10.316 Tage. Oder 10.315?

10.316 Tage stand die Mauer, genauso lange ist sie nun weg. Für mich ist die Zeit ohne Mauer nun auch länger als mit: 24 Jahre mit, 28 Jahre ohne. Hier ein paar, zufällig ausgewählte, Bilder aus der Mauerzeit und ein paar aus der Zeit danach: Edit: es gibt verschiedene Darstellungen die Zahl der Tage betreffend. Wenn ich Zeit habe, werde ich es nachrechnen. Es sind also seit dem 13. August 1961 20.630 Tage vergangen. Die Hälfte wären also 10.315. Jedoch funktioniert die Rechnung nur, wenn man den 9.11.89 als letzten Tag mit und als ersten Tag ohne Mauer rechnet.

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Als ich auszog, war ich fünfzehn

fahne_reichstagAus den Lebenserinnerungen meines Vaters Heinz Krüger (*1927-†2013):

„… noch vor Kriegsende löste ein vernünftiger Batteriechef unsere Einheit auf. Die Geräte wurden zerstört, die Waffen unbrauchbar gemacht, Hoheitszeichen an der Bekleidung wurden entfernt, desgleichen Rangabzeichen. Die Flucht erfolgte nunmehr individuell, jeder begab sich auf seine Weise in Richtung Westen, zusätzlich beflügelt durch das Gerücht, wer bis zum 8. Mai die Moldau erreichen würde, gelte nicht als sowjetischer Kriegsgefangener. Wir flüchteten weiter. Eigentlich desertierten wir und hofften, weder bewaffneten Tschechen noch einer Streife Feldgendarmerie (SS) zu begegnen. Armeestandgerichte gab es genug…

…Am 10. Mai 1945 wurde ich vor Prag von der Roten Armee gefangen genommen und nach einem einwöchigen Marsch in das in Ölmütz eingerichtete Gefangenenlager und dann nach Auschwitz in das ehemalige Konzentrationslager gebracht. In diesen Lagern arbeitete ich bei Aufräumungs- und Demontagearbeiten. Am 10. Juni fuhr ich von Auschwitz mit einem Transport in die Sowjetunion. Von Mitte Juli bis zum 31. Dezember 1945 befand ich mich in zwei Lagern in Prokopiewsk, danach in Stalinsk. Im März 1946 wurde ich über den Ural in den europäischen  Teil der Sowjetunion zurückgeführt und im Lazarett Binjug wegen einer Nierenentzündung behandelt. Nach einem Vierteljahr kam ich in ein Lager der Stadt Kirow und im September in das Kolchosedorf Blinowskaja. Als Kriegsgefangener war ich zum größten Teil bei Feld- und Erdarbeiten sowie bei der Verlegung von Rohrleitungen eingesetzt…

…Am 7. Juni 1947 befand ich mich wieder im Hause meiner Eltern in Magdeburg… Mehrfach bin ich nach den Geschehnissen in der Kriegsgefangenschaft gefragt worden. Was soll ich dazu sagen? Oder kann sich jemand vorstellen, was es bedeutet, im langen Winterhalbjahr im Bestattungskommando zu arbeiten, neun Tage ohne Brotversorgung und zwei Jahre ohne geistige Nahrung zu sein?

Damit war die Jugendzeit vorbei. Als ich auszog, war ich fünfzehn, als ich heimkam, war ich neunzehn Jahre alt.

Bilder aus der Fotokiste VII

Der vierte von links, das ist dein Urgroßvater. Damals, mit seiner Abschlussklasse am Gymnasium. Quatsch, das ist der Skatverein von Onkel Justav. Und euer Urgroßvater, das ist der vorne rechts. Aber nicht doch. Das Foto zeigt einen Großcousin eures Urgroßvaters während seiner Schulzeit. Das weiß ich jenau. Weil damals Tante Trudchen auf der Silbernen Hochzeit vom Neffen eures Urgroßvaters mütterlicherseits das Foto als Geschenk überreicht hatte. Aber da warst du doch noch gar nicht auf der Welt. Woher willst du das wissen? Weil mir Onkel Armin, das war der mit dem Holzbein, na der Bruder vom Cousin unseres Großneffen, auf dem 70. Jeburtstach von Otto erzählt hat, dass das Foto zur Silbernen von Trudchen und Herbert überreicht worden ist.

