…und Fußball auch nicht

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Stille Post

Nicht, dass ich von der Deutschen Post überzeugt wäre. Ganz im Gegenteil habe ich eher schlechte Erfahrungen gemacht. Letztens kam ein Paket mit meiner neuen Winterlaufjacke erst mit dem dritten Anlauf bei mir an. Beim ersten Mal hätte der DHL-Zusteller angeblich niemanden angetroffen, beim zweiten Mal sei die Annahme verweigert worden. Beide Male hatte ich als Adresse die meines Büros angegeben. Wo zwischen 7 und 18 Uhr immer jemand anwesend ist. Also Bullshit, alles Ausreden. Aber die Jacke ist dann doch noch angekommen. Was aber andere so mit der Post erleben, bzw. was sie nicht erleben, ist da schon etwas interessanter. Ein „halbes“ Telefongespräch in der Berliner S-Bahn. Die Dame saß hinter mir, war also nicht zu sehen. Dafür aber nicht zu überhören.

Ja? Ja. Na klar. Nein. Nein. Neeeiiiin. Was? Ach so. Na wenn du meinst. Schicken? Ich weiß nicht. Mit der Post? Nein. Neeeiiiieeen. Das will ich nicht. Warum? Zu gefährlich. Die klauen doch alle. Was? Na, das musst du doch noch wissen. Das Paket von Oma aus Polen. Das nie angekommen ist. Wann? Ja, was weiß ich denn. Das ist schon so lange her. Das spielt doch keine Rolle. Was meinst du? Ja, das muss zwanzig Jahre her sein. Oder so. Oder länger. Was? Ja, das war vor der Wende. Spielt das eine Rolle? Was soll sich geändert haben? Weißt du noch? Die Videokassette damals? Die verschwinden doch alle in irgendwelchen Manteltaschen. Natürlich ist das so. Red kein Quatsch. Glaub mir. Musst das nicht Schönreden. Alles was in ne Tasche passt, wird geklaut. genauso wie das geld damals. Von Tante Helgard aus Köln. Einfach weg. Geklaut. Wie? Großes Paket? Ach so. Das Buch in ein großes Paket packen. Das wäre eine Lösung. Aber dann wird es doch teurer. Und wenn es dann doch geklaut wird? Ja? Was? Neeiiieen. Dann ist es doch nochmal so teuer. Was? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Eigentlich will ich gar nichts schicken. Neeeeiiiiiiieennnnn. Das kommt doch alles weg. Klauen wie die Raben dort. Was? Hinbringen? Naja. Wäre auch ne Lösung. Sind ja nur sechs U-Bahn-Stationen. Gut. Bis gleich. Ja. Ich bin in zwei Minuten bei dir.

Ode an Ibrahim und Jaques

Liebe S- und U-Bahn-Möchtegern-Musikanten-Bettler. Ich wende mich heute in einem offenen Brief an Euch, weil Eure Anwesenheit nicht nur eine Zumutung, sondern vor allem auch eine Qual und außerdem Nötigung im besonders schweren Falle ist.  Straßenmusik ist an sich eine schöne Sache. Menschen, die Musik auf der Straße machen, verdienen meine Respekt. Denn es gehört eine Portion Selbstvertrauen dazu, sich einfach so auf dei Straße zu stellen und Musik zu machen. Und noch etwas gehört dazu: Die Fähigkeit, Musik zu machen. Also die Fähigkeit, ein Instrument so zu bedienen, dass harmonische Klänge herauskommen. Musik eben.

Und genau das könnt Ihr nicht. Einfaches, wahlloses Herumdrücken auf den Tasten des Akkordeons hat mit Musik rein gar nichts zu tun. Lieber Ibrahim, oder wie auch immer Du heißen magst, Du musst Dich nicht wundern, wenn in Deinem Bettel-Kaffeebecher nur Centstücke landen oder Du sogar mit einem leeren Bettelbecher die Bahn verlassen musst. Denn was Du mit dem Akkordeon anstellst, ist nicht nur für das Instrument eine Qual. Vor allem uns Fahrgästen gehst Du auf die Nerven und auf die Ohren. Vielleicht kannst Du selbst ja nichts dafür, weil Du von Deinem Bettel-Clan losgeschickt worden bist, um das tägliche Salär zu erbetteln. Aber selbst dann solltest auch Du ein wenig Respekt vor der Musik haben, vor den Menschen, die tatsächlich Musik machen können. Und vor den Menschen, die gerne zuhören. Dir möchten wir nicht zuhören. Und noch ein kleiner Tipp: Ich bin überzeugt, dass Deine Einnahmen viel höher wären, wenn Du einfach nur mit dem Bettelbecher durch die Bahn laufen würdest. Ohne Akkordeon.

