Vermisst: Der Kiezneurotiker

kiezneurotiker_offline_01Wer hat den Kiezneurotiker gesehen? Also seinen Blog? Seit ein paar Tagen, oder vielleicht auch schon länger, ist sein Blog nicht mehr zu finden. Dort, wo einst die besten Gastro-Kritiken der Stadt standen, wo mit spitzer Zunge das Kiezleben in Prenzlauer Berg verfolgt und dokumentiert wurde,  wo immer wieder auch meine Posts verlinkt wurden – da ist nichts mehr zu lesen, nichts mehr zu sehen.  Der Kiezneurotiker hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern regelmäßig meine düsteren Tage gerettet.  Doch nicht nur das. Zwischen berlinpankowblogger und kiezneurotiker gab es eine, zumindest aus meiner Sicht, besondere Beziehung. Nicht nur, dass wir uns regelmäßig verlinkt haben. Wir hatten haben ähnliche Interessen, was gastronomische Einrichtungen und Urlaubsziele betrifft. So waren wir 2015 zur gleichen Zeit in Binz, ohne uns jemals zu begegnen. Allein anhand geposteter Fotos mussten wir feststellen, dass wir beide auf Rügen sind. Auf eine persönliche Begegnung habe ich seitdem immer wieder gehofft. Leider ist es nie dazu gekommen. Wo bist Du? Melde Dich doch mal. Viele Leser vermissen Dich und Dein Blog!

Edit: Es gibt (unbestätigte) Informationen, nach denen der kiezneurotiker seine Blogposts als eBook herausbringen wird und das Blog deshalb offline ist.

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Fellfressen im Kniebundstyle

Es muss irgendwann in den letzten Monaten passiert sein. Unbemerkt von den meisten. Oder auch nur von mir. Früher jedenfalls, wobei früher soviel wie „bis vor wenigen Wochen“ heißt, kamen mir in der erweiterten Nachbarschaft – also z.B. am Kollwitzplatz, in der Schönhauser Allee, auf der Wisbyer Straße – junge Väter entgegen, die einen Kinderwagen vor sich her schoben. Manchmal mit, manchmal ohne Frau. Immer öfter ohne. So kam es mir jedenfalls vor. Sie (die Väter) trugen Jeans, teure Turnschuhe. Manche hatten auch diese schwarzen oder braunen Lederschuhe an, nach Maß gefertigt in London. In der Jeans steckte ein hellblaue/weiß gestreiftes Hemd, oder auch nur  hellblau. Manchmal auch grün. Oder rosa. An warmen Tagen war´s dann dann auch schon, an kühleren Tagen, die es auch im Sommer immer mal wieder geben soll, hatte der eine oder andere Papa ein Jackett an, lässig über Hemd und Jeans getragen. Natürlich Schurwolle. Selbstverständlich.

Im Gesicht trugen die Väter einen lässigen Dreitagebart. Bis auf jene, die ihrer Gesichtshaut jeden Morgen eine frische Rasur gönnten.  Passend dazu schoben sie den Inglesina Classica, kurz vor der Geburt des lieben Kleinen für 1250 Euro günstig bei Ebay geschossen. Oder, besonders hier beliebt, der Domino Twin oder gar der TFK Trio Twist. So war das hier. So ist es aber nicht mehr. Jetzt verkehrt man hier dort anders. Ganz anders. Manche Exemplare machen mir inzwischen Angst. Bei einigen der – jenseits der Wisbyer ansässigen – Väter überlege ich regelmäßig, ob der Kinderwagen Fake ist. So ganz ohne Kind(er). Einfach nur so, weil´s zum Image hier passt. Die Zeit der DreitagebartOderGlattRasiertenVäter ist vorbei.

Alle tragen Bart. Richtig Bart. So einen langen Bart. Fellfresse hieß das bei uns früher. Unten Kinderwagen. Oben Bart. (Wahrscheinlich) unten rasiert. Oben nicht. Aber das ist noch nicht alles. Statt Turn- oder Maßschuhen tragen die Herren nun Travelin Trekking Boots. Oder gleich Springerstiefel. In Rot. Selbstverständlich. Ginge ja vielleicht noch. Aber warum müssen es ausgerechnet diese Hosen sein? Country Line Trachtenhose im Kniebundstyle.  Ziegenvelour Wildbock. Gibt´s wirklich. Da komm ich nicht mehr mit. Das ist nicht mehr lustig. Das retten auch Army-Tarn-Shirt und Outdoor-Softshell-Funktions-Jacke nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Fellfressen im Kniebundstyle. Was kommt danach?

 

Das. Letzte. Mal.

