Ein Abend mit Dresen, Prahl & Ehle und (leider) mit Gundi-Fans

Es hätte so ein richtig schöner Abend werden können. War´s ja auch. Eigentlich. Muss ja auch. Bei diesen Musikern auf der Bühne kann eigentlich nichts schief gehen. Neben Regisseur Andreas Dresen und Schauspieler Axel Prahl, die seit dem 10. Todestag-von-Gundermann-Konzert in der Columibiahalle zusammen spielen, waren Pankow-Gitarrist Jürgen Ehle, Tobias Morgenstern, Judith Holofernes, Hans-Eckard Wenzel und Gisbert zu Knyphausen mit von der Partie. Allein schon des virtuosen Spiels Jürgen Ehles wegen hätte sich der Weg ins Kesselhaus der Kulturbrauerei gelohnt. Natürlich gab es Gundermann-Lieder. Linda (Dresen), Vater (Prahl), Fährmann (Dresen), Brunhilde (alle) und viele andere mehr. Aber es gab eben auch Songs von Prahl. Und von Wenzel und auch von Knyphausen, ja, und auch Frau Holofernes hatte eigene Songs dabei. So war das geplant. So war´s gut. Wären da nicht diese Gundi-Fans gewesen. Weiblich, ledig, jung. Naja, nicht mehr ganz so jung. Mit (schlecht) nachgemachten Fleischerhemden aus dem Westen. Mit West-Jeans. Mit Fielmann-Nickelbrille. Die der Meinung waren, sie hätten Tickets für ein Gundermann-Gedächtnis-Konzert mit Gundermann-Liedern erworben. Und weil sie das dachten, skandierten sie jedes Mal, wenn auf der Bühne kein Gundermann-Lied lief, „Gundi, Gundi, Gundi“ im Chor und lauthals. So hatte ich mir bis dato Pegida vorgestellt: Keine Ahnung aber meckern.

Ich (und andere) haben es ihnen dann gesagt: Hallo, hallo? Hallo! Das ist hier kein Gundermann-Konzert. Sondern ein Konzert von Musikern anlässlich des 60. Geburtstages von Gundermann. Nirgendwo steht geschrieben, Dresen und Prahl singen Gundermann. Weder auf den Tickets, noch auf Plakaten, noch sonst irgendwo. Nirgendwo. Aber sie ließen sich nicht belehren. Gundermann würde sich angesichts solcher Fans im Grabe rumdrehen. Ich hab mich dann woanders hingestellt. Und da kam es dann noch schlimmer: Ein von denen stand dort und versuchte krampfhaft zu Gundermanns „Kommen und Gehen“ die zweite Stimme zu singen. Ganz schlimm. Klang n bisschen wie Oktoberclub. Hab ich ihr dann auch gesagt. Hat sie geantwortet: Kann ja gar nicht sein. Bin ich viel zu jung für. Ach? Zu jung? Da wurde mir einiges klar.

prahldresen01 prahldresen02 prahldresen03 prahldresen04 prahldresen05 prahldresen06 prahldresen07 prahldresen08 prahldresen09Fotos: berlinpankowblogger

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Johnny, Klaus und Jürgen


Mönsch, do bisde doch. Gris dich, Glaus. Hallo, Tach Jürgen. Klaus und Jürgen fallen sich um den Hals. Klaus ist etwa Mitte 50, Bierbauch, Zottelbart, lange Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Led Zeppelin T-Shirt, Lederweste, Jeans, Römerlatschen. Jürgen gleiches Alter, einen Kopf kleiner als Klaus, rotblauviolettkariertes Hemd, Jeans, Turnschuhe. Beide kommen, dem Dialekt nach, aus dem Südosten der neuen Bundesländer. Beide sind echte Blueser, sagen sie, und sind zusammen mit ihren Freundinnen /Frauen im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Gleich spielt Johnny Winter.

Drink mor ersd ma wos. Nu glor. Becks jibs hier. Un Baulaner. Ich nähm Baulaner. Ich och. Und so trinken die beiden Hefebier aus der 0,3-Lieter-Flasche. Zum Glück ist kein Brauer in der Nähe. Nur ich muss etwas schlucken. Hefe aus der Pulle. Naja, wem´s schmeckt. Hasde de Gomera mit? Freilich. De Neie von Omma. Sagt Jürgen und packt eine nagelneue Lumix DMC-GF2W aus. Inklusive Wechselobjektiven. Ich weeß owwer noch nich, wiese fungsdionierd. Sagt Jürgen. Mochd die ooch Filme? Will Klaus wissen. Ich gloob ja. Owwer wie jesochd, ich weeßes nich jenau.

Während Johnny Winter von einem Musiker seiner Band zu seinem Bühnenstuhl geführt wird und in die Saiten haut wie eh und je, stoßen Klaus und Jürgen noch mal an. Mit Hefeweizen in der Pulle. Brosd mei liwwer. Brosd Glaus. Die beiden mitgereisten Frauen fangen indes an zu tanzen. Wie in der Disco. Entweder, weil sie so klein sind (denn von Johnny Winter oder von der Bühne an sich können sie nichts sehen), oder weil sie das immer so machen. Beim Konzert. Springen und hüpfen. Mal auf meine Füße, mal auf andre Füße. Mochd doch nüschd, oder mein Freind? Sagt Klaus zu mir und haut mir seine Pranke auf die Schulter.

Mein  Schmerzzentrum im Hirn überlegt gerade, ob der Fuß oder die Schulter mehr schmerzt, da fällt die eine fast auf mich drauf. Machd doch nüschd, oder? Widerholt sich Klaus.  Ich dreh mich besser weg und bestelle mir eine Whisky Cola um mich dann wieder der Musik von Johnny zu widmen. Doch die Damen lassen nicht locker. Schubsen mal mich, mal andere mit ihrem Getanze an. Warum tun die das? Beim Konzert? Dabei könnte man doch gerade beim Blues-Rock schön entspannt mit den Füßen wippen. Oder mit einem. Und, um zu zeigen, dass man Ahnung hat, immer auf „zwei-und“ ein wenig mit dem Kopf nicken. So, wie das alle anderen tun.

Jib ma die Gomera. Sagt Klaus und Jürgen packt seine 800-Euro-Kamera aus. Wo jehdn die an? Fragt Klaus und fummelt unqualifiziert an verschiedenen Einstellknöpfen rum. Vorsichdsch. Hier mussde droff drüggn. Sagt Jürgen. Klaus hält die Kamera nun über die Köpfe in Richtung Bühne und drückt mehrfach den Auslöser. Schiggsde mir die Fodos? Fragt er dann Jürgen und gibt ihm die Kamera zurück. Der schaltet auf den Ansichtsmodus und entdeckt – nichts. Alles schwarz. Da is nüschd droff. Sagt er zu Klaus. Und mach ma noch zwee Hefe. Zur Bardame. Dann widmen sich Jürgen und Klaus der Kamera. Während ihre kleinen Freundinnen tanzen, drücken sie mal hier, drücken mal dort. Nehmen die Batterien raus. Und tun sie wieder rein. Dann entdeckt Jürgen die Belichtungseinstellung. Mensch, hier is dor Fehlor. Sagt Jürgen zu Klaus. Jedsd gannsde nochma Bilder machen. Doch dafür ist es zu spät. Johnny Winter verlässt grad die Bühne.

Nachtrag: Es war übrigens ein großes Konzert. Johnny spielte auch im Sitzen wie der Bluesgott persönlich. Und es war endlich mal ein Konzert, bei dem ich einer der jüngsten Zuschauer war. Das hat doch auch mal was.