Was Wäre Wenn…

ostwestost_01…der Osten der Westen wär? Oder umgekehrt? Und wenn ja: Seit wann? Und. Wie lange?

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Tiefer Osten. Tiefer Westen. Aber eigentlich Norden

Lieber Herr Peter Müller,

in Ihrem Artikel „Die Entrückte“ über die CDU in der aktuellen Print-Ausgabe des Spiegel schreiben Sie auf Seite 27: „…Eigentlich wohnt Zimmermann im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg, doch als er 2009 in die CDU eintrat, tat er dies in Pankow, einem Bezirk weit draußen im Osten der Stadt…“

Nun, politisch gesehen mögen Sie da nicht ganz falsch liegen, sitzen doch immerhin elf Linke in der Bezirksverordnetenversammlung, Tendenz aber eher sinkend. Geografisch allerdings ist das Bockmist oder Schwachsinn oder schlichtweg falsch. Anbei eine Karte der Berliner Bezirke für künftige Reportagen, falls Sie mal wieder aus dem Osten berichten wollen, sowie die Telefonnummer Ihres Berliner Büros für nähere Information über Pankow: (030) 886688-100. Natürlich stehe auch ich gern Rede und Antwort.

berlinkarte

Danke an Anna List für den Hinweis auf Twitter

Schuldig! Oder: Als V-Mann bei der FDJ

Es ist kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus dem Osten kommt: In den neuen Ländern ließ man rechtsextremistische Milieus blühen. Nimmt da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern?

Das schreibt Constanze von Bullion in der Süddeutschen Zeitung. Selten soviel Dünnschiss gelesen. Nachdem die geschätzten Kollegen von politplatschquatsch von Bullions Beitrag schon ausführlich kommentiert haben, erübrigt sich eigentlich jede weitere Meinung. Ich aber möchte mich an dieser Stelle schuldig bekennen. Schuldig, ein Ossi zu sein. Schuldig also auch (laut von Bullion), ein Neonazi zu sein.

Denn ja, ich war bei den Jungpionieren. Hab das Blaue Halstuch stolz getragen. Bei den Thälmannpionieren habe ich das rote Halstuch gebunden. Später dann, bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ), war ich schließlich als V-Mann tätig. Das war nicht einfach. Nach außen, bei diversen Demos und Propaganda-Veranstaltungen, sich immer im Blauhemd zeigen. Immer laut „Freundschaft“ rufen. Und doch was anderes dabei denken. Hätte ich doch viel lieber den Arm zum Gruß. Na, Sie wissen schon. Das war nicht immer leicht. So im Blau- statt im Braunhemd. Gut, es war nicht immer bis oben geknöpft. Und ab und an hatte ich auch die Ärmel aufgekrempelt. Aber so, dachten alle, der gehört zu uns, das ist einer, den man Vertrauen kann. Ein Vertrauensmann, eben ein V-Mann.

„Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung“, schreibt von Bullion weiter. Und wieder bekenne ich mich schuldig. Schuldig, in der DDR erzogen worden zu sein. Erzogen zu Werten wie Freundschaft und Familie. Die wichtiger sind als Geld und Karriere. Darum ist auch heute noch mein Freundeskreis größer als es mein Konto jemals sein wird. Und wertvoller sowieso. Etwas, was die drüben eben nicht verstehen. Können oder Wollen. Schuldig bekenne ich mich ebenso der „Horte ideologischer Schulung“. Jeden Abend daheim dieses Rotlicht. Und der Schwarze Kanal flimmert in der Kiste. Plus politische Erziehung im Wehrlager. Stramm stehen auf dem Schulhofappellplatz. Schuften im Volkseigenen Metalleichtbaukombinat Werk Halle. Montage im Kernkraftwerk Lubmin. Alles Horte ideologischer Schulung. Aber vor allem, Frau von Bullion, Gegenstand von Witzen.

„Als die DDR hin war, blieben funktionslose Funktionäre zurück, gedemütigte Lehrer und Polizisten. Sie vermittelten den Jungen das Gefühl, auf einem wüsten Planeten zu leben“, schreibt von Bullion weiter. Liebe Frau: Die einzigen Menschen, die uns nach der Wende vermitteln wollten, das Land wäre ein wüster Planet, waren die im Westen Gescheiterten. All die V-Männer, die Versicherungsvertreter und Glücksspielautomatenverlkäufer, Zuhälter und Kreispolitiker, Schützenvereinsmitglieder und Kredithaie. Das war wirklich wüst. Und noch ein Letztes Frau von Bullion: „Der Westen hat das Interesse längst verloren“, schreiben Sie am Ende. Auch wieder falsch: Der Westen hatte nie Interesse.

