Kloppe oder „Kommste mal mit raus?“

Gestern gesehen in Solo Sunny. Der Saxophonist von Sunnys Band ist mal wieder bei ihr abgeblitzt. Deshalb macht er im Trunke eine Mädel am Tresen an: „Du, ich glaube, heute ist es soweit…“ Bevor er aussprechen kann, kommt der Freund der jungen Dame und sagt sofort: „Kommst Du mal mit raus?“ Beide verlassen das Lokal und kurze Zeit später fliegt der Musiker rückwärts wieder rein, er hat eine auf sein großes Maul bekommen. Später stellen seine Mitmusiker fest, dass er mit der dicken Lippe wohl sein Instrument nicht spielen kann. Darauf er:  „Der hätte jar nich kloppen dürfen. Der ist Leistungssportler.“

Es war eben doch nicht alles schlecht. Damals, vor 1989 im Osten. Schon gar nicht dieser grundehrliche, fauststarke Austausch von Meinungen. Und teilweise auch diese Art d er Klärung von Ansichten. Waren zwei nicht einer Meinung im Jugendclub Gimritzer Damm, hatten zwei zur gleichen Zeit ein Auge auf ein Mädchen geworfen, regelte man das vor der Tür. Nicht im Club, immer davor. Und damit war es eben aber auch geklärt. Oft genug standen beide Faustkämpfer kurze Zeit später gemeinsam am Tresen und tranken zusammen einen Goldi-Cola, oder auch zwei oder drei.  Der eine mit ner dicken Lippe, der andere oft mit angebrochener Hand. Nicht selten schwankten beide Streithähne gemeinsam nach Hause, während das Objekt der Begierde, der Anlass der Schlägerei, allein zurück blieb.

Oder sich dann auch mal einen Dritten angelte. Wie oft hab ich das wohl erlebt. Wenn „Kellu“ mal wieder sauer war, weil seine „Kirsche“ mit nem anderen Typen im Club getanzt hatte. Zwei, drei Bier später ging es vor die Tür. Das war so sicher wie die Aktuelle Kamera um 19.30 Uhr. Und „Kellu“ hatte nur wenig ebenbürtgige Gegner, damals (nur die beiden Brüder mit den Hunden, die direkt an der Saale wohnten, deren Namen ich vergessen habe).

Meist kam er kurze Zeit später wieder rein, bestellte ein Getränk am Tresen und regte sich noch ein paar Minuten über diese „Lasche“ auf. Dann war es aber auch vorbei. Auch ich „durfte“ einmal mit ihm vor die Tür. Auch bei uns war es kurz und schmerzvoll. Und auch ich stand ne halbe Stunde später mit ihm am Tresen und beendete den Streit mit „Was willst Du trinken?“ Ein Kreuz des Südens, ein Hallesches Helles und alles war wieder im Lot. Die dicke Lippe blieb noch ein paar Tage. Aber es war alles geklärt. Und das war wichtig.

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Jugendliebe

Es ist schon seltsam und interessant, wie das Hirn so funktioniert. Da sieht man einen Ort wieder, aus der Jugend, und schon fallen einem alle relevanten Erinnerungen dazu ein. Es war ein Besuch im Spreepark im Plänterwald. Der ehemalige Betreiber plauderte über sich, seine schlimmsten Fehler, seine Familie, Kokain-Schmuggel, Knast und über die Zeit, die jetzt kommen soll. Eine Familiengeschichte ohne Gleichen, ein Schicksal aus Berlin. Eine Schuasteller-Geschichte mit viel Rummel.

Und das war das Stichwort. Rummel. Bei uns damals in Halle war der Rummel immer auf dem großen Platz vor der Eissporthalle. Da haben wir uns getroffen, weil um die Ecke sowieso unser täglicher Treffpunkt war. Auf der Peißnitz, hinten bei den Tischtennisplatten. Der Rummel jedenfalls zog uns an. Da konnte man an den Schieß- und Wurfbuden den seltenen Mehrfrucht-Tischwein erspielen, gelangweilt am Autoscooter rumstehen oder sich mit Mädchen treffen.

Eines Tages traf ich auch eine Mitschülerin. Verschossen war ich in sie, verliebt vielleicht auch. Aber aus heutiger Sicht war es eher “verknallt”, wie wir damals sagten. Wir gingen noch zur Schule und ich wusste, dass sie dort war, weil ER dort war. ER war aus einer höheren Klasse. Aber ich hatte mich gegenüber meinen Freunden geäußert, heute würde man vielleicht “geoutet” sagen, dass ich sie gern als meine Freundin hätte.

Die Freunde sagten dann zu mir, auf einer Wiese neben dem Rummel: He, geh hin, und frag sie einfach. Ich war sehr unsicher, denn ER war auch auf dem Rummel. Aber ich habe es getan. Irgendwann, später am Abend, ging ich hin und fragte sie. Ja, ich fragte sie, genau mit diesen Worten: Willst Du mit mir gehen? Nicht etwa: Ich mag dich. Oder Ich bin ich dich verknallt. Nein, ich fragte sie: Willst Du mit mir gehen.So einfach funktionierte das damals.

Und, seit dem Rummelbesuch im Plänterwald, weiß ich es wieder ganz genau. Ich hatte es längst vergessen, aber Sie sagte: JA. Und ich? Ich ging, nach dieser Antwort, wieder zurück zu meinen Freunden. Aus Angst vor dem, was da jetzt kommen könnte oder ich weiß nicht mehr warum. Ließ sie einfach da so stehen, mit der Antwort, mit dem, was da kommen könnte. Aber ich hatte nicht mit den Freunden gerechnet.

He, sagten sie, geh hin, du kannst sie doch jetzt nicht so einfach stehen lassen. Und ich bin dann wieder zu ihr hin. Vorsichtig fragte ich noch einmal nach, ob sie es denn auch so gemeint hätte, wie gesagt. Ja, na klar, oder so ähnlich antwortete sie. Ich fasste Mut und nahm sie an der Hand. Wie selbstverständlich gab sie mir ihre Hand, umarmte mich und gab mir einen Kuss. Ich flog davon, auf sieben Schwingen und Mehrfruchtwein und Glück.

Wir waren einige Zeit ein Paar. Ich habs dann irgendwann versaut. Hab irgendwelche blöden Sprüche gemacht, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber die Zeit mit ihr war schön. Denn wir waren jung und “verknallt” (zumindest ich)…

Seit dem Ende der Schule habe ich nichts mehr von ihr gehört. Bis neulich. Ich bekam eine Nachricht von einem Klassentreffen-Wiedersehens-Ich-suche-Dich-Portal im Internet. Da hatte ich mich auch einmal eingetragen. Mit der Schule und dem Jahrgang. Sie eben auch und so wird man 25 Jahre später auf einmal miteinander konfrontiert. Zum Glück kann man sich es ausssuche, ob man sich meldet oder nicht.

Jetzt, nach den Rummel-Erinnerungen, möchte ich es lieber bei denen belassen. Es gibt Freunde aus diese Zeit, die mein ganzes Leben seitdem begleitet haben, mit denen ich immer noch guten Kontakt habe, die immer noch oder wieder Freunde sind. Aber Sie sollte einfach nur die erste Jugendliebe bleiben. So ist es mir lieber.