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Vermisst: Der Kiezneurotiker

kiezneurotiker_offline_01Wer hat den Kiezneurotiker gesehen? Also seinen Blog? Seit ein paar Tagen, oder vielleicht auch schon länger, ist sein Blog nicht mehr zu finden. Dort, wo einst die besten Gastro-Kritiken der Stadt standen, wo mit spitzer Zunge das Kiezleben in Prenzlauer Berg verfolgt und dokumentiert wurde,  wo immer wieder auch meine Posts verlinkt wurden – da ist nichts mehr zu lesen, nichts mehr zu sehen.  Der Kiezneurotiker hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern regelmäßig meine düsteren Tage gerettet.  Doch nicht nur das. Zwischen berlinpankowblogger und kiezneurotiker gab es eine, zumindest aus meiner Sicht, besondere Beziehung. Nicht nur, dass wir uns regelmäßig verlinkt haben. Wir hatten haben ähnliche Interessen, was gastronomische Einrichtungen und Urlaubsziele betrifft. So waren wir 2015 zur gleichen Zeit in Binz, ohne uns jemals zu begegnen. Allein anhand geposteter Fotos mussten wir feststellen, dass wir beide auf Rügen sind. Auf eine persönliche Begegnung habe ich seitdem immer wieder gehofft. Leider ist es nie dazu gekommen. Wo bist Du? Melde Dich doch mal. Viele Leser vermissen Dich und Dein Blog!

Edit: Es gibt (unbestätigte) Informationen, nach denen der kiezneurotiker seine Blogposts als eBook herausbringen wird und das Blog deshalb offline ist.

Fellfressen im Kniebundstyle

Es muss irgendwann in den letzten Monaten passiert sein. Unbemerkt von den meisten. Oder auch nur von mir. Früher jedenfalls, wobei früher soviel wie „bis vor wenigen Wochen“ heißt, kamen mir in der erweiterten Nachbarschaft – also z.B. am Kollwitzplatz, in der Schönhauser Allee, auf der Wisbyer Straße – junge Väter entgegen, die einen Kinderwagen vor sich her schoben. Manchmal mit, manchmal ohne Frau. Immer öfter ohne. So kam es mir jedenfalls vor. Sie (die Väter) trugen Jeans, teure Turnschuhe. Manche hatten auch diese schwarzen oder braunen Lederschuhe an, nach Maß gefertigt in London. In der Jeans steckte ein hellblaue/weiß gestreiftes Hemd, oder auch nur  hellblau. Manchmal auch grün. Oder rosa. An warmen Tagen war´s dann dann auch schon, an kühleren Tagen, die es auch im Sommer immer mal wieder geben soll, hatte der eine oder andere Papa ein Jackett an, lässig über Hemd und Jeans getragen. Natürlich Schurwolle. Selbstverständlich.

Im Gesicht trugen die Väter einen lässigen Dreitagebart. Bis auf jene, die ihrer Gesichtshaut jeden Morgen eine frische Rasur gönnten.  Passend dazu schoben sie den Inglesina Classica, kurz vor der Geburt des lieben Kleinen für 1250 Euro günstig bei Ebay geschossen. Oder, besonders hier beliebt, der Domino Twin oder gar der TFK Trio Twist. So war das hier. So ist es aber nicht mehr. Jetzt verkehrt man hier dort anders. Ganz anders. Manche Exemplare machen mir inzwischen Angst. Bei einigen der – jenseits der Wisbyer ansässigen – Väter überlege ich regelmäßig, ob der Kinderwagen Fake ist. So ganz ohne Kind(er). Einfach nur so, weil´s zum Image hier passt. Die Zeit der DreitagebartOderGlattRasiertenVäter ist vorbei.

Alle tragen Bart. Richtig Bart. So einen langen Bart. Fellfresse hieß das bei uns früher. Unten Kinderwagen. Oben Bart. (Wahrscheinlich) unten rasiert. Oben nicht. Aber das ist noch nicht alles. Statt Turn- oder Maßschuhen tragen die Herren nun Travelin Trekking Boots. Oder gleich Springerstiefel. In Rot. Selbstverständlich. Ginge ja vielleicht noch. Aber warum müssen es ausgerechnet diese Hosen sein? Country Line Trachtenhose im Kniebundstyle.  Ziegenvelour Wildbock. Gibt´s wirklich. Da komm ich nicht mehr mit. Das ist nicht mehr lustig. Das retten auch Army-Tarn-Shirt und Outdoor-Softshell-Funktions-Jacke nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Fellfressen im Kniebundstyle. Was kommt danach?

