Migrationshintergrundmissverständnis

Sehr geehrter Herr Pilz,

normalerweise beschäftigt sich mein kleines bpb-blog nicht mit der großen Politik. Doch ab und an gibt es dann doch einen Anlass, sich einmal mehr mit den Geschehnissen in der Welt oder in unserem Land zu befassen. Dieses Mal sind Sie der Anlass. Sie schreiben, alle Menschen, die in der DDR geboren sind, seien Migranten. Nun, auch ich bin in der DDR geboren, also in Ihrem Sinne ein Migrant. Dies ist falsch. An dieser Stelle sollte ich einfügen, dass ich die Vorfälle in Freital keineswegs akzeptiere. Ganz im Gegenteil, diese dummen Vollpfosten sind mir zuwider. Darum geht es aber gar nicht. Es geht um Folgendes:

Ich habe zu keiner Zeit, nie, mein Geburtsland aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verlassen um woanders um Aufnahme zu bitten. Auch habe ich nicht meinen Wohnsitz in meinem Geburtsland aufgegeben, um diesen in ein anderes Land zu verlegen. Das unterscheidet mich und andere 17 Millionen Deutsche von Menschen mit wirklichem Migrationshintergrund. Nicht wir gingen fort. Sondern „sie“ kamen zu uns. Sie, sehr geehrter Herr Pilz, (be)schreiben das selbst in einem Absatz sehr genau: „Der Westen kam dann 1990 auch nach Freital.“ Wobei es gar nicht darum geht, wer woher kommt/wohin geht. Alle Menschen kommen irgendwoher und haben ein Recht auf ein anständiges Leben. Jedoch sollte man doch von einem Welt-Redakteur erwarten dürfen, dass er die Definition von Migrant kennt…

Weil wir gerade bei Unwissenheit sind: Diejenigen Menschen, die in den DDR-Bezirken Halle und Magdeburg geboren worden sind (das Gebiet von Sachsen-Anhalt) sind heutzutage Anhalter. Die Anhaltiner, wie Sie die Sachsen-Anhalter bezeichnen, sind ein Adelsgeschlecht bzw. Personen, die etwas mit dem Fürstenhaus Anhalt zu tun haben. Das sollten gerade Sie als Redakteur des Feuilletons der Welt wissen. Aber Sie wissen ja so manches andere auch nicht.

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Johnny, Klaus und Jürgen


Mönsch, do bisde doch. Gris dich, Glaus. Hallo, Tach Jürgen. Klaus und Jürgen fallen sich um den Hals. Klaus ist etwa Mitte 50, Bierbauch, Zottelbart, lange Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Led Zeppelin T-Shirt, Lederweste, Jeans, Römerlatschen. Jürgen gleiches Alter, einen Kopf kleiner als Klaus, rotblauviolettkariertes Hemd, Jeans, Turnschuhe. Beide kommen, dem Dialekt nach, aus dem Südosten der neuen Bundesländer. Beide sind echte Blueser, sagen sie, und sind zusammen mit ihren Freundinnen /Frauen im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Gleich spielt Johnny Winter.

Drink mor ersd ma wos. Nu glor. Becks jibs hier. Un Baulaner. Ich nähm Baulaner. Ich och. Und so trinken die beiden Hefebier aus der 0,3-Lieter-Flasche. Zum Glück ist kein Brauer in der Nähe. Nur ich muss etwas schlucken. Hefe aus der Pulle. Naja, wem´s schmeckt. Hasde de Gomera mit? Freilich. De Neie von Omma. Sagt Jürgen und packt eine nagelneue Lumix DMC-GF2W aus. Inklusive Wechselobjektiven. Ich weeß owwer noch nich, wiese fungsdionierd. Sagt Jürgen. Mochd die ooch Filme? Will Klaus wissen. Ich gloob ja. Owwer wie jesochd, ich weeßes nich jenau.

Während Johnny Winter von einem Musiker seiner Band zu seinem Bühnenstuhl geführt wird und in die Saiten haut wie eh und je, stoßen Klaus und Jürgen noch mal an. Mit Hefeweizen in der Pulle. Brosd mei liwwer. Brosd Glaus. Die beiden mitgereisten Frauen fangen indes an zu tanzen. Wie in der Disco. Entweder, weil sie so klein sind (denn von Johnny Winter oder von der Bühne an sich können sie nichts sehen), oder weil sie das immer so machen. Beim Konzert. Springen und hüpfen. Mal auf meine Füße, mal auf andre Füße. Mochd doch nüschd, oder mein Freind? Sagt Klaus zu mir und haut mir seine Pranke auf die Schulter.

Mein  Schmerzzentrum im Hirn überlegt gerade, ob der Fuß oder die Schulter mehr schmerzt, da fällt die eine fast auf mich drauf. Machd doch nüschd, oder? Widerholt sich Klaus.  Ich dreh mich besser weg und bestelle mir eine Whisky Cola um mich dann wieder der Musik von Johnny zu widmen. Doch die Damen lassen nicht locker. Schubsen mal mich, mal andere mit ihrem Getanze an. Warum tun die das? Beim Konzert? Dabei könnte man doch gerade beim Blues-Rock schön entspannt mit den Füßen wippen. Oder mit einem. Und, um zu zeigen, dass man Ahnung hat, immer auf „zwei-und“ ein wenig mit dem Kopf nicken. So, wie das alle anderen tun.

Jib ma die Gomera. Sagt Klaus und Jürgen packt seine 800-Euro-Kamera aus. Wo jehdn die an? Fragt Klaus und fummelt unqualifiziert an verschiedenen Einstellknöpfen rum. Vorsichdsch. Hier mussde droff drüggn. Sagt Jürgen. Klaus hält die Kamera nun über die Köpfe in Richtung Bühne und drückt mehrfach den Auslöser. Schiggsde mir die Fodos? Fragt er dann Jürgen und gibt ihm die Kamera zurück. Der schaltet auf den Ansichtsmodus und entdeckt – nichts. Alles schwarz. Da is nüschd droff. Sagt er zu Klaus. Und mach ma noch zwee Hefe. Zur Bardame. Dann widmen sich Jürgen und Klaus der Kamera. Während ihre kleinen Freundinnen tanzen, drücken sie mal hier, drücken mal dort. Nehmen die Batterien raus. Und tun sie wieder rein. Dann entdeckt Jürgen die Belichtungseinstellung. Mensch, hier is dor Fehlor. Sagt Jürgen zu Klaus. Jedsd gannsde nochma Bilder machen. Doch dafür ist es zu spät. Johnny Winter verlässt grad die Bühne.

Nachtrag: Es war übrigens ein großes Konzert. Johnny spielte auch im Sitzen wie der Bluesgott persönlich. Und es war endlich mal ein Konzert, bei dem ich einer der jüngsten Zuschauer war. Das hat doch auch mal was.