Ein Supermarkt in Pankow an einem Mittwochvormittag im November. Ich brauch noch ein paar Zutaten fürs Mittagessen und für das Abendbrot. Spaghetti, frischen Knoblauch, Weintrauben, Joghurt pur, Salat, Hühnchenbrust. Viel Zeit habe ich nicht, da ich am Nachmittag noch einen Termin habe. Glücklicherweise ist es nicht voll, ich bin Nummer fünf in der Schlange. Alle anderen vor mir haben jeweils nur wenige Artikel aufs Band gelegt. Sollte also schnell erledigt sein.

Die Nähe zum Prenzlauer Berg macht sich hier inzwischen nicht mehr nur durch die Tatsache der geografischen Nähe bemerkbar, sondern auch am steigenden Vorkommen Klischee behafteter Muttis. Um die 30, immer wichtig, Strickrock-Über-Jeans, Jacke vom Designer (oder aus dem Second Hand oder aus der Altkleiderbox – genau kann man das nie sagen oder wissen), Brille mit buntem Gestell und – natürlich – Kinderwagen mit Kind. Xplory Buggy heißen diese Dinger, hab ich herausbekommen.

Sie also ist auch im Supermarkt, ich hatte sie gerade schon am Gesmüsestand gesehen, als sie verschiedene Sorten Weintrauben verkostet und diverse Mangos mit ihrem Daumen eingedrückt hatte. Schon mein erster Grund für ein kleine Packung Hass – Weintrauben kommen heute also nicht auf den Speiseplan. Schließlich hat sie fast in jede Kiste gegrapscht. Weiß ich, wo sie vorher mit ihren Fingern war? Windeln gewechselt? Aber gut, dann eben ohne Trauben.

Nun stehe ich also an der Kasse, als sie auf einmal neben mir steht. Sie versucht, Xplory zwischen der Frau vor mir und mich zu schieben. Wobei sie mit einem Kopfnicken auf die beiden Artikel zeigt, die sie in der einen Hand hält: Eine eckige Tüte laktosefreie Milch und eine runde Packung Mix-Dir-Dein-Bio-Müsli-Selbst. Darf ich? Fragt sie, als ich eigentlich schon keine Chance mehr für Gegenwehr habe, da ich dem Schutz meiner Füße wegen schon vor Xplory etwas zurückgewichen bin.

Ja Bitte. Sage ich. Zwei Artikel. Denke ich. Dachte ich. Als Xplory-Müsli-Mutti auf der Höhe des Artikel-Transport-Bandes ankommt, kommt aus einer Tasche an ihrem Xplory doch noch der eine oder andere Artikel zum Vorschein: Weintrauben, Mangos, Möhren, weitere Packungen Milch, weitere Packungen BioMüsli zum selbst auskotzen und alles andere, was man so für eine Familie in der Woche kauft. Ich bin kurz sprachlos, bekomme dann ein Ähm heraus, worauf sie mich anschaut und genervt Was denn? sagt. Unglaublich. Was soll ich tun? Prügel wären jetzt angebracht. Ich tu es nicht. Weiß aber genau: Das. War. Das. Letzte. Mal. Nie. Wieder. Lass. Ich. Eine. Kinderwagen. Mutti. Vor. Nie. Nie. Wieder.

 

 

Fuck Trade

Fair Trade Fuck TradeNeulich betrat ich mal wieder, in einem Moment geistiger und konditioneller Schwäche, einen Berliner Bio-Markt. Dabei hätte ich es doch besser wissen müssen. Aber es war nun einmal geschehen und so machte ich mich auf die Suche nach Irgendetwas.Vielleicht hatte ich ja Glück und würde in der Lebensmittelabteilung etwas finden, das wirklich gut schmeckt und bezahlbar ist. Wie konnt ich nur… Nach einem ergebnislosen Bummel durch die Reagle mit den ach so ganz fair gehandelten und ökologisch produzieren Lebensmitteln wandte ich mich der Non-Food-Fair-Trade-Bio-Öko-Abteilung zu, in der Biocremes aus Elefantenkot, Ökoparfümchen aus Knochenmark glücklicher Freilandrinder und andere, biologisch wertvoll vorgekaute Gesichts- und Arschpasten angeboten werden. Natürlich heute zum Sonderpreis. Und wie immer fair gehandelt. Auch die Hühner haben etwas davon, wenn Sie sich damit eindieseln. Und wenn ich meine Zähne mit der grünen Pasta direkt vom Erzeuger putzen, kann dessen Familie ein Jahr lang essen und scheißen.

