Die macht krumme Dinger, hab ich mir gedacht

Was ich gedacht habe, damals am 9. November 89? Ich habe gedacht, das geht schnell wieder vorbei. Das ist eine kleine Wunde. Eine Schramme am Knie, die schnell wieder verheilt. Das wird schon wieder, dachte ich. Aber natürlich hatte ich auch Angst. Angst um unsere große Sache. An der ich doch auch irgendwie beteiligt war. Gut, ich war keiner von denen da oben. Aber ohne mich, da hätten die doch gar nicht gewusst, was los ist. Ob ich mich schuldig fühle? Ja, vielleicht ein bisschen. Aber nicht, was Sie jetzt denken. Eher schuldig, dass ich nicht alles gegeben habe. Dass ich nicht immer ganz die Wahrheit aufgeschrieben habe. Verstehen Sie nicht? Na ganz einfach. Das Leben meiner Bekannten, Kollegen, das war doch eher langweilig. Arbeit, Kneipe, Datsche, Trabi. Am Wochenende in den Garten. Auto waschen, Würtschen grillen, Unkraut jähten, Helles saufen. Was sollte ich da schon aufschreiben? Also habe ich ab und zu mal ein paar Sachen erfunden. Naja, nicht erfunden. Ich habe lediglich meinen Vermutungen etwas mehr Gewicht verliehen. Und was kann ich schon dafür, dass aus meinen Vermutungen dann Tatsachen gemacht wurden?

Der Onkel aus dem Westen. Heimliche Affären mit anderen Frauen. Oder Männern. Staatsfeindliche Äußerungen. Oder auch mal die Anschaffung einer teuren Schrankwand. Nein, nein! Ich wollte denen doch nicht schaden. Ganz im Gegenteil. Ich habe das Leben der anderen etwas spannender gemacht. Habe ihnen sozusagen ein Gesicht gegeben. In ihrer farblos-grauen Umgebung. Wie zum Beispiel der eine aus meinem Haus damals. Achter Stock, Wohnung links. Ein Schlosser, der im Schichtdienst gearbeitet hat. Wie konnte der sich denn einen Wartburg leisten? Mit 650 Mark netto im Monat? Dann war ich mal bei ihm eingeladen. Zu seinem 35. Geburtstag. Weil ich doch der Hausmeister war. Und der Schriftführer vom Hausbuch. Und Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung. Da hab ich dann seine Plattensammlung gesehen. Queen, Status Quo und Zupfgeigenhansl mit so jüdischer Musik drauf.  Alles Westplatten. Vermutete ich. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. So ganz ohne Oma im Westen. Da habe ich mir halt meinen Teil gedacht. Und das natürlich auch aufgeschrieben. Na der hat sich vielleicht gewundert, als die Genossen in Zivil an seiner Tür klopften. Hab ihn dann nie wieder gesehen. Was aus ihm geworden ist? Keine Ahnung.

In die Wohnung ist dann die Alleinstehende mit Kind gezogen. Hübsch war die. Und noch so jung. Hatte jedoch ständig Männerbesuche. HWG hieß das in den Berichten. Häufig Wechselnde Geschlechtspartner. Musste aber meine Beobachtungen und Berichte einstellen. Leider. Die hatte wohl einen Verwandten in der SED-Bezirksleitung. Stand sozusagen unter staatlicher Obhut. Ärgerlich. Über die hätte ich Bücher schreiben können. Zum Glück gab es noch genügend andere. In unserem Hochhaus. Karla aus dem dritten Stock, Wohnung Mitte. Nicht mehr ganz so jung. Aber immer noch gut aussehend. Hatte mich ein paar Mal abblitzen lassen. Bei den Hausgemeinschaftsfeiern damals. Also war die auch nicht ganz koscher. Konnte sich teuren Schmuck und Edel-Parfum leisten. Als Köchin in einer Schulmensa. Da hab ich mir gedacht, die macht krumme Dinger. Da hab ich dann geschrieben, dass sie wahrscheinlich zu einer Bande gehört. Diebstahl und so ne Sachen. Später, beim Verhör, hat sich rausgestellt, dass sie eine Erbschaft gemacht hatte. Als sie aus dann der U-Haft kam, hat sie im Hausflur vor allen anderen mit dem Finger auf mich gezeigt. Der ist bei der Stasi, hat sie gesagt. Hat es im ganzen Haus herum erzählt. Diese Schlampe, entschuldigen Sie den Ausdruck. Aber war so.

