Deutsche Post. Kein Sommermärchen

Ich dreh mich noch einmal um, bevor ich dran bin. Doch da ist nichts Auffälliges zu sehen. Ich seh an mir herunter, checke meine Kleidung: dem Wetter angemessene Shorts, Sandaletten sowie mein rot-weiß gestreiftes Hemd. Alles wie immer also bei solchen Temperaturen. Ich komme gerade aus dem Schwimmbad, bin also frisch geduscht und somit in der Lage, anderen Menschen gegenüber zu treten, ohne sie mit Gerüchen zu belästigen. Meine Hand streicht kurz über den Kopf – auch meine Haare sind wie immer, sie stehen also nicht ab und ich habe mir auch beim Schwimmen keinen Irokesenschnitt geholt. Ganz nebenbei werfe ich noch einen Blick zur Seite, wo sich mein Ebenbild  in einer Glastür spiegelt – ich kann jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Die Frau hinter mir lächelt, der Typ daneben sagt keinen Mucks. Ich selbst mache auch ein Schönwettergesicht, bin gut drauf, bei bester Laune. Ich frage höflich und dezent nach den Preisen für ein Einschreiben mit Rückschein und für ein Einwurfeinschreiben ohne Rückschein, neige dabei fragend leicht den Kopf und lächele wieder.

WARUM ALSO GUCKT MICH DIE POSTFRAU HINTERM TRESEN AN, ALS HÄTTE SIE EIN VOLLPFOSTEN IN STINKENDENR KLEIDUNG MIT DEM TODE BEDROHT?

Postbanküberfall

P1060793Das SEK verlässt am 27. Dezember 2012 die Postbankfiliale in der Joachimstaler Straße. Also ich kann jeden verstehen, der in einer Postfiliale durchdreht.

Servicewüste Deutschland oder: Was hat „postwendend“ mit „sofort“ zu tun?

1. E-Mail mit Geschenke-Kaufen-Auftrag gelesen: 1,5 Minuten. 2. Darüber nachgedacht: 1 Minute. 3. Internetrecherche Öffnungszeiten der in Frage kommenden Shops: 3 Minuten. 4. (nächster Tag) U-Bahn-Fahrt zum Shop: 12 Minuten. Plus Fußweg: 3 Minuten. 5. Engere Auswahl des Geschenkes im Shop: 5 Minuten. 6.  Rücksprache mit Auftraggeber per Smartphone: 2 Minuten. 7. Bezahlen mit Kreditkarte: 1 Minute. 8. Verpacken: 0,5 Minuten. 9. Fußweg plus Rückfahrt: 15 Minuten. Gesamt bisher: 44 Minuten.

10. Postfiliale in Pankow versucht zu Betreten: 5 Minuten (Schlange bis draußen). 11. In der Filiale Regal mit Paket-Kartons gesucht: 5 Minuten (steht hinten links in der Ecke, wo kein Schwein rankommt). 12. Auffalten des Kartons, Geschenk einlegen, zufalten des Paketes: 5 Minuten. 13. Beschriften: 2 Minuten. 14. Anstellen: 45 Minuten. (nur Post gesamt: 1:02 Stunden)

15. Gerhirn zermatern, was postwendend mit sofort zu tun haben soll: dauert an.

Nachtrag: Das Paket war 18 Stunden später beim Adressaten. Also postwendend.

Stille Post

Nicht, dass ich von der Deutschen Post überzeugt wäre. Ganz im Gegenteil habe ich eher schlechte Erfahrungen gemacht. Letztens kam ein Paket mit meiner neuen Winterlaufjacke erst mit dem dritten Anlauf bei mir an. Beim ersten Mal hätte der DHL-Zusteller angeblich niemanden angetroffen, beim zweiten Mal sei die Annahme verweigert worden. Beide Male hatte ich als Adresse die meines Büros angegeben. Wo zwischen 7 und 18 Uhr immer jemand anwesend ist. Also Bullshit, alles Ausreden. Aber die Jacke ist dann doch noch angekommen. Was aber andere so mit der Post erleben, bzw. was sie nicht erleben, ist da schon etwas interessanter. Ein „halbes“ Telefongespräch in der Berliner S-Bahn. Die Dame saß hinter mir, war also nicht zu sehen. Dafür aber nicht zu überhören.