Ich war noch mittendrin in der Suche nach der Ökonadel im Biomisthaufen, als sich zwei typische ÖkomarkteinkäuferInnen, eine männlich, eine weiblich, nebst Kinderwagen rücksichtslos an mir vorbeidrängelten und dabei mit ihrem Einkaufswagen, gefüllt mit Bioäpfeln aus Chile, angeblichen Fair-Trade-Bananen aus der Domrep, ein paar angegammelten Steckrüben sowie einem weiteren, etwas zu fettem, Kind, in und über meine Hacken rollten als wäre es das Normalste der verschissenen Biowelt. Als der erste Schmerz langsam nachließ und ich gerade überlegte, ob ich es mit verweichlichten Gegendemonstrierern, dummgrüngehirnten Autobahnverhinderern, linkskonservativen Häuserneubaudagegensprotestlern oder mit höhenuntauglichen Flugroutenabweichlern zu tun habe (oder alles zusammen), waren sie schon an mir vorbei und reihten sich, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen, in die Zwei-Personen-Schlange (bedeutet im Biomarkt etwa die gleiche Wartezeit wie eine Zwanzig-Personen-Schlange im Supermarkt) an der Kasse ein.

Okay, dachte ich, das ist die Strafe. Warum bist Du auch hier rein gegangen. Ich machte mich also Richtung Ausgang los und war fast schon draußen, als ich hörte, wie die Hackenroll-Tante den Kassierer fragte, ob er denn garantieren könne, dass die Bananen fair gehandelt seien. Sie hätte da etwas „läuten gehört“. Ja, natürlich. Sie könne sich darauf verlassen. NEIN. SIE KÖNNEN SICH NICHT DARAUF VERLASSEN. Schrie ich von draußen durch die offene Tür in den Markt hinein. ES GIBT KEINEN FAIREN HANDEL MEHR. IHRE SCHEIß BANANEN AUS DER DOMREP WERDEN VON ILLEGALEN HAITIANERN GEPFLÜCKT, DIE FÜR NEN HUNGERLOHN ARBEITEN. FAIR TRADE IST FUCK TRADE!

Das Pärchen und ein paar Leute mehr schauten mich verdutzt, entsetzt, verwundert an. Der Kassierer dagegen schüttelte den Kopf und machte ein eher mitleidiges Gesicht. Armer Irrer, schien sein Blick zu sagen. Es war Zeit, das Feld zu räumen. Hatte eh keinen Zweck, solcherart Leute mit dieser Art Wahrheiten zu belästigen. Aber ich weiß es eben. Besser als die meisten. Denn selbst wenn es das eine oder andere Produkt schafft, fair bis nach Deutschland zu kommen, so endet das Ganze spätestens in den Hallen der Großhändler, wo Billiglohnkräfte den ganzen Biomüll in Akkordarbeit versandfertig machen. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe selbst in zwei solcherart Unternehmen geschuftet. Meist in der Nacht, in Kühl- oder Kältekammern oder auch im Trockenlager, haben wir einen „Rolli“ nach dem anderen gepackt. Oft bis in die frühen Morgenstunden. Und das Ganze für nen vergammelten Appel und n Ei von glücklichen Hühnern. Selbstverständlich zuschlagsfrei. Beschwerden über Lohn oder Arbeitsverhältnisse bedeuteten Stress mit dem Cheffe oder gar Kündigung. Zumindest bei diesem Großhändler in Berlin. Was dort abging (und wahrscheinlich immer noch passiert) ist dermaßen herabwürdigend und unwürdig und damit von Fair Trade weit, weit entfernt. Noch weiter entfernt ist nur noch der Eigentümer des Unternehmens selbst von seinen einstigen Ideen und Idealen. Fair Trade ist Fuck Trade. Oder eben Banane.

Nachtrag/Edit: In Norderstedt soll nun der Tod Fair Trade gehandelt werden…

Prenzlauer-Berg-Theater. Nee. Karneval. Und schlimmer.

Es kommt ja nicht oft vor, dass ich mich mit fremden Federn schmücke. Ich will das auch gar nicht tun. Aber dieser Weg hier ist der beste, um Euch alle auf einen Post aufmerksam zu machen, den man lesen muss. Zumindest als Berliner. Und alle anderen sowieso. Selten hat mir jemand so aus der Seele geschrieben wie der Kiezneurotiker heute (wenn der Text auch gar nicht von heute ist, aber das ist egal). Das muss man einfach lesen. Ich erlaube mir, die ersten Zeilen hier zu posten. Weiter gehts dann auf dem Originalblog:

  • Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Karneval oder Cottbus. Ich kann mich nicht entscheiden. Och lass ma, ich nehm doch lieber Eiter unter den Fußnägeln. Helau. Butschipuh. Lust auf Karneval in Cottbus? Rufen Sie jetzt an. Männer im Minirock. Frauen nacktbeinig. Wer da Bock drauf hat, kann Mitglied in der Sittichstar-Garde werden. Wo es das zu lesen gibt? Natürlich in Prenzlauer Berg, dem Zentrum aller Bescheuerten und Bekloppten, der Sammelstelle derer, die ihr Dorf verlassen haben, um es in der Hauptstadt genauso zu machen wie die Bembelbauern zuhause. Weiter lesen

A new Blog is born

Ein neues Baby hat die Blogosphäre erblickt. Und Babys, bzw. Kinder, spielen die Hauptrolle bei Stadt Land Mama von Lisa und Caro. Die eine lebte in Prenzlauer Berg und muss (oder darf) sich jetzt in der westdeutschen Provinz rumschlagen. Die andere ist vor einiger Zeit Mutti geworden und lebt in Berlin. Beide kennen sich schon lange und nun schreiben sie sich gegenseitig auf einem Blog Briefe und Posts. Was hat das Land, was die Stadt nicht hat? So schreibt die eine (Land-Lisa):

Klar wird uns Landmamas nachgesagt, wir fütterten unsere Kinder nur mit grober Leberwurst, taugten zu nichts außer (Filter-)Kaffeeklatsch, Deko und selbst gebackenem Apfelkuchen. Zudem stinkten wir nach Gülle, und lebten modisch und beziehungsrollen-technisch hinter dem Mond.
Aber hey, es wird Zeit, dass ich mal aufräume mit diesen Klischees. Gut, meine Latte Macchiatto-Maschine hab ich aus Prenzlauer Berg exportiert aber sonst? Naja, das ein oder andere Oberteil vielleicht noch. Zurück gelassen hab ich eine Menge. Die vierspurige Prenzlauer Allee vor meiner Haustür, die Pappbrötchenbäcker, den Helmholtzplatzpenner mit dem bunten Turban auf dem Kopf… aber auch: Den Crépemann auf dem Samstagsmarkt am Kollwitzplatz, das Eis von Anna Maria in der Husemannstraße, das Café Einstern. Und meine Leute, die ich immer irgendwo und einfach so auf der Straße oder auf einem der tausend Spielplätze traf… Mehr lesen? Gibt es hier.

Herzlichen willkommen jedenfalls in Blogistan und viel Spaß!

Arme Väter

Wir haben sie gesehen. Die armen Väter in Prenzlauer Berg. In einem beliebten Biergarten. Mittendrin im Szenekiez. Das Bier teuer. Aber kalt. Selbstbedienung. Wie damals im Osten. Aber damals war es dafür preiswert. Klassen bestiummten das Preisniveau. Von I in der Selbstbedieung über II und III in den HO- und Konsumgaststätten bis hin zur IV in gehobenen Restaurants oder gar S und S plus (Hotel Neptun). Das war in Ordnung. heute bestimmt weder guter noch schlechter Service, noch gute oder schlechte Qualität, sondern allein die Lage den Preis. Nun ja, da haben wir uns dran gewöhnt.

Zurück zu den Vätern. Wir saßen in gemütlicher Runde bei Bier und Weinschorle. Witzelten über dies und das, sprachen nicht über Gott aber von der Welt. Von Urlaub und Reisen, von anderen Ländern und Sitten. Es wurde viel gelacht. Nur an den Nachbartiaschen nicht. Da saßen die Szenekiezbewohner. Die von nebenan. Die Väter mit ihren kleinen Kindern. Und manche hatten auch ihre Frau dabei. Alle mit Gesichtern wie der diesjährige Sommer. Hatten wohl nichts zu lachen. Wir rätselten schon, warum die alle so griesgrämig in die Runde schauten. Vielleicht wegen der hohen Mieten? Die der vielleicht zu hohe Preis für die Wohnlage sind? Oder einfach nur, weil es sonst in ihrem Leben nichts zu lachen gab? Wir haben es nicht herausbekommen.

Allerdings kam einer von ihnen dann zwischendurch mal an unseren Tisch. Eure Runde gefällt mir. Sagte er. Und: Früher, vor meiner Vaterzeit, hab ich das auch gemacht. Was? Fragten wir. Was gemacht? Na mit Freunden zusammen einen trinken gehen. Aber das könne er doch jetzt auch noch? Oder nicht? Habt Ihr ne Ahnung. Sagte er. Wie das so ist. Mit Familie hier. Mitten in Prenzlauer Berg. Das ist nicht so einfach. Mhm. Nicht so einfach. Wir schauten uns fragend an und wollten mehr wissen. Doch da war er schon auf dem Weg Richtung Ausgang. Wo seine Frau gerade den Zwillingskinderwagen in den BMW Kombi lud. Er winkte noch kurz zurück und stieg dann ein. Der Arme.