 

Das. Letzte. Mal.

Ein Supermarkt in Pankow an einem Mittwochvormittag im November. Ich brauch noch ein paar Zutaten fürs Mittagessen und für das Abendbrot. Spaghetti, frischen Knoblauch, Weintrauben, Joghurt pur, Salat, Hühnchenbrust. Viel Zeit habe ich nicht, da ich am Nachmittag noch einen Termin habe. Glücklicherweise ist es nicht voll, ich bin Nummer fünf in der Schlange. Alle anderen vor mir haben jeweils nur wenige Artikel aufs Band gelegt. Sollte also schnell erledigt sein.

Die Nähe zum Prenzlauer Berg macht sich hier inzwischen nicht mehr nur durch die Tatsache der geografischen Nähe bemerkbar, sondern auch am steigenden Vorkommen Klischee behafteter Muttis. Um die 30, immer wichtig, Strickrock-Über-Jeans, Jacke vom Designer (oder aus dem Second Hand oder aus der Altkleiderbox – genau kann man das nie sagen oder wissen), Brille mit buntem Gestell und – natürlich – Kinderwagen mit Kind. Xplory Buggy heißen diese Dinger, hab ich herausbekommen.

Sie also ist auch im Supermarkt, ich hatte sie gerade schon am Gesmüsestand gesehen, als sie verschiedene Sorten Weintrauben verkostet und diverse Mangos mit ihrem Daumen eingedrückt hatte. Schon mein erster Grund für ein kleine Packung Hass – Weintrauben kommen heute also nicht auf den Speiseplan. Schließlich hat sie fast in jede Kiste gegrapscht. Weiß ich, wo sie vorher mit ihren Fingern war? Windeln gewechselt? Aber gut, dann eben ohne Trauben.

Nun stehe ich also an der Kasse, als sie auf einmal neben mir steht. Sie versucht, Xplory zwischen der Frau vor mir und mich zu schieben. Wobei sie mit einem Kopfnicken auf die beiden Artikel zeigt, die sie in der einen Hand hält: Eine eckige Tüte laktosefreie Milch und eine runde Packung Mix-Dir-Dein-Bio-Müsli-Selbst. Darf ich? Fragt sie, als ich eigentlich schon keine Chance mehr für Gegenwehr habe, da ich dem Schutz meiner Füße wegen schon vor Xplory etwas zurückgewichen bin.

Ja Bitte. Sage ich. Zwei Artikel. Denke ich. Dachte ich. Als Xplory-Müsli-Mutti auf der Höhe des Artikel-Transport-Bandes ankommt, kommt aus einer Tasche an ihrem Xplory doch noch der eine oder andere Artikel zum Vorschein: Weintrauben, Mangos, Möhren, weitere Packungen Milch, weitere Packungen BioMüsli zum selbst auskotzen und alles andere, was man so für eine Familie in der Woche kauft. Ich bin kurz sprachlos, bekomme dann ein Ähm heraus, worauf sie mich anschaut und genervt Was denn? sagt. Unglaublich. Was soll ich tun? Prügel wären jetzt angebracht. Ich tu es nicht. Weiß aber genau: Das. War. Das. Letzte. Mal. Nie. Wieder. Lass. Ich. Eine. Kinderwagen. Mutti. Vor. Nie. Nie. Wieder.

