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Badekappe Pflicht

IMAG3244Unser Besuch in New York ist in diesem Jahr nicht nur ein Besuch in New York, sondern vor allem ein Besuch bei Freunden. Die Familie aus Berlin lebt hier seit einem Jahr mit zwei Kindern in einem Brownstonehouse in Park Slope. Das ist ein nette Gegend in Brooklyn, in der Nähe vom Prospect Park. Hier lebt man nicht so hektisch wie in Manhattan, muss aber dennoch auf keine Annehmlichkeiten verzichten. Beide Freunde sind journalistisch tätig, die Kinder gehen zur Schule und Spielen Fuß- und Basketball. An den Wochenenden erkundet die ganze Familie Stadt und Umgebung mit Bahn, Mietwagen oder Fahrrädern.

Und so haben sie natürlich ein ganz anderes Bild vom Big Apple, wovon wir profitieren. Denn statt Timesquare, 5th Avenue, Highline oder Staten Island Ferry gibt es dieses Mal Bed Stuy, Bushwick, Brighton Beach, North Harlem, Bronx, IKEA-Fähre, Red Hook und andere Ziele, die wir allein wohl eher nicht aufgesucht hätten. Die Idee dazu stammt natürlich auch von uns, haben wir doch inzwischen das „normale“ Touristen-New-York zur Genüge gesehen. Da wäre jeder Manhattan-Besuch reine Zeitverschwendung – mit Ausnahmen natürlich. Außergewöhnlich und nur möglich mit Freunden hier aber ist z.B. ein Besuch der Schwimmhalle des YMCA.

Der YMCA hier am Prospect Park längst nichts mehr mit seinem Namen zu tun. Zumindest das Y vorn für youth stimmt auch hinten nicht mehr. Ins YMCA auf der 9th Street geht man Schwimmen, zu Pilatis oder Yoga.Im Umkleideraum steht der muskulöse junge Schwimmer neben dem eher dürren Senioren, der hier zum Wasser-Aerobic angetereten ist. Daneben ein Typ in meinem Alter, wir kommen sofort ins Gespräch. Seine Eltern stammen aus Polen, er wäre aber noch nie dort gewesen. Ich schon, sage ich und er will wissen, wie es dort so aussieht. Vielleicht werde ich es doch noch einmal schaffen, sagt er, nachdem ich ein paar polnische Urlaubserlebnisse ausgekramt habe.Er wünscht mir noch einen schönen Tag und einen sicheren Aufenthalt hier.

Was sofort auffällt – hier hilft jeder jeden. Ob es ein Problem mit dem klemmenden Schloss am Schrank gibt, mit der Dusche oder dem rutschigen Weg zum Pool in den Keller. Jeder ist für jeden da, alle sind freundlich, zuvorkommend und besorgt um den jeweils anderen. Etwas, das den Deutschen dermaßen fremd geworden ist, dass es einen manchmal gruselt.

Handtücher gibt´s beim YMCA aufs Haus, Gäste mit ID dürfen nach Registrierung kostenlos rein und auf den sieben Bahnen im 25-Meter-Schwimmbecken herrscht Ordnung. Nicht wie in Deutschland, wo jeder seine Kreuz-und-Quer-Bahnen schwimmt oder watet. Hier hat jede Bahn ihr Tempo. In der ersten dürfen Erwachsene nach ihrem Gusto schwimmen. Die  nächste Bahn ist für langsame Schwimmer reserviert und so setzt sich das fort bis hin zu den schnellen Sportlern. Jeder kann vorher schauen, welches Tempo zu ihm passt und sich dann entscheiden. Geschwommen wird zu zweit hin und her, jeder auf seiner Seite. Kommt ein Dritter hinzu, wird im Kreis geschwommen, so dass niemand den anderen behindert. Klare Regeln. Und die enden nicht beim Tempo. Badekappe ist hier Pflicht. Wer keine hat, dem wird eine Original-YMCA-Kappe übergeholfen. Springen vom Rand ist verboten wie auch das Kauen von Kaugummi. Aber wer macht das auch schon beim Schwimmen?

Schwimmen beim YMCA – mein erstes Alterbativ-Erlebnis in New York 2016. Weitere folgen an dieser Stelle.

