Toller Blog, schön geschrieben, ich komme wieder

Die kommen immer wieder. SPAM-Kommentare lassen mich nicht in Ruhe. Sie kommen am Tag, in der Nacht und dann meistens in Gruppen. Heute waren gleich 17 der gefakten Lobeshymnen mit kryptischen Absendern zu lesen (zum Glück abgefangen von den SPAM-Jägern). Der erste gleich: Toller Blog. Schön geschrieben. Ich komme wieder. Wenn ich das schon lese. Nun, es ist ja inzwischen in Deutschland offiziell erlaubt, DER Blog zu sagen und zu schreiben. Aber wer sich ein wenig in der Blogosphäre auskennt, sollte dann schon noch die sächliche Version nutzen. Vor allem jene, die meinen, sie könnten hier einen Kommentar hinterlassen. Und wenn es auch schon hundertausendmal oder öfter gebloggt worden ist: Blog kommt nicht vom Schreibblock. Ehrlich, könnt ihr mir glauben. Es war und ist das Weblog(buch). DAS Logbuch, DAS Weblogbuch, DAS Blog also. Soviel Zeit muss sein. Und noch eins: Ihr könnt gerne wieder kommen. Aber bitte: Nicht so laut. Kommen. Meinte ich. Danke! Das wollt ich mal geschrieben haben. In das Blog.

Schuldig! Oder: Als V-Mann bei der FDJ

Es ist kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus dem Osten kommt: In den neuen Ländern ließ man rechtsextremistische Milieus blühen. Nimmt da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern?

Das schreibt Constanze von Bullion in der Süddeutschen Zeitung. Selten soviel Dünnschiss gelesen. Nachdem die geschätzten Kollegen von politplatschquatsch von Bullions Beitrag schon ausführlich kommentiert haben, erübrigt sich eigentlich jede weitere Meinung. Ich aber möchte mich an dieser Stelle schuldig bekennen. Schuldig, ein Ossi zu sein. Schuldig also auch (laut von Bullion), ein Neonazi zu sein.

Denn ja, ich war bei den Jungpionieren. Hab das Blaue Halstuch stolz getragen. Bei den Thälmannpionieren habe ich das rote Halstuch gebunden. Später dann, bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ), war ich schließlich als V-Mann tätig. Das war nicht einfach. Nach außen, bei diversen Demos und Propaganda-Veranstaltungen, sich immer im Blauhemd zeigen. Immer laut „Freundschaft“ rufen. Und doch was anderes dabei denken. Hätte ich doch viel lieber den Arm zum Gruß. Na, Sie wissen schon. Das war nicht immer leicht. So im Blau- statt im Braunhemd. Gut, es war nicht immer bis oben geknöpft. Und ab und an hatte ich auch die Ärmel aufgekrempelt. Aber so, dachten alle, der gehört zu uns, das ist einer, den man Vertrauen kann. Ein Vertrauensmann, eben ein V-Mann.

„Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung“, schreibt von Bullion weiter. Und wieder bekenne ich mich schuldig. Schuldig, in der DDR erzogen worden zu sein. Erzogen zu Werten wie Freundschaft und Familie. Die wichtiger sind als Geld und Karriere. Darum ist auch heute noch mein Freundeskreis größer als es mein Konto jemals sein wird. Und wertvoller sowieso. Etwas, was die drüben eben nicht verstehen. Können oder Wollen. Schuldig bekenne ich mich ebenso der „Horte ideologischer Schulung“. Jeden Abend daheim dieses Rotlicht. Und der Schwarze Kanal flimmert in der Kiste. Plus politische Erziehung im Wehrlager. Stramm stehen auf dem Schulhofappellplatz. Schuften im Volkseigenen Metalleichtbaukombinat Werk Halle. Montage im Kernkraftwerk Lubmin. Alles Horte ideologischer Schulung. Aber vor allem, Frau von Bullion, Gegenstand von Witzen.

„Als die DDR hin war, blieben funktionslose Funktionäre zurück, gedemütigte Lehrer und Polizisten. Sie vermittelten den Jungen das Gefühl, auf einem wüsten Planeten zu leben“, schreibt von Bullion weiter. Liebe Frau: Die einzigen Menschen, die uns nach der Wende vermitteln wollten, das Land wäre ein wüster Planet, waren die im Westen Gescheiterten. All die V-Männer, die Versicherungsvertreter und Glücksspielautomatenverlkäufer, Zuhälter und Kreispolitiker, Schützenvereinsmitglieder und Kredithaie. Das war wirklich wüst. Und noch ein Letztes Frau von Bullion: „Der Westen hat das Interesse längst verloren“, schreiben Sie am Ende. Auch wieder falsch: Der Westen hatte nie Interesse.

Weit schweift der Blick

In Deutschland gibt es linke Blätter, rechte Zeitungen, liberale Magazine, konservative Medien. Alles ist erlaubt, fast alles wird gedruckt. Daneben gibt es aber immer auch noch regierungsnahe Zeitungen. Und, man möge es kaum glauben, Regierungs-hörige oder gar Regierungs-eigene Zeitungen? Das zumindest muss man annehmen, liest man den heutigen Kommentar von Hans Hoffmeister, seines Zeichens Chefredakteur der Thüringer Landeszeitung.

Dass Thüringens Ministerpräsident Althaus einen schweren Skiunfall hatte, ist sicherlich eine schlimme Sache. Aber man kann es auch übertreiben, Herr Hoffmeister:

Unser Land im Schock: Seit diesem Neujahrsabend ist in Thüringen nichts mehr wie es war. Es ist etwas fast Undenkbares geschehen. Unser Land ist innerhalb von Stunden ohne seinen Ministerpräsidenten. Dieter Althaus liegt im künstlichen Koma. Der agilste, der sportlichste, der gesundheitlich stabilste aller Regierungschefs – verunglückt, gestürzt, schwer verletzt, traumatisiert.

Traumatisiert auch die Menschen. Ob politischer Freund oder politischer Gegner. Niemand kann es fassen, dass dies geschehen konnte.In diesen Stunden, während wir, alle Thüringer, um diesen unseren Ministerpräsidenten auf dem Krankenbett bangen, wird uns klar, wie sehr wir so einen brauchen: durchsetzungsstark und doch äußerst entschlossen. Unser Land wäre ärmer ohne ihn – und weit schweift der Blick, denkt man an das Undenkbare, an das man an diesem Neujahrsabend plötzlich nicht zu denken wagt.