Sehnsucht bis zum Horizont

Fisch. Es gab wieder Fisch. Wels, Boddenzander, Backfisch, Boddenzander. Mit Lauch, mit Spargel, Kohlrabi. Und Kartoffeln. Vertilgt zusammen mit Freunden. Und mit der einen oder anderen Flasche Wein. Zingst. Wieder mal. Wieder im Ferienhaus im Likedeeler Weg. Gleich neben dem Postplatz, ein paar Schritte nur zum Ostseestrand, ein paar mehr zum Hafen am Bodden. Die Luft salzig von der See, trocken aber sonst, zum Glück.

Mit dem Rad nach Pruchten, nach Prerow. Mit dem Rad zur Sundischen Wiese. Rostock und Warnemünde auch. Dann aber mit dem Auto. Besuch bei Freunden, Spaziergang am Strand vor dem Neptun. Blick in die Broilerbar. Kurzer Halt am Teepott. Fahrt durch den Maut-Tunnel (2,90 Euro). Rostock. Eine Fußgängerzone, ein Hafen. Einfamilienreihenhäuser am Stadtrand.  Doppelhaushälften. Welch eine Wortschöpfung. Ein Haus. Dieses doppelt und dann wieder die Hälfte.

Strand. Schuhe aus. Barfuß im Sand, im klaren, kalten Ostseewasser. Muschelschalen überall. Möwengeschrei. Sehnsucht bis zum Horizont. Ein Törn mit dem Zeesenboot. Einmal den Bodden rauf und wieder runter. Vorbei an Kleiner und Großer Kirr. Bis zur Meiningen-Brücke. Zweimal täglich geöffnet für Boote. Dann dreht sie sich zur Seite. Eine neue ist schon lange in Planung. Wurde bisher nicht gebaut. Schön. Denn so soll es bleiben dort. So und nicht anders. Dann kommen wir auch wieder. Gern und oft.

Ich bin so wild nach Deinem Erdbeerhof

Vor den Augen fängt es an zu Flimmern, das Herz rast und das Hirn bittet dringend um andere Bilder. Alles ist blau und rot und weiß. Es gibt alles und doch gibt es nichts. Nichts, das man braucht. Aber alles, was man brauchen könnte. Hier, an der Bundesstraße 105 zwischen Rostock und Stralsund, hat ein gewisser Karl eine ganze Welt Begehrlichkeiten geschaffen, die vorher nicht vorhanden waren. Aus Erdbeeren wuchs hier ein Kaufrauschhaus voller Ramsch und Kram.

Tausende von Leuchttürmen und Schiffen türmen sich hier auf, als wolle man den Weltmarkt samt China mit den Modellen überschwemmen. Jedes einzelne Modell mit einem Pappschildchen versehen, das es eindeutig als Produkt von Karls Erdbeerhof ausweist. Zwischendrin Hektoliterweise Erdbeer- und alle anderen Fruchtweine, Schnaps und Bier. Die Regale reichen bis unter die acht Meter hohe Decke, sind endlos lang und scheinen sich selbst automatisch mit neuen Produkten zu versorgen.

Wer es schaftt, nichts zu kaufen, soll wenigstens gucken. Sieht man nach oben, kann man sich an ziemlich genau 13.267 Kaffeekannen erfreuen. Unter der Decke des riesigen Bauernmarktes (Eigenname) steht die (2009) weltgrößte Sammlung (Eigenwerbung) dieser Kännchen.  Und während sich Radfulf-Kevin und Klein Cindy im Tobeland vergnügen, schaut Mama Cindy zu, wie in der Marmeladenküche frisches Erbeergelee gekocht, abgefüllt und verpackt wird. Eine reife Leistung, denn immerhin gibt es das eigentliche Hauptprodukt des Hofes wegen der fehlenden Sonne und Wärme erst in zwei Wochen.

Macht aber nix, interessiert keinen. Draußen glüht der Grill und Bratwürste, Steaks, Fleischspieße und Pommes gehen auch lange vor der Erntezeit der süßen Früchte zentnerweise über den Tresen. An der nächsten Ecke gibts Fischbrötchen und Bier, und Kaffee und Limonade.  Die Kleinen fahren mit der Traktorbahn, drehen Runden im Fliegenden Kuhstall, die Alten gönnen sich eine Portion Spargel (den gibts schon) sowie ein Gläschen Erdbeerwein vom vergangenen Jahr. Ein guter Jahrgang, hört man an es an den Tischen tuscheln.

Gerade fährt noch ein Reisebus vor. Die Rentnertruppe aus Sachsen will zur Erdbeerbonbonmanufaktur und anschließend Erdbeertorte. Die gibt es aber eben noch nicht, Himbeertörtchen machen´s aber auch. Dann geht es noch vorbei an der Hasenbahn zum Dorfkrug. Dort fließt der Wein und auch das Bier aus dem Hahn und nebenan gleich noch ein paar „original von uns“ gesammelte Bernsteine.

Wer Karl sein Erdbeerhof verlässt, hat wenistens eine Tüte in der Hand und auf alle Fälle weniger Geld in der Tasche. Auch wenn es gar keine Erdbeeren gibt. Karl weiß eben, wie man das macht. Aus Scheiße Bonbon, hätte meine Oma dazu gesagt. Aber nicht bös gemeint, hätte sie auch noch gesagt. Denn immerhin: der Eintritt ist frei und fotografieren darf man auch wann und was man möchte. Im Gegensatz zu anderen, die mit ihren künstlich geschaffenen Begehrlichkeiten jeden und alle abzocken. Und Karl setzt noch einen drauf. Sogar auf dem Klo kann man hier noch was erleben. Deshalb auch Erlebnis-, und nicht mehr Erdbeerhof.