Relativ

Neulich in der Schlange vor dem Kassenhäuschen im Freibad Pankow. Vor mir stehen etwa 15 Erwachsene mit etwa 40 Kindern. Direkt vor mir eine Anfangdreißigerin mit Tochter, etwa 10, 11 Jahre alt.

Tochter: „Mama, wie lange dauert das noch?“

Mama: „Nicht lange.“

Tochter: „Was heißt nicht lange?“

Mama: „Die Schlange ist relativ kurz.“

Tochter: „Also dauert es noch ewig.“

Mama: „Wie kommst du darauf?“

Tochter: „Weil du relativ gesagt hast.“

Mama: „Wie meinst du das?“

Tochter: „Mama! Jedes Mal, JEDES MAL, wenn Du keine Ahnung hast, benutzt du relativ. Sag doch einfach, dass wir hier noch ewig stehen. Du kannst es ja doch nicht ändern. Und hör endlich mit diesem relativ auf!“

Osterschwimmen. Oder: Jenau. Deshalb

Karfreitag 2014, 9.30 Uhr, Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park in Berlin Prenzlauer Berg. Zwischen Eingang und Kassenhäuschen stehen ein Mann, Mitte 60, korpulent, Glatze, Jeans, Jeanshemd, Jeansjacke, Turnschuhe, Rucksack und eine Frau, Mitte 50, gestrickte Hosen, gestrickter Pullover, gestrickte Jacke, gestrickter Umhängebeutel, zusammengeknotetes Haar, John-Lennon-Nickelbrille.

Er: Mensch, du hier? Zu Ostern?

Sie: Is nich Ostern.

Er: Doch. Is Ostern.

Sie: Nee! Karfreitag.

Er: Ach so. Karfreitag. Nich Ostern?

Sie: Nich Ostern. Aber sachma, was machstn hier?

Er: Icke? Schwimmen und so.

Sie: Und so?

Er: Na Schwimmen. Und so.

Sie: Ostern?

Er: Ist doch keen Ostern. Haste grad…

Sie: Ja, ja. Ick weeß. Aber du hier? Haste nich Familie?

Er: Ja, hab icke.

Sie: Und?

Er: Und wat?

Sie: Und ist die Familie da?

Er: Ja. Bei mir.

Sie: Und da jehste schwimmen?

Er: Jenau. Deshalb.

Warmduschertemperaturaufschlag

bbb_aufschlag_warmwasserManchmal komme ich nicht mehr mit. Mit den neuen Preisen. Also, mit den Preiserhöhungen. Vieles kann ich nachvollziehen. Anderes nicht. Die BVG zum Beispiel. Von 1,80 DM Anfang der 90er auf jetzt 2,60 Euro für eine Einzelfahrt. Verrückt. Nix dagegen, wären die Löhne und Gehälter ebenso gestiegen. Man stelle ich vor: Hatte man vor dem Euro 1800 Mark Gehalt, wären das jetzt 2600 Euro. Aber unsere Berliner Verkehrsbetriebe sind gegen andere noch harmlos. Den Gipfel der Preiserhöhungen haben jetzt zweifellos die Berliner Bäderbetriebe erklommen. 5,50 Euro kostet nun ein Besuch in Halle oder Freibad. Natürlich nur, wenn das Waser eine angenehme Kühle hat. Denn ist es warm, kostet es gleich noch einen Aufschlag. 1,50 Euro mehr kostet es, wenn die Temperatur aller Becken 30 Grad in der Halle oder 27 Grad im Freibad übersteigt. Kann man nur hoffen, dass die Sonne im Sommer nicht so oft scheint. Sonst wird es ein teurer Badespaß. Und bekommt die Gastronomie Wind davon, wird es brenzlig. Ich sehe schon die Aufsteller auf den Sommerterrassen. Warme Speisen 1,50 Euro Aufschlag. Und kalte Getränke natürlich auch.