 

 

Fuck Trade

Fair Trade Fuck TradeNeulich betrat ich mal wieder, in einem Moment geistiger und konditioneller Schwäche, einen Berliner Bio-Markt. Dabei hätte ich es doch besser wissen müssen. Aber es war nun einmal geschehen und so machte ich mich auf die Suche nach Irgendetwas.Vielleicht hatte ich ja Glück und würde in der Lebensmittelabteilung etwas finden, das wirklich gut schmeckt und bezahlbar ist. Wie konnt ich nur… Nach einem ergebnislosen Bummel durch die Reagle mit den ach so ganz fair gehandelten und ökologisch produzieren Lebensmitteln wandte ich mich der Non-Food-Fair-Trade-Bio-Öko-Abteilung zu, in der Biocremes aus Elefantenkot, Ökoparfümchen aus Knochenmark glücklicher Freilandrinder und andere, biologisch wertvoll vorgekaute Gesichts- und Arschpasten angeboten werden. Natürlich heute zum Sonderpreis. Und wie immer fair gehandelt. Auch die Hühner haben etwas davon, wenn Sie sich damit eindieseln. Und wenn ich meine Zähne mit der grünen Pasta direkt vom Erzeuger putzen, kann dessen Familie ein Jahr lang essen und scheißen.

Ich war noch mittendrin in der Suche nach der Ökonadel im Biomisthaufen, als sich zwei typische ÖkomarkteinkäuferInnen, eine männlich, eine weiblich, nebst Kinderwagen rücksichtslos an mir vorbeidrängelten und dabei mit ihrem Einkaufswagen, gefüllt mit Bioäpfeln aus Chile, angeblichen Fair-Trade-Bananen aus der Domrep, ein paar angegammelten Steckrüben sowie einem weiteren, etwas zu fettem, Kind, in und über meine Hacken rollten als wäre es das Normalste der verschissenen Biowelt. Als der erste Schmerz langsam nachließ und ich gerade überlegte, ob ich es mit verweichlichten Gegendemonstrierern, dummgrüngehirnten Autobahnverhinderern, linkskonservativen Häuserneubaudagegensprotestlern oder mit höhenuntauglichen Flugroutenabweichlern zu tun habe (oder alles zusammen), waren sie schon an mir vorbei und reihten sich, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen, in die Zwei-Personen-Schlange (bedeutet im Biomarkt etwa die gleiche Wartezeit wie eine Zwanzig-Personen-Schlange im Supermarkt) an der Kasse ein.

Okay, dachte ich, das ist die Strafe. Warum bist Du auch hier rein gegangen. Ich machte mich also Richtung Ausgang los und war fast schon draußen, als ich hörte, wie die Hackenroll-Tante den Kassierer fragte, ob er denn garantieren könne, dass die Bananen fair gehandelt seien. Sie hätte da etwas „läuten gehört“. Ja, natürlich. Sie könne sich darauf verlassen. NEIN. SIE KÖNNEN SICH NICHT DARAUF VERLASSEN. Schrie ich von draußen durch die offene Tür in den Markt hinein. ES GIBT KEINEN FAIREN HANDEL MEHR. IHRE SCHEIß BANANEN AUS DER DOMREP WERDEN VON ILLEGALEN HAITIANERN GEPFLÜCKT, DIE FÜR NEN HUNGERLOHN ARBEITEN. FAIR TRADE IST FUCK TRADE!

Das Pärchen und ein paar Leute mehr schauten mich verdutzt, entsetzt, verwundert an. Der Kassierer dagegen schüttelte den Kopf und machte ein eher mitleidiges Gesicht. Armer Irrer, schien sein Blick zu sagen. Es war Zeit, das Feld zu räumen. Hatte eh keinen Zweck, solcherart Leute mit dieser Art Wahrheiten zu belästigen. Aber ich weiß es eben. Besser als die meisten. Denn selbst wenn es das eine oder andere Produkt schafft, fair bis nach Deutschland zu kommen, so endet das Ganze spätestens in den Hallen der Großhändler, wo Billiglohnkräfte den ganzen Biomüll in Akkordarbeit versandfertig machen. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe selbst in zwei solcherart Unternehmen geschuftet. Meist in der Nacht, in Kühl- oder Kältekammern oder auch im Trockenlager, haben wir einen „Rolli“ nach dem anderen gepackt. Oft bis in die frühen Morgenstunden. Und das Ganze für nen vergammelten Appel und n Ei von glücklichen Hühnern. Selbstverständlich zuschlagsfrei. Beschwerden über Lohn oder Arbeitsverhältnisse bedeuteten Stress mit dem Cheffe oder gar Kündigung. Zumindest bei diesem Großhändler in Berlin. Was dort abging (und wahrscheinlich immer noch passiert) ist dermaßen herabwürdigend und unwürdig und damit von Fair Trade weit, weit entfernt. Noch weiter entfernt ist nur noch der Eigentümer des Unternehmens selbst von seinen einstigen Ideen und Idealen. Fair Trade ist Fuck Trade. Oder eben Banane.

