Nichts bleibt anders

Juni 1984. Auf der Baustelle vom Kernkraftwerk Lubmin. Block 5 ist in Bau. Der erste Atommeiler, der zusätzlich zusammengeschustert wird. Geplant waren nur vier Meiler. Block wird gebaut, geht später in den Probebetrieb. Aber nie ans Netz. Hier wie auch im Rest der Zone herrscht die Planwirtschaft des real existierenden Sozialismus. Das Nationale Olympischre Komitee der DDR hat gerade erklärt, dass die DDR-Mannschaft nicht an den Spielen in Los Angeles teilnehmen wird. Der Stasifußballverein Dynamo Berlin wird zum sechsten Mal in Folge und wie immer mit Hilfe von Stasi und informellen Schiedsrichtern DDR-Meister. Uns Udo Lindenberg darf im Osten nicht spielen. Er will partout sein Programm nicht ändern. Wie ein halbes Jahr zuvor schon BAP.

Zurück zur Baustelle vom Atomkraftwerk. Das damals Kernkraftwerk hieß. 7000 Monteure sind auf dem zwei Kilometer langen und 500 Meter breiten Gelände beschäftigt. Schichtarbeit. Mittwoch bis Mittwoch. Sechs bis 18 Uhr. Dann Donnerstag bis Dienstag frei. Während die andere Schicht am Start ist. Dann Mittwoch bis Mittwoch Nachtschicht. 18 bis sechs Uhr. Immer im Wechsel. Immer so weiter. Mal mit, mal ohne Arbeit. Die eine Woche fehlen Schweißstäbe. Die andere Baumaterial. In der nächsten ist gar nichts da. Da wird dann Skat gespielt. Oder Doppelkopf. Dann kommt mal wieder Stahl. Und auch Schweißstäbe. Und da gehts mal wieder weiter. Aber meistens nicht. Alles verzögert sich. Erst um Tage. Dann um Wochen. Am Ende um Jahre.

Juni 2012. Auf der Baustelle vom neuen Großflughafen Berlin Brandenburg BER. Hier wird das Terminal zusammengeschustert. Auf der Baustelle, wie auch im Rest der Republik, herrscht die Marktwirtschaft des real existierenden Kapitalismus. Die Kanzlerin guckt zu, wie die Deutschen Fußballer Griechenland aus der EM schmeißen. Und jubelt. Die Griechen nicht. Weder über den Rausschmiss. Noch über Merkel. Udo Lindenberg tourt immer noch. Auch BAP ist noch da. Mehr oder weniger.

Zurück zur Baustelle vom Großflughafen. Allein das Wort ist schon ein Hohn. Fast jeder andere europäische Airport ist größer. Und Frankfurt und München sowieso. Auf der Baustelle sind 7000 Monteure beschäftigt. In Schichten. Mal mit, mal ohne Arbeit. Mal fehlen Teile für die Brandschutzanlage. An anderen Tagen ist es einfach zu nass. Mit Regen hat hier keiner gerechnet. Und schon gar nicht mit Wasser. Auch die Koordinierung ist nicht so einfach, die Kommunikation scheitert. Und dann gibt es nichts zu tun. Für die 7000 Monteure. Keiner weiß, was er tun soll. Dann wird Kuku gespielt. Eine Art Skat auf polnisch.  Alles verzögert sich. Erst um Tage. Dann um Wochen. Am Ende sind es Jahre. Nichts bleibt anders. Aber alles ändert sich genauso.

Bierbowle & Monteurskaffee im Atomkraftwerk

Es war genauso kalt wie jetzt. Irgendwas unter minus zehn Grad. Es war im Winter 1984. Gut zwei Jahre vor dem Gau in Tschernobyl bauten wir das Atomkraftwerk Lubmin. Direkt an den Ostseestrand. In Ruf- und Stromversorgungsweite Polens. Mit Stahl aus dem Westen, Arbeitern aus der DDR, Schweißelektroden aus dem Osten. Experten vom ZIS, dem Zentralen Institut für Schweißtechnik Halle. Und Monteuren aus Merseburg und Halle. Von der IMO (Industriemontagen), vom MLK (Metalleichtbaukombinat), vom SKET (Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann). Und Experten aus Russland, die sich auskannten mit Atomkraftwerken. Die auch schon den Bau des Reaktors in Tschernobyl betreut hatten.