Russenbad

Ich wollte es schon immer wissen. Wer sind eigentlich diese Damen und Herren. Die morgen für morgen gemeinsam mit mir im Prinzenbad schwimmen. Bahn für Bahn. Schweigend. Manche schneller, andere langsamer als ich. Aber fast alle schwimmen wie ich minimum 20 Bahnen. Also 1000 Meter. An manchen Tagen auch mehr. Wenn das Wetter passt. Und wenn es nicht zu voll ist. Dann sind es auch schon einmal 30 Bahnen. Und oft frage ich mich: Was macht der neben dir auf Bahn fünf? Beamter? Polizist? Schlosser? Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes? Ein Diplomat? Oder Chemiker bei Bayer? Und der dahinter. Der mit der super sportlichen Figur. Ist das ein Sportler? Oder eher ein durchtrainierter Feuerwehrmann? Nun, ich weiß es immer noch nicht. Trotzdem habe ich wenigstens etwas erfahren. Das Sportbecken war heute früh wegen Reinigungsarbeiten gesperrt. Also mussten alle ins dahinter gelegene sogenannte Mädchenbecken (weil es beheizt ist). Und auf dem Weg dahin unterhielten sich die anderen. Zum ersten Mal in meiner Anwesenheit. Sie sprachen alle russisch.

Der Mai hat 31 Tage…

…das lernt schon jedes Schulkind. Aber das will nichts heißen. So waren die Öffnungszeiten der Berliner Freibäder im Internet nur bis zum 30. Mai angegeben. Neue Öffnungszeiten gab es dann am 1. Juni. Am 31. Mai? Keine Öffnungszeiten. Also müssen die Bäder wohl geschlossen haben. Dachten sicher viele. Ich bin trotzden hingegangen. Und hatte das komplette Bad für mich allein. Das hatte schon etwas Einzigartiges, etwas Besonderes. Zumindest waren es meine ersten Mittags-Bahnen so ganz allein im Becken. Das gab es bisher nur am Anfang der Saison. Bei Wassertemperaturen von 15 Grad. Das wollte sich auch fast keiner antun. Aber bei 20 Grad allein im Becken, das ist neu.

Dit jibs nur in Berlin (Wedding)

Heute früh in einem Hallenbad in Wedding. Eine Schulklasse (zweite oder dritte Klasse) ist auf dem Weg zum Schwimmunterricht und wartet vor dem Kassenhäuschen auf Einlass. Ein Mitarbeiter der Bäderbetriebe, vermutlich ein Bade- oder Schmimmmeister, verliest die Namen der Schüler, die sich daraufhin einzeln melden und hineingelassen werden. Yusuf! Hier! Djamal! Hier! Gabor! Hier! Varlik! Hier! Sabri! Hier! Zahit! Hier! Djamila! Hier! Suleiman! Hier! Halim! Hier! Issam! Hier! Qitura! Hier! Zuleika! Hier! Charda! Hier! Eleonora! Hier! Talat! Hier! Dshihad! Hier! Erzsebet! Hier! Iskandar! Hier! Svetanka! Hier! Namik! Hier! Said! Hier! Mansur! Hier! Alle drin? Jaaaaaa. Daraufhin der Bademeister zur Begleitperson der Schüler (Lehrerin?): Sagen Sie mal, beim letzten Besuch waren da aber doch noch wenigsten zwei deutsche Schüler dabei! Oder irre ich mich? Sie irren nicht. Anwtortet die Dame. Aber die Eltern der beiden sind umgezogen. Damit ihre Kinder in andere Schulen gehen können. Wo mehr deutsche Mitschüler sind.

Soundtrack eines halben Lebens

Nicht jeder Song, nicht jedes Lied hat Bedeutung für einen selbst. Doch jeder hat so seine Musik, die er mit seinem Leben verbindet. Wenn man dann viele seiner persönlichen Hits hintereinander hört, dann kommt es schon mal vor, dass man durch ein Stück eines halben Lebens wandert. Und das, wenn man eigentlich seine Bahnen in der Schwimmhalle zieht. Und das Glück hat, trotzdem Musik hören zu können.

So ging ich heute mit Freunden durch Halle. Irgendwann Mitte der 80er. „Soldier of Fortune“ von Deep Purple hieß die Fahrkarte in die Saalestadt. Freunde aus Jena waren da. Zuerst ging es in die „Goldene Rose“. Gebackenen Camembert essen. Dann weiter in den Turm. Später landeten wir noch in der Wohnung einer Freundin. Gleich hinter der Oper. Was dann geschah, bleibt ungewiss.

Denn „Little Girl“ von den H-Blockx katapultierte mich zwanzig Jahre weiter nach Erfurt. Ich steh hinterm Tresen, Montagabend. Die Kneipe ist halb voll. Die meisten trinken Bier, einige halten sich schon den ganzen Abend an einem Milchkaffee auf. H-Blockx tönt aus den Boxen und einer der Stammgäste will immer das eine Lied hören: „Risin`High“. Später dann, als gegen eins sich die Kneipe langsam leert, hören wir es uns noch ein paar Mal an.