Die über Leichen gehen

Alle Jahre wieder und besonders in den Jubeljahren mit der Null hintendran wird gern und oft und manchmal auch viel über die Zone geschrieben. Über die Ostzone im Speziellen. Und natürlich immer wieder auch über deren Bewohner. Die zwar immer noch in der Zone wohnen. Aber zum  Westen gehören. Also über uns. Mächtig viel geschrieben haben im 20. Jahr der Annexion die Autoren des SZ-Magazins. „Ein Heft voller Hass“, sagte am Wochenende eine Kollegin. Nun, ganz so krass würde ich es nicht bezeichnen. Andererseits ist nach der Lektüre eins klar: Das alles haben westdeutsche Kollegen geschrieben. Diskriminierung 2.0 heißt das bei ppq.

Nur fünf Prozent der deutschen Elite käme aus dem Osten, schreibt das Magazin. Und fragt: Warum? Spätestens dieser Stelle wird klar, dass die Autoren nicht aus dem Osten stammen können. Denn sonst wüssten sie die Antwort auf alle ihre offenen Ost-West-Fragen. So manch hoher Posten in Industrie oder bei den Medien beruht eben nicht unbedingt auf die Mehr-Erfahrung, auf das höhere Wissen. Viele dieser Jobs sind nur zu bekommen, wenn man eine harte Ellenbogen-Mentalität an den Tag legt. Es sind die, die über Leichen gehen. Denen das Schicksal ihrer Vorgänger und das von so manchen Untergebenen scheißegal ist. 

Karriere vor Familie, Job vor Privat, Kohle vor Freundschaft. Auf Teufel komm raus den nächst höheren Posten ergattern. Egal, welche Mittel dazu nötig sind. Dieses Macht-Gen besitzen wir im Osten eben nicht. Wollen wir auch gar nicht. Aufgewachsen in der „ehemaligen DDR“, wie Westmedien gerne schreiben und verlautbaren, haben wir andere Prioritäten in unserem Leben gesetzt. Freundschaft vor Kohle, Familie vor Job. Nicht immer gut für den Geldbeutel. Aber ehrlicher. Mein wichtigster Termin im Jahr ist das Treffen mit Freunden zu Himmelfahrt. Da geht nichts drüber. Was manche meiner Kollegen aus den alten Budnesländern nicht begreifen können. Oder nicht wollen.

Kein Chefredakteur einer Zeitung stamme aus den neuen Bundesländern, heißt es weiter im SZ-Magazin. Wie sehr sich gerade auch immer noch genau diese westdeutschen Chefredakteure irren, was den Osten angeht, zeigt Super-Illu-Chefredakteur Jochen Wolff. Er durtfte sich im SZ-Magazin als Ost-Experte zu verschiedenen Themen äußern. Unter Karriere schriebt er u.a.: „War in der DDR ein Arbeiter krank, kam nach zwei Tagen eine Abordnung aus dem Betrieb vorbei und hat sich erkundigt, wie es geht…“ Also wenn überhaupt jemand vom Betrieb vorbei kam, während man „Kasse“ machte, dann nur, um einen anzuscheißen, dass man sich gefälligst schnellstens wieder auf Arbeit begeben solle. Aber das kann Wolff ja nicht wissen. Kommt ja aus Bayern.

Und genau das haben wir im Osten denen im Westen immer voraus: Wir haben beides erlebt. Den DDR-Sozialismus mit all seinen Nachteilen, mit all seinen schönen Seiten. Und die aktuelle bundesdeutsche Gesellschafts mit all ihren Vorteilen. Und all ihren schlechten Seiten.

Kahlköpfig und verlaust…

Oder: Ostdeutschland kippt, wird die Süddeutsche schreiben…

Die immer am besten informierten Mitarbeiter von ppq haben jüngst die Band Von Trotha entdeckt. Diese besingt ihre Heimat Ostdeutschland auf dem neuen Album „Blitzkrieghandykindergarten“ als öde Wüste voller grauer Blumen, über der ein Geschichtswind braust, der nicht enden will. Hitler und Stalin, Ulbricht und Kohl, Rinderoffenställe und geschlossene Grenzen, Hollywoodfilme und Defa-Stars, Judas von Trotha, Schriftstellersohn und Sänger, kräht die Klischess ins Mikrophon, dass sein Rammstein-Kollegen Til Lindemann vor Neid blau anlaufen müsste. Mittendrin ein Kinderlied für den 9. November – falls noch jemand keine Fragen hatte. (text via ppq)