Bilder aus der Fotokiste IX

P1030221Da habe ich meine halbe Jugend verbracht. Auf der Peißnitz in Halle. Tischtennis gespielt, Knack und Skat, Bier getrunken, geraucht. Das erste Mal geknutscht, verliebt gewesen, später mit Freunden den Sonntags-Stammtisch gegründet. Allerdings sah es bei uns dann schon etwas anders aus, als auf diesem Foto von 1958. Gefunden in Mutters alter Fotokiste. Fotografiert damals von Vater. Ich weiß noch, dass er mir einmal vom „Fallschirm-Sprung-Übungsturm“ auf der Peißnitz erzählt hat. Nur gesehen hab ich ihn  nie. Bis heute.

Bilder aus der Fotokiste II

Ja, da Erinnerungen werden wach. Nicht nur bei den Bildern aus der eigenen Fotokiste. Kaum war der erste Teil der bpb-Serie „Bilder aus der Fotokiste“ online, segelte mir ein weiteres altes Foto ins Postfach. Vielen Dank dafür nach Halle. Es zeigt die alte IL 14 der Interflug, die jahrelang auf dem „Rummelplatz“ vor der Eissporthalle stand. An der Schnittstelle von Halle und Halle Neustadt. Dort, wo sich die meiste Zeit unsere Jugend zugetragen hat. Dort, wo die Woche für uns am Sonntag begann.

Sonntags, kurz nach 17 Uhr. Zu dieser Zeit öffnete an jenem Wochentag die HO-Gaststätte (oder war es ne Konsum-Gaststätte?) „Pirouette“. Dort begann vor knapp 30 Jahren unser „Sonntags-Stammtisch“. Freunde aus der Schule, aus dem Jugendklub, aus der Nachbarschaft. Der eine oder andere war schon 18 oder älter, die meisten knapp 16 Jahre jung.Und eigentlich passten wir dort gar nicht so recht hinein. Mit unseren Fleischerhemden, Jeanswesten, Jesuslatschen und Trampern. Doch wir waren eben jeden Sonntag dort. Das war letztendlich unser Eintritt und unsere Garantie für einen reservierten Tisch in der mit weißen Tischdecken eingedeckten Gaststätte. Schräg gegenüber von Halles Stasi-Hauptquartier.

Unvergessen unser Kellner „Herr Ries“. Er war immer für uns da. Manches Mal geleitete er uns, vorbei an wartenden Erwachsenen in Abendgarderobe, zu unserem Tisch. Er bediente uns wie alte Stammgäste. Was wir ja irgendwann dann auch waren. Es gab Pils vom Fass (0,25 l für 56 Pfennige), Schinkenplatte,  gemischte Platte (Salami, Käse, Schinken), Würzfleisch, Steak Letscho mit Pommes, Steak Champignons. Manches Mal auch einen Kiwi, Pfeffi oder Goldi. Je nach Kohle in der Tasche.  Manch einer trank auch nur ein Bierchen, weil es fürs Essen nicht reichte. Aber das war egal. Hauptsache, wir saßen alle zusammen.

Manchmal hatte auch Herr Ries seinen freien Tag am Sonntag. Dann war „der Alte“ da. Unfreundlich, langsam und gar nicht erfreut über uns junge Schnösel. So saß eines Sonntagabends eine Fliege auf dem Rand des Bierglases. Einer von uns wollte sie mit einer schnellen Handbewegung fangen. Das ging schief, das Bierglas fiel um, der Inhalt ergoss sich über die Tischdecke. „Lassen Sie gefääligst unsere Haustiere in Ruhe“, schrie daraufhin der „Alte“ und ließ uns absichtlich mit der nassen Biertischdecke sitzen.

Aber auch solche Ereignisse hielten uns nicht von unseren Sonntagstreffen ab. Später waren dann die einen zur Asche, andere beim Studium oder auf Montage im Lubminer Atomkraftwerk. Wo aber auch immer die Woche verbracht wurde, der Sonntagabend gehörte uns und der „Pirouette“. Einige  fuhren dann gleich von dort aus mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof und von dort weiter nach Weimar oder an die See zum Studiern oder Klechen off Mongdasche.