Und schon geht´s wieder zurück. Aber diesmal nur in der Zeit. Ich bin immer noch in Erfurt und bei „Friday on my mind“ von Gary Moore sitze ich auf einmal im jenem Café, das damals jeden Sonntag der Treffpunkt war. Nach jeder Party in der Partywohnung ging es dorthin. 15 Uhr machte der Laden auf. Vorne die Omchen mit Kaffee und Kuchen, hinten an der Bar die Jungs mit Whisky, Weinbrand und anderen diversen Getränken. Später am Abend dann, wenn das Kaffeekränzchen vorn vorbei war, ging dahinten die Post ab. Heavy Metal aus den Boxen, Falkner aus den Gläsern. Bis zum Abwinken. Manchmal auch bis Montagmorgen.

Und dann, zu „Wild Horses“ von den Rolling Stones,  sitze ich auf einmal im Zug. Weiß nicht wohin, woher. Aber es ist ein Zug mit grünen Sitzen und großen Abteilen. Linksn und rechts jeweils zwei gegenüberliegende Zweierbänke. Also DDR-Zeit. Der Zug voller Studenten. Dann könnte es eine Sonntagabend-Fahrt von den Eltern zurück nach Erfurt gewesen sein. Ein Freund, der damals in Weimar studierte, fuhr ab und an im gleichen Zug. Er sitzt mir gegenüber, wir trinken Helles aus der Flasche, rauchen Karo.

Dann doch wieder Halle. Besser gesagt Halle Neustadt. Neubauwohnung. Wir sind zu zweit, es läuft „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Wir malen. Oder zeichnen. Nein, jetzt wird es deutlicher. Wir vergrößern Bilder  mittels eines Storchenschnabels. Jimi Hendrix, Che Guevara. Dann folgt ein Song der Foo Fighters. Doch gerade, als sich der Film im Kopf aufbaut, ist Schluss. Feierabend in der Schwimmhalle. Alle müssen raus aus dem Wasser. Wieder 1000 Meter geschafft, wieder schöne Erinnerungen hervorgeholt. Bis zum nächsten Mal. Fortsetzung folgt…

Pankow unter Wasser

Es gibt gute und schlechte, große und kleine, sensationelle und weniger interessante, durchschlagende und in Vergessenheit geratene, nützliche und unnütze Erfindungen. Und es gibt jene, die man selbst für die größten aller Zeiten hält. Nicht ganz so groß, aber dennoch sehr interesant, nützlich und ein klein wenig sensationell ist für mich zumindest die Erfindung des wasserdichten Ipod Shuffles. Also des „Koffers“, der den MP3-Player wasserdicht umschließt. Zusammen natürlich mit den wasserdichten Ohrhörern. Wer, wie ich, gern schwimmt, und dies auch oft tut, der wird mich verstehen. Und auch, warum ich mir dieses Teil gekauft habe.

Denn das Einzige, was neben quer schwimmenden und im Weg stehenden Senioren in der Schwimmhalle noch stört, sind die Hallenbad-Geräusche. Die sich durch den Hall in der Halle verstärken und von überall her auf einen einstürzen. Dies ist nun Geschichte für mich. Ich höre jetzt meine Lieblings-Mucke. Über und unter Wasser. Ein kurzer Griff und der Player ist samt Hülle an der Schwimmbrille befestigt. Die wasserdichten Hörer eingestöpselt und los geht. Schwimmen und Tauchen mit Mucke.

Das Teil bleibt immerhin bis 3 Meter Tiefe dicht. Und spielt Musik. Was für ein Gefühl, wenn man zum ersten Mal unter Wasser „Stille“ von „Pankow“ hört. Oder Justin Sullivans „Ocean Rising“. Oder wenn das Klavier von Diana Kralls „Narrow Daylight“ erklingt.

Da kann man schon einmal vergessen, dass man eigentlich zum Schwimmen hier ist. Beim ersten Test war es denn auch so. Irgendwann stellte ich verwundert fest, dass ich meine geplante Strecke von 1250 Metern weit überschritten hatte. Denn statt der geplanten 40 war ich bereits 60 Minuten im Wasser. Bahn für Bahn, Titel für Titel. Oder wohl eher umgedreht. Musik hören und nebenbei Schwimmen. Dit is schau. Und erinnert mich außerdem an unseren schönen Urlaub dieses Jahr. Denn erworben habe ich das Teil, nach vergeblichen Mühen in Deutschland, in Miami Beach.

