bestellte ein Getränk am Tresen und regte sich noch ein paar Minuten über diese „Lasche“ auf. Dann war es aber auch vorbei. Auch ich „durfte“ einmal mit ihm vor die Tür. Auch bei uns war es kurz und schmerzvoll. Und auch ich stand ne halbe Stunde später mit ihm am Tresen und beendete den Streit mit „Was willst Du trinken?“ Ein Kreuz des Südens, ein Hallesches Helles und alles war wieder im Lot. Die dicke Lippe blieb noch ein paar Tage. Aber es war alles geklärt. Und das war wichtig.