Lagerregal förzn fuffzich

Dezember 1985, Baustelle des Kernkraftwerkes Bruno Leuschner in Lubim. Es war wieder mal eiskalt. Besonders in der Nachtschicht froren wir uns verschiedene Körperteile an, ab oder klein. Außerdem fehlte es wieder an allem. Keine Schweißstäbe für den Aufbau des Sozialismus, keine Azeton zum Schneidbrennen, kein Stahl für den Reaktorblock, kein Holz für die Gerüste, kein Freon zum Prüfen, kein Bier für die Bowle, keine Farbe für die Transparente. Offiziell zumindest.

Unter der Hand, hinterm Schuppen, im Lagerregal „förzn fuffzich“ und ganz hinten im Büro des Meisters gab es immer etwas, eigentlich immer alles. Man musste eben nur wissen wo. Und wie man es bestellen musste. Sagte man: „Freddie, im Lagerregal förzn fuffzich hab ich doch letztens noch Material gesehen“, wusste der sofort Bescheid und ging um das Gewünschte zu holen. 14,50 (Ostmark) war der Preis für ne Pulle Goldi (Goldbrand), die dann zusätzlich zur Material-Erhalten-Unterschrift fällig wurde. Optimaler waren die Chancen natürlich noch im Lagerregal siebzn sechzich (Nordhäuser Doppelkorn) oder „ganz hinten“ im Regal siemunzwanzich (Wilthener Goldkrone). Da lagerten teilweise die über Jahre gesammelten Raritäten des jeweiligen Lagerdispatchers. Ging es nur um ein paar Schräubchen, reichte oft schon der Hinweis auf Regal vier (eine Schachtel „Club“).

Natürlich, solcherlei Bestellungen machten wir normalerweise nur, wenn es um privat ging. Um das Eigenheim, die Wohnung, die Laube, das Moped oder die Hollywoodschaukel bei Oma im Garten. Doch manchmal, und besonders auf der Baustelle Lubmin, kam es eben vor, dass Mangelware gegen Schnaps auch für die sozialistische Baustelle „besorgt“ worden ist. Da gingen ganze Kollies Goldi und Nordhäuser Doppelkorn über den Tresen. Lehrlinge wurden ins „Delikat“, ins Feinkostgeschäft geschickt, um Metaxa und Goldkrone zu erwerben. Auch ganze Schweine (geschlachtet und in Gläser abgefüllt) waren eine gute und harte Währung für gutes und hartes Material. Im Tausch gab es Schweißstäbe („Aber scheen schborsom, sin meine ledzden“), Azeton, Freon, Schrauben oder auch Werkzeug, das für den „Ernstfall“ in den hintersten Ecken versteckt worden war.

Und so wusch nicht nur eine Hand die andere. So blieb denn auch der Sozialismus und die dazugehörige DDR noch ein wenig länger am Leben. Denn gab es Mangel auf dem Bau, sorgte das für Umsatz beim Schnaps, was wiederum für Arbeit auf dem Bau sorgte, was wiederum den Monteuren Geld brachte, das sie dann für Schnaps ausgeben konnten. Und das haben wir. Jeden Abend in der Kneipe in Lubmin, in der Nachtbar in Greifswald. Oder im Konsum oder in der Wohngebietskaufhalle. Oder auf den Hin- und Rückfahrten jede Woche mit der Deutschen Reichsbahn. Beim Schaffner im Schlafwagenabteil. Der hatte sogar Radeberger. Oder Wernesgrüner Pils. Auf der Strecke 4 der Fernverbindung Eisenach-Erfurt-Halle/Leipzig-Berlin-Greifswald-Stralsund. Null Uhr siebzehn ging es los, wenn wir zur Frühschicht fuhren. 5.55 Uhr war der Zug in Greifswald. Manchmal auch erst 6.30 Uhr. Aber nie später. Verspätungen wie heute bei der hoch entwickelten Deutschen Bahn konnte sich die Deutsche Reichsbahn nicht leisten. Nicht, wenn es um den Transport von Monteuren zum Aufbau des Sozialismus ging. Egal ob bei Hagelsturm oder Starkschnee.

Mit ner Schachtel Karo zur Radioaktivität

Es war der Ort, an dem jeden Tag Tausende von Monteuren die Baustelle betraten. Dort, kurz neben dem Bahnsteig, wo der Pelzerzug aus Greifswald die verschlafenen Arbeiter zur Schicht entließ. Eine Schranke, zwei Pförtnerhäuschen. Einlass nur mit Baustellenausweis des Kernkraftwerkes „Bruno Leuschner““ Greifswald. Sicherheit sollte damals groß geschrieben worden sein. Denn immerhin handelte es sich ja um ein Atomkraftwerk. Damals natürlich Kernkraftwerk genannt, um die friedliche Nutzung der kriegerischen Atomkraft zu unterstreichen. Im Gegensatz zu SS20 und Pershing.

Der Ort also, an dem auch ich dreieinhalb Jahre morgens oder abends, je nach Schicht, die Baustelle betrat. Mal mit Baustellenausweis, mal ohne. Denn es hatte sich schnell herumgesprochen, dass bei der großen Menge von Monteuren, die da gleichzeitig ankamen, kein Pförtner wirklich auf den Ausweise achtete. Also hielt man hoch, was man gerade dabei hatte. Eine Schachtel Karo, die Fahrkarte der Reichsbahn, ein Stück Papier oder manchmal eben auch nur die Hand. Hauptsache man hielt irgendetwas in die Höhe. Denn Sicherheit wurde groß geschrieben, damals.

Nebenan, gleich hinter der Sicherheits-Schranke stand der erste Betonklotz. ZAB. Kurz und knapp. Nie haben wir uns wirklich Gedanken gemacht. Übder die ZAB. So hieß eben der große Klotz, so hieß eben auch die Haltestelle der Reichsbahn. Weiter hinten Lubmin, hier vorne ZAB. „Das ist ein Lager“, hatte mir irgendwann während der Monteurszeit mal ein Kollege erzählt. Okay, ein Lager eben. Für Werkzeug, für Schweißstäbe, für Baumaterial? Nie hab ich nachgefragt. Denn was sollte ein Lager denn auch sonst beinhalten? Jetzt, 25 Jahre später, bei einem Besuch der letzten Stahlbetonreste des radioaktiven Ungetüms, wird mir bewusst, was es für ein Lager gewesen ist. Das Zentrallager für abgebrannte Brennstäbe. Sagt ja der Name schon. Und mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Wenn ich mir so vorstelle, dass eine Schachtel Karo ausgereicht hatte, um dort hinein zu gelangen.