Shuffle einstöpseln, Case schließen, an der Schwimmbrille festmachen, loslegen

Bahn sechs, kurz nach sieben II oder Herbert hat gewählt

„Dit war der Herbert, dit sach ick dir!“, sagt Irmgard zu Trudchen. „Herbert? Wieso Herbert? Und wat meinsten übahaupt“, fragt Trudchen Irmgard. Die beiden Berliner Seniorinnen sind wie jeden Morgen im Stadtbad. Hier darf man vor acht zum Sonderpreis schwimmen. Oder, wie Irmgard und Trudchen es tun, im flachen Wasser stehen, ab und zu die Arme darin bewegen, und ansonsten Tratschen was das Zeug hält. Wie auch heute morgen wieder.

Ich hatte sie wegen der Sommer-Freibadsaison lange nicht gesehen. Sie haben sich nicht verändert seit dem Frühjahr. Beide haben immer noch ihre Perlenkette während des „Schwimmens“ um, beide tragen ihre lila-gelben Badekappen. Und ihre Badanzüge Marke „ein bis zwei Nummern zu klein“. Und beide blockieren wie ehedem Bahn sechs. Frau Stadtrat und ihre beste Freundin.

„Nu pass ma uff. Herbert hat beim letzten Kränzchen erzählt, dass er bei der nächsten Wahl es denen da oben mal so richtig zeigen will. Und abwähln will er den janz oben“, sagt Irmgard. „Na dit gloob ick jetze nich“, ereifert sich Trudchen. „Herbert? Der stammt doch praktisch von de Demjokraten ab? Großvata Demjokrat, Vata Demjokrat, Bruda Demjokrat. Der is doch praktisch jesehn mit Brandt uffjewachsen. Und Ernst Reuta war sojar n entfernta Nachbar von Herbertchens Mutta. Da musste dir irren, Irmjard.“

„Wat weeß ick denn, wie Herbert uffjewachsen is. Ick hab ja nich so´n enget Vahältnis mit dem wie manch andre Anwesende hier“, pariert Irmgard mit spitzem Mund. „Na, na, nu werd ma nich gleich komisch. Dit eene mal wirste mir jo wohl nich ankreiden wolln, wa? Und außadem, sind wa immahin n freiet Land. Da kann Herbertchen ja wohl wählen, wat er will“, erwidert Trudchen. Irmgard taucht langsam bis zum Hals ins Wasser, langsam wieder auf. „Nee“, sagt sie dann bestimmt, „mit so ne Familje kannste eben nich wähln, wat de willst. Jedenfalls nich die, wo ick gloobe, dass er die jewählt hat.“

„Wat gloobste denn, wat Herbert jewählt hat“, fragt Trudchen und taucht ganz langsam bis zum Hals ins Wasser, und langsam wieder auf. „Na die von drjüm“, antwortet Irmgard, „die vonne Es-Eh-Deh-Nachfoljer. Dit hatter doch imma ma wieda jesacht, dat die ja nich so schlimm sein solln.“ Trudchen schaut Irmgard an, zeigt mit ihrem rechten Zeigefinger an ihre Stirn. „Na dat is ja wohl die Höhe. Herbertchen is doch keen Kommjuniste. Dat is n ausjewiefter Demjokrat. Basta.“

„Ah, kieke ma, wer da kommt. Uns Herbert. Na, Herbertchen, wat haste jewählt am Wochenende“, fragt Irmgard, als Herbert langsam, ganz langsam, ins Schwimmbecken steigt (wie eh und je mit seiner superengen Mini-Badehose im Tigerlook). „Madam hier neben mir gloobt nämlich, Du hast die von drjüm jewählt.“

Herbert schaut beide fragend an und sagt: „Ick weeß ja nich, wat ihr hier schon wieda tratscht. Aba eens kann ick Euch sajen: Mein Ziel ha ick erreicht. Am Samstach ham wer den Vorstand vonne Skatbrüda abjewählt. So, wie ick dit mir vorjestellt hatte. Der olle Justav konnte ja schon nich mehr zwischen Re und Kontra untascheidn. Und Sonntach? Na die Demjokraten natürlich. Wat denn sonst – bei meene Familje.“

„Ja, wat, wie…“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich habe ja noch zehn Bahnen vor mir. Und die Zeit ist knapp. Schließlich muss auch ich um acht draußen sein.