Was dann kam? Na ich hab weiter gemacht. Obwohl ich nun offiziell nicht mehr inoffizieller Mitarbeiter war. Ich solle mich zurückhalten, sagte mir damals mein Führungsoffizier. Ging persönlich in die Kreisdienststelle. Haben mich nicht reingelassen. Aber nicht mit mir, dachte ich. Hab also weiter alles aufgeschrieben. Schön ordentlich auf meiner Optima. Anfangs noch mit jeweils drei Durchschlägen, wie gewohnt. Später gingen dann die Blaupausen aus. Aber da war es dann auch schon mit der DDR vorbei. Die Berichte hab ich immer noch. Abgeheftet, in Ordnern und nach Namen einsortiert. 130 Aktenordner. Stehen in den Lagerregalen im ehemaligen Hausgemeinschaftsraum. Feten gibt es ja dort nicht mehr. Aber ich hab den Schlüssel noch. Wovon ich jetzt lebe? Rente. Mindestrente. Klage schon seit Jahren gegen dieses Unrecht. Gemeinsam mit meinen Genossen vom Stammtisch. Und jetzt gehen Sie besser. Hab noch zu tun. Unten im vierten Stock sind Russlanddeutsche eingezogen. Zu sechst. In eine Vierraumwohnung. Da ist doch was faul.

Gegendarstellung

Es wird derzeit wieder viel geredet. Über die Fikri, die Folgen und überhaupt. Mit überhaupt meinen manche das große Ganze. Also Deutschland. Und wie es seit der Wende sich so entwickelt und überhaupt der Solizuschlag. Die neuen Autobahnen im Osten des Landes, die Supermärkte, das schöne neue Leben, das wir Euch sozusagen mitgebracht haben.

Ja, so reden immer noch und immer wieder so manche.  Und dann blicken sie herüber. Sie sagen nichts, und doch meinen sie es. Der war doch bestimmt auch dabei, na wenigstens an der Grenze. Nein? Die Partei doch aber? Oder? Nicht? Nein?

Nein, ich war kein IM. Nicht bei der Stasi, nicht beim Ministerium des Innern, nicht bei Mielke. Ich war auch kein Oibe. Weder vor noch nach der Wende. Auch ein Stasi-Opfer war und bin ich nicht. Auch kein Bürgerrechtler oder Revoluzzer. Ich war auch nicht in der Partei. Nicht in dieser, nicht in jener. Ich war nicht bei der Armee. Nicht in der einen, nicht in der andern. Nein, ich habe auch nicht studiert. Nicht privilegiert, nicht mit Beziehungen, auch nicht mit Abi eins komma null.

Und ich komme nicht aus Sachsen. Auch nicht aus Leipzig, Karl-Marx-Stadt oder Dresden. Mein Dialekt ist kein sächsisch. Ich habe als Kind nicht in der Gruppe gekackt. Ich war aber schon immer dagegen.  Ich war einfach nur jung.

Selbst-Enttarnung

Wie man mit Ex-Stasi-Mitarbeitern umgeht, zeigt heute der Berliner Kurier. Man suspendiert sie vom Dienst. Vorher vermeldet man aber noch, dass man sie enttarnt hat. Verstanden? Nicht? Also noch einmal von vorn: Der Berliner Kurier hat einen eigenen Mitarbeiter, einen langjährigen Kurier-Redakteur, als Stasi-IM enttarnt und hat dann dies unter der Überschrift „Kurier enttarnt Stasi-IM“ veröffentlicht. Alles klar jetzt?