Ja? Ja. Na klar. Nein. Nein. Neeeiiiin. Was? Ach so. Na wenn du meinst. Schicken? Ich weiß nicht. Mit der Post? Nein. Neeeiiiieeen. Das will ich nicht. Warum? Zu gefährlich. Die klauen doch alle. Was? Na, das musst du doch noch wissen. Das Paket von Oma aus Polen. Das nie angekommen ist. Wann? Ja, was weiß ich denn. Das ist schon so lange her. Das spielt doch keine Rolle. Was meinst du? Ja, das muss zwanzig Jahre her sein. Oder so. Oder länger. Was? Ja, das war vor der Wende. Spielt das eine Rolle? Was soll sich geändert haben? Weißt du noch? Die Videokassette damals? Die verschwinden doch alle in irgendwelchen Manteltaschen. Natürlich ist das so. Red kein Quatsch. Glaub mir. Musst das nicht Schönreden. Alles was in ne Tasche passt, wird geklaut. genauso wie das geld damals. Von Tante Helgard aus Köln. Einfach weg. Geklaut. Wie? Großes Paket? Ach so. Das Buch in ein großes Paket packen. Das wäre eine Lösung. Aber dann wird es doch teurer. Und wenn es dann doch geklaut wird? Ja? Was? Neeiiieen. Dann ist es doch nochmal so teuer. Was? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Eigentlich will ich gar nichts schicken. Neeeeiiiiiiieennnnn. Das kommt doch alles weg. Klauen wie die Raben dort. Was? Hinbringen? Naja. Wäre auch ne Lösung. Sind ja nur sechs U-Bahn-Stationen. Gut. Bis gleich. Ja. Ich bin in zwei Minuten bei dir.

Am Ende des Schalters

Berlin hat eine neue Touristenattraktion – das Postbankfilialerlebniscenter. Dank der Übernahme fast aller ehemaligen Post-Stemplerkirchen verfügt das  Geldaufbewahrungstouristikunternehmen nach eigenen Angaben nun über mehr als 80 Filialen in der Hauptstadt. Die letzten gebliebenen vier „echten“ Postämter werden noch in diesem Jahr in „Geschäfte des Einzelhandels mit Dienstleistungen der Post“ umgewandelt. Erste Tests von Tourismus-Experten haben nun ergeben: Es ist ein Vergnügen, ein Postbankfilialerlebniscenter live erleben zu dürfen. Besonders vor und nach Feiertagen empfiehlt sich ein Besuch eines der modernen Finanzspielwelten.

Und weil manchmal weniger mehr ist, sind die Center natürlich rar und über die ganze Stadt verteilt. 80 Postbankfilialerlebniscenter, das ist immerhin eine Filiale für je 40.000 Einwohner. Und so drängelte sich in der Charlottenburger City am ersten Werktagt 2011 der halbe Bezirk ins Center in der Joachimsthaler Straße. Besonders die Mittagspause wollten am 3. Januar viele, so auch ich, nutzen, um Briefe abzugeben, Pakete abzuholen, die neueste Briefmarkensammlung zu erhaschen oder um ihre Postbankgeschäfte zu erledigen. Auch die wenigen Angestellten des Centerns nutzen die Mittagspause. Für die Mittagspause. So ging der Spaß denn auch gleich hinter der Eingangstüre los. Genau dort, wo die eine Schlange begann, die sich, außerhalb des Blickfeldes, bis zu dem einem geöffneten Schalter schlängelte. Nein, falsch. Es gab noch zwei weitere geöffnete Schalter. Aber dazu später.

Zurück zum Spaß hinter der Eingangstüre. Steh ick richtich für die Pakete? Fragt ein kleiner Mann mit Glatze, Brille, Bauch und Paket unterm Arm. Oda machen die hier nur Sparbuch? Unwissendes Schulterzucken umher und vom autorisierten Centerpersonal keine Antwort. Denn das ist ja in der Pause. Na ick steh hier wejen dit Sparbuch für meinen Enkel, antwortet dann doch noch ein Dame mit Pelz, Hut und Louis-Vuitton-Täschchen. Da hatte sie was gesagt. Nee, da wo Sie stehn jibts nur Briefmarken, mischt sich ein großer, hagerer Mann ein und tippt dabei wissend auf sein großes Briefmarkenalbum, das er nun halb geöffnet über seinem Kopf in die Runde hält. Mal in die eine, mal in die andere Richtung, so wie der „vierte Offizielle“ beim Auswechseln am Rande eines Fußballfeldes. Dit ist halt der neue Service in die neuen Postcenta. Für allet nur eene Schlange, weiß ein Mann mit Bart, Sporttasche und Sankt-Pauli-Mütze.