Bahn zwei

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Morgens, wenn sich die meisten im Bett nochmal rumdrehen, zieht es mich hinaus. Hinaus ins Freibad Pankow. Das eher untypische Sommerwetter treibt nicht allzu viele dorthin. Schon gar nicht früh um acht. Und so habe ich ein 50-Meter-Becken mit sechs Bahnen ganz für mich allein. Irgendwo in seinem Häuschen sitzt ein Bademeister, vorn am Eingang, aber nicht zu sehen, die Damen an der Kasse.

Und so schwimme ich meine 1000 Meter, manchmal auch 500 mehr noch. 50 Meter Brust, 50 Meter Kraul. Anstrengend, aber auch herrlich, so ganz allein. Die Bahn kann ich mir aussuchen, meist es es die Nummer zwei. Warum? Das weiß ich auch nicht. Sie ist halt nicht ganz am Rand, und auch nicht in der Mitte. Eben Bahn zwei.

Beim Brustschwimmen kann ich ab und an nach oben blicken, sehe dort die Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel. Oder, je nach Windrichtung, auch startende Flieger. Und denke dabei dann an meinen nächsten Flug. Ein Flug, der mich und meine Frau nach New York bringen wird. Eine kleine Hochzeitreise mit anschließendem Ferienhaus-Urlaub auf Key Largo in Florida mit Freunden. Und dann, wenn ich gerade in New York „gelandet“ bin, ist das Tagesziel auch schon erreicht. So macht Schwimmen Spaß.

Spanner, Schwätzer & Senioren

Es gibt Tage, da wäre ich besser im Bett geblieben. Anstatt frühmorgens dreiviertel sechs aufzustehen. Um pünktlich halb sieben in der Schwimmhalle zu sein. Eintausend Meter wollen ja schließlich geschwommen sein. Vor der Arbeit. Bis acht Uhr. Wegen des preiswerteren Eintritts. Letzten Mittwoch hätte ich besser ausgeschlafen.

Denn am Mittwoch war im Stadtbad Berlin Tiergarten Senioren-Schwimmen. Nicht offiziell und ohne Ansage! Und ein „Spanner treffen sich mit Schwätzern mitten im Schwimmbecken“-Treff. Es war grausam. Normalerweise kann ich den Großteil meiner zwanzig Bahnen einfach durchschwimmen. Ab und an mal muss man ausweichen. Das geht in Ordnung. Nicht aber letzten Mittwoch.

Die Seniorengruppe „Wir heben das linke Bein und dann das rechte Bein und dann strecken wir die Arme zum Himmel“ hatte sich im Schwimmbecken versammelt. Dort, wo andere Leute einfach nur schwimmen wollen. Geradeaus, hin und her. Das ging am Mittwoch nicht. Mal davon abgesehen, dass es spezielle Zeiten für solcherlei Senioren-Gymnastik gibt. Nein, sie müssen 6.45 Uhr Frühgymnastik machen. Schrecklich.

Und dann die Spanner. Herren, so um die Anfang/Mitte fuffzich. Selbstverständlich mit Tiger-Tanga. Da stehen ja die Frauen drauf. Wenn der Bauch sich über dem Tiger wölbt. Die bringen es fertig, ungeduscht (!) ins Schwimmbecken zu springen. Widerlich. Dann schwimmen sie eine Bahn. Oder auch zwei. Und dann machen sie eine ganz lange Pause. 40 Minuten lang.

Sie stehen die ganze Zeit am Beckenrand. Eine Hand unter Wasser, wo auch immer drin oder dran (nähere Beschreibungen verbietet der Jugendschutz), die andere Hand lässig übers Wasser streichend. Und dann glotzen sie. Meist übers Wasser. Nur wenn sich etwas schwimmendes Weibliches nähert nicht. Dann tun sie so, als wollten sie gerade los schwimmen. Und tauchen unters Wasser. Und glotzen. Ekelhaft.