Nachtrag/Edit: In Norderstedt soll nun der Tod Fair Trade gehandelt werden…

Prenzlauer-Berg-Theater. Nee. Karneval. Und schlimmer.

Es kommt ja nicht oft vor, dass ich mich mit fremden Federn schmücke. Ich will das auch gar nicht tun. Aber dieser Weg hier ist der beste, um Euch alle auf einen Post aufmerksam zu machen, den man lesen muss. Zumindest als Berliner. Und alle anderen sowieso. Selten hat mir jemand so aus der Seele geschrieben wie der Kiezneurotiker heute (wenn der Text auch gar nicht von heute ist, aber das ist egal). Das muss man einfach lesen. Ich erlaube mir, die ersten Zeilen hier zu posten. Weiter gehts dann auf dem Originalblog:

  • Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Karneval oder Cottbus. Ich kann mich nicht entscheiden. Och lass ma, ich nehm doch lieber Eiter unter den Fußnägeln. Helau. Butschipuh. Lust auf Karneval in Cottbus? Rufen Sie jetzt an. Männer im Minirock. Frauen nacktbeinig. Wer da Bock drauf hat, kann Mitglied in der Sittichstar-Garde werden. Wo es das zu lesen gibt? Natürlich in Prenzlauer Berg, dem Zentrum aller Bescheuerten und Bekloppten, der Sammelstelle derer, die ihr Dorf verlassen haben, um es in der Hauptstadt genauso zu machen wie die Bembelbauern zuhause. Weiter lesen

A new Blog is born

Ein neues Baby hat die Blogosphäre erblickt. Und Babys, bzw. Kinder, spielen die Hauptrolle bei Stadt Land Mama von Lisa und Caro. Die eine lebte in Prenzlauer Berg und muss (oder darf) sich jetzt in der westdeutschen Provinz rumschlagen. Die andere ist vor einiger Zeit Mutti geworden und lebt in Berlin. Beide kennen sich schon lange und nun schreiben sie sich gegenseitig auf einem Blog Briefe und Posts. Was hat das Land, was die Stadt nicht hat? So schreibt die eine (Land-Lisa):

Klar wird uns Landmamas nachgesagt, wir fütterten unsere Kinder nur mit grober Leberwurst, taugten zu nichts außer (Filter-)Kaffeeklatsch, Deko und selbst gebackenem Apfelkuchen. Zudem stinkten wir nach Gülle, und lebten modisch und beziehungsrollen-technisch hinter dem Mond.
Aber hey, es wird Zeit, dass ich mal aufräume mit diesen Klischees. Gut, meine Latte Macchiatto-Maschine hab ich aus Prenzlauer Berg exportiert aber sonst? Naja, das ein oder andere Oberteil vielleicht noch. Zurück gelassen hab ich eine Menge. Die vierspurige Prenzlauer Allee vor meiner Haustür, die Pappbrötchenbäcker, den Helmholtzplatzpenner mit dem bunten Turban auf dem Kopf… aber auch: Den Crépemann auf dem Samstagsmarkt am Kollwitzplatz, das Eis von Anna Maria in der Husemannstraße, das Café Einstern. Und meine Leute, die ich immer irgendwo und einfach so auf der Straße oder auf einem der tausend Spielplätze traf… Mehr lesen? Gibt es hier.

Herzlichen willkommen jedenfalls in Blogistan und viel Spaß!

Arme Väter

Wir haben sie gesehen. Die armen Väter in Prenzlauer Berg. In einem beliebten Biergarten. Mittendrin im Szenekiez. Das Bier teuer. Aber kalt. Selbstbedienung. Wie damals im Osten. Aber damals war es dafür preiswert. Klassen bestiummten das Preisniveau. Von I in der Selbstbedieung über II und III in den HO- und Konsumgaststätten bis hin zur IV in gehobenen Restaurants oder gar S und S plus (Hotel Neptun). Das war in Ordnung. heute bestimmt weder guter noch schlechter Service, noch gute oder schlechte Qualität, sondern allein die Lage den Preis. Nun ja, da haben wir uns dran gewöhnt.

