Die 30er Jahre, der Swing und eine Kenia-Liebe

Er heißt Andrej Hermlin, ist Jahrgang 65 und der Sohn des Dichters Stephan Hermlin und seiner russischen Frau Irina. Er ist der Bandleader des Berliner Swing Dance Orchestra und er liebt die 30er Jahre. Sein Zuhause in Pankow ist eine einzige Ode an diese Zeit. Vitrinen, Sessel, Stühle, ja selbst die Lichtschalter sind (teils) Originale aus dieser Zeit. 

Eine weitere große Liebe Hermlins ist seine Frau Joyce und deren Heimat Kenia. Regelmäßig ist Hermlin dort, engagiert sich für die Menschen dort.  Sein letzter Besuch in Kenia endete allerdings fatal. Als Hermlin am 17. Januar 2008 nach Deutschland zurückfliegen wollte, wurde er auf dem Flughafen Nairobi festgenommen. 40 Stunden war er damals in gewahrsam der Polizei. Jetzt fliegt er wieder hin.

 „Ich habe eben Sehnsucht nach meiner zweiten Heimat“, sagt Hermlin. Ziel ist wieder das 130 Kilometer von Nairobi entfernte Dorf Thumaita am Fuße des Mount Kenya. Von dort stammt seine Frau Joyce. Die beiden haben dort ein Haus. Seit Jahren schon hilft er privat den Menschen dort. Er hat den 1000-Einwohner-Ort verkabelt, Straßenlaternen beleuchten jetzt den Ort. „Wir haben einen Spielplatz gebaut, Häuser verputzt und gestrichen sowie eine Müllabfuhr eingerichtet“, erzählt der Bandleader des „Swing Dance Orchestra“ aus Pankow.

Außerdem setzte sich Hermlin immer wieder für die Demokratisierung Kenias ein. Das wurde ihm im Januar zum Verhängnis. Seine freundschaftlichen Treffen mit Oppositionsführer Raila Odinga und sein politisches Engagement fallen auf. Als er nach Deutschland fliegen will, wird er verhaftet.

Wie denkt Hermlin heute darüber? „Ich habe Verständnis dafür. Wie sieht es denn auch aus, wenn ein weißer Mann in so unruhigen Zeiten wie damals in Kenia ständig vor Ort ist und auch noch ein Freund des Oppositionsführers ist?“ Hat er Angst, dass ihm so etwas noch einmal passieren könnte? „Nein. Erstens werde ich mich in Zukunft nicht mehr in politische Dinge einmischen, zweitens hat sich die demokratische Situation in Kenia sehr verbessert.“

Am 20. Juli fliegt Andrej Hermlin zusammen mit seiner Frau Joyce und den Kindern Rachel (3) und David (7) über Paris nach Nairobi. „Von dort geht es mit meinem Geländewagen nach Thumaita.“

 Worauf freut sich die Familie am meisten? „Natürlich auf meine Familie“, sagt Joyce. Und Andrej? „Ich freue mich natürlich auch auf die Familie und die Freunde dort. Aber besonders freue ich mich dieses Jahr auf ein kanadisches Ehepaar, das von uns gehört hat und sich spontan entschieden hat uns dort zu helfen.“

 Natürlich gibt es auch wieder neue Projekte. „Wir wollen jetzt die Schule ans Stromnetz anschließen, damit man dort mit technischen Geräten arbeiten kann.“

 Wird es auch ein Wiedersehen mit Raila Odinga geben? Andrej Hermlin: „Wenn wir Zeit finden sicherlich. Aber nur für ein freundschaftliches Mittagessen.“

 

Hermlin in seinem Haus vor dem Max-Liebermann-Portrait seiner Großmutter

Foto: Charly Yunck