Falsch. Denn wenige Meter und eine gute halbe Stunde weiter teilt sich die Schlange in drei Wartegruppen. Links in Richtung Philatelistenschalter. Ein Schild warnt: „Keine Pakete, nur Marken und Briefe“. Die meisten Wartenden entscheiden sich aber für die Mitte, hoffend auf alle Dienstleistungen. Irrtum. Dort gibt es vier Schalter, von dem einer geöffnet ist. Und wieder ein Warnschild: Alle Dienstleistungen Post und DHL, keine Bankgeschäfte. Rechts schließlich der Postbankschalter, mit ohne Postdienstleistungen, nur Bankgeschäfte. Jetzt sind Entscheidungen gefragt. Zuerst das Paket abgeben und dann Geld vom Sparbuch abheben? Oder erst Briefmarken kaufen und dann zum Paketschalter? Doch das ist egal. Das wunderbare Service-Konzept der Postbankfilialerlebnsicenter sorgt dafür, dass man, egal welchen Weg man geht, am Ende des Schalters immer wieder in der Gemeischaftswarteschlange am Eingang landet. So darf man das großartige Erlebnis mehrfach hintereinander genießen. Und nicht nur die Mittagspause ist dann vorbei. Nein, man kann gleich nach Hause fahren. Denn die Kollegen haben längst Feierabend gemacht.

Versteckte Kamera oder Sie wollen mich verar… ähm, wohl auf den Arm nehmen?

Sonntagmittag in Berlin Charlottenburg. Touristen strömen in Massen über den Kudamm, vor dem Beate-Uhse-Museum stehen etwa 30 Japaner nach Karten an. Ein paar Franzosen stehen an der Bude nebenan, jeder vor sich ein Berliner Gedeck: Currywurst, Pommes und ein kleines Schultheiss Pils. Der Supermarkt dahinter ist wie jeden Sonntag rappelvoll.

Die längste Schlange gibt es wieder einmal vor den Leergutautomaten. Hier stehen jeden Sonntag die gleichen Leute an: Die Flaschensammler mit ihren Leergut vollen Ikea-Einkaufstaschen, der Rentner mit ein paar Büchsen und Flaschen aus den umliegenden Papierkörben, die Bettel-Punks mit leeren Sternburg-Pils-Pullen. Ein Sonntag wie jeder andere.

Nur eins ist anders. In der Joachimsthaler Straße, direkt vor dem Postamt, steht im Halteverbot ein Volvo. Soll ja mal vorkommen. Bei näherer Betrachtung des Kennzeichens zeigt sich, dass es sich hierbei um einen Finnen handelt. Oder um eine Finnin. Jedenfalls ein Volvo, der in Finnland zugelassen ist. Aha, denke ich, in Finnland sehen wohl die Halteverbotsschilder anders aus. Oder man hat es einfach ignoriert. Oder nicht gesehen.

Nun gut, kann ja mal vorkommen. Ich will gerade weiter schlendern, als mich ein Herr, etwa 60 Jahre alt, anspricht. Er trägt eine weiße Leinenhose, ein teuer aussehendes Hemd und an den Füßen billig wirkende Badelatschen. „Can you help me?“, fragt er mich. Mein Englisch ist nun nicht das beste, aber helpen tu ich natürlich gern und so antworte ich : „Yes, what´s your problem?“ Er fragt: „What is the price for parking here?“

„Here is prohibited to park“, sage ich mit der Hoffnung, er würde mein schlechtes Englisch verstehen. Daraufhin schaut er mich verwundert an. Er zeigt auf seine Handfläche. In der liegen ein paar Euromünzen. Dann zeigt er auf den Briefmarken-Automaten der Post, der direkt neben seinem Auto auf dem Bürgersteig steht. „How much?“ fragt er. Nun fehlen mir nicht nur die englischen Worte.  „Sie wollen mich verar… ähm auf den Arm nehmen“, sage ich dann etwas später. Und: „Versteckte Kamera oder so was ähnliches?“

Denn das kann er doch nicht ernst gemeint haben. Immerhin ist der Briefmarkenautomat GELB, an beiden Seiten prankt groß das Post-Zeichen. Doch er schaut mich nur noch mehr verwundert an. Ich sage dann, inder Hoffnung, dass es nicht die Versteckte Kamera ist und dass er mich versteht:  „They can buy stamps here, no parking tickets.“

„Ah, okay“, sagt er daraufhin. Dann steckt er mehrere Münzen in den Automaten, drückt zwei Tasten und holt aus der Klappe ein paar Briefmarken heraus. Sagt „Thank you, my friend“, geht zum Volvo, steigt ein und fährt davon. Ich stehe noch eine ganze Weile da. Jetzt kommt gleich der Frank Elstner, denke ich. Doch er kommt nicht. Auch Kameras kann ich keine entdecken. Aber wenigstens erfahre ich später, dass Briefkästen in Finnland orange sind.