Zurück zu den Vätern. Wir saßen in gemütlicher Runde bei Bier und Weinschorle. Witzelten über dies und das, sprachen nicht über Gott aber von der Welt. Von Urlaub und Reisen, von anderen Ländern und Sitten. Es wurde viel gelacht. Nur an den Nachbartiaschen nicht. Da saßen die Szenekiezbewohner. Die von nebenan. Die Väter mit ihren kleinen Kindern. Und manche hatten auch ihre Frau dabei. Alle mit Gesichtern wie der diesjährige Sommer. Hatten wohl nichts zu lachen. Wir rätselten schon, warum die alle so griesgrämig in die Runde schauten. Vielleicht wegen der hohen Mieten? Die der vielleicht zu hohe Preis für die Wohnlage sind? Oder einfach nur, weil es sonst in ihrem Leben nichts zu lachen gab? Wir haben es nicht herausbekommen.

Allerdings kam einer von ihnen dann zwischendurch mal an unseren Tisch. Eure Runde gefällt mir. Sagte er. Und: Früher, vor meiner Vaterzeit, hab ich das auch gemacht. Was? Fragten wir. Was gemacht? Na mit Freunden zusammen einen trinken gehen. Aber das könne er doch jetzt auch noch? Oder nicht? Habt Ihr ne Ahnung. Sagte er. Wie das so ist. Mit Familie hier. Mitten in Prenzlauer Berg. Das ist nicht so einfach. Mhm. Nicht so einfach. Wir schauten uns fragend an und wollten mehr wissen. Doch da war er schon auf dem Weg Richtung Ausgang. Wo seine Frau gerade den Zwillingskinderwagen in den BMW Kombi lud. Er winkte noch kurz zurück und stieg dann ein. Der Arme.

Alles neu macht der April

Nusenblaten in neuem Design. Das Dreifachelternblog aus Prenzlauer Berg hat sich nach dem ersten erfolgreichen Jahr ein neues Design zugelegt und zeigt sich nun mit einem passenden Header sowie einer Sidebar. So sieht das gleich viel ansprechender und besser aus. Gefällt mir!

Nette Nachbarn

Nun ist Schluss in Prenzlauer Berg. Überfüllt, ausgelastet, fertig. Nichts geht mehr im neuen alten In-Viertel der Zugereisten. Man ist reich, hat Kinder und n Luxus saniertes Penthouse. Oder aber auch ne Wohnung ein Stockwerk tiefer, wenn man damit leben kann. Hauptsache die Nähe zum Kollwitzplatz. Das war bisher die Devise.

Doch damit ist Schluss. Denn die Gentrifizierung ist abgeschlossen, überholt und außerdem übervoll und dehnt sich deshalb aus. Ausgerechnet gen Norden. Hinter die Grenzlinie, hinter die Wisbyer. Ja, so ist es. Neuerdings wohnt man da. Oder hier. Gegenüber zum Beispiel. Die junge Familie mit der B-Klasse. Berliner Kennzeichen, klar. Aber immer noch mit der Randbemerkung „Autohaus Schwabing“. Ja, das muss man zeigen. Und das Baby auch. Es wird aus dem Fenster gehalten, wenn es schreit. Hallo Pankow, noch wach?

Harmlos. Im Nachbarhaus geht es ganz anders zu. Da wohnen jetzt welche mit Musik im Blut. Versuchen ihren Kindern die Nationalhymne beizubringen. Auf der Geige. Zwanzigmal hintereinander. Von mal zu mal schlimmer. Natürlich bei weit geöffneter Balkontür. Die ganze WM lang. Die nun vorbei ist und damit auch das Hymnengekratze mit dem Fiedelbogen. Nichts gegen Kinder, die Geige spielen. Schließlich hab ich vor 40 Jahren auch so angefangen. Aber eben nicht mit deutschen Hymnen. Und nicht abends um halb zehn.

