Apfeltraum

In Erinnerung an Caesar (07.01.1949-23.10.2008)

Raritäten aus der Mottenkiste V

Altes Zeuch und neue Technik

Schön, dass die neue Technik so manches möglich macht. Gut, dass immer mehr altes Zeuch innerhalb der neuen Technik wieder erweckt wird. Und wenn dann noch jung gebliebene alte Freunde in der Lage sind, das alte Zeuch mit der neuen Technik zugänglich zu machen, dann ist das richtig gut. Hier nun eine besonders schöne Erinnerung. Einerseits denk ich dabei ständig an Hans, weil er einst das Lied auf allen Feten sang, und andererseits natürlich an Julia. Danke Schlofrenz für das Video:

Jeder Mann in Halle weiß…

…bei Brohmers gibt´s das beste Eis. Vergessen hatte ich ihn längst, den Spruch. Aber immer, wenn in der Gegenwart etwas Vergangenes angestoßen wird, öffnet sich im Hirn eine Schublade. Meist durcheinander gewühlt, chaotisch und ziemlich wirr. Manches Mal aber eben auch sehr aufgeräumt und klar.

Wie jetzt wieder. Klar, Brohmers, in der Bernburger Straße. Vanille-Eis für 15, Sahne-Eiscreme für je 10 Pfennige die Kugel. Es gab also für ne Ostmark zehn Kugel Sahne-Eis. Es war lecker, und natürlich sahnig. So manches Mal haben wir uns an der Zehnermarke versucht. Oft haben wir es geschafft. Mit den entsprechenden Folgen im Magen. Und ganz woanders noch. Geschworen oft, es nie wieder zu tun. Aber es war eben lecker. Und so gab es dann wieder mal einen Tag an dem es hieß: Zehn Kugeln Sahne, bitte.

Nun, schön zu hören, dass es die Eisdiele immer noch gibt. Ob es dort immer noch das beste Eis von Halle gibt, kann ich nicht beurteilen. Nur, dass heute Abend ne gute Band dort spielt. Ich werd es nicht schaffen, heute nach Halle zu kommen. Aber dafür leg ich gleich mal ne alte Scheibe auf und gönn mir ein Eis.

Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war“?

Es lief im Radio. Letzte Woche. Selten, dass sie mal Renft spielen. Aber letzte Woche lief es, das Lied. Und plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Glasklar. Als wenn es gestern gewesen wäre.

Sie hieß Julia. Kurze, rote Struwwelhaare, grüne Augen. Zerrissene Jeans, kunterbuntes, selbst bemaltes T-Shirt, Parka. Sie war 32, fast zehn Jahre älter als ich damals. Im Turm, dem Studentenklub von Halle, hatten wir uns kennengelernt. Wir waren die letzten Gäste, nach einem Konzert. Ich hatte gerade meine letzte Mark für ein Bier ausgegeben. Sie ihre letzten Pfennige für ein Schmalzbrot. Wir haben beides geteilt. Und sind danach durchs dunkle Halle zu ihr gelaufen.  In einer eisigen Winternacht.

Altbau Hinterhaus, zweiter Stock. Dunkle Kälte. Strom hab ich schon lange nicht mehr, sagte sie, zündete Kerzen an. Und den Gasherd. Bei offener Klappe kam so etwas Wärme in die Küche. Kohlen kommen erst nächste Woche. Wenn ich sie bezahlen kann. Julia ging nicht arbeiten. War bei der Stadt als „kriminell gefährdet“ eingestuft.  Aber die lassen mich in Ruhe, sagte sie. Weil ich plem plem bin. Plem plem? War in der Irrenanstalt. In Altscherbitz. Wollen wir nicht über was anderes reden? Klar, sagte ich.

Wir redeten bis zum Morgen. Und tranken Wein. Selbstgemachten Kirschwein. Aus einem großen Ballon, der neben dem Küchentisch stand. Und Julia erzählte doch noch ihre Geschichte. Von Schlägen daheim, vom Kinderheim, von Lügen. Lügen ihrer Mutter. Die nicht wahr haben wollte, was der Vater jahrelang mit der Tochter gemacht hatte. Niemand hatte ihr geglaubt. Deshalb wurde sie eingewiesen.  Dort, sagte sie, hat man wenigstens so getan, als ob man mir glauben würde. Glaubst Du mir? Fragte Julia beim Abschied und bevor ich antworten konnte – sag jetzt lieber nichts. Und vergiss mich, so eine wie mich, so eine hat man nicht als Freundin.

Ich konnte sie natürlich nicht vergessen. Hab sie hin und wieder besucht. Mit ihr die Kohlen in den Keller getragen. Kirschen gepflückt, für den neuen Wein. Nächtelang in der Küche gesessen. Dann fragte sie mich, ob ich denn die Gitarre mal mitbringen könne. Sie hätte mich da letztens spielen sehen, in der Band, beim Straßenfest. Als ich mit der Gitarre kam, hatte Julia gekocht. Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Die beste Kartoffelsuppe, die ich je gegessen habe. Kannst Du „Als ich wie ein Vogel war“ singen? Klar konnte ich. Renft, das gehörte zum Standartrepertoire. Damals.

Julia sang mit. Den Refrain: Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Das ist jetzt unser Lied, sagte sie. Wenn ich es in Zukunft höre, denk ich an dich. Und wenn Du es hörst, könntest du ja auch an mich denken. Ach Julia, ich denk doch sowieso oft an dich, sagte ich. Und wollte ihr sagen wie sehr ich oft an sie denken muss. Sie hatte wohl so etwas geahnt, bat mich, jetzt nichts zu sagen und dafür weiter zu spielen. Wir sangen und saßen wieder mal bis zum Morgen.

Es war der letzte Morgen mit Julia. Ein Unfall. Hieß es damals. Heute weiß ich, dass es keiner war. Freunde haben mir später erzählt, dass sie einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut. Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut. Stand darauf.

Wer die Rose ehrt

wer die rose, wer die rose ehrt, der ehrt heutzutage auch den dorn

der zur rose noch dazu gehört, noch so lang so lang man sie bedroht

einmal wirft sie ihn ab, einmal wirft sie ihn ab

das wird sein, wenn´s sein wird

und alle sie lieben

wer die liebe, wer die liebe ehrt, der ehrt heutzutage auch den hass

der zur liebe noch dazu gehört, noch so lang so lang man sie bedroht

einmal wirft sie ihn ab, einmal wirft sie ihn ab

das wird sein, wenn´s sein wird

und mensch ehrt den menschen

text: kurt demmler, musik: renft