Dann die Schwätzer. Da, wo ich herkomme, trifft man sich zum Schwatzen und Schwafeln in der Kneipe. Oder auf ner Parkbank. Oder in der Wohnung von Freunden. Die hier treffen sich zum Schwatzen und Schwafeln in der Schwimmhalle. Morgens um halb sieben. Die blockieren wenigstens zwei Bahnen. Tun so, als würden sie schwimmen. Schwimmen aber nicht. Sie bewegen Arme und Beine gerade so, dass sie nicht absaufen. Und reden und schwatzen und schwafeln über dies, das und jenes. Schrecklich.

Deshalb fordere ich hier und jetzt:

1. Zutrittsverbot in allen Berliner Schwimmhallen (und anderswo) für Senioren vor acht Uhr!

2. Schwimmbeckenverbot für alle Schwätzer bis acht Uhr!

3. Komplett-Schwimmhallen-Verbot für alle Spanner für immer und überall!

So, das musste ich mal loswerden.

Bahn sechs, kurz nach Sieben

Dienstag früh im Stadtbad Tiergarten. Sechs 50-Meter-Bahnen, 28 Grad Wasser-Temperatur. Draußen ist es schon hell, kurz nach sieben Uhr. Jetzt gelten die preiswerteren Tickets. Die kosten 45 Prozent weniger, man muss aber bis acht Uhr draußen sein. Schwimm-Zeit für Senioren. Oder besser noch Bagger- und Laber-Zeit für Senioren. Manche sind nur deswegen hier. Wie Trudchen. Oder Herbert. Oder Irmgard.

„Na, Herbert hat wohl verpennt?“, fragt Trudchen die Irmgard. Beide (um die 75) haben sich bei Bahn sechs in der Ecke versammelt. Die Ellenbogen locker auf dem Beckenrand, die Brillen (Lesebrillen! Keine Schwimmbrillen!) auf der Nase und natürlich die mit diversen Blümchen-Mustern versehenen Badekappen. „Dit wär dit erste Mal Diesjahr“, antwortet die Irmgard während sie einen Träger ihres Badeanzuges von der Schulter Richtung Hals schiebt.

„Nee, nee. Weeste noch, im Januar? Da kam olle Herbertchen och mal zu spät“, ist Trudchen überzeugt. „Na vielleicht isses ja wejen dem Streik. Die Busse fahrn doch nich“, vermutet Irmgard. „Na dit mit dem Streik, dit jeht mir vielleicht uff de Nerven. Die ham ja woll nich mehr alle!“ Trudchen ist sichtlich sauer. „Stell dir vor, die verdien alle so um de dreitausend Euro. Wat wolln die denne? Dit is soviel wie ick krieje. Und ick hab fuffzich Jahre jeschuftet.“

„Na, na Trudchen. Nu bleib ma uff n Teppich. Jeschuftet is ja woll n bissken übatrieben. Du hast fuffzich Jahre n Haushalt jeschmissen und dein Alta hat jeschuftet“, klärt Irmgard auf. Trudchen schaut erbost: „Na und? Haushalt is och jeschuftet. War nich so einfach, als Frau Stadtrat. Dit kannste glooben. Die janzen Feste und imma dann war dit Haushaltsmädchen krank. So war dit nämlich.“

„Ja, ja, sagt Irmgard. Und jetze biste arm dran. Musste eben mal uff dit Kaffeekränzchen inne Wiener Haus vazichten. Nich immer nur Sahne und Likörchen. Och ma n bissken sparn.“ „Sparn? fragt Trudchen. Für was solln wir noch sparn?“ Beide lachen laut und lange. Dann sagt Irmgard: „Haste och wieder recht. Ick freu mich och schon uff nach dem Baden. So`n schönes Stückchen von der Himbeer-Sahne. Und wenn Herbert doch noch kommt, dann…

„Ach kiek ma, wer da kommt“, unterbricht Trudchen. „Der Herbert.“ Die beiden wollen grad winken, da schläft ihnen das Gesicht ein, Trudchen rutscht die Brille von der Nase, bei Irmgard rutscht der Träger. Denn Herbert ist nicht allein. Herbert hilft gerade einer Dame um die 70 höflich beim Hinabsteigen ins Schwimmbecken. „Ja, was, wie, dit…“ Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich habe ja noch zehn Bahnen vor mir. Und die Zeit ist knapp. Schließlich muss auch ich um acht draußen sein.