Und, lieber Jaques, oder wie auch immer Du heißen magst, auch an Dich habe ich eine Bitte. Du kannst, das muss ich zugeben, ein wenig Gitarre spielen und auch ein bisschen singen. Nun fährst Du seit etwa einem Jahr jeden Morgen mit der S-Bahn. Und singst jeden Morgen dieses eine Lied: Besame mucho. Auch das ist eine Zumutung. Sicher nicht für Touristen, die Dich einmal hören. Aber für Berlins arbeitende Bevölkerung, die Dich 200 Mal oder mehr im Jahr ertragen muss. Bitte lerne doch noch ein anderes Lied. Oder auch zwei. So bekommst auch Du vielleicht mal wieder ein en Euro in Dein Sammelsäckel.  Oder Du verlegst Deine Bettelstunden etwas weiter in den Tag hinein. Denn der Anteil spendabler Touristen hält sich morgens um halb acht ziemlich in Grenzen.

Und eine weitere Bitte an all die marodierenden Bettel-Bands, die Berlin mit ihren klanglosen Süd(osteuropa)staaten-Melodien verseuchen: Lasst es bleiben, drückt die Knöpfe auf dem Akkordeon und auf der Klarinette dort, wo der Pfeffer wächst. Oder wenigstens auf der Straße. Denn ein Vorteil hat jede Art von Straßenmusik. Man kann auch weitergehen. In der Bahn können wir das nicht. Oder aber Ihr geht zur Musikschule. Ansonsten droht Euch irgendwann einnmal der Zorn Apollons.

Heute gibt´s keine Räder, morgen keine Bremsen

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Es klingt wie ein Witz aus allten DDR-Tagen. Kommt ein Mann ins Möbelhaus auf der vergeblichen Suche nach Wohnzimmerschränken. Nach einer Weile fragt er eine Verkäuferin: „Ja, gibts denn hier keine Wohnzimmer?“ Antwortet die Verkäuferin: „Keine Wohnzimmer gibts in der ersten Etage, hier gibt´s keine Schlafzimmer.“ Und weil Witze im Osten immer auch etwas Wahres in sich hatten, waren sie manchmal gar nicht so witzig.

Doch das ist lange her. Mag man meinen. Bei der Berliner S-Bahn sieht es derzeit ganz nach DDR-Planwirtschaft aus. Damals hieß es oft: Kein Material da, keine Produktion. Wenn der Pole sein Stahl mal wieder gegen harte Valuta in den Westen statt gegen einen freundschaftlichen Händedruck in die DDR geliefert hatte. Oder wenn die Schweißdioden zu Ende gingen und ganze Baustellen von früh bis spät bei lecker Bierbowle (Pflaumen und Aprikosen aus dem Glas, Zucker, Weinbrand, Korn und Bier in einem Eimer gemischt) Skat oder Doppelkopf spielten.

Zurück zur S-Bahn des 21. Jahrhunderts. Vor drei Monaten fiel die halbe Flotte aus, weil es Probleme mit den Rädern gab. Das ganz große Chaos blieb dank Ferien aus. Nun also sind es die Bremszylinder. Diesmal fehlen zwei Drittel der Flotte. Auf den meisten Strecken fährt gar nichts, auf manchen kommt wenisgtens alle 20 bis 30 Minuten ein völlig übervoller Zug vorbei. Auch das erinnert irgendwie an damals. Wenn sich allmorgendlich Zehntausende aus dem Wohnsilo Halle Neustadt mit der S-Bahn Richtung Leuna oder Buna quälten.

Schuldig sei die schlampige Wartung bei der S-Bahn. Wie auch schon bei den Rädern. Die Chefetage ist allerdings schon im Juli nach der Schlamperei mit den Rädern gefeuert worden. Und Mehrdorn ist auch schon länger weg vom Fenster. Keiner weiß also, wer verantwortlich war oder ist.  Und das zumindest unterscheidet die S-Bahn von der guten alten DDR-Planwirtschaft. Damals wusste immer jeder, woran es klemmt und wer schuld hat. Mal war´s der Winter, mal der Sommer, mal der Frühling, mal der Herbst. Immer auch der Westen und immer wieder auch das Wetter. Aber die konnte man nicht rausschmeißen.