Ich denke, es war die Silberne Hochzeit vom Neffen? Und der hieß doch Alfred. Nein. Alfred ist doch der Cousin dritten Grades Eurer Großmutter, mit dem damals doch keiner wollte, wegen der Partei und so. Partei? Na der war doch bei den Nationalsozialisten und euer Opa war ja in der KPD. Also ging man sich aus dem Weg. Nur bei großen Familienfeiern gab es dann mal ein Zusammentreffen. Aber da war Politik verboten. Aber das auf dem Foto, das ist definitiv euer Urgroßvater. Aber nicht mit Schülern sondern mit Kameraden aus seiner Studentenverbindung.

So oder ähnlich verliefen in den letzten 30 Jahren die Gespräche, wenn man mal wieder in der Familien-Fotokiste gewühlt hatte und dabei dieses Foto fand. Jetzt hat sicher herausgestellt: Es ist gar kein Familienfoto. Es ist bei irgendeinem Umzug zufällig in die Fotokiste geraten, weil es in einer Wohnung vom Vormieter vergessen worden war. Und ich war immer so stolz auf meinen Urgroßvater und das Foto von ihm.

Mehr Bilder aus der Fotokiste  

Zug durch Brandenburg

Magdeburg-Berlin. 1 Stunde und 35 Minuten Fahrtzeit mit der Bahn. Wenn sie pünktlich ist. Doch das ist sie nicht. Und die fahrt führt durch Brandenburg. „Wir haben derzeit 20 Minuten Verspätung“, hieß es zwischen Magdeburg und Berlin. Nach 20 Minuten reiner Fahrtzeit. „Der Grund ist ein tätlicher Angriff auf unsere Kundenbetreuer und der damit verbundene erforderliche Polizeieinsatz.“ Tätlicher Angriff? Früh um 7 Uhr?

Normale Sache wohl. Keiner der Fahrgäste muckt auf, keiner murrt. Nicht eine Beschwerde. <Nicht zu fassen, denke ich noch bei mir, als der Zug schon wieder anhält. Auf freier Strecke. Ein Angriff? Auf den Schaffner? Oder hat es diesmal den Lokführer erwischt? Wir werden es nicht erfahren, denn die Bahn hüllt sich in Schweigen. Kurze Zeit später dann doch noch eine Meldung. „Wegen der Verspätung wechselt der Zug in Brandenburg seinen Takt und fährt nicht nach Eisenhüttenstadt sondern nach Frankfurt Oder weiter. Wir bitten dies zu entschuldigen.“ Unser Zug fällt also ganz aus und ist ab sofort ein anderer. 

Es geht weiter, doch nur ein Stück. Kurz hinter Brandenburg bremst der Zug ab, wir fahren etwa fünf Minuten mit zehn Stundenkilometer durch die Botanik. Der zweite Juni 2010 in Brandenburg ist nasskalt und grau. So fügt sich der Monatsanfang perfekt in die Gegend, ergänzt die an der Strecke liegenden Orte und Bahnhöfe in einer fast beängstigenden Symbiose. Die meisten Bahnhöfe an der Strecke sind Haltestellen. „Der hält ja an jeder Milchkanne“, hat man in tiefsten Ostzeiten gesagt, wenn der Personenzug eben an jeder dieser Orte hielt. Das ist heute nicht anders. Nur sehen jene Haltestellen noch etwas vergammelter aus.

Zwei Bahnsteige links und rechts der Gleise. Zwei Wartehäuschen aus Vorkriegszeiten, ein Ortsschild. Götz. Oder Groß Kreutz. Glücklich, wer da nicht aussteigen muss. Da, wo es noch Bahnhöfe gibt, will man auch nicht aussteigen müssen. Zugemauerte Ruinenfenster erinnern an Halles Altstadt 1973. Oder an „Erfurt vor der Wende“. „Anti FCM“ steht da in großen Lettern.  Und Fuck und Hartz sieben. Manches Mauerwerk hat sich die Natur zurück geholt. Da sieht es schön aus. Doch schöne Anblicke sind eher selten. Auf der Bahnstrecke zwischen Magdeburg und Berlin. Rainald Grebe hat recht.

(geschrieben während der Zugfahrt auf meinem neuen Asus Eee PC)

Gänsehaut

Mensch, das ist verdammt lang her. Damals ,1975, als die Klosterbrüder noch nicht Magdeburg hießen. Zwar leider ohne bewegte Bilder, das Lied einer alten Stadt jedoch verursacht immer noch Gänsehaut bei mir.