Und dann die neuen Nachbarn nebenan. Kenzeichen Hamburg. Halten nichts von Fahrrädern im Flur. Und vom Grillen rein gar nichts. Lassen sich allabendlich Sushi vom Cateringservice bringen. Haben ihre hanseatische Meinung gleich ans Brett im Hausflur geschlagen: Bitte keine Räder im Flur. Wem gehört der Kinderwagen im Hof? Außerdem möchten sie gern darauf hinweisen, dass sie das Grillen im Hof stört. Der Rauch wäre eine Zumutung.

Jetzt wird die Wohnung über uns saniert. Die bisherige Mieterin ist ausgezogen. Die hatte noch nen alten DDR-Mietvertrag und eine dementsprechende unsanierte Wohnung. Bin nun gespannt, wer da einziehen wird. Vielleicht ja ein hanseatisch-schwäbisches neureiches Makler-Designer-Paar mit Holzkohle- und Kinderwagenphobie. Oder einfach nur nette Nachbarn. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Taxifahren, Wolle & Kaffee zum Mitnehmen

„Wo wollnse hin? Danziger/Ecke Prenzlauer Allee? Wo solln das sein? Das muss ick erst ma ins Navi einjem.“ Manche Taxifahrer Berlins machen mich immer wieder sprachlos. Danziger/Ecke Prenzlauer Allee. Sicher, der Osten der Stadt ist nun nicht jedem Berlinert bekannt. Aber von nem Taxifahrer könnte man schon meinen, dass er zumindest die großen Straßenkreuzungen kennt. Von denen es auch in ganz Berlin nur eine gibt.

Hätten wir Goethestraße gesagt. Okay, davon gibt  es acht in Berlin. Oder Schillerstraße (11), Ahornalle (15), Bahnhofstraße (12), Hauptstraße (9), Gartenstraße (11), Kastanienallee (10), Kirchstraße (13), Mühlen- (9) oder Parkstraße (12) oder hätten wir als Ziel die „Straße 18“ angebeben (davon gibt es fünf), dann hätte ich durchaus Verständnsi gehabt. Aber Danziger/Ecke Prenzlauer? Das ist so ähnlich wie Joachimsthaler/Ecke Kudamm.

Nun gut. Unser Taxifahrer fand den Weg mittels Navi dann doch, wenn er auch von der Invalidenstraße auf einmal in Richtung Süden abbog, wo wir doch in Richtung Nordosten wollten. So ist das, wenn das Navi den Weg vorschreibt und man vielleicht statt der kurzen die optimale Route eingegeben hat.

Wie auch immer, er hat´s geschafft und später auch noch verraten, dass dies ja nur sein Zweit-Job wär. Normalerweise würde er in einem „großen Berliner Konzern“ arbeiten. Aber der würde eher schlecht zahlen. Und so helfe er ab und an bei seiner Schwester im Taxibetrieb aus. „Zum Glück jibts ja jetze Navi. Früha musst ick erst imma inne Karte kieken oda die Fahrjäste frajen, wo´s lang jeht.“ Nun, jetzt hat er j a sein Navi. Nur bedienen muss man das eben auch können.

Auch in Halle (Saale) gibt es Taxifahrer, die einen zweiten Job haben. Und außerdem Selbstständige, die Wolle, Bilder, Accessoires und Kaffee zum Mitnehmen verkaufen. Das sind dann drei Läden in einem (entdeckt in der Großen Steinstraße).

Was Lisa und Markus mit koffeinfreien Latte mit fett- und laktosefreier Milch zu tun haben (zum Glück nix)

Wenn ich aus dem schönen Pankow Richtung Süden laufe oder auch fahr, dann komme ich unweigerlich in den Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Der legendäre Kiez mit seiner alten Geschichte und den neuen Geschichten. Der Kiez, in dem Konnopke seine Curry vakooft, der Kiez mit einer der letzten alten Berliner Eck-Kneipen, dem Metzer Eck. Wo es lecker Eisbein gibt, Gehacktes-Bemmen und Krusovice aus dem Fass. Der Kiez mit der Oderberger Straße und den vielen im Sommer Draußensitz-Kneipen, der Kiez mit der Kulturbrauerei, dem Colosseum, und und und.