S-Bahn in 322 Minuten

Die Berliner haben sich inzwischen mit dem Chaos bei der S-Bahn abgefunden. Man kommt eben auch mit der U-Bahn, dem Buss oder mit der Straßenbahn zum Ziel. Manch einer hat auch seinen Drahtesel entstaubt und dabei entdeckt, dass er mit dem Fahrrad genauso schnell auf Arbeit ist wie sonst mit der Bahn. Und weil Ferien sind, macht auch der Mehr-Verkehr auf den Straßen nicht soviel aus, wie außerhalb der Urlaubszeit. Verwirrung gibt es dennoch immer wieder mal. So gibt es auf der Strecke zwischen Bahnhof Zoologischer Garten und Ostbahnhof momentan keinen S-Bahnverkehr. Und doch taucht ab und an eine Doppelstock-Regionalbahn mit dem Schriftzug „S-Bahn“ auf. Wenn da nicht immer diese rätselhaften Anzeigen wären. Manchmal zeigt die Leuchtschrift „Kein S-Bahnverkehr“, dann wieder mal „S-Bahn Ostbahnhof“ oder auch „S-Bahn zum Olympiastadion – fährt in 322 Minuten“. Die Berliner lächeln wissend, Touristen fragen dann schon mal genervt, was hier eigentlich los ist. Eine junge Frau aus Oregon bekam vorige Woche denn auch folgende perfekte Antwort: You must fahr mit se U-Bahn. 

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Revolution in Karow

 

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Ansagen werden hier schon lange nicht mehr gemacht. Das Häuschen der Bahnsteigaufsicht am S-Bahnhof Berlin Karow steht leer. Sich selbst und den Fahrgästen überlassen, verkommt es immer mehr. Auch geht hin und wieder mal eine Scheibe zu Bruch. Nachts, wenn die angetrunkene Jugend aus der City ins beschauliche Noch-zu-DDR-Zeiten-gebautes-Einfamilienhaus-Karow zurückkehrt. Oder auch manchmal am Tag. Normal in Karow und auf allen anderen Aufsichtslosen Bahnhöfen.

Nicht jedoch am 2. Mai. Da ist eine zerbrochene Tür-Scheibe natürlich nicht normal. Denn in der Vornacht war ja schließlich Revolution in Berlin.  Die Schlacht am 1. Mai. In Kreuzberg und Friedrichshain. Und in Karow. Ganz sicher. Hier, zwölf Kilometer oder 40 Minuten S-Bahnfahrt entfernt vom Epizentrum der Krawallnacht.

Es ist Sonntagfrüh. Ein Ehepaar und eine Frau, alle um die 70, warten in Karow auf die S-Bahn Richtung Innenstadt. Da entdeckt das Ehepaar die Glasscherben neben dem Aufsichtshäuschen. Sagt sie: „Wilhelm, kiek ma, schon wieda hamse die Tür zertrümmert. Diese Vollidioten.“ Sagt Wilhelm: „Und die janzen Kippen hier. Man sollte dit allet verbieten. Kippe uffn Bahnsteig, fuffzich Euro Strafe. Scheibe einschlagen, tausend Euro.“

Da mischt sich die auf dem Bahnsteig alleinstehende Frau ein: „Dit waren bestimmt die Krawallos. Die Chaoten. Janz Kreuzberg hamse in Schutt und Asche jelegt. Und jetze kommen die och noch hierher. Eine Schande ist dit. Kriminelle bei uns hier, eine Schande.“

Wilhelm schüttelt mit dem Kopf. „Recht hamse. Wenn ick die schön höre. Revolutionäre nennen sich die. Dit sind Kriminelle, einjesperrt jehörn die alle. Kurzer Prozess, ohne Gnade. Und unter uns: Vor 89 hätte es das nicht jejeben.“ Antwortet seine Frau:  „Ja Wilhelm, vor 89 habt ihr ja och noch für Ruhe und Ordnung jesorgt.“ Sagt die andere Frau: „Damals gab es auch noch die Bahnsteigaufsicht. Und keen Krimineller hätte es jemals auch nur jewagt hier in Karow zu randalieren.“

Hinter den Dreien scheppert es. Ein Mann mit orangefarbener Jacke und Besen und Schaufel macht den Bahnsteig sauber. Er fegt auch die Scherben der zerbrochenen Scheibe weg und sagt in die Runde: „Da bin ick vorhin aus Versehen mit dem Besen dranjekommen und da ist die Scheibe zu Bruch jejangen.“ Die drei drehen sich weg. Und Wilhelm sagt: „Aba die Kippen hier, die sind bestimmt von die kriminellen Revultionäre.“

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