Die Experten, die Spezialisten, die Abteilungsleiter, die Monteure – sie waren immer da. Im Zwölfstundenschichtdienst, Tag und Nacht, im Mittwoch/Mittwoch-Rhythmus. Mittwoch bis Mittwoch auf Montage, Donnerstag bis Dienstag frei. Geschlafen im Arbeiterwohnheim Greifswald. Oder eher gehaust. In Zweiraumwohnungen. Küche mit Elektroherd und Kühlschrank, Bad mit Wanne, zwei Zimmer mit jeweils zwei Doppelstockbetten. Ein Zimmer mit Tisch und Stühlen. Zum Doppelkopfspielen. Und zum Saufen. Bierbowle zum Beispiel. Beliebt nach der Nachtschicht (18 bis 6 Uhr). Am Abend vorher angesetzt.

Zutaten: Ein (einigermaßen) sauberer Wischeimer, Früchte aus der Dose, aus dem Glas. Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen – was auch immer da war. Zucker drüber und Ruß. Also Schnaps, so hochprozentig wie möglich. Am besten Primasprit. Wenn nicht, dann Korn, Goldbrand. Alles, was dreht. Abdecken, über Nacht stehen lassen. Am Morgen dann, nach dem Duschen, Bier drauf. Helles, Pils, Dunkles, Bock – egal. Hauptsache genug, um den Wischeimer bis zum Rand aufzufüllen. Umrühren, fertig. Dann in Gläser abgefüllt. Doppelkopf- oder Skatkarten auf den Tisch und ab ging die Post. Morgens um sieben. Bis zehn/elf Uhr waren alle voll. Ab in die Koje. Viele gleich in ihren Arbeitsklamotten. Um nicht zu viel Zeit mit Anziehen vertrödeln zu müssen.

Kurz vor fünf fuhr der Montagezug. Morgens wie abends. Von Greifswald nach Lubmin. Ein Zug voller Monteure. Ein Schichtzug voller Karo-Qualm, Schweißgeruch, Männersocken-in-Arbeitsschuhen-Gestank. Und voll. Sitzplätze gab´s nur für altgediente Monteure. Wehe, ein Neuer hatte sich auf einen Platz eines alten Hasen gesetzt. Da gab es schon gleich mal Dresche. Oder zumindest die Androhung derselben. Natürlich gab´s auch Kaffee. Monteurskaffee. Monteurskaffee sah aus wie Kaffee, wurde aus Kaffeetassen getrunken. War aber keiner. Wodka oder Goldi mit Cola. Morgens, kurz vor Fünf im Schichtzug.

Punkt sechs ging´s dann los. Auf der riesigen Baustelle. 500 Meter breit, zwei Kilometer lang. Vom Gerüst oben der Blick bis hinüber zur Greifswalder Oie, bis nach Rügen. Und nach Polen konnte man sehen, entlang der Strommasten. Es ging um den Bau von „Block fünf und sechs“. Vier Blöcke waren schon in Betrieb. Versorgten ein Zehntel der DDR und Westpolen mit Atomernergie. Oder „Strom aus dem Kernkraftwerk“, wie es damals hieß. Auf der Baustelle gab es überall Alarmlampen und -sirenen. Für den Falle des Falles. An den nie einer wirklich gelaubt hat. Deshalb störte es auch keinen, dass bei einigen Notfall-Rundumleuchten die Anschlusskabel lose heraus hingen. Das war eben so.

Der Bau von Block fünf und sechs kam aber sowieso nicht recht voran. Kein Stahl, keine Schweißelektroden, kein dies, kein das. Immer hat irgendwas gefehlt. Manchmal haben die Monteure das erst gemerkt, wenn sie vor Ort waren. Oben auf dem Reaktorblock, in 60 Meter Höhe. Dann ging es wieder runter. Über unendlich lange Gänge, Gerüstleitern. Durch tonnenschwere Sicherheitstüren, über rutschige Verbindungsschächte. Unten angekommen war dann Pause. Frühstückspause. Manchmal auch schon Mittag. Dann gab es bei manchen Monteurskaffee. Andere hatte noch ein Schluck Bierbowle in der Thermoskanne.

Block fünf ging 1989 in Probebetrieb.Und wurde wieder abgestellt. Nach dem Protest von Umweltgruppen. Wie auch der Rest des Kernkraftwerkes. Denn was die Monteure schon damals wussten, wurde nach 1990 auch offiziell bekannt: Die Baupläne für Lubmin waren Kopien aus Tschernobyl. Aber das hat 1984 noch niemanden gestört. Bei Bierbowle und Monteurskaffee ließ es sich aushalten. Auch im Winter.