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Volks-IM mit Videocam

Eine punktgenaue und akkuraten Bezeichnung hat ppq für die künftigen Nutzer der neuen Bild-Leser-Videkamera gefunden: Volks-IM mit Viedeocam. Besser kann man die Kai-Diekmann-Erfindung wohl kaum bezeichnen. Denn, mal abgesehen vom Nebeneffekt der coolen Fotos für die große Zeitung, werden die Nutzer doch vor allem eins tun: Ihre Nachbarn und den Rest Deutschlands mit ihren Kameras bespitzeln. Alles aufnehmen und mitschneiden. Scheiß auf Persönlichkeitsrechte. Die interessieren eh keinen. 

Da werden wohl nun einige ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit freudig  in die Hände klatschen. Nun dürfen sie wieder offiziell herumspionieren und denunzieren. Auch so mancher deutscher Häuslebesitzer kann nun seinen bösen Nachbarn filmen und direkt zu Bild senden und sich den teuren Umweg über den Anwalt ersparen. Und die Ex-Stasi-IM werden nun Volks-IM. Bleibt nur noch eins zu tun. Abo von Neues Deutschland und Junge Welt kündigen und täglich Bild lesen.

Band-Liquidierung

Da bleibt einem nicht nur die Spucke weg, da kann einem im Nachhinein auch schon mal schlecht werden. Auch 19 Jahre danach lässt uns das Thema Stasi nicht los. Über die Einträge in meiner Akte kann ich heute nur noch lachen. Besonders Wortwahl, nicht vorhandene Rechtschreibung und Grammatik machen die Akte zu einem regelrechten Lesevergnügen. Da steht geschrieben, ich hätte in einer Volkloregruppe gespielt, am Konservatorium Georg Heinrich Händel studiert und meinen Eltern wurde ein Garten nebst Haus angedichtet, der nie existiert hat.

Schön auch die Passage, die beschreibt, dass bei meiner Mutter „keine schwatzhaften Situationen festgestellt wurden“. Ebenso fantastisch die Feststellung des IM (ich weiß immer noch nicht, wer dahinter steckt) nach einem Ungarn-Urlaub: ich sei vom dortigen Konsumangebot begeistert und würde in Budapest sowieso alles besser finden als in der DDR. Und Hinweise von anderen Jugendlichen, die mich auf diese fehlerhafte Einschätzung hingewiesen hätten, seien von mir ignoriert worden… Zu meiner ehrenamtlichen (!) Tätigkeit in einem Jugendclub bemerkte jener IM: Er kam immer nur dann, wenn er nichts anderes vor hatte.

Natürlich gibt es auch Teile in der Stasi-Akte, die nicht so lustig zu lesen sind. Wie wohl die meisten dieser Art. So auch die von befreundeten Musikern einer Metal-Band aus Erfurt, die jetzt ihre Akte Einsehen konnten und Teile daraus auf ihrer Homepage veröffentlicht haben. Weil auch ich bei vielen Konzerten von Macbeth dabei war, geht mir das näher, als ich mir vorstellen konnte. Besonders, wenn von einer Liquidierung der Band zu lesen ist. Das ist krank. Alle wissen, dass damit natürlich das Verbot gemeint war. Aber es liest sich im ersten Moment eben doch anders. Bei allen schönen Erinnerungen an unsere Jugend. Das Thema Stasi sollte man nicht vergessen und wegreden, wie es derzeit gerne besonders bei den Linken getan wird.

Nachtrag: Schön, dass es die Band trotz allem noch gibt. Hammergeile Mugge letztens mal wieder im Erfurt Centrum. Hier ein Ausschnitt.

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