Aber auch der Kiez, der kippt. Der Kiez, in dem zugezogene Luxus-Penthouse-Bewohner gegen Wochenend-Märkte klagen,wo aus Eck-Kneipen Spielhallen werden, wo Kiezläden Sternelokalen Platz machen müssen. Wo junggebliebene Öko-Muttis mit Kinderwagen und Roller und Kindern in überteuerten sogenannten Szene-Cafés koffeinfreien Latte mit fett- und laktosefreier Milch bestellen, nachdem sie im Biomarkt aus Chile importierte Bio-Äpfel und politisch korrekt links drehenden Bio-Joghurt im Glas aus der 700 Kilometer entfernten bayerischen Biomolkerei Andechs gekauft haben. „Bestell dir doch gleich n Wasser, blöde Kuh“, rief letztens ein Wartender, der weder laktosefreie Milch, noch koffeinfreien Latte haben wollte, sondern einfach nur einen doppelten Espresso.

Aber, wie überall, gibt es auch dort Lichtblicke. Auch dort gibt es Menschen, die mit jenen Dingen und Menschen nix am Hut haben. Aber trotzdem die Stellung halten. Zu ihnen gehören Lisa und Markus. Freunde, die neuerdings auch zur Bloggergemeinde gehören. Inmitten des laktosefreien Wahnsinns berichten die beiden über ihr Leben zu fünft. Über Voodoo am Morgen, Schlafheilige, die Farbe Rosa, Gynäkologinnen und Kanada und Götterspeise.

Die Wilmersdorfer Wirtsleute aus Prenzlauer Berg

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Am Berliner Kurfürstendamm und in den umliegenden Straßen gibt es schätzungsweise 100 Restaurants und Kneipen. Oder auch mehr. Viele haben ihr Geschäft längst auf die Touristen um- und eingestellt. Einige beschäftigen gar schon russische Kellnerinnen. Das Klientel in Charlottenburg verlangt es so. Doch immer wieder gibt es auch noch die echten, die kleinen, die gemütlichen Berliner Kneipen. So auch in der Meinkestraße.

Hier, neben zwei Friseuren, Suppen-Laden und Curry-Imbiss, ist das „Patzenhofer“. Der Name war einmal Programm. Doch das „Patzenhofer“, eine Berliner Bierspazialität, gibt es schon lange nicht mehr. 1855 gründete Georg Patzenhoder die Brauerei, 1920 fusionierte er mit Schultheiss. Die Schultheiss-Patzenhofer Brauerei AG produzierte bis 1991, dann wurde sie stillgelegt.

Der Name ist geblieben in der Meinekestraße. Hier, gleich neben dem Kudamm, lebt Berliner Kneipenkultur. Nun könnte man meinen, die Wirtsleute seien die Nachfahren der Nachfahren des Kneipengründers. Sind sie nicht. Gabi und Norbert kamen ziemlich genau vor 20 Jahren aus Prenzlauer Berg. Noch vor der Wende gelangten sie per Ausreise-Antrag in den Westen.

Ziemlich genau vor zehn Jahren übernahmen sie dann das „Patzenhofer“. Den Inhaber kannten sie schon länger, der ging dann an die Ostsee. Gabi und Norbert übernahmen nicht nur (fast) die komplette Inneneinrichtung, sondern auch die Stammgäste. Einige Kleinigkeiten wurden verändert (Norbert: „Die Kaffemaschine hat mich wahnsinnig gemacht“), der gemütliche Stil einer Ur-Berliner Kneipe ist geblieben.

Das danken ihnen heute noch die Stammgäste. Und alle anderen, die nur ab und an mal auf ein Bierchen vorbeischauen. Oder auch gern wegen des leckeren Essens kommen. Am Mittwoch war Party. Zehn Jahre „Patzenhofer“ mit Gabi und Norbert. Die Stammgäste kamen natürlich alle. Mit Blumen, Glückwünschen und mit (nach dem dritten Bier) allerlei alten Kamellen und neuen Geschichten. Zum zehnten Mal erzählt. Aber immer wieder spannend.