Die „Pirouette“ gibt es nicht mehr. Auch die IL 14 steht inzwischen in Dessau. Den Stammtisch aber gibt´s immer noch, in einer anderen Kneipe in Halle. Ein, zwei, drei Stammtischgründer haben sich inzwischen über 1500 Mal am Sonntag  versammelt. Und heben ab und an einen oder zwei auf Herrn Ries.

Peißnitz, Pirouette, Tischtennisplatte

Das war wohl nichts. Wollte mal wieder etwas über die eigene Jugendzeit schreiben. Da gibt es viele Erinnerungen, viele Bilder im Kopf. Und die Vorstellungen, was wohl aus diesem und jenem geworden ist. Also nicht nur Leute. Sondern auch und vor allem Orte.

Also „recherchiert“ man in der Vergangenheit. Was macht man in einem solchen Fall? Wenn man mit Rechner und Netzanschluss versorgt ist? Genau. Man gibt bei diversen Suchmaschinen diverse Suchworte ein. So hab ich das auch gemacht. Suchworte: Peißnitz, Pirouette, Tischtennisplatte.

Die Pirouette. Das war unsere erste Stammkneipe. Die meisten von uns waren 15, 16. Einer war schon älter. Mit ihm vorneweg trauten wir uns hinein, in die Pirouette. Das war nicht irgendeine Kneipe. Das war das Restaurant der Eissporthalle in Halle (wo wir jeden Mittwoch Schlittschuhlaufen waren). Dort am Gimritzer Damm, schräg gegenüber vom Stasi-Haus. In der Pirouette gab es weiße Tischdecken und Ober in Kellner-Uniformen. Mit Hemd, Weste und Fliege. Fast jeden Sonntag waren wir dort. 16 oder 17 Uhr machten die erst auf.

Herr Ries war „unser“ Kellner. Er begrüßte uns immer wie ganz alte Stammgäste, behandelte uns zuvorkommend und manchmal auch zuvor anderen. Weil wir eben ne gute Truppe waren. Und zuverlässig. Wir kamen jeden Sonntag zu Bier, Schinkenplatte, Würzfleisch und manchmal auch zu nem Kiwi, Pfeffi oder Apfelkorn. Je nach Vorhandensein von Geld.

Hinter dieser Eissporthalle führte eine kleine Brücke zur Peißnitz. Die Brücke gibt´s wahrscheinlich immer noch. Und sie führt auch immer noch zur Peißnitz. Das ist eine Insel inmitten der Saale, zwischen Halle und Haneu gelegen. Auf der einen Seite die Plattenbauten der Neustadt, auf der anderen Seite das Rive-Ufer, der Volkspark, Mühlweg- und Paulusviertel, Altstadt eben.

Und dort auf der Peißnitz standen damals Tischtennisplatten. Aus Stein. Oder Beton? Jedenfalls konnte man dort (entgegen allen ersten Vermutungen) wunderbar Tischtennis spielen. Und Skat. Sowie Karo rauchen und Bier trinken. Musik hören und Knutschen. Sich mit der Polizei anlegen und Deep Purple von einem tragbaren (eigentlich für Tonmitschnitte gebauten) Spulen-Tonbandgerät hören. Oder auch Queen und Status Quo vom Kassettenrecorder. So war das.

Aber zurück zur Suchanfrage. Gibt man Peißnitz, Pirouette und Tischtennisplatte als Suchwort ein, landet man einen einzigen Treffer: Genau diese Seite hier, also mein Blog. Unglaublich. Hatte ich doch mit mehreren hundert gerechnet. Allerdings wird es nach dieser Veröffentlichung eventuell zwei Treffer geben. Immerhin…

Wie auch immer. Reisen in die eigene Geschichte funktionieren nicht übers Internet. Jedenfalls nicht so richtig. Also hilft nur eins: Hinfahren. Hinfahren und selber gucken, was daraus geworden ist. Zu den Freunden hab ich ja glücklicherweise immer noch Kontakt. Und die Peißnitz und die Tischtennisplatten, die werde ich mir demnächst wieder einmal vor Ort ansehen. Wenn es sie noch gibt. Auf nach Halle!