Jürgen und der chilenische Bio-Apfel

Es ist Samstag, ein Bioladen in Prenzlauer Berg. Gut besucht. Kunden aller Berliner Schichten. Die Öko-Mutti, der Manager-Schnösel, Kalle von umme Ecke, Wilmersdorfer Witwen. Und er. Oder ihm. Oder seine Majestät. Latzhose, John-Lennon-Nickelbrille, Jesuslatschen, Strickpullover, Brustbeutel. Die selbstgedrehte, schon einmal angezündete und wieder ausgemachte, Zigarrette hinterm Ohr. Mann, der hat verdammt viele Jahre verpennt. Und den Wecker nicht gehört. Noch nie. Nennen wir ihn Jürgen.

Jürgen jedenfalls steht vor den Äpfeln. Bio-Äpfel aus der Mark Brandenburg, aus dem Alten Land. Und angebliche Bio-Äpfel aus Chile. „Ist hier zufällig jemand zuständig?“, ruft Jürgen und zieht konsterniert den Schnodder in seiner Hakennase laut hörbar hoch. „Ick würde nämlich jern mal wissen, wieviele Tonnen Kerosin so´n Apfel aus Chile auf dem Jewissen hat!“ Einige Kunden starren Jürgen an, Jürgen starrt zurück. Nur ein „Zuständiger“ lässt sich nicht blicken.

„Übalejen se mal. Der Apfel fällt in Chile vom Baum. Chile, det ist eenmal um die janze Welt“, sagt Jürgen. „Und denne wird der Apfel mit dem Elkawee zum Hafen jefahrn. Bestimmt sind det alleene schon hunderte Kilometer. Und denne steht der Apfel da im Hafen in Kisten rum und wartet uff det nächste Schiff.“ Jürgen greift in die Kiste mit den chilenischen Früchten, nimmt einen gelben Apfel in die Hand. „Gucken se ma hier. Dit sieht ma den Apfel schon an. Total blass isser. Det kommt von die Reifung uff dem Schiff. Der chilenische Apfel an sich darf nämlich nicht am Baum reifen, sondern muss ditte uff der Übafahrt nach hier.“

„Schlimm. Schlimm is dit mit die janze Bio-Beschiss“, pflichtet ihm eine Kundin bei (Mitte 30, die Haare zu Schulmädchen-Zöpfen geflochten, langer brauner Strick-Rock, T-Shirt mit Fuck-of-Aufschrift und ausgewaschener Jeansjacke darüber). Sie hat ein Kleinkind auf dem Arm und schiebt einen Einkaufswagen vor sich her mit zwei Sellerie-Wurzeln, Roter Beete und Zwiebeln von einem regionalen Öko-Bauernhof sowie drei Flaschen australischem Bio-Wein (selbstverständlich kontrolliert ökologischer Anbau!). „Dit sach ich ihnen“, sagt Jürgen und sieht sich nach einem „Zuständigen“ um.

Doch ein solcher lässt sich weiterhin nicht blicken. Grund genug für Jürgen, nochmal die Geschichte des chilenischen Bio-Apfels auf seiner Reise nach Deutschland aufzugreifen. „Und denn fährt dit Schiff ewich lang über die Weltmeere. In der Schiffs-Schraube sterben Delphine, seltene Schildkröten und die janzen andren Meeresbewohner. Ja kommt hier nun ma jemand Verantwortlicher für dit Janze?“, fragt Jürgen noch einmal etwas lauter in Richtung der Kassen. Doch die haben andere Sorgen, der Laden wird gerade richtig voll.

Jürgen resigniert. Er geht zu den Kisten mit den Bio-Äpfeln aus der Mark Brandenburg. „Wat solln die kosten? Sechs Euro? Nee, dit zahl ick nich für Äppel.“ Jürgen stöbert in den Kisten mit den Früchten aus dem Alten Land. „Die sind ja noch teurer. Nee, dit kommt mir nich inne Tüte!“ Jürgen schlendert zurück. Er brabbelt etwas Unverständliches vor sich hin. Dann sieht er sich mehrmals um, greift sich schließlich eine Bio-aus-Altpapier-Tüte und packt vier Äpfel hinein. Vier Äpfel aus Chile. „Zwee fuffzich. Dit ist doch mal Preis. Wie die dit nur machen, bei dem weiten Wech…“